GKV will Psychotherapie-Honorare kürzen – und die Verbände mahnen zum Schweigen

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Worum geht’s?

Am 21. Januar 2026 geschah etwas, das niemand öffentlich mitbekommen sollte. In einer routinemäßigen Sitzung des Bewertungsausschusses – jenem Gremium, in dem Kassenärztliche Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband über die Vergütung medizinischer Leistungen verhandeln – stellte der GKV-Spitzenverband einen Antrag. Offiziell ging es um eine „Überprüfung“ psychotherapeutischer Leistungen. Inoffiziell, wie ein durchgestecktes Schreiben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen enthüllte, um eine pauschale Kürzung der Honorare um zehn Prozent (Deutsches Psychotherapeuten Netzwerk [DPNW], 2026).

Am 11. März 2026 soll darüber entschieden werden. Am 1. April könnte die Kürzung in Kraft treten.

Zehn Prozent klingen nach einer technischen Justierung. Doch wer die Zahlen kennt, erkennt das Ausmaß: Die GKV rechtfertigt ihren Vorstoß mit einem Positionspapier vom Juni 2025, das behauptet, Psychotherapeut:innen seien „überproportional“ bezahlt und die Prävalenz psychischer Erkrankungen sei „stabil“ (GKV-Spitzenverband, 2025). Beides ist falsch. Die Daten zeigen das Gegenteil.

Der klammheimliche Angriff

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: der Art, wie dieser Antrag eingebracht wurde. Nicht etwa nach einer öffentlichen Debatte über Versorgungsstrukturen. Nicht nach einer Anhörung der betroffenen Berufsverbände. Sondern, wie der Vorsitzende des DPNW es formulierte, „klammheimlich und überraschend“ (DPNW, 2026, Abs. 1).

Das Wort ist aufschlussreich. Es beschreibt eine Handlungsweise, die etwas zu verbergen sucht – nicht aus böser Absicht, sondern weil das Verborgene selbst problematisch ist. Die Heimlichkeit verrät, dass hier etwas geschieht, das bei Licht betrachtet schwer zu rechtfertigen wäre.

Kennen Sie das aus Beziehungen? Ein:e Partner:in trifft eine Entscheidung, die die andere Person betrifft – und informiert sie erst hinterher. Oder gar nicht. Falls das auffliegt, heißt es: „Ich wollte dich nicht belasten.“ Oder: „Du hättest doch sowieso nicht zugestimmt.“

Was in solchen Momenten geschieht, ist mehr als ein Kommunikationsproblem. Es ist ein Beziehungsmuster: Eine Person handelt, die andere wird behandelt. Eine ist Subjekt, die andere Objekt. Die amerikanische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin (2018) nennt das Doer/Done-to – den Handelnden und den, an dem gehandelt wird. Es ist die Grundstruktur jeder Beziehung, in der wechselseitige Anerkennung zusammengebrochen ist.

Genau dieses Muster zeigt sich in der Art, wie der Kürzungsantrag eingebracht wurde. Die Kassenvertreter:innen handeln; die Psychotherapeut:innen werden behandelt. Sie erfahren durch ein durchgestecktes Schreiben, was mit ihnen geschehen soll. Es gab keinen Dialog, keine Anhörung, keine Möglichkeit zur Stellungnahme – nur einen Antrag hinter verschlossenen Türen und eine Abstimmung, bei der sie nicht am Tisch sitzen.

Das ist keine Verhandlung unter Partner:innen. Das ist Verfügungsgewalt.

Was die GKV behauptet

Um den Kürzungsvorstoß zu rechtfertigen, hat der GKV-Spitzenverband im Juni 2025 ein 14-seitiges Positionspapier veröffentlicht. Es trägt den Titel „Positionspapier zur psychotherapeutischen Versorgung“ und liest sich wie eine Anklageschrift gegen eine Berufsgruppe, die angeblich über ihre Verhältnisse lebt.

Die Argumentation lässt sich in vier Kernbehauptungen zusammenfassen: Erstens hätten sich die Honorare für psychotherapeutische Leistungen seit 2013 um 52 Prozent erhöht – „deutlich überproportional“ im Vergleich zu anderen Arztgruppen, die nur 33 Prozent Zuwachs verzeichneten (GKV-Spitzenverband, 2025, S. 3). Zweitens sei die Prävalenz psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung „stabil“, während die Inanspruchnahme von Psychotherapie dennoch steige – ein Hinweis auf Fehlanreize im System (S. 2). Drittens seien die Ausgaben für ambulante Psychotherapie von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 4,6 Milliarden Euro im Jahr 2023 „explodiert“ – ein Plus von über 80 Prozent (S. 4). Und viertens gebe es eine rechnerische „Vollversorgung“: 342 von 392 Planungsbereichen seien zu 110 bis 368 Prozent versorgt, sodass von Mangel keine Rede sein könne (S. 5).

Das klingt nach einem überzeugenden Fall. Zu viel Geld für zu wenig Bedarf, ausgegeben an eine Berufsgruppe, die sich besser stellt als andere. Wer würde da nicht kürzen wollen?

Das Problem ist nur: Keine dieser Behauptungen hält einer Überprüfung stand.

Was die Daten zeigen

Beginnen wir mit der Honorarentwicklung. Die GKV präsentiert eine Zahl – 52 Prozent Steigerung seit 2013 – und lässt sie für sich sprechen. Was sie verschweigt, ist das Ausgangsniveau. Im Jahr 2013 lag der durchschnittliche Jahresumsatz eines Psychotherapeuten bei rund 75.000 Euro brutto. Der Durchschnitt aller Vertragsärzt:innen betrug zur selben Zeit 205.000 Euro – fast dreimal so viel (Deutsche PsychotherapeutenVereinigung [DPtV], 2013). Psychotherapeut:innen starteten also von einem Niveau, das nur 37 Prozent des Ärztedurchschnitts betrug. Die 52 Prozent Steigerung sind keine Luxusentwicklung; sie sind der Versuch, eine historische Lücke zu schließen.

Hinzu kommt, dass die GKV die Inflation ignoriert. Der Verbraucherpreisindex stieg von 2013 bis 2024 um 28 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2025). Von den nominalen 52 Prozent Honorarsteigerung bleiben inflationsbereinigt nur etwa 19 Prozent übrig – verteilt auf elf Jahre. Das entspricht 1,6 Prozent Realzuwachs pro Jahr, also weniger als die durchschnittliche Lohnentwicklung in Deutschland im selben Zeitraum.

Die aktuellsten Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung machen die Situation noch deutlicher. Im Jahr 2022 lag der durchschnittliche Reinertrag – also das, was nach Abzug aller Praxiskosten übrig bleibt – bei Psychotherapeut:innen bei 85.400 Euro. Bei Ärzt:innen insgesamt waren es 220.400 Euro (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung [Zi], 2024). Psychotherapeut:innen verdienen also nicht einmal 40 Prozent dessen, was Ärzt:innen im Durchschnitt verdienen. Noch alarmierender: Während Ärzte 2022 noch ein Einkommensplus von 2,6 Prozent verbuchten, mussten Psychotherapeut:innen einen Rückgang von 5,1 Prozent hinnehmen – nominal, vor Inflation. Real bedeutet das einen zweistelligen Kaufkraftverlust.

Die „Vergleichsgruppe“, die die GKV heranzieht, bleibt zudem intransparent. Das Positionspapier spricht von „übrigen ärztlichen Fachgruppen“, ohne diese zu benennen. Nach Recherchen der Berufsverbände handelt es sich um eine Auswahl der am schlechtesten verdienenden Fachärzte – ein bereits nach unten verzerrter Maßstab (DPtV, 2026). Selbst diesen erreichen Psychotherapeut:innen kaum.

Was die GKV ebenfalls verschweigt: Die Honorarsteigerungen seit 2013 waren keine freiwillige Großzügigkeit des Systems, sondern eine vom Bundessozialgericht erzwungene Korrektur. In mehreren Urteilen – 1999, 2004 und zuletzt 2017 – stellte das Gericht fest, dass die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen „nicht kostendeckend“ sei und gegen den Grundsatz der Honorarverteilungsgerechtigkeit verstoße (Bundessozialgericht [BSG], 1999; BSG, 2004). Psychotherapeut:innen müssten bei Vollauslastung ein „in etwa vergleichbares Einkommen“ wie grundversorgende Fachärzte erzielen können. Die 52 Prozent sind keine Überentwicklung – sie sind eine Aufholjagd, die noch nicht abgeschlossen ist.

Die zweite Behauptung – die „stabile Prävalenz“ – ist vielleicht die dreisteste. Die GKV suggeriert, die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung habe sich nicht verändert, während die Nachfrage nach Psychotherapie dennoch steige. Der implizite Vorwurf: Hier werden gesunde Menschen krank geredet, um Honorare zu generieren.

Das Problem mit dieser Behauptung beginnt bei der Datenbasis. Die letzte bundesweit bevölkerungsrepräsentative Erhebung zur Prävalenz psychischer Störungen mit standardisiertem klinisch-diagnostischem Interview (CIDI) ist der DEGS1-MH des Robert Koch-Instituts, mit Erhebungszeitraum 2009 bis 2012 (Jacobi et al., 2014). Diese Studie ist 14 Jahre alt. Seitdem wurde keine vergleichbare Untersuchung durchgeführt – die DGPPN hält in ihren aktuellen Basisdaten explizit fest, dass es „derzeit keine aktuelleren repräsentativen Daten zur Prävalenz psychischer Erkrankungen in Deutschland“ gibt (DGPPN, 2025). Die korrekte Formulierung wäre also nicht „die Prävalenz ist stabil“, sondern: Wir wissen es nicht, weil wir seit über einem Jahrzehnt nicht mehr systematisch hingeschaut haben.

Aktuelle Erhebungen wie die Mental Health Surveillance des RKI liefern zwar Trends zu Symptomen, erlauben aber ausdrücklich keine Aussagen zur Störungsprävalenz – der methodische Unterschied ist vergleichbar mit „Fieber messen“ versus „Erreger nachweisen“. Wenn der GKV-Spitzenverband also von „stabiler Prävalenz“ spricht, verwechselt er die Abwesenheit aktueller Evidenz mit Evidenz für Stabilität. Das ist ein logischer Fehlschluss mit politischem Nutzen.

Was wir hingegen haben, sind Proxy-Indikatoren – und die zeigen alle in dieselbe Richtung: nach oben. Die administrative Diagnoseprävalenz psychischer Störungen in der vertragsärztlichen Versorgung stieg von 2012 bis 2022 um 13,4 Prozent (Thom et al., 2024). Bei Angststörungen betrug der Anstieg 30,7 Prozent, bei posttraumatischen Belastungsstörungen sogar 115,8 Prozent. Die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen haben sich seit 2013 um 52 Prozent erhöht (DAK-Gesundheit, 2024). Depressive Symptome in der erwachsenen Bevölkerung – gemessen mit dem PHQ-8-Screening – stiegen von 2019 bis 2023 um 74 Prozent (Robert Koch-Institut, 2024). Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen nahmen im Vergleich zur Prä-Pandemie-Zeit um 28 Prozent zu (Ravens-Sieberer et al., 2023). Der Anteil der Erwerbsminderungsrenten, die auf psychische Erkrankungen zurückgehen, hat sich seit 1996 verdoppelt – von 20 auf 40 Prozent (Deutsche Rentenversicherung, 2024).

Die WHO dokumentierte 2022 einen Anstieg von Depressionen und Angststörungen um 25 Prozent weltweit allein im ersten Pandemiejahr (World Health Organization, 2022). Und laut OECD-Erhebung stieg der Anteil der Deutschen mit unbehandelten psychischen Problemen von 4 Prozent im Jahr 2021 auf 10 Prozent im Jahr 2024 – eine Verdoppelung in drei Jahren (OECD & European Observatory on Health Systems and Policies, 2023). Nicht weniger Menschen sind krank; mehr Menschen bleiben unversorgt.

Die Wartezeiten bestätigen dieses Bild. Trotz 50 Prozent mehr Psychotherapeut:innen seit 2013 warten Patient:innen im Schnitt 142 Tage auf den Beginn einer Behandlung – das sind fast fünf Monate (Bundespsychotherapeutenkammer [BPtK], 2022). Wenn bei steigender Kapazität die Wartezeiten nicht sinken, ist der tatsächliche Bedarf noch größer als das Angebot. Die These der „stabilen Prävalenz“ ist nicht nur unbelegt; sie wird von allen verfügbaren Daten widerlegt.

Die dritte Behauptung betrifft die Ausgabenentwicklung. Die GKV präsentiert eine eindrucksvolle Zahl: Von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 4,6 Milliarden Euro im Jahr 2023 – ein Plus von über 80 Prozent. Das klingt nach Explosion. Aber Zahlen ohne Kontext sind Propaganda.

Im Jahr 2023 beliefen sich die Gesamtausgaben der GKV auf rund 306 Milliarden Euro (Bundesministerium für Gesundheit, 2024). Die ambulante Psychotherapie machte davon 4,6 Milliarden aus – also 1,5 Prozent. Im Jahr 2014 waren es 1,22 Prozent. Der Anteil der Psychotherapie an den GKV-Ausgaben ist in neun Jahren um 0,28 Prozentpunkte gestiegen. Das ist keine Explosion; das ist eine moderate Ausweitung für eine Leistung, die chronisch unterfinanziert war.

Inflationsbereinigt schrumpft der Anstieg weiter: Von den nominalen 84 Prozent bleiben real etwa 48 Prozent übrig. Und selbst diese Zahl erklärt sich größtenteils durch mehr behandelte Patient:innen. Das GKV-Positionspapier räumt selbst ein, dass etwa 50 Prozent des Ausgabenanstiegs auf „Mengenausweitung“ zurückgehen (GKV-Spitzenverband, 2025, S. 4). Anders gesagt: Es wurden mehr Menschen behandelt. Das ist kein Systemversagen; das ist der Sinn einer Gesundheitsversorgung.

Volkswirtschaftlich betrachtet ist ambulante Psychotherapie sogar ein Schnäppchen. Die OECD beziffert die Gesamtkosten psychischer Erkrankungen in Deutschland auf 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – rund 146 Milliarden Euro jährlich, davon etwa 44 Milliarden direkte Gesundheitskosten, der Rest Produktivitätsverluste, Frühverrentungen, Krankengeld (OECD & European Observatory on Health Systems and Policies, 2023). Die 4,6 Milliarden für ambulante Psychotherapie sind nur 3 Prozent dieser Gesamtkosten – aber sie verhindern einen Großteil der Folgekosten. Das RECOVER-Projekt dokumentierte, dass integrierte ambulante Versorgung die Gesamtkosten um 22 Prozent senkt bei besseren Behandlungsergebnissen (Lambert et al., 2024). Jeder Euro, der hier gekürzt wird, kostet die Solidargemeinschaft mehr als drei Euro anderswo.

Die vierte Behauptung – die „rechnerische Vollversorgung“ – ist vielleicht die zynischste. Die GKV verweist darauf, dass 342 von 392 Planungsbereichen zu 110 bis 368 Prozent „versorgt“ seien. Wer so argumentiert, hofft darauf, dass niemand nachfragt, was diese Zahlen bedeuten.

Die Bedarfsplanung für Psychotherapeut:innen basiert auf Verhältniszahlen – Therapeuten pro Einwohner –, die im Kern aus dem Jahr 1999 stammen (Deutsches Ärzteblatt, 2012). Diese Zahlen bildeten nicht den tatsächlichen Bedarf ab, sondern den damaligen Ist-Stand der Zulassungen. Ein Versorgungsgrad von 110 Prozent bedeutet also nur: 10 Prozent mehr Therapeuten als 1999. Nicht: alle Patient:innen versorgt. Die Morbiditätssteigerung der letzten 25 Jahre, die gewachsene Akzeptanz von Psychotherapie, die Entstigmatisierung – all das ist in diesen Zahlen nicht enthalten.

Das Ergebnis ist ein Paradoxon, das die GKV nicht erklären kann: rechnerische „Überversorgung“ bei gleichzeitig fünf Monaten Wartezeit. Die BPtK schätzt, dass bundesweit etwa 7.000 Kassensitze fehlen, um die Wartezeiten auf ein akzeptables Maß zu senken (BPtK, 2023). Die „Vollversorgung“ ist ein statistisches Artefakt veralteter Planungszahlen – und die GKV weiß das.

Die Rechnung, die die GKV nicht aufmacht

Was würde eine Kürzung um 10 Prozent tatsächlich bedeuten? Für eine psychotherapeutische Praxis mit einem Jahresumsatz von 120.000 Euro brutto wären das 12.000 Euro weniger – bei gleichzeitig über 10 Prozent Kaufkraftverlust durch die Inflation der letzten Jahre. Zusammengerechnet ergibt das über 25.000 Euro realen Wertverlust seit 2020.

Das Zi-Praxis-Panel dokumentiert eine ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage: Die realen Jahresüberschüsse der Praxen sanken 2022 um 4,8 Prozent, der ZiPP-Klimaindex erreichte Anfang 2024 mit -14,3 den schlechtesten Wert seit zehn Jahren (Zi, 2024). Eine zusätzliche Kürzung um 10 Prozent würde vor allem kleinere Praxen, Teilzeitpraxen und solche in strukturschwachen Regionen an den Rand der Wirtschaftlichkeit drängen. Die Folgen wären Praxisaufgaben, weniger Nachfolger, längere Wartezeiten. Und jeder Patient, der nicht ambulant behandelt wird, landet früher oder später im teureren System: Stationäre Behandlung kostet fast das 13-Fache einer ambulanten Psychotherapie (DPtV, 2020).

Die bittere Ironie: Die GKV will bei einer Leistung sparen, die nur 1,5 Prozent ihrer Ausgaben ausmacht – aber 40 Prozent aller Erwerbsminderungsrenten verursacht. Das ist, als würde man bei der Feuerwehr kürzen, um die Brandschadenstatistik zu verbessern.

Was sagen die Verbände zu diesen Fakten?

Nun kennen wir die Datenlage. Die GKV-Behauptungen sind widerlegt: keine Überbezahlung, keine stabile Prävalenz, keine Ausgabenexplosion, keine Vollversorgung. Die Zahlen sind öffentlich zugänglich, die Quellen seriös, die Schlussfolgerungen eindeutig.

Die Berufsverbände wissen das. Sie haben es selbst gesagt – im Juli 2025, als das GKV-Positionspapier veröffentlicht wurde.

Damals reagierten die Verbände mit öffentlicher Kritik. Die BPtK-Präsidentin Andrea Benecke erklärte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt: „Die psychotherapeutische Versorgung kann ohne finanzielle Förderung der Weiterbildung spätestens zu Beginn der 2030er-Jahre nicht mehr sichergestellt werden“ (Bühring, 2025). Der DPtV-Bundesvorsitzende Gebhard Hentschel wies die Zahl von 40.000 Psychotherapeuten als irreführend zurück – 70 Prozent seien mit halbem Versorgungsauftrag tätig, in Vollzeitäquivalenten ergebe sich nur ein „moderater Zuwachs“ von zehn Prozent seit 2014. Die stellvertretende Bundesvorsitzende Barbara Lubisch zeigte sich „verwundert, dass der GKV wenig an einer Weiterbildung von psychotherapeutischen Fachkräften für die Versorgung psychisch kranker Menschen liege“ (Bühring, 2025). Hentschel verteidigte die BSG-Sonderstellung als rechtlich notwendig und betonte, Psychotherapeuten lägen bei den Einkommen „noch immer weit abgeschlagen auf dem letzten Platz hinter ihren ärztlichen Kollegen“.

Die Verbände kannten die Fakten. Sie benannten sie öffentlich. Sie widersprachen.

Und jetzt? Der Kürzungsantrag vom Januar 2026 basiert auf genau diesem Positionspapier. Die falschen Behauptungen über „überproportionale“ Honorarsteigerungen, „stabile Prävalenz“ und „Vollversorgung“ bilden die argumentative Grundlage für die geforderten zehn Prozent Kürzung. Das Positionspapier war offenkundig von Anfang an als Munitionslager angelegt – ein Dokument, das mit irreführenden Zahlen eine Rechtfertigung konstruiert, die später für konkrete Kürzungsforderungen abgerufen werden kann.

Was also sagen die Berufsverbände jetzt, da aus den abstrakten Forderungen ein konkreter Antrag geworden ist? Sie empfehlen: Schweigt.

Die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung, der größte Berufsverband mit rund 15.000 Mitgliedern, reagierte auf die Enthüllung der Kürzungspläne mit einer internen Stellungnahme. Sie beginnt beschwichtigend: „Derzeit kursieren Informationen, dass der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) eine Abwertung der psychotherapeutischen Leistungen um 10 % erwirken wolle. Dazu möchten wir einige klarstellende Hintergründe teilen“ (DPtV, 2026, Abs. 1). Dann der entscheidende Absatz: „Während der laufenden Verhandlungen sind öffentliche Einlassungen der Verbände, Mobilisierung von Mitgliedern etc. meist nicht hilfreich. Aktionen im öffentlichen Raum werden als Manipulationsversuch der Verhandlungsbeteiligten gesehen. Sie können so den Interessen der Protestierenden entgegenwirken“ (Abs. 4).

Man muss das übersetzen: Die GKV veröffentlicht ein Positionspapier mit nachweislich falschen Behauptungen über Prävalenz, Einkommen und Versorgungsgrad. Und der Berufsverband warnt seine Mitglieder davor, diese Falschaussagen öffentlich zu korrigieren – weil das als „Manipulation“ verstanden werden könnte. Nicht die Kürzung ist das Problem. Nicht die falschen Zahlen. Sondern dass jemand darüber spricht.

Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten ging in einem internen Mitgliederschreiben noch weiter. Das DPNW wird nicht namentlich genannt, aber die Stoßrichtung ist klar: Es sei von „wilden Gerüchten“ die Rede, von „Fehlinformationen“ durch „schlecht informierte Akteure“. Öffentliche Proteste und – wörtlich – „Empörungswellen“ würden die Verhandlungen „nicht unterstützt, sondern eher behindert und gestört“ (Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten, 2026). Die Mitglieder werden aufgefordert, für einen „ruhigen Hintergrund“ zu sorgen; die beste Unterstützung sei „gute Wünsche und Daumendrücken“. Der bvvp stehe für „Fakten statt Fakes“.

Der eigene Berufsverband erklärt den Protest seiner Kolleg:innen zur Fake News – während die tatsächlichen Falschaussagen im GKV-Positionspapier unkommentiert bleiben.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie verschickte einen Newsletter an ihre Mitglieder. Der Ton ist moderater, die Botschaft dieselbe: Von „Gerüchten“ ist die Rede, öffentliche Einlassungen wie „Stellungnahmen, Protestaktionen, Petitionen“ seien „wenig hilfreich bis kontraproduktiv“ und könnten „als Manipulationsversuche erlebt werden“ (DGPT, 2026). Immerhin gibt der Vorstand eine inhaltliche Einschätzung: „Derzeit gibt es keinen akuten Grund zur Sorge.“ Man vertraue darauf, dass die KBV und der Vorsitzende des Erweiterten Bewertungsausschusses einem solchen Vorschlag nicht zustimmen würden. Der logische Widerspruch fällt auf: Wenn es wirklich keinen Grund zur Sorge gäbe – warum dann die dringende Warnung vor Protest?

Die Bundespsychotherapeutenkammer, die berufsständische Vertretung aller approbierten Psychotherapeut:innen in Deutschland? Schweigt. Die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer bestätigt in einer Stellungnahme, dass die BPtK „in die vertraulichen Verhandlungen im Bewertungsausschuss nicht eingebunden ist“ (Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer [OPK], 2026, Abs. 3).

Das Muster

Was hier sichtbar wird, ist mehr als ein Kommunikationsproblem. Es ist das Doer/Done-to-Muster auf einer zweiten Ebene. Die GKV handelt – mit einem Positionspapier voller nachprüfbar falscher Behauptungen. Die Verbände, die dagegen halten sollten, übernehmen stattdessen die Rolle des Disziplinierens nach innen. Sie reproduzieren die Machtstruktur, anstatt sie zu hinterfragen.

Benjamin (2018) würde hier von komplementärer Identifizierung sprechen: Die Erduldenden übernehmen die Perspektive der Handelnden und beginnen, ihr eigenes Aufbegehren als gefährlich zu erleben. Der Verband, der die Interessen seiner Mitglieder vertreten sollte, wird zum Agenten ihrer Stillstellung. Die Argumentationslogik ist dieselbe, die Betroffene von Machtmissbrauch kennen: Wenn du dich wehrst, machst du es nur schlimmer. Der Aggressor ist nicht das Problem – deine Reaktion ist das Problem.

Die Landeskammern brechen das Schweigen

Anders die Landeskammern. Die Psychotherapeutenkammer Hessen positioniert sich in einer öffentlichen Stellungnahme unmissverständlich gegen die Kürzungspläne. Die Vizepräsidentin Else Döring nennt den Vorstoß „Sparen auf Kosten der Schwächsten und eine absolut inakzeptable Lösung“ (Psychotherapeutenkammer Hessen, 2026, Abs. 2). Die Kammer ruft ihre Mitglieder explizit zur Teilnahme an der Petition auf – ein deutlicher Bruch mit der Linie der Bundesverbände.

Auch die OPK findet klare Worte. Präsident Dr. Gregor Peikert: „Falls es zutreffen sollte, dass der GKV-Spitzenverband die Psychotherapie-Honorare drastisch absenken möchte, wäre das ein destruktives Signal. Es würde bedeuten, dass in den Augen der GKV Psychotherapie weniger wert ist als andere Leistungen und dass man an der Behandlung psychisch kranker Menschen zuerst sparen kann“ (OPK, 2026, Abs. 1).

Das Muster wird sichtbar: Die Landeskammern sprechen, die Bundeskammer schweigt. Die Landeskammern benennen die Fakten, die Bundesverbände warnen vor „Empörungswellen“. Und seit der ersten Version dieses Artikels am 5. Februar 2026 haben Kolleg:innen begonnen, das Schweigen zu brechen. Sie schreiben Redaktionen an, teilen ihre Erfahrungen, machen öffentlich, was hinter verschlossenen Türen verhandelt wird. Die Strategie der stillen Diplomatie, die die Bundesverbände empfehlen, wird von denen unterlaufen, die sie eigentlich schützen soll.

Der Koalitionsvertrag und die Realität

Eine besondere Note erhält der GKV-Vorstoß durch den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung vom April 2025. Dort heißt es – erstmals mit eigenem Unterkapitel „Psychotherapie“ – dass die Weiterbildungsfinanzierung sichergestellt, die Bedarfsplanung an den tatsächlichen Bedarf angepasst und eine Strategie für die mentale Gesundheit junger Menschen entwickelt werden solle (CDU/CSU & SPD, 2025).

Eine pauschale Honorarkürzung widerspricht jedem dieser Punkte. Sie würde die Weiterbildung unattraktiver machen, die faktische Unterversorgung verschärfen und das Signal senden, dass psychische Gesundheit weniger wert ist als körperliche. Die GKV handelt hier nicht nur gegen die Interessen der Versicherten, sondern gegen die erklärte Politik der Regierung, die sie beaufsichtigt.

Warum gerade Psychotherapie?

Um zu verstehen, warum ausgerechnet Psychotherapeut:innen zum Ziel werden, muss man die Struktur des Bewertungsausschusses kennen. Dieses Gremium, paritätisch besetzt mit Vertreter:innen des GKV-Spitzenverbands und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, entscheidet über die Vergütung aller vertragsärztlichen Leistungen (Bundesministerium für Gesundheit, 2025).

Das Problem: Die KBV vertritt alle Vertragsärzt:innen und Psychotherapeut:innen. Und Psychotherapeut:innen sind eine Minderheit. Wenn die Kassen eine Umverteilung zu Lasten der Psychotherapie fordern, haben die großen Fachgruppen wenig Grund, sich dagegen zu wehren. Was von den Psychotherapeut:innen genommen wird, fließt möglicherweise in die Töpfe der anderen.

Hinzu kommt eine spezifische Verwundbarkeit. Psychotherapeut:innen können nicht einfach mehr Patient:innen behandeln, um Honorarkürzungen auszugleichen. Eine Therapiestunde dauert 50 Minuten; daran lässt sich nicht rütteln. Anders als in der Kardiologie, wo bei sinkenden Vergütungen mehr EKGs geschrieben werden, oder in der Radiologie, wo mehr CTs angefertigt werden, sind Psychotherapeut:innen an die Zeit gebunden. Jede Kürzung trifft sie direkt – es gibt keinen Ausweichmechanismus.

Die Verleugnung als gesellschaftliches Symptom

Hier beginnt die tiefere Analyse. Denn das, was sich im Bewertungsausschuss abspielt, ist mehr als ein Verteilungskonflikt. Es ist ein Symptom.

Freud (1927/1999) beschrieb die Verleugnung als einen Abwehrmechanismus, bei dem eine unangenehme Realität zwar wahrgenommen, aber in ihrer Bedeutung abgewehrt wird. Der Patient sieht die Symptome, aber er weigert sich, ihre Botschaft zu hören. Auf gesellschaftlicher Ebene sehen wir etwas Ähnliches. Die Zahlen sind bekannt: 52 Prozent mehr Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen seit 2013, 40 Prozent aller Frühverrentungen, 142 Tage Wartezeit auf Therapie, 10 Prozent der Bevölkerung mit unbehandelten psychischen Problemen. Und trotzdem – eine Kürzung.

Der Medizinethiker Giovanni Maio (2014) hat diesen Zusammenhang präzise beschrieben: Im ökonomisierten Gesundheitssystem wird alles, was sich nicht standardisieren, beschleunigen und skalieren lässt, systematisch abgewertet. Die Zeit, die Therapeut:innen mit Patient:innen verbringen – diese Zeit, die sich nicht verdichten lässt, weil sie das Medium der Behandlung selbst ist –, erscheint in der Logik der Effizienz als Problem, nicht als Ressource.

Was auf dem Spiel steht

Noch gravierender als die unmittelbaren Einkommensverluste ist die Nachwuchsfrage. Die Psychotherapeutenausbildung wurde 2020 reformiert; die Weiterbildung muss nun finanziert werden. Die Kassen weigern sich bisher, ihren Anteil zu zahlen (Deutsches Ärzteblatt, 2024). Diese Weigerung folgt demselben Muster wie das Positionspapier: Der GKV-Spitzenverband beruft sich auf das, was man als „Dogma der unmittelbaren Leistungserbringung“ bezeichnen könnte – die Behauptung, Krankenkassen dürften nur für direkte Patientenbehandlung zahlen, nicht für Ausbildungselemente wie Supervision oder Selbsterfahrung.

Wie ich an anderer Stelle ausführlich analysiert habe (https://couch-und-agora.de/psychotherapie-ausbildung-in-gefahr/), ist das Ergebnis ein „gläserner Flaschenhals“: Die Weiterbildung ist rechtlich möglich, aber praktisch kaum umsetzbar. Von den für psychodynamische Verfahren akkreditierten Weiterbildungsstätten bietet die große Mehrheit aufgrund der Finanzierungslücke keine aktiven Stellen an. Tausende approbierte Psychotherapeut:innen bilden eine „Generation Warteschleife“ – hochqualifiziert, aber ohne Zukunftsperspektive.

Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung verspricht zwar die „Absicherung der psychotherapeutischen Weiterbildung“. Doch der im Herbst 2025 vorgelegte BEEP-Gesetzesentwurf enthält erneut die fatale Klausel, dass nur Kosten für „unmittelbare Leistungserbringung“ berücksichtigt werden dürfen – exakt die Position des GKV-Spitzenverbands. Die BPtK kritisiert dies als den Versuch, eine „strukturelle Unterfinanzierung gesetzlich festzuschreiben“ (BPtK, 2025). Die Reform, die angetreten war, die Probleme der Vergangenheit zu lösen, droht sich als Verschlimmbesserung zu erweisen.

Wenn jetzt auch noch die Honorare sinken, wird der Beruf endgültig unattraktiv – und in zehn Jahren, wenn die Babyboomer-Generation der Therapeut:innen in Rente geht, steht das System vor dem Kollaps. Christina Berndt (2026) kommentiert in der Süddeutschen Zeitung: „Wegen einer völlig verhudelten Reform gibt es kaum noch Weiterbildungsplätze“ (Abs. 4).

Die Signalwirkung ist verheerend. Wenn eine Gesellschaft in Zeiten steigenden psychischen Leidens die Vergütung derjenigen kürzt, die dieses Leiden behandeln, dann sagt sie etwas über ihre Prioritäten. Sie sagt: Die Psyche ist uns nicht so viel wert.

Die Frage der Anerkennung

Am Ende geht es um Anerkennung. Nicht im sentimentalen Sinne, sondern im philosophischen: um die Frage, ob eine Gesellschaft die Arbeit, die für ihr Funktionieren notwendig ist, als wertvoll anerkennt – materiell, nicht nur rhetorisch.

Wie kommt man aus einer Dynamik heraus, in der einer entscheidet und der andere erduldet? Benjamin (2018) ist da unromantisch: nicht durch Appelle an die Fairness des Stärkeren, sondern durch Konflikt. Wer erduldet, muss aufhören zu erdulden. Er oder sie muss sich weigern, bloßes Objekt zu sein – und als Gegenüber auftreten, das nicht mehr ignoriert werden kann.

Für Psychotherapeut:innen heißt das: nicht nur protestieren, sondern die eigene Position so artikulieren, dass sie gehört werden muss. Nicht als Bittsteller:innen, die um mildere Behandlung bitten. Sondern als Subjekte, die etwas zu sagen haben über den gesellschaftlichen Wert dessen, was sie tun.

Schluss

Am 11. März 2026 wird der Bewertungsausschuss entscheiden. Das DPNW hat Protest organisiert; eine Petition auf Change.org hat über 70.000 Unterschriften gesammelt (Tschisgale, 2026). Inzwischen hat das Thema die überregionale Öffentlichkeit erreicht: Neben dem Deutschen Ärzteblatt berichten die Süddeutsche Zeitung, die Berliner Morgenpost und Blätter der IPPEN-Mediengruppe.

Berndt (2026) bringt es auf den Punkt: „Wer Geld sparen will, muss an die strukturellen Probleme ran und nicht plump Honorare kürzen, was nur neue Probleme heraufbeschwört“ (Abs. 8).

Die Fakten sind eindeutig: Psychotherapeut:innen verdienen 85.000 Euro Reinertrag – Ärzte 220.000 Euro. Die Reallöhne sind seit 2020 um über 10 Prozent gesunken – jetzt sollen weitere 10 Prozent weg. Die Wartezeiten betragen 142 Tage – trotz 50 Prozent mehr Therapeuten. Der Anteil Unversorgter hat sich verdoppelt – von 4 auf 10 Prozent. Die Ausgaben für Psychotherapie betragen 1,5 Prozent der GKV-Kosten – bei 40 Prozent aller Frühverrentungen.

Die Frage ist nicht, ob Deutschland sich ambulante Psychotherapie leisten kann. Die Frage ist, ob es sich leisten kann, hier zu kürzen.

Die Antwort sollte offensichtlich sein.

Literatur

Benjamin, J. (2018). Beyond doer and done to: Recognition theory, intersubjectivity and the third. Routledge.

Berndt, C. (2026, 6. Februar). Weniger Geld für Psychotherapie? So ein Unsinn! Süddeutsche Zeitung. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/psychotherapie-deutschland-gkv-honorarkuerzungen-li.3382403

Bundesministerium für Gesundheit. (2024). Finanzergebnisse der GKV 2023. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/

Bundesministerium für Gesundheit. (2025, 16. Dezember). Bewertungsausschuss. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/b/bewertungsausschuss

Bundespsychotherapeutenkammer. (2022, 1. Dezember). Psychisch Kranke warten 142 Tage auf eine Psychotherapie[Pressemitteilung]. https://www.bptk.de/pressemitteilungen/psychisch-kranke-warten-142-tage-auf-eine-psychotherapeutische-behandlung/

Bundespsychotherapeutenkammer. (2023). Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung[Hintergrundpapier]. https://api.bptk.de/uploads/

Bundespsychotherapeutenkammer. (2025, 9. Oktober). Regierung handelt schnell, aber der Vorschlag greift zu kurz[Pressemitteilung]. https://www.bptk.de/

Bundessozialgericht. (1999, 25. August). Urteil B 6 KA 14/98 R. https://dejure.org/

Bundessozialgericht. (2004, 28. Januar). Urteil B 6 KA 52/03 R. https://www.jurion.de/

Benjamin, J. (2018). Beyond Doer and Done To: Recognition Theory, Intersubjectivity and the Third. Routledge.

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Stand: 9. Februar 2026. Dieser Artikel wird bei neuen Entwicklungen aktualisiert.

Fiktive Debatte

/topic/ Anhörung: Die Stunde vor der Entscheidung

/scene/ Die folgende Szene ist fiktiv und wurde mit Unterstützung generativer KI erstellt. Die dargestellten Figuren sind keine realen Personen. Ihre Positionen orientieren sich an öffentlich dokumentierten Standpunkten der beteiligten Institutionen (GKV-Spitzenverband, Berufsverbände, Bundespsychotherapeutenkammer, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, Landeskammern), wie sie in Positionspapieren, Pressemitteilungen, internen Mitgliederschreiben, Studien und offiziellen Stellungnahmen formuliert wurden. Die szenische Verdichtung dient der Veranschaulichung der Debatte, nicht der Zuschreibung von Aussagen an konkrete Individuen.

/note/ Ein Konferenzraum in Berlin, irgendwo zwischen Ministerium und Lobbyarchitektur. Neonlicht, Wasserflaschen, Namensschilder. Ein langer Tisch, U-Form. Draußen ist es grau, Februar 2026, drei Wochen vor der Entscheidung des Bewertungsausschusses. Eine Anhörung, die niemand so nennt. Man nennt es „Fachgespräch“. Ein Wort, das Harmlosigkeit suggeriert.

/note/ Am Tisch sitzen:

/note/ Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband) – Anfang fünfzig, grauer Anzug, Krawatte mit dezentem Muster. Spricht in vollständigen Sätzen, nie zu schnell, nie zu laut. Hat Zahlen dabei, gebunden, mit farbigen Reitern. Er ist es gewohnt, dass seine Zahlen nicht hinterfragt werden.

/note/ Dr. Weiß (Berufsverband) – Mitte sechzig, Psychoanalytikerin, seit dreißig Jahren niedergelassen, seit zehn Jahren ehrenamtlich im Vorstand eines großen Bundesverbands. Trägt eine Lesebrille an einer Kette. Sie kennt die Fakten, aber sie kennt auch die Spielregeln. Ihr Job ist es, Brücken zu bauen – auch wenn die Brücken manchmal ins Nirgendwo führen.

/note/ Frau Schröder (niedergelassene Psychotherapeutin) – Ende vierzig, tiefenpsychologisch fundiert, Praxis in einer mittelgroßen Stadt in Hessen. Liest jeden Zi-Bericht, jede BPtK-Studie, jeden Änderungsantrag. Hat eine Weiterbildungsassistentin eingestellt, weil sie an den Nachwuchs glaubt. Ist wütend, aber ihre Wut ist präzise. Sie hat sich heute nicht schön angezogen. Sie ist hier, um Dinge zu sagen.

/note/ Herr Nowak (niedergelassener Psychotherapeut) – Mitte dreißig, Verhaltenstherapeut, seit drei Jahren zugelassen. Hat noch Schulden aus der Ausbildung. Wollte nie in die Berufspolitik, hatte keine Zeit dafür, eine volle Praxis, eine Weiterbildungsassistentin seit sechs Monaten. Er ist heute hier, weil eine Kollegin ihn überredet hat. Er versteht noch nicht alles, aber er spürt, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt.

/note/ Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin) – Anfang fünfzig, Universitätsprofessorin, hat an mehreren großen Evaluationsstudien zur psychotherapeutischen Versorgung mitgearbeitet. Sie spricht nur, wenn sie Daten hat. Sie hat immer Daten. Sie ist es leid, dass ihre Daten ignoriert werden.

/note/ Frau Yilmaz (Angehörige) – Anfang vierzig, Schwester eines Patienten mit schwerer Depression. Sitzt am Rand des Tisches, wurde kurzfristig eingeladen, „um die Patientenperspektive einzubringen“. Sie weiß nicht, ob sie hier richtig ist. Sie weiß nicht, ob ihre Geschichte zählt in einem Raum voller Zahlen.

/note/ Dr. Falkner (Moderation, BMG) – Ministerialrat, leitet das Gespräch. Neutral im Ton, undurchschaubar in der Haltung. Sein Job ist es, dass alle zu Wort kommen. Nicht, dass etwas dabei herauskommt.

/note/ Die Namensschilder stehen aufgereiht. Die Wasserflaschen sind noch verschlossen. Es ist 14:03 Uhr.

Dr. Falkner (Moderation): Meine Damen und Herren, ich darf Sie begrüßen zu diesem Fachgespräch. Wir haben heute anderthalb Stunden Zeit, das Thema ist Ihnen bekannt. Es geht um die geplante Anpassung der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen im EBM.

/same/ Ich möchte vorausschicken, dass dieses Gespräch der Sondierung dient. Es werden hier keine Entscheidungen getroffen. Die Entscheidung liegt beim Bewertungsausschuss, der am 11. März tagt.

/same/ Ich schlage vor, wir beginnen mit einer kurzen Einordnung der Ausgangslage. Herr Dr. Hartmann, Sie haben um das erste Wort gebeten.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Vielen Dank, Herr Dr. Falkner. Und vielen Dank an alle Anwesenden für Ihre Zeit.

/same/ Ich möchte dieses Gespräch mit einer Klarstellung beginnen, weil in den letzten Wochen einiges an Aufregung entstanden ist, das auf Missverständnissen beruht.

/same/ Es geht hier nicht um einen „Angriff“ auf die Psychotherapie, wie manche behaupten. Es geht um eine sachliche Überprüfung der Vergütungsstruktur, wie sie für alle Leistungsbereiche regelmäßig stattfindet. Das ist normale Selbstverwaltung.

/same/ Aber ich verstehe natürlich, dass Zahlen erklärungsbedürftig sind. Deshalb möchte ich zunächst die Fakten auf den Tisch legen, die unserer Position zugrunde liegen.

/note/ Er öffnet seine Mappe und zieht ein Dokument heraus. Das Positionspapier des GKV-Spitzenverbands vom Juni 2025. Vierzehn Seiten.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Erstens: Die Honorare in der ambulanten Psychotherapie sind seit 2013 um 52 Prozent gestiegen. Das ist ein Fakt, das sind KBV-Abrechnungsdaten, das kann jeder nachrechnen. In keiner anderen Facharztgruppe gab es einen vergleichbaren Anstieg. Die übrigen ärztlichen Fachgruppen verzeichneten im selben Zeitraum 33 Prozent. Das ist eine Differenz von fast 20 Prozentpunkten.

/same/ Zweitens: Die Prävalenz psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung ist nach den vorliegenden epidemiologischen Daten stabil. Wir reden hier nicht von einer Bedarfsexplosion, die einen solchen Honoraranstieg rechtfertigen würde. Die Inanspruchnahme steigt, ja – aber das ist etwas anderes als der tatsächliche Versorgungsbedarf.

/same/ Drittens: Die Ausgaben für ambulante Psychotherapie haben sich von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 4,6 Milliarden Euro im Jahr 2023 nahezu verdoppelt. Das ist ein Plus von über 80 Prozent. In anderen Versorgungsbereichen würde man bei einer solchen Entwicklung von einer Ausgabenexplosion sprechen.

/same/ Und viertens: Wir haben eine rechnerische Vollversorgung. 342 von 392 Planungsbereichen sind zu 110 bis 368 Prozent versorgt. Wenn wir von Unterversorgung sprechen, dann nicht im Bereich der Psychotherapie.

/same/ Die Kassen tragen Verantwortung für die Gesamtversorgung von 74 Millionen Versicherten. Wenn wir in einem Bereich dauerhaft mehr ausgeben, als die Entwicklung rechtfertigt, fehlt dieses Geld woanders. Das ist keine Ideologie. Das ist Mathematik. Und Mathematik ist nicht verhandelbar.

/note/ Dr. Hartmann lehnt sich zurück. Er hat gesagt, was er sagen wollte. 52 Prozent. Stabile Prävalenz. Ausgabenexplosion. Vollversorgung. Mathematik. Die fünf Säulen stehen im Raum wie ein Gebäude, das niemand betreten soll.

Dr. Falkner (Moderation): Vielen Dank, Herr Dr. Hartmann. Frau Dr. Weiß, Sie vertreten hier einen der großen Berufsverbände. Wie ordnen Sie die Situation ein?

/note/ Dr. Weiß rückt ihre Brille zurecht. Sie hat einen Stapel Papiere vor sich, aber sie schaut nicht darauf. Sie kennt diese Situation. Sie hat gelernt, in solchen Räumen zu navigieren.

Dr. Weiß (Berufsverband): Vielen Dank. Ich möchte zunächst betonen, dass wir die Bedeutung dieses Dialogs sehr schätzen. Es ist wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben, gerade in Situationen, die emotional aufgeladen sind.

/same/ Die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen sind verunsichert, das ist verständlich. Es kursieren Informationen über mögliche Honorarkürzungen, und natürlich erzeugt das Sorge. Niemand hört gerne, dass sein Einkommen sinken könnte.

/same/ Aber ich möchte auch zur Besonnenheit aufrufen. Der Bewertungsausschuss ist ein Verhandlungsgremium. Die KBV sitzt dort am Tisch und vertritt unsere Interessen. Die Verhandlungen laufen. Es wäre verfrüht, jetzt von einem beschlossenen Ergebnis zu sprechen.

/same/ Was die Zahlen angeht, die Herr Dr. Hartmann genannt hat: Es gibt unterschiedliche Perspektiven auf diese Daten, das ist richtig. Aber ich denke, wir sollten diese Diskussion im geeigneten Rahmen führen – und der geeignete Rahmen sind die Verhandlungen selbst, nicht die Öffentlichkeit.

/note/ Frau Schröder hebt die Hand. Ihre Bewegung ist knapp, fast ungeduldig.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Darf ich?

Dr. Falkner (Moderation): Bitte, Frau Schröder.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Frau Dr. Weiß, mit Verlaub – ich bin irritiert über das, was ich gerade gehört habe.

/same/ Herr Dr. Hartmann hat fünf Behauptungen in den Raum gestellt. Jede einzelne davon ist entweder irreführend, veraltet oder nachweislich falsch. Und Ihre Antwort ist: Wir sollten besonnen bleiben und den geeigneten Rahmen abwarten?

/same/ Welchen geeigneten Rahmen meinen Sie? Die Verhandlungen, bei denen wir nicht am Tisch sitzen? Den Bewertungsausschuss, in dem die Psychotherapeuten eine Minderheit sind? Die KBV, die alle Vertragsärzte vertritt – auch die, die davon profitieren könnten, wenn bei uns gekürzt wird?

Dr. Weiß (Berufsverband): Frau Schröder, ich verstehe Ihre Frustration. Aber öffentliche Konfrontation ist nicht immer der beste Weg, um Ergebnisse zu erzielen. Manchmal ist es klüger, die Verhandlungspartner nicht vor den Kopf zu stoßen und stattdessen hinter den Kulissen Lösungen zu suchen.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Manchmal ist es klüger zu schweigen? Das ist die Botschaft, die Ihr Verband letzte Woche an die Mitglieder geschickt hat, nicht wahr?

/same/ Ich habe das Schreiben vor mir. Soll ich zitieren?

/note/ Sie zieht ein Blatt aus ihrer Tasche. Dr. Weiß‘ Gesicht wird starr.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): „Während der laufenden Verhandlungen sind öffentliche Einlassungen der Verbände, Mobilisierung von Mitgliedern et cetera meist nicht hilfreich. Aktionen im öffentlichen Raum werden als Manipulationsversuch der Verhandlungsbeteiligten gesehen. Sie können so den Interessen der Protestierenden entgegenwirken.“

/same/ Das ist Ihr Verband, Frau Dr. Weiß. Das haben Sie Ihren Mitgliedern geschrieben.

/same/ Und ein anderer Bundesverband ging noch weiter. „Wilde Gerüchte“, „Fehlinformationen“, „Empörungswellen“, die die Verhandlungen „nicht unterstützt, sondern eher behindert und gestört“ hätten. Die Mitglieder wurden aufgefordert, für einen – ich zitiere – „ruhigen Hintergrund“ zu sorgen. Die beste Unterstützung seien „gute Wünsche und Daumendrücken“.

/same/ Daumendrücken. Während über unser Einkommen entschieden wird.

Dr. Weiß (Berufsverband): Die Formulierungen mögen unglücklich gewählt sein, aber die dahinterliegende Sorge ist berechtigt. Wenn Verhandlungen öffentlich unter Druck gesetzt werden, verhärten sich oft die Fronten. Das kann kontraproduktiv sein.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Kontraproduktiv?

/same/ Die GKV veröffentlicht im Juni 2025 ein Positionspapier mit nachweislich falschen Behauptungen. Dieses Papier liegt hier auf dem Tisch – es ist die Grundlage für die Kürzungsforderung. Und die Berufsverbände empfehlen ihren Mitgliedern, still zu sein, weil Protest als „Manipulationsversuch“ verstanden werden könnte?

/same/ Nicht die Kürzung ist das Problem. Nicht die falschen Zahlen. Sondern dass jemand darüber spricht?

/note/ Dr. Falkner räuspert sich.

Dr. Falkner (Moderation): Vielleicht sollten wir bei den Sachfragen bleiben. Frau Schröder, Sie haben angedeutet, dass Sie die Datenlage anders einschätzen als Herr Dr. Hartmann. Können Sie das ausführen?

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Sehr gerne. Ich möchte die fünf Säulen, die Herr Dr. Hartmann präsentiert hat, der Reihe nach durchgehen.

/same/ Beginnen wir mit den 52 Prozent, weil diese Zahl offenbar das zentrale Argument ist.

/same/ Was Herr Dr. Hartmann verschweigt, ist das Ausgangsniveau. Im Jahr 2013 lag der durchschnittliche Jahresumsatz eines Psychotherapeuten bei rund 75.000 Euro brutto. Der Durchschnitt aller Vertragsärzte betrug zur selben Zeit 205.000 Euro – fast dreimal so viel.

/same/ Psychotherapeuten starteten von einem Niveau, das nur 37 Prozent des Ärztedurchschnitts betrug. Die 52 Prozent Steigerung sind keine Luxusentwicklung. Sie sind der Versuch, eine historische Lücke zu schließen – eine Lücke, die das Bundessozialgericht in mehreren Urteilen als rechtswidrig eingestuft hat.

/same/ 1999, 2004, zuletzt 2017 – das höchste deutsche Sozialgericht hat festgestellt, dass die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen nicht kostendeckend ist und gegen den Grundsatz der Honorarverteilungsgerechtigkeit verstößt. Die 52 Prozent sind keine Überentwicklung. Sie sind eine vom Gericht erzwungene Aufholjagd, die noch nicht abgeschlossen ist.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Das BSG hat von einem „in etwa vergleichbaren Einkommen“ bei Vollauslastung gesprochen. Nicht von Gleichstellung mit allen Facharztgruppen. Und die Urteile sind mittlerweile mehrere Jahre alt. Seitdem hat sich die Vergütungssituation erheblich verbessert.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Dann schauen wir uns an, wo wir heute stehen – nach dieser angeblichen „erheblichen Verbesserung“.

/same/ Die aktuellsten Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, Zi-Praxis-Panel 2024: Der durchschnittliche Reinertrag – also das, was nach Abzug aller Praxiskosten tatsächlich übrig bleibt – lag 2022 bei Psychotherapeuten bei 85.400 Euro.

/same/ Bei Ärzten insgesamt: 220.400 Euro.

/same/ Wir verdienen nicht einmal 40 Prozent dessen, was Ärzte im Durchschnitt verdienen. Nach all den Jahren der angeblichen Aufholjagd. Und jetzt sollen wir zehn Prozent abgeben?

/same/ Aber es kommt noch besser. Während Ärzte 2022 noch ein Einkommensplus von 2,6 Prozent verbuchten, mussten Psychotherapeuten einen Rückgang von 5,1 Prozent hinnehmen. Nominal, wohlgemerkt – vor Inflation. Real bedeutet das einen zweistelligen Kaufkraftverlust.

/same/ Das sind keine subjektiven Einschätzungen, Herr Dr. Hartmann. Das sind die Daten des Zi. Öffentlich zugänglich. Von der Institution, die auch Sie zitieren.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Vergleichsgruppe, die wir heranziehen, sind nicht alle Ärzte, sondern die übrigen ärztlichen Fachgruppen mit vergleichbarer Leistungsstruktur. Es wäre methodisch unsauber, Psychotherapeuten mit Radiologen oder Laborärzten zu vergleichen, die völlig andere Kostenstrukturen haben. Wir vergleichen mit Fachgruppen, die ebenfalls primär persönliche Leistungen erbringen.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Welche Fachgruppen genau?

/same/ In Ihrem Positionspapier sprechen Sie von „übrigen ärztlichen Fachgruppen“, ohne diese zu benennen. Das ist bemerkenswert intransparent für ein Dokument, das Kürzungen rechtfertigen soll.

/same/ Nach den Recherchen unserer Berufsverbände handelt es sich um eine Auswahl der am schlechtesten verdienenden Fachärzte – ein bereits nach unten verzerrter Maßstab. Und selbst diesen erreichen wir kaum.

/same/ Aber lassen Sie mich noch etwas zu den 52 Prozent sagen, weil diese Zahl so gerne isoliert präsentiert wird.

/same/ 52 Prozent nominal sind nicht 52 Prozent real. Der Verbraucherpreisindex stieg von 2013 bis 2024 um 28 Prozent. Von den nominalen 52 Prozent bleiben inflationsbereinigt nur etwa 19 Prozent übrig – verteilt auf elf Jahre.

/same/ Das entspricht 1,6 Prozent Realzuwachs pro Jahr. Weniger als die durchschnittliche Lohnentwicklung in Deutschland im selben Zeitraum. Weniger als die meisten Tarifabschlüsse. Weniger als die Inflation der letzten drei Jahre allein.

/same/ Ihre 52 Prozent sind eine optische Täuschung, Herr Dr. Hartmann. Eine Nominalzahl ohne Kontext. Und ich nehme an, Sie wissen das.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Inflation betrifft alle Facharztgruppen gleichermaßen. Psychotherapeuten sind nicht die einzigen, die Miete zahlen und deren Kosten steigen. Wenn wir inflationsbereinigte Vergleiche anstellen, müssen wir das für alle Fachgruppen tun – und dann bleibt der überproportionale Anstieg der Psychotherapie-Honorare bestehen.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Richtig. Die Inflation betrifft alle. Aber die Möglichkeiten, damit umzugehen, sind nicht für alle gleich.

/same/ Ein Radiologe kann sein Leistungsvolumen anpassen. Er kann mehr CTs fahren, mehr MRTs, mehr Ultraschall. Ein Kardiologe kann mehr EKGs schreiben. Ein Laborarzt kann automatisieren, delegieren, skalieren.

/same/ Wir können das nicht.

/same/ Psychotherapie ist – ich benutze bewusst Ihren Begriff – unmittelbare persönliche Leistungserbringung. Eine Stunde Therapie braucht eine Stunde meiner Lebenszeit. Ich kann nicht schneller arbeiten. Ich kann nicht delegieren. Ich kann keine Apparatemedizin dazwischenschalten.

/same/ Wenn meine Kosten steigen und meine Vergütung nicht im gleichen Maß steigt, sinkt mein realer Überschuss. Zwangsläufig, strukturell, ohne dass ich irgendetwas falsch mache.

/same/ Genau das zeigen die Zi-Daten: 4,8 Prozent realer Rückgang der Jahresüberschüsse 2022, der ZiPP-Klimaindex bei minus 14,3, schlechtester Wert seit zehn Jahren.

/same/ Sie sagen, das seien subjektive Einschätzungen. Aber der Reinertrag ist keine subjektive Einschätzung. 85.400 Euro gegenüber 220.400 Euro ist keine Stimmung. Das ist betriebswirtschaftliche Realität.

Dr. Falkner (Moderation): Frau Professor Kramer, Sie haben sich gemeldet?

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Ja, ich möchte auf die zweite Säule von Herrn Dr. Hartmanns Argumentation eingehen: die „stabile Prävalenz“ psychischer Erkrankungen.

/same/ Diese Behauptung ist zentral für die Position der GKV, weil sie suggeriert: Der Bedarf ist gleich geblieben, also ist der Honoraranstieg nicht gerechtfertigt. Wenn mehr Geld fließt, ohne dass mehr Krankheit da ist, dann muss etwas faul sein im System.

/same/ Das Problem ist: Die Behauptung hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.

/same/ Die letzte repräsentative Studie mit klinischem Interview zur Prävalenz psychischer Störungen in Deutschland stammt aus den Jahren 2009 bis 2012. Der DEGS1-MH des Robert Koch-Instituts. Eine methodisch saubere Erhebung, keine Frage – aber sie ist vierzehn Jahre alt.

/same/ Seitdem wurde keine vergleichbare Untersuchung durchgeführt. Keine einzige. Die korrekte Formulierung wäre also nicht „die Prävalenz ist stabil“, sondern: Wir wissen es nicht, weil wir seit über einem Jahrzehnt nicht mehr systematisch hingeschaut haben.

/same/ Was wir hingegen haben, sind Proxy-Indikatoren. Daten, die nicht direkt die Prävalenz messen, aber Rückschlüsse erlauben. Und diese Daten zeigen alle in dieselbe Richtung.

/same/ Darf ich Ihnen die Zahlen nennen, Herr Dr. Hartmann?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Bitte.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Die administrative Diagnoseprävalenz psychischer Störungen in der vertragsärztlichen Versorgung – also die Häufigkeit, mit der diese Diagnosen gestellt werden – stieg von 2012 bis 2022 um 13,4 Prozent. Das ist der Durchschnitt.

/same/ Bei einzelnen Störungsbildern ist die Entwicklung dramatischer. Angststörungen: plus 30,7 Prozent. Posttraumatische Belastungsstörungen: plus 115,8 Prozent. Das ist mehr als eine Verdopplung in zehn Jahren.

/same/ Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen: plus 52 Prozent seit 2013. DAK-Psychreport, jährlich aktualisiert.

/same/ Depressive Symptome in der erwachsenen Bevölkerung, gemessen mit dem PHQ-8-Screening im Rahmen der Mental Health Surveillance des RKI: plus 74 Prozent zwischen 2019 und 2023.

/same/ Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen, COPSY-Studie: plus 28 Prozent im Vergleich zur Prä-Pandemie-Zeit.

/same/ Der Anteil der Erwerbsminderungsrenten, die auf psychische Erkrankungen zurückgehen: verdoppelt seit 1996. Von 20 auf 40 Prozent. Vier von zehn Menschen, die frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden, tun das wegen ihrer Psyche.

/same/ Die WHO dokumentierte 2022 einen Anstieg von Depressionen und Angststörungen um 25 Prozent weltweit – allein im ersten Pandemiejahr.

/same/ Und laut OECD stieg der Anteil der Deutschen mit unbehandelten psychischen Problemen von 4 Prozent im Jahr 2021 auf 10 Prozent im Jahr 2024. Eine Verdopplung in drei Jahren.

/same/ Herr Dr. Hartmann, die These der „stabilen Prävalenz“ ist nicht nur unbelegt. Sie wird von allen verfügbaren Daten widerlegt.

/note/ Prof. Dr. Kramer hat während ihrer Aufzählung kein einziges Mal auf ihre Unterlagen geschaut. Die Zahlen sind in ihrem Kopf.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Proxy-Indikatoren, die Sie nennen, messen Inanspruchnahme und Diagnosestellung, nicht notwendigerweise den tatsächlichen Versorgungsbedarf. Eine steigende Diagnosehäufigkeit kann auch auf veränderte Diagnosegewohnheiten zurückgehen, auf Entstigmatisierung, auf eine höhere Sensibilität in der Bevölkerung. Das ist grundsätzlich positiv, bedeutet aber nicht automatisch, dass mehr Menschen krank sind als früher.

/same/ Außerdem: Wenn es keine neueren repräsentativen Studien mit vergleichbarer Methodik gibt, können wir nicht einfach behaupten, die Prävalenz sei gestiegen. Wir können nur sagen: Wir wissen es nicht mit letzter Sicherheit. Und „wir wissen es nicht“ ist keine Grundlage für Ausgabensteigerungen.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Herr Dr. Hartmann, Ihr Argument ist interessant, weil es zwei Dinge gleichzeitig tut.

/same/ Erstens: Sie räumen ein, dass wir es nicht mit Sicherheit wissen. Das ist korrekt. Aber dann schreiben Sie in Ihr Positionspapier, Seite 2, wörtlich: „Die Prävalenz psychischer Erkrankungen ist stabil.“ Nicht: „Wir wissen es nicht.“ Sondern: „Sie ist stabil.“ Das ist eine positive Behauptung, keine Wissenslücke.

/same/ Wenn Sie keine aktuellen Daten haben, können Sie keine Aussage über den aktuellen Zustand machen. Das ist wissenschaftliche Grundlogik. Sie behaupten Stabilität, weil Ihnen das politisch nützt, und hoffen, dass niemand die Quellen überprüft.

/same/ Zweitens: Sie sagen, steigende Diagnosen könnten auf Entstigmatisierung zurückgehen, auf veränderte Diagnosegewohnheiten, auf höhere Sensibilität. Nehmen wir an, das stimmt.

/same/ Das würde bedeuten: Der tatsächliche Versorgungsbedarf war schon immer höher, als unsere Kapazitäten abdecken konnten. Wir haben die Menschen nur nicht gesehen, weil sie sich versteckt haben. Die Krankheit war da – sie wurde nur nicht behandelt.

/same/ Wie genau rechtfertigt das eine Kürzung? Wenn früher Menschen unbehandelt gelitten haben und jetzt endlich Hilfe suchen – ist die Antwort darauf, das Budget zu kürzen?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Antwort darauf ist, die Versorgung effizienter zu gestalten, nicht einfach mehr Geld auszugeben. Es gibt Modelle der Kurzzeittherapie, der gestuften Versorgung, der digitalen Unterstützung, die wir stärker nutzen könnten. Die Lösung ist nicht automatisch: mehr vom Gleichen.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Das ist ein separates Thema, auf das wir gerne eingehen können. Aber es ändert nichts daran, dass Ihre Prävalenzbehauptung falsch ist.

/same/ Und erlauben Sie mir noch einen Punkt: Wenn sich Arbeitsunfähigkeitstage verdoppeln – ist das eine Diagnosegewohnheit? Wenn Menschen nicht mehr zur Arbeit gehen können, weil sie psychisch am Ende sind – ist das Entstigmatisierung?

/same/ Wenn sich Erwerbsminderungsrenten verdoppeln – sind das veränderte Diagnosekriterien?

/same/ Wenn Kinder und Jugendliche messbar kränker werden – ist das ein methodisches Artefakt?

/same/ Ab welchem Punkt akzeptieren wir, dass Menschen tatsächlich leiden – und dass dieses Leiden zunimmt?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Ich habe nicht behauptet, dass Menschen nicht leiden. Ich habe darauf hingewiesen, dass die Datenlage zur Prävalenzentwicklung nicht so eindeutig ist, wie Sie sie darstellen. Das sind unterschiedliche Aussagen. Und in einer komplexen Debatte sollten wir differenzieren können.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Dann lassen Sie uns differenzieren.

/same/ Seite 2 Ihres Positionspapiers: „Die Prävalenz psychischer Erkrankungen ist stabil.“ Quellenangabe: DEGS1-MH, 2014. Eine Studie mit Datenerhebung 2009 bis 2012.

/same/ Erklären Sie mir, wie eine vierzehn Jahre alte Studie belegen kann, dass die Prävalenz heute stabil ist. Das ist keine Differenzierung. Das ist eine unbelegte Behauptung mit wissenschaftlichem Anstrich.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die DEGS-Studie ist die letzte methodisch belastbare Vollerhebung. Solange keine vergleichbare neuere Studie vorliegt, ist sie die beste verfügbare Evidenz. Das ist kein methodischer Fehler, sondern wissenschaftliche Vorsicht.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Wissenschaftliche Vorsicht wäre zu sagen: „Wir haben keine aktuellen Daten, also können wir keine Aussage treffen.“ Das Gegenteil von Vorsicht ist zu sagen: „Wir haben keine aktuellen Daten, also ist alles stabil.“

/same/ Sie verwechseln die Abwesenheit von Evidenz mit Evidenz für Abwesenheit. Das ist ein klassischer logischer Fehlschluss.

/same/ Aber ich verstehe natürlich: Sie sind nicht hier, um wissenschaftlich korrekt zu sein. Sie sind hier, um eine Position zu vertreten. Das ist Ihr Job.

/same/ Mein Job ist es, darauf hinzuweisen, wenn Positionen auf falschen Prämissen beruhen. Ich habe das getan. Was Sie damit machen, liegt bei Ihnen.

Dr. Falkner (Moderation): Herr Nowak, Sie haben sich gemeldet?

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Ja, ich – entschuldigen Sie, ich muss vorausschicken: Ich kenne nicht alle diese Studien. Ich bin kein Berufspolitiker. Ich habe eine volle Praxis, ich arbeite fünfzig Stunden die Woche, ich habe keine Zeit, jeden Bericht zu lesen.

/same/ Ich bin heute hier, weil eine Kollegin mich angerufen hat und gesagt hat: Du musst das hören. Du musst verstehen, was da passiert.

/same/ Und was ich gerade höre, macht mich fassungslos.

/same/ Frau Professor Kramer hat Zahlen genannt. Verdopplung der Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen. Plus 74 Prozent depressive Symptome. Plus 28 Prozent bei Kindern und Jugendlichen. Und die Antwort der Kassen ist: Wir kürzen?

/same/ Herr Dr. Hartmann, habe ich das richtig verstanden?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Herr Nowak, es geht nicht um eine Kürzung im eigentlichen Sinne, sondern um eine Anpassung der Vergütungsstruktur. Die Psychotherapie-Honorare sind in den letzten Jahren überproportional gestiegen. Eine Korrektur bedeutet nicht, dass weniger Versorgung stattfindet – sie bedeutet, dass die Vergütung in ein angemessenes Verhältnis zu anderen Leistungsbereichen gebracht wird.

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Zehn Prozent weniger Geld für dieselbe Arbeit. Wie würden Sie das nennen, wenn nicht Kürzung?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Eine Anpassung. Die Vergütung bleibt weiterhin auf einem Niveau, das eine wirtschaftliche Praxisführung ermöglicht. Das haben unsere Berechnungen ergeben.

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Ihre Berechnungen.

/same/ Darf ich Ihnen von meinen Berechnungen erzählen? Aus der Praxis?

/same/ Ich verdiene etwa 80.000 Euro im Jahr. Reinertrag, nach allen Kosten. Davon zahle ich meine Krankenversicherung selbst, meine Altersvorsorge selbst, meine Fortbildungen selbst.

/same/ Ich habe noch Schulden aus der Ausbildung. Fünf Jahre lang habe ich für unter tausend Euro im Monat in einer Ausbildungsambulanz gearbeitet, während meine Freunde aus dem Studium längst Gehälter bezogen haben.

/same/ Vor sechs Monaten habe ich eine Weiterbildungsassistentin eingestellt. Weil überall steht, dass wir Nachwuchs brauchen. Weil die Kammern sagen, wir sollen Verantwortung übernehmen. Weil ich dachte, ich tue etwas Sinnvolles.

/same/ Wenn mir jetzt zehn Prozent weggenommen werden, sind das 8.000 Euro weniger im Jahr. Das ist fast ein Nettomonatsgehalt meiner Assistentin.

/same/ Ihre Berechnungen sagen, das sei eine „Anpassung“. Meine Berechnungen sagen: Dann kann ich Lena nicht mehr beschäftigen.

/same/ Wie erklären Sie mir das?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Ich kann individuelle betriebswirtschaftliche Situationen nicht aus der Ferne beurteilen. Was ich sagen kann, ist, dass die Vergütungspolitik auf der Makroebene entschieden wird, nicht auf der Ebene einzelner Praxen. Und auf der Makroebene zeigen die Daten, dass eine Anpassung vertretbar ist.

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Die Makroebene.

/same/ Wissen Sie, was auf der Makroebene passiert, wenn Praxen wie meine keine Weiterbildungsstellen mehr anbieten können?

/same/ Dann bilden wir keinen Nachwuchs aus. Dann gibt es in zehn Jahren, wenn meine Generation in Rente geht, niemanden mehr, der die Patienten behandelt.

/same/ Dann werden aus fünf Monaten Wartezeit zehn Monate. Oder zwölf. Oder unbegrenzt.

/same/ Ist das die Makroebene, die Sie meinen?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Finanzierung der Weiterbildung ist ein separates Thema, das gegenwärtig auf politischer Ebene diskutiert wird. Es wäre nicht sachgerecht, diese beiden Fragen zu vermischen.

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Es ist überhaupt kein separates Thema. Es ist dasselbe Thema.

/same/ Die Kassen weigern sich, die Weiterbildung zu finanzieren. Sie berufen sich auf das „Dogma der unmittelbaren Leistungserbringung“. Gleichzeitig kürzen Sie die Honorare, die wir brauchen, um die Weiterbildung aus eigener Tasche zu finanzieren.

/same/ Das ist keine Ressourcenallokation, Herr Dr. Hartmann. Das ist Strangulation.

/same/ Und wissen Sie, was Lena – meine Weiterbildungsassistentin – gesagt hat, als ich ihr von den Kürzungsplänen erzählt habe?

/same/ Sie hat gesagt: „Dann mache ich halt was anderes. Irgendwas in der Wirtschaft. Coaching oder so. Da verdient man wenigstens Geld.“

/same/ Sie hat es als Witz gesagt. Aber es war kein Witz.

/same/ Wenn wir die Lenas dieser Welt verlieren – die jungen, engagierten, qualifizierten Kolleginnen –, dann war alles umsonst. Dann haben wir einen Beruf gehabt, der gebraucht wurde, und wir haben zugelassen, dass er kaputtgespart wird.

Dr. Falkner (Moderation): Frau Yilmaz, Sie haben sich noch nicht geäußert. Gibt es aus Ihrer Perspektive etwas, das Sie einbringen möchten?

/note/ Frau Yilmaz sitzt zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Sie hat einen Block vor sich, aber nichts notiert. Ihre Hände umklammern einen Kugelschreiber. Jetzt schaut sie auf.

Frau Yilmaz (Angehörige): Ich weiß nicht, ob das, was ich sage, hierher passt. Ich bin keine Expertin. Ich verstehe nicht alles, was hier besprochen wird. Prozente und Prävalenzen und Zi-Panels.

/same/ Aber ich kann Ihnen erzählen, was ich erlebt habe. Vielleicht ist das nicht wichtig in einem Raum voller Zahlen. Aber vielleicht ist es das Wichtigste.

/same/ Mein Bruder hat seit drei Jahren Depressionen. Schwere Depressionen. Er ist – er war – Ingenieur. Ein kluger Mann. Ein stolzer Mann. Er hat seinen Job verloren, weil er nicht mehr aufstehen konnte. Er hat seine Wohnung fast verloren. Er hat…

/note/ Sie stockt. Holt Luft.

Frau Yilmaz (Angehörige): Er hat Dinge gesagt, die mich nachts nicht schlafen lassen. Ich will die Worte hier nicht wiederholen.

/same/ Wir haben einen Therapieplatz gesucht. Acht Monate. Acht Monate lang habe ich Praxen angerufen, weil er es nicht mehr konnte. Sein Telefon hat ihn überfordert. Das Sprechen mit Fremden hat ihn überfordert. Also habe ich es gemacht.

/same/ Anrufbeantworter. Dutzende. Warteliste geschlossen. Wir melden uns. Dann meldet sich niemand.

/same/ Bei einer Praxis habe ich geweint am Telefon. Ich habe gesagt: Mein Bruder braucht Hilfe, bitte. Die Frau am anderen Ende war freundlich. Sie hat gesagt: Es tut mir so leid. Wir haben keinen Platz. Versuchen Sie es bei der Terminservicestelle.

/same/ Die Terminservicestelle hat uns einen Termin vermittelt – für eine Sprechstunde. Drei Wochen später. Eine Sprechstunde, nicht eine Therapie. In der Sprechstunde hat die Ärztin gesagt: Ja, Ihr Bruder braucht dringend eine Therapie. Aber ich habe keinen Platz. Hier ist ein Formular. Suchen Sie weiter.

/same/ Drei Wochen warten für eine Sprechstunde, die sagt: Suchen Sie weiter.

/same/ Irgendwann haben wir einen Platz gefunden. Durch Zufall, durch Glück, durch eine Empfehlung eines Empfehlens. Nach acht Monaten.

/same/ Wissen Sie, was in acht Monaten alles passieren kann?

/note/ Ihre Stimme bricht. Sie wischt sich über die Augen.

Frau Yilmaz (Angehörige): Und jetzt sitze ich hier und höre, dass die Honorare gekürzt werden sollen. Dass es danach noch schwerer wird, einen Platz zu finden.

/same/ Ich verstehe die Zahlen nicht, die Sie hier nennen. 52 Prozent, 142 Tage, Proxy-Indikatoren. Aber ich verstehe, dass mein Bruder fast gestorben wäre, während wir auf einer Warteliste standen.

/same/ Und ich verstehe, dass Sie hier in diesem Raum darüber reden, ob man an genau dieser Stelle sparen kann.

/same/ Sparen. Bei Menschen wie meinem Bruder.

/note/ Stille. Lange Stille.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Frau Yilmaz, Ihre Erfahrung tut mir aufrichtig leid. Das sind Situationen, die niemand erleben sollte, und ich will das nicht kleinreden.

/same/ Aber ich muss unterscheiden zwischen Einzelerfahrungen, so schmerzhaft sie sein mögen, und strukturellen Fragen der Vergütungspolitik. Die Kassen sind verantwortlich für 74 Millionen Versicherte in allen Versorgungsbereichen. Wir können nicht jeden Bereich isoliert betrachten und sagen: Hier brauchen wir mehr, also kürzen wir nicht. Weil das in jedem Bereich gesagt werden würde.

/same/ Die Wartezeiten, die Sie beschreiben, sind ein Problem der Bedarfsplanung, nicht der Vergütung. Ob ein Therapeut 100 Euro mehr oder weniger pro Stunde bekommt, ändert nichts daran, wie viele Therapieplätze es gibt.

Frau Yilmaz (Angehörige): Einzelerfahrungen?

/same/ Ich habe mich vorbereitet auf dieses Gespräch. Ich habe gelesen, so gut ich konnte.

/same/ Die Bundespsychotherapeutenkammer sagt: Die Hälfte aller Patienten muss nach dem Erstgespräch selbst weitersuchen. 142 Tage Wartezeit im Durchschnitt.

/same/ Das sind nicht Einzelfälle, Herr Dr. Hartmann. Das ist System.

/same/ Und Sie sagen, Vergütung und Wartezeiten hätten nichts miteinander zu tun?

/same/ Herr Nowak hat gerade erklärt, dass er bei einer Kürzung seine Weiterbildungsassistentin nicht mehr beschäftigen kann. Das ist eine Person weniger, die Patienten behandeln könnte. Das sind Wartezeiten, die länger werden.

/same/ Wie kann das nichts miteinander zu tun haben?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Zahl der Therapeuten wird durch die Bedarfsplanung gesteuert, nicht durch die Vergütung. Wir haben bereits jetzt eine rechnerische Vollversorgung in fast allen Planungsbereichen. Das Problem ist nicht, dass zu wenige Therapeuten zugelassen sind, sondern dass die vorhandenen Kapazitäten nicht optimal genutzt werden.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Wenn ich hier einhaken darf – zur Frage der „Vollversorgung“.

/same/ Die Bedarfsplanung für Psychotherapeuten basiert auf Verhältniszahlen, die im Kern aus dem Jahr 1999 stammen. Diese Zahlen bildeten nicht den tatsächlichen Bedarf ab, sondern den damaligen Ist-Stand der Zulassungen. Ein Versorgungsgrad von 110 Prozent bedeutet nur: 10 Prozent mehr Therapeuten als vor 25 Jahren. Nicht: alle Patienten versorgt.

/same/ Die Morbiditätssteigerung der letzten 25 Jahre, die gewachsene Akzeptanz von Psychotherapie, die Entstigmatisierung – all das ist in diesen Zahlen nicht enthalten.

/same/ Die BPtK schätzt, dass bundesweit etwa 7.000 Kassensitze fehlen, um die Wartezeiten auf ein akzeptables Maß zu senken.

/same/ Die „Vollversorgung“ ist ein statistisches Artefakt veralteter Planungszahlen. Ein Potemkinsches Dorf aus Excel-Tabellen.

/same/ Und wenn Sie sagen, die Vergütung habe nichts mit der Versorgung zu tun: Das ist empirisch falsch.

/same/ Jeder Patient, der nicht ambulant behandelt wird – weil die Wartezeit zu lang ist, weil Praxen schließen, weil kein Nachwuchs ausgebildet wird –, landet früher oder später im teureren System. Eine stationäre psychiatrische Behandlung kostet im Durchschnitt fast das 13-fache einer ambulanten Psychotherapie.

/same/ Die OECD beziffert die Gesamtkosten psychischer Erkrankungen in Deutschland auf 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das sind etwa 146 Milliarden Euro jährlich. Davon sind 44 Milliarden direkte Gesundheitskosten, der Rest Produktivitätsverluste, Frühverrentungen, Krankengeld.

/same/ Die 4,6 Milliarden für ambulante Psychotherapie sind nur 3 Prozent dieser Gesamtkosten. Aber sie verhindern einen Großteil der Folgekosten.

/same/ Das RECOVER-Projekt, eine der größten Versorgungsstudien der letzten Jahre, hat dokumentiert, dass integrierte ambulante Versorgung die Gesamtkosten um 22 Prozent senkt – bei besseren Behandlungsergebnissen.

/same/ Jeder Euro, der bei der ambulanten Psychotherapie gekürzt wird, kostet die Solidargemeinschaft mehr als drei Euro anderswo.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Diese Berechnungen sind langfristig und schwer zu verifizieren. Die Kassen müssen mit dem Geld haushalten, das ihnen kurzfristig zur Verfügung steht. Wir können nicht jeden Bereich unbegrenzt ausfinanzieren, nur weil irgendwo langfristige Folgekosten drohen könnten. Das würde für jeden Bereich gelten – und am Ende wäre nichts mehr finanzierbar.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Herr Dr. Hartmann, das Argument verstehe ich. Haushaltszyklen sind politische Realitäten. Aber lassen Sie mich die Gegenfrage stellen: Wenn wir Gesundheitspolitik auf Basis von Quartalsbilanzen machen statt auf Basis von Versorgungsbedarfen – welche Probleme produzieren wir dann?

/same/ Die Wartezeiten werden länger. Die Frühverrentungen nehmen zu. Die Krankengeldausgaben steigen. Die stationären Aufnahmen explodieren.

/same/ In fünf Jahren sitzen wir hier wieder und fragen uns, wie das passieren konnte.

/same/ Aber wir wissen es jetzt schon. Wir sehen es kommen. Und wir tun es trotzdem.

/same/ Das ist das Beunruhigende. Nicht die Fehlentscheidung selbst – sondern dass sie sehenden Auges getroffen wird.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Darf ich noch etwas zu den Ausgaben sagen? Weil das die dritte Säule von Herrn Dr. Hartmanns Argumentation ist.

/same/ Er hat von einer „Ausgabenexplosion“ gesprochen. Von 2,5 Milliarden 2014 auf 4,6 Milliarden 2023. Plus 80 Prozent. Das klingt dramatisch.

/same/ Aber Zahlen ohne Kontext sind Propaganda.

/same/ Im Jahr 2023 beliefen sich die Gesamtausgaben der GKV auf rund 306 Milliarden Euro. Die ambulante Psychotherapie machte davon 4,6 Milliarden aus – also 1,5 Prozent.

/same/ Im Jahr 2014 waren es 1,22 Prozent. Der Anteil der Psychotherapie an den GKV-Ausgaben ist in neun Jahren um 0,28 Prozentpunkte gestiegen.

/same/ 0,28 Prozentpunkte. Das ist keine Explosion. Das ist eine moderate Ausweitung für eine Leistung, die chronisch unterfinanziert war.

/same/ Und selbst diese Zahl erklärt sich größtenteils durch mehr behandelte Patienten. Ihr eigenes Positionspapier räumt ein, dass etwa 50 Prozent des Ausgabenanstiegs auf „Mengenausweitung“ zurückgehen. Anders gesagt: Es wurden mehr Menschen behandelt.

/same/ Das ist kein Systemversagen. Das ist der Sinn einer Gesundheitsversorgung.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Mengenausweitung ist genau das Problem. Wenn die Prävalenz stabil ist, aber die Inanspruchnahme steigt, dann werden möglicherweise Menschen behandelt, die keine Behandlung brauchen. Oder die Behandlungen dauern länger als nötig. Oder es gibt Fehlanreize im System, die zu Überversorgung führen.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Herr Dr. Hartmann, das ist eine bemerkenswerte Aussage.

/same/ Sie unterstellen also, dass Psychotherapeuten Menschen behandeln, die keine Behandlung brauchen? Dass wir Therapien künstlich verlängern, um mehr zu verdienen? Dass wir Überversorgung betreiben?

/same/ Haben Sie dafür Belege?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Ich unterstelle nichts. Ich weise auf strukturelle Möglichkeiten hin, die in jedem Versorgungssystem existieren. Das ist keine Anklage gegen einzelne Behandler, sondern eine systemische Betrachtung.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Eine systemische Betrachtung.

/same/ Dann lassen Sie mich systemisch antworten: Wir haben 142 Tage Wartezeit. Die Hälfte der Patienten muss nach dem Erstgespräch selbst weitersuchen. Der Anteil der Deutschen mit unbehandelten psychischen Problemen hat sich verdoppelt.

/same/ Wo genau ist in diesem System die Überversorgung?

/same/ Sie argumentieren, wir behandeln zu viele – während draußen Menschen monatelang auf Behandlung warten. Das ist nicht systemische Betrachtung. Das ist kognitive Dissonanz mit PowerPoint-Folien.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Wartezeiten sind ein Problem der Bedarfsplanung und der regionalen Verteilung, nicht der Gesamtkapazität. In manchen Regionen gibt es Überversorgung, in anderen Unterversorgung. Das Geld gleichmäßiger zu verteilen würde mehr bringen als einfach mehr Geld ins System zu geben.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Aber Sie geben ja nicht mehr Geld ins System. Sie nehmen welches heraus. Zehn Prozent.

/same/ Und das Geld, das Sie herausnehmen, nehmen Sie überall heraus. In den überversorgten Regionen und in den unterversorgten. In den Großstadtpraxen und in den Landpraxen. Bei denen, die gerade so über die Runden kommen, und bei denen, die Weiterbildungsassistenten beschäftigen.

/same/ Eine pauschale Kürzung löst kein Verteilungsproblem. Sie verschärft es.

Dr. Falkner (Moderation): Wir haben noch etwa zwanzig Minuten. Ich möchte sicherstellen, dass alle wesentlichen Punkte angesprochen werden. Frau Schröder, Sie haben vorhin die Verbandskommunikation thematisiert. Möchten Sie das vertiefen?

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Ja, weil es zum Kern gehört.

/same/ Was hier im Raum passiert, ist symptomatisch für ein größeres Muster. Die amerikanische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin nennt es „Doer and Done-to“ – den Handelnden und den, an dem gehandelt wird.

/same/ Die GKV handelt: Sie veröffentlicht ein Positionspapier, sie stellt einen Kürzungsantrag, sie setzt die Fristen. Wir werden behandelt: Wir erfahren davon durch Leaks, wir haben keinen Sitz am Verhandlungstisch, wir sollen still sein.

/same/ Der Antrag wurde – ich zitiere das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk – „klammheimlich und überraschend“ eingebracht. Kein Dialog, keine Anhörung der Berufsverbände vor der Einreichung, keine Möglichkeit zur Stellungnahme.

/same/ Das Wort „klammheimlich“ ist aufschlussreich. Es beschreibt eine Handlungsweise, die etwas zu verbergen sucht. Nicht aus böser Absicht vielleicht, sondern weil das Verborgene selbst problematisch ist. Die Heimlichkeit verrät, dass hier etwas geschieht, das bei Licht betrachtet schwer zu rechtfertigen wäre.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Ich muss hier widersprechen. Der Bewertungsausschuss ist ein Verhandlungsgremium. Die Verhandlungen sind vertraulich – das ist bei Tarifverhandlungen auch so. Das ist keine „Heimlichkeit“, das ist Verhandlungslogik. Anträge werden gestellt, diskutiert, verhandelt. Das ist der normale Prozess.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Der normale Prozess.

/same/ Im Juni 2025 veröffentlichen Sie ein 14-seitiges Positionspapier mit – wie wir heute ausführlich besprochen haben – selektiven, veralteten und in Teilen falschen Behauptungen. Dieses Papier wird als Faktenbasis präsentiert.

/same/ Im Januar 2026 stellen Sie auf Grundlage dieses Papiers einen Kürzungsantrag. Die Betroffenen erfahren davon durch ein durchgestecktes Schreiben.

/same/ Und wenn sie darauf reagieren – wenn sie die falschen Zahlen korrigieren, wenn sie öffentlich sprechen –, dann heißt es: Das sei „Manipulation der Verhandlungen“.

/same/ Unsere eigenen Berufsverbände haben das geschrieben. „Aktionen im öffentlichen Raum werden als Manipulationsversuch gesehen.“

/same/ Verstehen Sie die Struktur? Sie publizieren ein Papier mit falschen Zahlen. Wir sollen schweigen. Und wenn wir nicht schweigen, sind wir die Manipulateure.

/same/ Benjamin würde das „komplementäre Identifizierung“ nennen. Die Erduldenden übernehmen die Perspektive der Handelnden. Sie beginnen, ihr eigenes Aufbegehren als gefährlich zu erleben. Der Verband, der unsere Interessen vertreten sollte, wird zum Agenten unserer Stillstellung.

/same/ Die Argumentationslogik ist dieselbe, die Betroffene von Machtmissbrauch kennen: Wenn du dich wehrst, machst du es nur schlimmer. Der Aggressor ist nicht das Problem – deine Reaktion ist das Problem.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Ich verwahre mich gegen die Bezeichnung „Aggressor“ und gegen den Vergleich mit Machtmissbrauch. Das ist polemisch und einer sachlichen Debatte nicht angemessen.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Dann nennen Sie es anders. Nennen Sie es „asymmetrische Verhandlungsposition“. Nennen Sie es „strukturelle Machtdifferenz“. Das Phänomen bleibt dasselbe.

/same/ Eine Seite handelt, die andere wird behandelt. Eine Seite setzt Fakten, die andere soll sie akzeptieren. Eine Seite spricht, die andere soll schweigen.

/same/ Das ist keine Verhandlung unter Gleichen. Das ist Verfügungsgewalt mit höflicher Fassade.

Dr. Weiß (Berufsverband): Frau Schröder, ich verstehe Ihre Frustration. Aber ich muss auch darauf hinweisen, dass die Verbände nicht aus Feigheit zum Schweigen geraten haben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass öffentlicher Druck während laufender Verhandlungen die Fronten verhärten kann. Das mag nicht in jedem Fall so sein, aber es ist eine reale Gefahr.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Frau Dr. Weiß, ich respektiere Ihre Erfahrung. Aber darf ich Sie etwas fragen?

/same/ Sie haben im Juli 2025, als das Positionspapier erschien, öffentlich reagiert. Es gab Stellungnahmen, der DPtV-Vorsitzende hat die Zahlen kritisiert, Sie haben auf die BSG-Urteile hingewiesen. Das ist dokumentiert.

/same/ Und jetzt, wo aus dem Positionspapier ein konkreter Antrag geworden ist – jetzt sollen wir schweigen?

/same/ Was hat sich geändert? Im Juli durften wir sprechen, im Februar nicht?

Dr. Weiß (Berufsverband): Die Situation hat sich verändert. Damals war es ein Positionspapier, jetzt sind es laufende Verhandlungen. Das ist ein Unterschied.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Der Unterschied ist, dass es jetzt ernst wird.

/same/ Solange es abstrakt war, durften wir kritisieren. Jetzt, wo es konkret wird, sollen wir still sein.

/same/ Das ist die Logik, die ich meine. Wann genau dürfen wir sprechen? Vor den Verhandlungen ist es zu früh. Während der Verhandlungen stört es. Nach den Verhandlungen ist es zu spät.

/same/ Die Antwort ist: Nie. Wir dürfen nie sprechen. Außer leise und hinter verschlossenen Türen, wo niemand zuhört.

Dr. Weiß (Berufsverband): Das ist nicht fair. Wir tun, was wir können, mit den Mitteln, die wir haben.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Dann tun Sie mehr.

/same/ Die Landeskammern haben Stellung bezogen. Die Psychotherapeutenkammer Hessen: „Sparen auf Kosten der Schwächsten und eine absolut inakzeptable Lösung.“ Sie rufen zur Teilnahme an der Petition auf.

/same/ Die Ostdeutsche Kammer: „Ein destruktives Signal. Es würde bedeuten, dass in den Augen der GKV Psychotherapie weniger wert ist als andere Leistungen.“

/same/ Die Bundeskammer? Schweigt. Die Bundesverbände? Warnen vor „Empörungswellen“.

/same/ Warum sprechen die Landeskammern, aber nicht die Bundesverbände?

/same/ Ich sage Ihnen, warum. Weil die Bundesverbände in Gremien sitzen. Weil sie Beziehungen pflegen müssen. Weil sie glauben, durch Kooperation mehr zu erreichen als durch Konfrontation.

/same/ Und weil sie Angst haben, diese Beziehungen zu beschädigen.

/same/ Aber Frau Dr. Weiß – was haben diese Beziehungen gebracht? Der Kürzungsantrag liegt auf dem Tisch. Die Weiterbildungsfinanzierung ist nicht gesichert. Die Bedarfsplanung basiert immer noch auf Zahlen von 1999.

/same/ Wenn stille Diplomatie funktioniert hätte, säßen wir heute nicht hier.

/note/ Dr. Weiß schweigt. Ihre Finger spielen mit der Brille auf dem Tisch. Die Stille dauert an.

Dr. Weiß (Berufsverband): Vielleicht… vielleicht haben Sie nicht unrecht.

/same/ Ich sitze seit zehn Jahren in diesen Gremien. Ich habe geglaubt, dass Dialog der Weg ist. Dass man durch Beziehungen mehr erreicht als durch Konfrontation.

/same/ Aber wenn ich ehrlich bin – was haben wir erreicht?

/same/ Die Weiterbildungsfinanzierung ist immer noch nicht gesichert. Die Kassen berufen sich auf das „Dogma der unmittelbaren Leistungserbringung“ und weigern sich zu zahlen. Der BEEP-Gesetzentwurf vom Herbst 2025 übernimmt exakt ihre Position – nur Kosten für „unmittelbare Leistungserbringung“ sollen berücksichtigt werden. Die BPtK nennt das den Versuch, „strukturelle Unterfinanzierung gesetzlich festzuschreiben“.

/same/ Die Bedarfsplanung basiert immer noch auf Zahlen von 1999. Niemand hat sie reformiert.

/same/ Und jetzt sitzen wir hier und diskutieren über Kürzungen, die vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären.

/same/ Vielleicht war stille Diplomatie der falsche Weg. Vielleicht hätten wir lauter sein sollen. Früher.

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Frau Dr. Weiß, ich habe vorhin gesagt, dass ich mich frage, warum ich von all dem erst seit zwei Wochen weiß.

/same/ Ich bin Mitglied in einem Verband. Ich zahle Beiträge. Niemand hat mir eine E-Mail geschickt, als das Positionspapier im Juni erschien. Niemand hat mir erklärt, was auf dem Spiel steht. Und jetzt, drei Wochen vor der Entscheidung, soll ich „Daumen drücken“ und für einen „ruhigen Hintergrund“ sorgen?

/same/ Ich habe eine Praxis. Ich habe eine Weiterbildungsassistentin. Ich habe Verantwortung übernommen – so wie man es von uns erwartet.

/same/ Und jetzt erfahre ich, dass die Entscheidungen, die meine Existenz betreffen, über meinen Kopf hinweg getroffen werden. Dass mein eigener Verband mir empfiehlt, still zu sein.

/same/ Das werde ich nicht mehr tun.

/same/ Ich weiß nicht, was ich tun kann. Ich bin kein Berufspolitiker. Aber ich werde nicht mehr schweigen. Ich werde mit meinen Kollegen reden. Ich werde die Petition teilen. Ich werde Leserbriefe schreiben, wenn es sein muss.

/same/ Was immer am 11. März passiert – ich werde danach sagen können, dass ich etwas getan habe. Dass ich nicht still war.

/same/ Das ist mehr, als ich heute Morgen von mir sagen konnte.

Frau Yilmaz (Angehörige): Darf ich noch etwas sagen?

/same/ Frau Dr. Weiß, Sie haben gesagt, vielleicht hätten Sie lauter sein sollen. Früher.

/same/ Es ist noch nicht zu spät.

/same/ Für meinen Bruder war es fast zu spät. Acht Monate Wartezeit. Acht Monate, in denen er hätte sterben können.

/same/ Aber für die Menschen, die jetzt auf Wartelisten stehen – für die ist es noch nicht zu spät.

/same/ Wenn Sie etwas sagen können, dann sagen Sie es. Bitte.

/same/ Nicht für mich. Nicht für meinen Bruder. Für die, die jetzt warten.

/note/ Dr. Weiß schaut auf ihre Hände. Dann auf Frau Yilmaz. Dann auf den leeren Stuhl, den Herr Dr. Hartmann vor einer Weile verlassen hat – nein, er sitzt noch da, aber er hat sein Gesicht hinter seiner Mappe verborgen, macht sich Notizen, die niemand lesen wird.

Dr. Weiß (Berufsverband): Ich verstehe.

/same/ Ich werde mit dem Vorstand sprechen. Ich kann nichts versprechen – die Strukturen sind kompliziert, die Meinungen geteilt, es gibt Leute, die überzeugt sind, dass Öffentlichkeit schadet.

/same/ Aber ich werde es versuchen.

/same/ Und… falls sie dagegen stimmen… vielleicht muss ich dann als Einzelperson sprechen. Nicht als Verbandsfunktionärin. Als Psychotherapeutin. Als jemand, der seit dreißig Jahren sieht, was passiert, wenn Menschen keine Hilfe bekommen.

/same/ Vielleicht ist es das, was Frau Yilmaz meint. Dass es noch nicht zu spät ist.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Wenn ich etwas ergänzen darf – zur Frage der Öffentlichkeit.

/same/ Es gibt eine Entwicklung, die Herr Dr. Hartmann vielleicht nicht so gerne hört. Die Öffentlichkeit entsteht bereits. Trotz der Empfehlungen zum Schweigen.

/same/ Das DPNW hat Protest organisiert. Eine Petition auf Change.org hat über 70.000 Unterschriften gesammelt. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, die Berliner Morgenpost berichtet, das Deutsche Ärzteblatt berichtet.

/same/ Christina Berndt hat in der Süddeutschen geschrieben – ich zitiere: „Wer Geld sparen will, muss an die strukturellen Probleme ran und nicht plump Honorare kürzen, was nur neue Probleme heraufbeschwört.“

/same/ Die Zahlen, die wir heute besprochen haben – 52 Prozent ohne Inflation, stabile Prävalenz ohne aktuelle Studie, Vollversorgung bei fünf Monaten Wartezeit –, diese Zahlen werden jetzt öffentlich hinterfragt.

/same/ Das ist der Unterschied zu früher. Früher konnten solche Positionspapiere als Faktengrundlage durchgehen, weil niemand widersprochen hat. Jetzt wird widersprochen.

/same/ Öffentlichkeit ist nicht nur politisch wichtig. Sie ist epistemisch wichtig. Sie ist der Ort, an dem falsche Behauptungen korrigiert werden können.

/same/ Und sie funktioniert. Dieses „Fachgespräch“ heute wäre nicht einberufen worden, wenn niemand Fragen gestellt hätte.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Die Petition und die Medienberichte ändern nichts an der Datenlage. Entscheidungen werden im Bewertungsausschuss getroffen, nicht auf Change.org.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Aber sie ändern den Kontext, in dem Entscheidungen getroffen werden.

/same/ Am 11. März sitzen im Bewertungsausschuss Menschen, die wissen, dass 70.000 Menschen diese Petition unterschrieben haben. Die wissen, dass die Süddeutsche berichtet hat. Die wissen, dass ihre Entscheidung nicht mehr unsichtbar ist.

/same/ Das macht einen Unterschied. Nicht immer, nicht automatisch. Aber manchmal.

/same/ Und selbst wenn es am 11. März nicht reicht – selbst wenn die Kürzung beschlossen wird –, dann haben wir etwas getan, was vorher nicht da war: Wir haben dokumentiert, was passiert. Wir haben die falschen Zahlen korrigiert. Wir haben öffentlich gesagt, was auf dem Spiel steht.

/same/ Das ist der Unterschied zwischen Verlieren im Schweigen und Verlieren im Licht.

/note/ Dr. Falkner schaut auf seine Uhr.

Dr. Falkner (Moderation): Meine Damen und Herren, wir nähern uns dem Ende unserer Zeit. Ich möchte jedem noch die Gelegenheit geben, ein kurzes Schlussstatement abzugeben.

/same/ Herr Dr. Hartmann?

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Ich danke für den Austausch. Es war ein lebhaftes Gespräch, und ich nehme die verschiedenen Perspektiven zur Kenntnis.

/same/ Die Position der GKV bleibt, dass die Vergütungsstruktur in der ambulanten Psychotherapie einer Überprüfung bedarf. Die Daten, auf die wir uns stützen, sind öffentlich zugänglich und belastbar. Dass es unterschiedliche Interpretationen gibt, ist in einer Demokratie normal.

/same/ Der Bewertungsausschuss wird am 11. März auf Grundlage aller vorliegenden Informationen entscheiden. Das ist der vorgesehene Prozess, und ich vertraue darauf, dass er zu einem sachgerechten Ergebnis führt.

/note/ Er klappt seine Mappe zu, nickt knapp in die Runde und steht auf.

Dr. Hartmann (GKV-Spitzenverband): Ich bitte um Verständnis, dass ich zu einem anderen Termin muss. Einen guten Tag noch.

/note/ Er verlässt den Raum. Die Tür fällt ins Schloss.

/note/ Einen Moment lang sagt niemand etwas. Dann:

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Haben Sie gehört, was er gesagt hat?

/same/ „Unterschiedliche Interpretationen.“ Als wäre es Ansichtssache, ob 52 Prozent oder 19 Prozent die richtige Zahl ist. Als wäre es Perspektive, ob eine vierzehn Jahre alte Studie den heutigen Zustand belegt.

/same/ Er hat alles gehört. Jedes Argument, jede Zahl, jeden Widerspruch. Und er geht hier raus und sagt: „Unterschiedliche Interpretationen.“

/same/ Er weiß, dass die Zahlen nicht stimmen. Und er wird trotzdem abstimmen, als wüsste er es nicht.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Natürlich wird er das.

/same/ Er ist nicht hier, um überzeugt zu werden. Er ist hier, um seine Position darzulegen und dann nach Hause zu gehen. Das „Fachgespräch“ ist für ihn ein Termin im Kalender, den er abhaken kann.

/same/ Aber wissen Sie was? Das ist nicht das Entscheidende.

/same/ Das Entscheidende ist, dass dieses Gespräch stattgefunden hat. Dass die Argumente auf dem Tisch liegen. Dass protokolliert ist, was gesagt wurde.

/same/ In fünf Jahren, wenn die Wartezeiten bei acht Monaten liegen und die Weiterbildung kollabiert ist, wird niemand sagen können: Wir haben es nicht gewusst. Wir haben nicht gewarnt. Wir haben geschwiegen.

/same/ Wir haben nicht geschwiegen. Das ist es, was zählt.

Dr. Weiß (Berufsverband): Frau Schröder – ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.

/same/ Nicht für alles, was der Verband getan hat. Aber dafür, dass ich heute hier saß und als Erstes zur „Besonnenheit“ aufgerufen habe. Dass ich gesagt habe, wir sollten den „geeigneten Rahmen“ abwarten.

/same/ Das war falsch. Das war Teil des Problems.

/same/ Ich habe dreißig Jahre lang geglaubt, dass Diplomatie der Weg ist. Heute habe ich gelernt, dass Diplomatie ohne Öffentlichkeit nur ein anderes Wort für Kapitulation ist.

/same/ Ich weiß nicht, ob ich den Vorstand überzeugen kann. Aber ich werde es versuchen. Und wenn nicht – dann spreche ich trotzdem. Als Einzelperson. Als Psychotherapeutin.

/same/ Weil Frau Yilmaz recht hat. Es ist noch nicht zu spät.

Frau Yilmaz (Angehörige): Ich muss jetzt auch gehen. Aber ich wollte noch etwas sagen.

/same/ Ich bin heute hergekommen und dachte, meine Geschichte zählt nicht. Dass die Zahlen wichtiger sind. Dass ich hier fehl am Platz bin, weil ich keine Expertin bin.

/same/ Aber ich habe gehört, wie Frau Schröder die Zahlen zerlegt hat. Wie Frau Professor Kramer die Studien erklärt hat. Wie Herr Nowak von seiner Praxis erzählt hat.

/same/ Und ich habe verstanden: Die Zahlen und die Geschichten – das ist nicht entweder oder. Das ist dasselbe.

/same/ Hinter jeder Zahl steht eine Geschichte. 142 Tage Wartezeit – das sind 142 Tage, in denen jemand leidet. Eine Kürzung um zehn Prozent – das ist eine Weiterbildungsassistentin, die ihren Job verliert. Stabile Prävalenz – das ist eine Lüge, die Menschen wie meinem Bruder schadet.

/same/ Ich bin keine Expertin. Aber ich kann Geschichten erzählen. Und vielleicht ist das, was ich tun kann.

/same/ Vielleicht erzähle ich die Geschichte meines Bruders. Öffentlich. Mit seinem Einverständnis. Damit die Menschen verstehen, was Wartezeiten bedeuten.

/same/ Ich weiß nicht, ob das hilft. Aber schweigen hilft sicher nicht.

/note/ Sie steht auf, nimmt ihre Jacke. Im Türrahmen dreht sie sich noch einmal um.

Frau Yilmaz (Angehörige): Danke. Für heute. Dafür, dass Sie kämpfen.

/note/ Dann ist sie weg.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Ich werde die Daten weiter zusammenstellen. Ich werde sie veröffentlichen. Ich werde auf jede methodische Schwäche im GKV-Positionspapier hinweisen, die ich finden kann.

/same/ Das ist das, was ich tun kann: Fakten liefern. Für die, die sie brauchen.

/same/ Ob jemand zuhört, liegt nicht in meiner Hand. Aber dass die Fakten verfügbar sind – das schon.

/same/ Und wenn jemand in fünf Jahren fragt, warum die Versorgung kollabiert ist – dann gibt es eine Dokumentation. Eine wissenschaftliche Grundlage, die zeigt: Es wurde gewarnt. Die Daten lagen vor. Die Entscheidung wurde trotzdem getroffen.

/same/ Das ist keine Befriedigung. Aber es ist etwas.

Herr Nowak (Psychotherapeut, uninformiert): Ich fahre jetzt nach Hause. Morgen habe ich Patienten. Übermorgen auch. So wie jeden Tag.

/same/ Aber heute Abend werde ich mit Lena reden. Mit meiner Weiterbildungsassistentin. Ich werde ihr sagen, was ich heute gehört habe. Und ich werde ihr sagen, dass ich alles tun werde, um ihre Stelle zu halten.

/same/ Ich weiß nicht, ob ich das kann. Wenn die Kürzung kommt, wird es eng. Sehr eng.

/same/ Aber ich werde nicht aufgeben, ohne gekämpft zu haben. Das bin ich ihr schuldig. Das bin ich meinen Patienten schuldig. Das bin ich mir selbst schuldig.

/same/ Heute Morgen war ich unpolitisch. Heute Abend bin ich es nicht mehr.

/same/ Das ist vielleicht das Einzige, was Herr Dr. Hartmann heute erreicht hat: Er hat mich politisiert.

/note/ Er nimmt seine Jacke, nickt den anderen zu und geht.

/note/ Im Raum bleiben Frau Schröder, Dr. Weiß und Prof. Dr. Kramer. Die Wasserflaschen stehen unberührt auf dem Tisch. Das Neonlicht summt leise.

Dr. Falkner (Moderation): Ich danke Ihnen für dieses… ungewöhnliche Gespräch. Die Positionen sind dokumentiert. Der Bewertungsausschuss tagt am 11. März.

/note/ Er sammelt seine Papiere ein. Aber bevor er geht, bleibt er kurz stehen.

Dr. Falkner (Moderation): Off the record, wenn ich das sagen darf – und ich sage das als Privatperson, nicht als Vertreter des Ministeriums.

/same/ Machen Sie weiter. Es ist wichtig, dass jemand diese Dinge sagt.

/note/ Dann ist auch er weg.

/note/ Der Raum ist fast leer. Frau Schröder steht am Fenster und schaut hinaus. Es ist dunkel geworden. Die Lichter der Stadt spiegeln sich in der Scheibe.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Am 11. März wird der Bewertungsausschuss entscheiden.

/same/ Zwischen jetzt und dann liegen drei Wochen.

/same/ Drei Wochen, in denen wir sprechen können. Schreiben können. Sichtbar sein können.

/same/ Drei Wochen, in denen wir aufhören können zu erdulden.

Dr. Weiß (Berufsverband): Benjamin hat einen Begriff dafür, wenn zwei Menschen aufhören, sich als Subjekt und Objekt gegenüberzustehen. Wenn beide sich gegenseitig als Handelnde anerkennen.

/same/ Sie nennt es „mutual recognition“. Gegenseitige Anerkennung.

/same/ Davon sind wir weit entfernt. Der GKV-Spitzenverband erkennt uns nicht an – nicht als Verhandlungspartner, nicht als Fachleute, nicht als Menschen, die etwas Wertvolles tun.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Dann müssen wir mit dem anfangen, was wir selbst tun können.

/same/ Uns selbst anerkennen. Anerkennen, dass unsere Arbeit zählt. Dass unsere Stimme zählt. Dass wir das Recht haben, gehört zu werden.

/same/ Und dann sprechen.

/same/ Nicht als Bittsteller, die um mildere Behandlung bitten. Sondern als Subjekte, die etwas zu sagen haben über den gesellschaftlichen Wert dessen, was sie tun.

/same/ Das ist es, was Benjamin meint, wenn sie sagt: Wer erduldet, muss aufhören zu erdulden. Er oder sie muss sich weigern, bloßes Objekt zu sein – und als Gegenüber auftreten, das nicht mehr ignoriert werden kann.

/same/ Das garantiert keinen Erfolg. Aber es ist die einzige Möglichkeit, die Dynamik zu verändern.

/same/ Schweigen verändert nichts. Schweigen bestätigt nur, dass wir behandelt werden können.

/note/ Sie nimmt ihre Tasche.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Ich gehe jetzt. Morgen schreibe ich einen Leserbrief an die Süddeutsche. Übermorgen rede ich mit den Kolleginnen in meiner Intervisionsgruppe. Nächste Woche vielleicht mit der Lokalzeitung.

/same/ Kleine Schritte. Aber Schritte.

/same/ Was werden Sie tun, Frau Dr. Weiß?

Dr. Weiß (Berufsverband): Ich werde mit dem Vorstand reden. Heute noch.

/same/ Und wenn sie nein sagen – dann werde ich trotzdem reden. Als Einzelperson.

/same/ Dreißig Jahre lang habe ich geglaubt, dass die Institution wichtiger ist als die einzelne Stimme. Heute habe ich gelernt, dass Institutionen manchmal schweigen, weil niemand bereit ist, zuerst zu sprechen.

/same/ Vielleicht muss ich die sein, die zuerst spricht.

Prof. Dr. Kramer (Versorgungsforscherin): Ich habe einen Vortrag nächste Woche. Auf einer Fachtagung. Eigentlich sollte es um methodische Fragen der Versorgungsforschung gehen.

/same/ Ich werde das Thema ändern. Ich werde über die Datenlage zur Psychotherapievergütung sprechen. Über das GKV-Positionspapier. Über das, was stimmt und was nicht stimmt.

/same/ Das ist vielleicht nicht viel. Aber es ist das, was ich kann.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Es ist mehr als nichts.

/same/ Und wenn genug von uns „mehr als nichts“ tun – dann ist es vielleicht genug.

/note/ Sie stehen auf. Sammeln ihre Sachen. Vor der Tür bleiben sie noch einen Moment stehen.

Dr. Weiß (Berufsverband): Frau Schröder – Sie hatten vorhin einen Begriff benutzt. „Verlieren im Licht“ statt „Verlieren im Schweigen“.

/same/ Das ist es, nicht wahr? Darum geht es.

/same/ Wir wissen nicht, ob wir gewinnen können. Aber wir können entscheiden, wie wir verlieren – wenn wir verlieren.

/same/ Mit Würde. Mit Stimme. Mit dem Wissen, dass wir alles getan haben, was wir konnten.

Frau Schröder (Psychotherapeutin, informiert): Genau darum geht es.

/same/ Am Ende können wir nur kontrollieren, was wir tun. Nicht, was die anderen tun.

/same/ Also tun wir, was wir können. Und hoffen, dass es reicht.

/same/ Und wenn es nicht reicht – dann haben wir es wenigstens versucht.

/note/ Sie gehen. Die Tür fällt ins Schloss.

/note/ Der Raum ist leer. Die Wasserflaschen stehen unberührt. Das Neonlicht summt.

/note/ Auf dem Tisch liegt vergessen ein einzelnes Blatt Papier. Das GKV-Positionspapier. Seite 2.

/note/ „Die Prävalenz psychischer Erkrankungen ist stabil.“

/note/ Vierzehn Seiten. Fünf Säulen. Keine hält.

/note/ Am 11. März 2026 wird der Bewertungsausschuss entscheiden.

/note/ Aber das Schweigen ist gebrochen.

Hausordnung (bitte kurz lesen)

Worum es geht: Couch & Agora ist ein professionell gerahmter Diskursraum zu Gegenwartsthemen aus psychoanalytischer Perspektive. Neben inhaltlichen Argumenten haben hier affektive Resonanzen Platz – einschließlich Eindrücken von Übertragung und Gegenübertragung.

  • Haltung: respektvoll, neugierig. Resonanz & Widerspruch willkommen; Beschämung nicht.
  • Spontanität: kurze, rohe Gegenübertragungs‑Eindrücke (Gefühle, Bilder, Körper‑Notizen) sind erlaubt – im öffentlichen Rahmen bitte bewusst formulieren.
  • Keine Diagnosen über Dritte, keine identifizierbaren Fallbezüge. Eigene Erfahrungen anonymisieren.
  • Kein Hass, keine Abwertung von Personen oder Gruppen; keine diskriminierenden Inhalte.
  • Pseudonym möglich. Wir speichern so wenig personenbezogene Daten wie nötig (siehe Datenschutz).
  • Moderation: Beiträge können verschoben, gekürzt oder entfernt werden (sichtbar begründet).
  • Urheberrecht & Nutzung: Sie behalten das Urheberrecht; mit dem Absenden räumen Sie uns ein einfaches Nutzungsrecht zur Darstellung/Moderation/Zitierung auf dieser Website ein.
  • Kein Therapieersatz. In Krisen: 112 (Notruf) / 116117 (ärztlicher Bereitschaftsdienst).

Resonanz & Reflexion

Pseudonym möglich. Die Hausordnung gilt.

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