Warum die Gegenwart psychoanalytisches Denken braucht – und wie Couch & Agora dem nachkommen will
Es gibt einen Raum, den jeder kennt, der ihn nie betreten hat. Holzgetäfelt, Bücherregale bis zur Decke, Freud-Gesamtausgabe neben Winnicott neben Lacan. Eine Couch, ein Sessel. An der Tür ein Schild: Bitte nicht stören. Im Inneren wird gearbeitet – ernsthaft, konzentriert, in einer Sprache, die Eingeweihte braucht und Außenstehende abschreckt. Die Welt draußen rast. Autoritäre Bewegungen gewinnen Wahlen, Algorithmen formen die Öffentlichkeit, eine ganze Industrie verkauft Selbstoptimierung als Lebenskunst, das Gesundheitssystem baut um, was es zu schützen vorgibt. Und die Psychoanalyse? Sitzt hinter der geschlossenen Tür und spricht mit sich selbst.
Paul Parin hat das vor fast fünfzig Jahren auf den Punkt gebracht: Psychoanalytiker äußern sich zu selten zu den brennenden Fragen der Zeit (Parin, 1978). Er sagte es als Vorwurf – und als Aufforderung. Die Aufforderung ist bis heute weitgehend unbeantwortet.
Es fehlt nicht an Gründen für das Schweigen. Wer die Tür aufmacht, dem schlägt einiges entgegen – und der Gegenwind kommt aus verschiedenen Richtungen, die sich gegenseitig verstärken.
Die erste Angriffslinie ist erkenntnistheoretisch. Sie fragt: Ist das überhaupt Wissenschaft? Karl Popper stellte die Psychoanalyse neben die Astrologie – unfalsifizierbar, weil sie jeden Widerspruch als Bestätigung umdeute (Popper, 1963). Hans Eysenck zeigte, dass ihre Behandlungserfolge nicht über Placebo hinausgingen (Eysenck, 1985). Und Adolf Grünbaum, der philosophisch anspruchsvollste Kritiker, wies nach, dass Freuds eigene Validierungslogik gescheitert war: Die Couch liefere keine epistemisch verlässlichen Daten, weil der Analytiker das Material kontaminiere, das er zu deuten beanspruche (Grünbaum, 1984). Wenn das stimmt, steht die Psychoanalyse auf einem Fundament, das sich unter der eigenen Methode auflöst.
Die zweite Linie ist moralisch – und sie trifft härter, weil sie den Gründer selbst betrifft. Jeffrey Masson enthüllte, dass Freud seine Verführungstheorie nicht aus wissenschaftlicher Einsicht aufgegeben hatte, sondern aus Feigheit – und damit reale Traumata hinter Fantasien verschwinden ließ (Masson, 1984). Frederick Crews trieb die Anklage weiter: Betrug, Fälschung, ein selbstreferenzielles System, das Kritik nicht beantwortet, sondern absorbiert (Crews, 2017). Feministische Theoretikerinnen deckten den Phallozentrismus einer Disziplin auf, die das Männliche zum Maßstab erhoben hatte. Postkoloniale Stimmen fragten, mit welchem Recht ein Wiener Modell universale Geltung beanspruche. Die Psychoanalyse erscheint hier nicht nur als schlechte Wissenschaft, sondern als ideologische Machtausübung.
Und dann die dritte Linie – die vielleicht schmerzhafteste, weil sie aus den eigenen Reihen kommt. Siegfried Zepf diagnostizierte eine „Wissenschaft ohne Wahrheit“: Analytiker:innen, denen die wechselseitige Ausschließlichkeit ihrer theoretischen Modelle gleichgültig sei – Kleinianerin hier, Lacanianerin dort, und kein ernsthafter Versuch, die Differenzen zu klären statt zu pflegen (Zepf, 2018). Die Psychoanalyse hat Machtmissbrauch in Ausbildungsinstituten gedeckt, sich gegen empirische Überprüfung gesperrt, sich in Schulenstreit verzettelt, der mehr mit Zugehörigkeit zu tun hatte als mit Erkenntnis. Sie hat Frauen pathologisiert und nicht-westliche Subjektivitäten ignoriert. Das zu leugnen wäre selbst ein Akt der Verdrängung.
Was geschieht, wenn psychoanalytisches Denken die Tür nicht schließt, sondern durchgeht? Wenn es sich der Gegenwart aussetzt – nicht verteidigend, sondern arbeitend? Dann zeigt sich etwas, das kein anderes Werkzeug liefert. Eine Fähigkeit, die so alt ist wie Freud und so dringend wie die heutige Nachrichtenlage: die Fähigkeit, das Verborgene im Sichtbaren zu lesen.
Die Agora – ein Ort, der entsteht
Der Name dieses Projekts ist ein Programm. Die griechische Agora war mehr als ein Marktplatz – sie war der Ort, an dem Sprechen politisch wurde. Wer dort sprach, sprach vor anderen und für andere: über das Gerechte und das Ungerechte, über das, was die Gemeinschaft betrifft (Aristoteles, Politik, I.2). Das war kein Luxus. Es war das, was Menschen von den Kyklopen unterschied – jenen Wesen bei Homer, die ohne Versammlung, ohne Gesetz leben, jeder Richter nur über sich selbst (Odyssee, 9.112–115). Kein gemeinsamer Raum, kein logos, kein Blick auf den Anderen.
Aber die Agora war kein Gebäude. Hannah Arendt hat das präzise gesehen: Sie ist ein „Erscheinungsraum“, der überall dort entsteht, wo Menschen in der Weise des Sprechens und Handelns zusammenkommen (Arendt, 1958, S. 199) – und nirgends sonst. Was dieses Sprechen auszeichnet, hat Foucault parrhesia genannt: Freimütigkeit, die Bereitschaft, Wahrheit zu sagen, obwohl es Konsequenzen haben kann (Foucault, 2001). Kein sicheres Reden, sondern riskantes.
Beide Räume – Couch und Agora – brauchen einander. Auf der Couch wird sichtbar, was verdrängt, verleugnet, abgespalten ist. Aber dieses Wissen bleibt folgenlos, solange es im Behandlungszimmer eingeschlossen bleibt. In der Agora wird Sprechen politisch – aber ohne das, was auf der Couch sichtbar wird, bleibt politisches Sprechen an der Oberfläche hängen. Die freie Assoziation ist eine moderne Form der parrhesia: riskantes Wahrsprechen unter dem Schutz eines Rahmens.
Couch & Agora operiert an dieser Schnittstelle. Es nimmt, was auf der Couch lesbar wird – unbewusste Muster, latente Strukturen, verdrängte Konflikte – und trägt es in den öffentlichen Diskurs. Das Ringen mit dem Automaten, der methodische Leitartikel dieses Projekts, reflektiert, was es heißt, diesen Schritt in Ko-Produktion mit einer KI zu vollziehen: ein dialektisches Ringen mit dem Nicht-Subjektiven, das gerade dadurch schärft, was menschliche Autorschaft ausmacht.
Manifest und latent – die Grundoperation
Was verbindet einen Essay über autoritäre Politik mit einer Analyse der elektronischen Patientenakte? Was hat die Kritik der Longevity-Industrie mit der Erschöpfung psychoanalytischer Ausbildungsinstitute zu tun? Was teilt eine phänomenologische Erkundung des Techno-Clubs mit einem erkenntnistheoretischen Grundlagentext?
Die Antwort ist nicht eine gemeinsame These, sondern eine gemeinsame Operation. Die Psychoanalyse liest das Latente im Manifesten. Jedes Phänomen hat eine Oberfläche – das, was sich zeigt, was behauptet wird, was offensichtlich scheint. Und jedes Phänomen hat eine Tiefenstruktur – das, was sich hinter der Oberfläche verbirgt, was sie antreibt, was sie verdeckt. Nicht immer. Aber oft genug, um genau hinzusehen.
Diese Unterscheidung ist kein Misstrauen gegenüber der Welt. Sie ist eine Erkenntnishaltung – und eine erstaunlich vielseitige. Sie hilft zu verstehen, warum inszenierte Stärke oft Angst verbirgt, warum Reformrhetorik Verschlechterung verdecken kann, warum Evidenz manchmal die Frage nach Bedeutung verdrängt. Was die Psychoanalyse in sehr verschiedenen Feldern leistet, ist im Kern immer dieselbe Geste: hinsehen, wo andere wegsehen, und fragen, was das Offensichtliche antreibt.
Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren – so lautet der Titel des erkenntnistheoretischen Grundlagentextes auf dieser Seite. Er entfaltet das Fundament, auf dem die gesamte Arbeit von Couch & Agora ruht: eine Erkenntnistheorie, die das Unbewusste als eigenständigen Gegenstand ernst nimmt, den Analytiker als konstitutiv Beteiligten versteht und die höchste Form des Wissens nicht in Gewissheit sieht, sondern in der Fähigkeit, im Uneindeutigen zu verweilen.
Couch & Agora arbeitet in vier Feldern. Nicht weil eine einzige Diagnose alles erklärt, sondern weil die psychoanalytische Grundoperation in jedem Feld etwas sichtbar macht, das ohne sie verborgen bliebe.
Kultur & Gesellschaft – psychoanalytische Lektüren der Gegenwart
Die meisten Essays auf Couch & Agora nehmen sich Phänomene vor, die alle kennen – und deren unbewusste Dimension erst die Psychoanalyse freilegt. Die Geste ist dabei immer dieselbe: das Manifeste ernst nehmen, das Latente suchen. Aber die Phänomene sind verschieden, und jedes verlangt seine eigenen Werkzeuge.
Politische Affekte
Warum folgen Millionen Menschen autoritären Führern – oft gegen ihre eigenen Interessen? Die Standardantworten reichen nicht. „Ökonomische Deprivation“ erklärt Unzufriedenheit, nicht aber deren psychische Verarbeitung in Regression, Spaltung und leidenschaftliche Bindung an eine Person. „Dummheit“ oder „Verführung“ sind Tröstungen für die, die sich auf der richtigen Seite wähnen.
Die Psychoanalyse liefert, was fehlt: ein Vokabular für die affektive Grammatik der Politik. Freuds Massenpsychologie, Fromms Flucht aus der Freiheit, Kleins paranoid-schizoide Position und Bions Container-Modell – zusammengenommen erklären sie, wie kollektive Regression funktioniert: durch die Projektion des Ich-Ideals auf den Führer, durch Spaltung in Rein und Unrein, durch ein „pervertiertes Containment“, das Angst nicht denkbar macht, sondern als Feindbild zurückgibt. Psychoanalytische Perspektiven auf die autoritäre Wende zeichnet diese Mechanismen nach – und identifiziert eine Erklärungslücke, die nur die Psychoanalyse schließen kann.
Aber Autoritarismus ist nicht nur Angst. Er macht auch Spaß. Die Lust an der Überschreitung nimmt diesen verstörenden Befund ernst und liest ihn mit Lacans Jouissance-Konzept: den exzessiven Genuss jenseits des Lustprinzips, die kollektive Lust am Tabubruch, die Schadenfreude an der Demütigung – eine politische Lustmaschine, die keine Befriedigung findet und deshalb immer neue Überschreitungen braucht. Ohne diesen Begriff bleibt die euphorische Qualität autoritärer Bewegungen schlicht unerklärt.
Geschlecht unter Druck
Geschlechtlichkeit ist kein biologisches Faktum, das man einfach hat – sie ist eine psychische Aufgabe, an der man arbeitet und scheitern kann. Was passiert, wenn dieses Scheitern kulturell wird?
Der Alpha-Mann als gescheiterter Mann liest die Manosphere – Alpha-Inszenierung, Incel-Kultur, Pick-up-Artists – als Symptom einer Männlichkeitskrise. Was sich als überlegene Stärke inszeniert, erweist sich entwicklungspsychologisch als Regression: ein narzisstischer Panzer gegen die Kastrationsangst, der gerade die Fähigkeiten verhindert, die reife Beziehung erfordern.
Symptom No Nut November führt diesen Faden in die digitale Kultur. Die Internet-Challenge, in der Männer freiwillig auf Ejakulation verzichten, verbindet Triebkontrolle mit Reinheitsideologie und faschistoider Körperpolitik – das Meme als Einbruchstelle autoritärer Männlichkeitsideologie.
Und von der anderen Seite: Weibliche Schönheit zwischen Tyrannei und Selbstgestaltung fragt, warum Frauen Schönheitsideale befolgen, die sie durchschauen. Die Antwort liegt nicht im Bewusstsein – das Unbewusste gehorcht nicht dem Wollen. Frühkindliche Spiegelung und narzisstische Verwundung erklären eine innere Hartnäckigkeit, die rein soziologische Ansätze verfehlen.
Optimierung und Verleugnung
Ein durchgängiges Motiv der Gegenwartskultur: die Überzeugung, das Selbst sei ein Projekt, das man verbessern kann – den Körper, den Mindset, die Empathie, den Sinn. Die psychoanalytische Lektüre zeigt in jedem Fall dieselbe Struktur: Wo Optimierung verspricht, das Problem zu lösen, umgeht sie es – weil sie das Unbewusste nicht erreicht.
Bryan Johnson, der Longevity-Unternehmer, der seinen Körper mit Hunderten von Messwerten überwacht, ist dafür ein fast zu gutes Beispiel. Ewig jung im Spätkapitalismus liest seinen „vermessenen Körper“ als Datenfetischismus, der das Unbewusste durch Quantifizierung zu bannen versucht – eine narzisstische Verleugnung der Endlichkeit, die zugleich soziale Ungleichheit naturalisiert, weil sich nur wenige die Ewigkeit leisten können.
Subtiler, aber nicht weniger problematisch ist die Empathie-Industrie. Empathie-Inflation zeigt, wie der allgegenwärtige Empathie-Diskurs genau das verfehlt, was er verspricht: Wo Trainings Spiegeltechniken vermitteln, die strukturell Projektion reproduzieren, wird der Andere nicht erreicht, sondern zum Spiegel des Eigenen degradiert.
Ähnlich bei der Coaching-Branche: Life-Coaching als unregulierter Therapieschattenmarkt legt offen, wie Marketing-Funnels als manipulative Übertragungsmaschinen funktionieren – Pseudo-Therapie ohne Rahmen, in der „Mindset“-Rhetorik unbewusste Konflikte nicht durcharbeitet, sondern zudeckt. Und Sinn als Fähigkeit oder als Ware geht den Wurzeln dieses Versprechens nach: Die historische Fehde zwischen Psychoanalyse und Logotherapie zeigt, wie die logotherapeutische Sinngebung, unbeabsichtigt, den Weg für die heutige Sinn-Industrie ebnete. Sinn, so die psychoanalytische Gegenposition, kann nicht verordnet werden. Er emergiert aus der Konfrontation mit Ambivalenz.
Selbstkenntnis und Lebenskunst
Nicht jede psychoanalytische Lektüre richtet sich nach außen. Manche adressieren den Leser selbst – seine Beziehungen, sein Lebendigkeitsgefühl, seine Frage nach einem guten Leben. Die Geste bleibt dieselbe: Nicht belehren, sondern Selbstverhältnisse durchleuchten.
Authentizität und das Unbewusste zeigt ein Paradox: Echte Authentizität wird erst durch die Einsicht in die eigene Unauthentizität möglich – nicht das souveräne „Werde, der du bist“, sondern das Durcharbeiten der eigenen Fremdbestimmtheit eröffnet tieferen Zugang zum Selbst. Philosophische Lebenskunst und psychoanalytische Theorie fragt, ob Dekonstruktion und Selbstgestaltung zusammengehen – und antwortet mit einem dialektischen Kreislauf: Ohne psychoanalytische Tiefenschärfe bleibt Lebenskunst naiv; ohne Gestaltungsanspruch gleitet Psychoanalyse in endlose Hinterfragung.
Philosophie und Psychoanalyse von Freundschaft nimmt ein Phänomen, das jeder kennt und selten befragt: Warum ausgerechnet diese Menschen? Die Philosophie formuliert Ideale – Aristoteles‘ philia als tugendhafte Wahl –, die Psychoanalyse zeigt, dass Freundschaftswahlen von unbewussten Bedürfnissen und frühen Beziehungserfahrungen getragen werden. Das entwertet Freundschaft nicht, sondern macht sie realistischer und belastbarer: ein stilles Handwerk.
Vom Leben ohne lebendig zu sein befasst sich mit dem, was vielleicht am schwierigsten zu greifen ist – dem Gefühl, innerlich nicht da zu sein. Der Text entwickelt vier Bedingungen des Lebendigen: Besetzung, Rhythmus, Resonanz und Übersetzung. Und er verschiebt die Perspektive: Unlebendigkeit ist kein Defizit, sondern eine aktive psychische Leistung – Schutz gegen unerträgliche Zustände. Wer das versteht, pathologisiert nicht mehr, sondern beginnt zu verstehen.
Gehalten vom Beat führt an einen unerwarteten Ort: den Techno-Club. Was passiert, wenn Bass und Rhythmus den Körper erfassen? Phänomenologisch beschrieben als leibliche Grenzauflösung, psychoanalytisch gedeutet als temporäre Rückkehr in vorsprachliche Halte-Erfahrungen – Winnicotts Holding als Rhythmus. Der Beat hält. Die Regression ist nicht pathologisch, sondern revitalisierend. Ein Gegenbeispiel zur Optimierungslogik: Hier wird nicht verbessert, sondern getragen.
Dass psychoanalytische Begriffe auch in der Kunstbetrachtung produktiv werden, zeigt Freuds Unheimliches und Lacans Blick: Cyprien Gaillards stereoskopischer Film Retinal Rivalry macht das Vertraute unheimlich und konfrontiert den Betrachter mit einem Blick, der vom Objekt zurückkommt. Die binokulare Rivalität – zwei inkompatible Bilder, die das Gehirn nicht fusionieren kann – wird zur sensorischen Analogie für die Begegnung mit dem Realen bei Lacan: das, was sich jeder Symbolisierung entzieht.
Berufspolitik & Diskurse – was die Institutionen verbergen
Die Psychoanalyse, die nach außen Tiefenstrukturen liest, muss dieselbe Geste auch nach innen richten. Das ist unbequem. Denn dort zeigt sich: Die Institutionen, die dem Unbewussten Raum geben sollen, sind selbst von Verleugnung, Erschöpfung und Schein-Containment durchzogen. Manifest versprechen Reformen Verbesserung; latent produzieren sie oft neue Probleme.
Erschöpfte Institute
Das Unbehagen in der Ausbildungskultur fragt, warum psychoanalytische Institute erschöpfen – und wie sie wieder „hinreichend gut“ werden können. Die Antwort verbindet Winnicotts Konzept der „guten genug“-Umgebung mit einer institutionellen Analyse: Wo partizipative Räume versprochen werden, herrscht oft hierarchische Erstarrung. Partizipation in psychoanalytischen Ausbildungsinstituten vertieft den Befund: Warum engagieren sich zu wenig Analytiker:innen in den eigenen Institutionen? Die Antwort ist nicht Faulheit, sondern eine unbewusste Dynamik zwischen Idealisierung und Entwertung des Institutionellen.
Reform als Symptom
Ein Paradox durchzieht die Gesundheitspolitik: Wo das System sich reformiert, verschlechtert es oft, was es zu verbessern vorgibt. Psychotherapie-Ausbildung in Gefahr macht das an der Ausbildungsreform greifbar: eine Finanzierungslücke, die Selbstausbeutung erzwingt und die Patientenversorgung gefährdet.
Beschönigende Statistik, belastende Realität verfolgt ein ähnliches Muster: Die Psychotherapie-Reform von 2017 hat den Zugang zur Sprechstunde verbessert, aber die Wartezeit auf einen Therapieplatz nicht verkürzt – eine statistische Beschönigung, die reales Leid verdeckt. Und GKV will Psychotherapie-Honorare kürzen dokumentiert, wie die Krankenkassen therapeutische Beziehungsarbeit entwerten – während die Verbände zum Schweigen mahnen. Das Ungesagte als berufspolitisches Symptom.
Der geschützte Raum unter Druck
Was in der Psychotherapie heilt, ist nicht Information, sondern Beziehung. Der geschützte Raum – Vertrauen, Rahmen, Schweigepflicht – ist die Bedingung, unter der das Unbewusste sich zeigen kann. Dieser Raum steht unter digitalem Druck.
Die elektronische Patientenakte: Eine multidimensionale Risikoanalyse kontrastiert das Versprechen digitalen Fortschritts mit den realen Gefahren für Patientensouveränität und therapeutisches Vertrauen. Ein begleitender Wegweiser für Patient:innen übersetzt die Analyse in praktische Orientierung.
KI und Datenschutz in der Psychotherapie stellt die Frage, die sich mit jedem neuen Werkzeug neu stellt: Wie weit darf Technologie in den therapeutischen Raum eindringen, ohne zu zerstören, was ihn ausmacht? Risikoselektion statt Qualitätssicherung verschärft den Befund: Das neue IQTIG-Verfahren folgt einer Vermessungslogik, die gerade das Unmessbare verfehlt – die Qualität der therapeutischen Beziehung.
Am Rand des regulierten Systems operiert, was den Rahmen ganz vermissen lässt: Ein kritischer Blick auf den Heilpraktiker für Psychotherapie beleuchtet die rechtliche Sonderstellung einer Praxis ohne hinreichende Ausbildung – und die Risiken, die daraus entstehen.
Theorie & Konzepte – das Werkzeug schärfen
Kulturkritik und Berufspolitik setzen ein theoretisches Fundament voraus, das nicht selbstverständlich ist. Was ist das Unbewusste als Erkenntnisgegenstand? Was unterscheidet psychoanalytisches Wissen von anderen Wissensformen? Wie lässt sich die Psychoanalyse epistemologisch begründen, ohne in Scientismus oder Beliebigkeit zu fallen?
Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren entfaltet dieses Fundament entlang von vier Achsen: einer ontologischen, einer methodischen, einer subjektiven und einer teleologischen. Die kühnste These: Die höchste Form psychoanalytischen Wissens ist nicht Gewissheit, sondern Ambiguitätsakzeptanz – die Fähigkeit, im Uneindeutigen zu verweilen, ohne vorschnell zu schließen.
Dieses Feld ist auf Couch & Agora noch am wenigsten ausgebaut. Texte zu einzelnen Konzepten – Symbolisierung, Nachträglichkeit, Triebökonomie –, zu den großen Schulen und ihren Differenzen, zu den Brücken zwischen Psychoanalyse und Philosophie stehen noch aus. Sie werden kommen. Eine Seite, die psychoanalytische Gegenwartsdiagnostik betreibt, braucht ein theoretisches Rückgrat, das sich nicht vor der Begriffsarbeit scheut.
Praxis & Forschung – was kommt
Es gibt einen Bereich, den Couch & Agora bisher kaum berührt hat, und dessen Fehlen spürbar ist: die Verbindung von klinischer Erfahrung und empirischer Forschung. Die Psychoanalyse verfügt über eine lebendige Forschungstradition – Prozessforschung, Wirksamkeitsstudien, neuropsychoanalytische Befunde, qualitative Einzelfallstudien –, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt. Das ist ein Problem, weil es den Pseudowissenschafts-Vorwurf nährt, den die Forschungslage längst differenzierter beantwortet, als die öffentliche Wahrnehmung suggeriert. Dieses Feld wird Couch & Agora in den kommenden Texten erschließen.
Eigene Publikationen versammelt bereits akademische Arbeiten, die den Grundstein legen.
Zurück in die Agora
Ein Bild zum Schluss. Die Kyklopen bei Homer – Wesen ohne Versammlung, ohne Gesetz, jeder Richter über sich selbst. Sie kennen weder parrhesia noch agora. Kein gemeinsamer Raum, kein riskantes Sprechen, kein Blick auf den Anderen.
Das optimierte Subjekt der Spätmoderne hat mit den Kyklopen mehr gemein, als ihm lieb sein kann. Es bewohnt seine algorithmische Echokammer, optimiert seinen Feed, vermisst seinen Körper, trainiert seine Empathie und hat für all das Coaches statt poleis. Was ihm fehlt, ist genau das, was die Agora bietet: ein Raum, in dem Sprechen riskant wird, weil es Konsequenzen hat. Und was ihm fehlt, ist das, was die Couch bietet: ein Raum, in dem Sprechen frei wird, weil die Konsequenzen suspendiert sind.
Couch & Agora versucht, beides zusammenzubringen. Es ist ein Projekt in Arbeit – unabgeschlossen, fehlbar, öffentlich. Die Texte, die hier versammelt sind, beanspruchen nicht, die Gegenwart vollständig zu erklären. Sie beanspruchen, eine Dimension sichtbar zu machen, die ohne psychoanalytisches Denken verborgen bliebe: das Latente im Manifesten, das Unbewusste im scheinbar Selbstverständlichen, das Verdrängte im Reformierten.
Parin hatte recht. Psychoanalytiker sollten sich häufiger zu den Fragen der Zeit äußern. Nicht weil sie bessere Antworten haben als andere. Sondern weil sie andere Fragen stellen. Fragen, die ohne sie niemand stellt.
Die Tür steht offen. Wer eintreten will, ist willkommen.
Literatur
Arendt, H. (1958). The Human Condition. University of Chicago Press. [Deutsch: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Kohlhammer, 1960.]
Aristoteles. (2012). Politik (Übers. E. Schütrumpf). Akademie Verlag.
Crews, F. (2017). Freud: The Making of an Illusion. Metropolitan Books.
Eysenck, H. J. (1985). Decline and Fall of the Freudian Empire. Viking.
Foucault, M. (2001). Fearless Speech (Hrsg. J. Pearson). Semiotext(e).
Grünbaum, A. (1984). The Foundations of Psychoanalysis: A Philosophical Critique. University of California Press.
Homer. (2017). Odyssee (Übers. K. Steinmann). Manesse.
Masson, J. M. (1984). The Assault on Truth: Freud’s Suppression of the Seduction Theory. Farrar, Straus & Giroux.
Parin, P. (1978). Der Widerspruch im Subjekt: Ethnopsychoanalytische Studien. Syndikat.
Popper, K. (1963). Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge. Routledge.
Zepf, S. (2018). Psychoanalysis today—A pseudoscience? A critique of the arbitrary nature of psychoanalytic theories and practice. Psychodynamic Psychiatry, 46(1), 115–134.
