1. Einleitung – Die Form des Genusses als Primat der Erklärung
Der Essay rückt die Form des Genusses (jouissance) ins Zentrum der Autoritarismus‑Erklärung. Ökonomische Krisen, kulturelle Konflikte oder strategische Mobilisierung erklären den Stoff, aus dem autoritäre Politik besteht; sie erklären aber nicht, warum Menschen sich in spezifischer Weise affektiv binden und gegenüber Fakten immunisieren. Im aristotelischen Vokabular ist jouissance die causa formalis: die Gestalt, die disparate Ursachen (Material, Antrieb, Zweck) zu einem kohärenten Erleben formt. Autoritarismus bindet, weil er eine Jouissance der Transgression organisiert—Lust am Regelbruch, an der Demütigung des Gegners und an der stellvertretenden Allmacht des Führers. Moralische Entrüstung und Fact‑Checking verfehlen diese Form; sie bearbeiten Inhalte, während die libidinöse Gestalt der Szene unberührt bleibt. Die Einleitung bestimmt daher die Aufgabe: die affektive Grammatik politischer Bindung freizulegen, die jouissance als formgebendes Prinzip erzeugt.
2. Das psychoanalytische Instrumentarium – Die Ökonomie der Jouissance
Theoretisch stützt sich der Essay auf Freud, Klein, Bion und Lacan. Freuds Massenpsychologie erklärt die vertikale Bindung: Das Ich‑Ideal wird externalisiert und im Führer geliebt; horizontale Identifikation folgt. Klein beschreibt, wie Angst Spaltung und Projektion auslöst; der „böse Andere“ lizenziert Aggression. Bion zeigt, dass reife Führung Affekte „containert“, also symbolisiert, statt sie zu entgrenzen. Lacan begründet jouissance als exzessiven, an Schmerz und Gesetzesüberschreitung gekoppelten Genuss—und macht sichtbar, wie das perverse Über‑Ich nicht „Du sollst nicht!“, sondern „Genieße!“ befiehlt. In autoritären Kontexten entsteht „obszöne Solidarität“: das Wir wird über gemeinsam begangene Grenzverletzungen gestiftet, befeuert von der Fantasie der „gestohlenen jouissance“ („sie“ genießen auf „unsere“ Kosten). In dieser Ökonomie ist jouissance kein Zusatz, sondern die formende Matrix, die Angst in lustvolle Praxis und Ohnmacht in imaginierte Souveränität verwandelt.
3. Der sozio‑psychologische Nährboden – Nachfrage nach Jouissance in der Spätmoderne
Die Gegenwartsdiagnose verortet die Nachfrage nach autoritärem Genuss in der „gekränkten Freiheit“ der Spätmoderne: Ein Imperativ zu Autonomie, Selbstverwirklichung und Optimierung kollidiert mit Prekarität, politischer Ohnmacht und epistemischer Verunsicherung. Die Folge ist chronische Scham—nicht über eine Tat, sondern über das eigene, als ungenügend erlebte Selbst. Um sich zu entlasten, wird Scham nach außen verlagert und in Ressentiment transformiert: Andere—Eliten, Migrant:innen, Feministinnen, Kosmopolit:innen—werden zu Sündenböcken eines angeblichen Diebstahls „unseres“ Genusses. Daraus entstehen fünf begehrensleitende Lücken: Validierung des eigenen Schmerzes, Externalisierung der Schuld, Ermächtigung trotz Ohnmacht, homogene Gemeinschaft und—als Motor—die erlaubte Lust am Tabubruch. Diese Lücken bilden das Vakuum, in das der autoritäre Führer sein affektives Angebot platziert.
4. Die affektive Grammatik des Autoritarismus – Das politische Angebot der Jouissance
Autoritäre Führung wirkt als „Meister der jouissance“. Anstatt Ängste zu beruhigen, verwandelt sie sie—als pervertiertes Containing—in lustvollen Hass: Validierung („Eure Angst ist wahr“) wird zur Apokalyptik, die im nächsten Schritt auf Sündenböcke kanalisiert wird; die entstehende Aggression wird als moralische Pflicht und Quelle der Befriedigung gerahmt. Rituale (Kundgebungen, Sprechchöre, stehende Witze), Rhetorik (Provokation, Vulgarität, kalkulierte Lüge) und digitale Infrastrukturen (Affekt‑Feedback‑Schleifen, Memes) erzeugen Serien von Transgressionserlebnissen. Die Empörung der Gegner steigert die Rendite—Kritik fungiert als Beweis der gelungenen Überschreitung. So entsteht eine destruktiv‑symbiotische Passung von Angebot und Nachfrage: reale Ohnmacht wird gegen die imaginierte Allmacht einer genussfähigen In‑Group eingetauscht; materielle Verluste werden durch psychische Gewinne überkompensiert.
5. Empirischer Befund: AfD‑Diskurs als Organisation von Jouissance
Der aus bayerischen Landtagsprotokollen und flankierenden Materialien erschlossene Korpus zeigt diese Grammatik exemplarisch. „Remigration“ fungiert als kondensierender Signifikant—formal technokratisch kostümiert, faktisch mit der Erzählung eines „Bevölkerungsaustauschs“ verschaltet. Semantisch erzeugt er das Fantasma der gestohlenen jouissance („man nimmt uns unser Land, unsere Identität, unseren Stolz“), politisch lizenziert er den Tabubruch als „Rückeroberung“. Die wiederkehrende Kriminalisierungs‑ und Entmenschlichungsrhetorik (z. B. „Messerstecher“, „Asylbetrüger“) spaltet und projiziert, sodass Aggression als gerechte Reinigung genossen werden kann. Parlament, Aschermittwoch, Social‑Media‑Clips werden zur Bühne der Transgression, auf der „obszöne Solidarität“ performativ entsteht—vom demonstrativen Verstoß gegen parlamentarische Würde bis zur ritualisierten Wiederholung von Schlagworten („Klimadiktatur“, „Staatsfunk“, „Kartellparteien“). Juristisch relativierende Schaltmanöver („Remigration“ mal „nur“ für Straffällige, mal massenhaft) halten den libidinösen Überschuss hoch, indem sie semantische Elastizität mit Eskalationsfantasien koppeln. Der empirische Befund stützt die formale These: Was bindet, ist nicht der Wahrheitsgehalt, sondern der Mehr‑Genuss des Regelbruchs, der die Gruppe zusammenschweißt und die symbolische Ordnung (Würde, Gleichheit, Gewaltverzicht) erodiert.
6. Perspektiven einer demokratischen Gegenstrategie
Eine wirksame Antwort muss die Form der affektiven Bindung adressieren. Erstens braucht es Führung als Containment: Affekte aufnehmen, benennen, symbolisieren—statt sie zu schüren. Das setzt auf Validierung ohne Apokalyptik, Konfliktklärung ohne Sündenbock, Ambivalenztoleranz statt Kampf/Flucht‑Reflex. Zweitens braucht es einen demokratischen Eros: erfahrbare Selbstwirksamkeit, Anerkennung und gelingende Kooperation als positive Lustquellen—durch Beteiligungsformen mit realer Wirkung, sichtbare Zwischengewinne und Erzählungen, die Kompetenz statt Feindseligkeit belohnen. Drittens erfordert es die Re‑Ritualisierung demokratischer Praktiken: Materialität der Ideologie ernst nehmen, also jene Formen, in denen Zugehörigkeit sinnlich und wiederholbar wird (Bürgerbudgets, Bürgerräte, Ernte‑Momente kollektiver Lösungen). Viertens: Dokumentation statt „Gegenrausch“—textnahe Archive autoritärer Rede verschieben die Bühne vom affektiven Event zur forensischen Prüfung. Fünftens: Rechtliche Abwehr sachlich, textbasiert und transparent—ohne libidinären Kurzschluss, der die Opferpose belohnt. Schließlich: Affekt‑Evaluation demokratischer Politik (nimmt Beschämung ab? wachsen Bindung und Vertrauen?) ergänzt klassische Output‑Kontrolle.
7. Schlusswort
Die leitende Einsicht lautet: Autoritarismus ist nicht primär ein Irrtum der Urteilskraft, sondern eine Ökonomie der jouissance. Er konvertiert Scham, Ohnmacht und Angst in einen exzessiven Genuss am Überschreiten—und gewinnt daraus Bindung, Immunität gegen Evidenz und Eskalationsdynamik. Wer dem mit Fakten, Moral oder bloßer Prozedur begegnet, verfehlt den Ort der Wirksamkeit. Gefordert ist eine demokratische Praxis, die jouissance umcodiert: weg von der Lust an Demütigung und Regelbruch, hin zu einer geteilten Lust an gelingender Kooperation, an symbolisch gerahmter Konfliktbearbeitung und an erfahrbarer Selbstwirksamkeit. Erst wenn Öffentlichkeit wieder etwas Genießbares bietet, das nicht auf Ausschluss beruht, haben Fakten, Argumente und Institutionen erneut Traktion. Die politische Arbeit besteht dann nicht nur im „Was“ und „Wozu“, sondern—entscheidend—in der Gestaltung der Form, in der Gründe zu Befriedigungen werden, ohne andere ihrer Würde zu berauben.
1. Einleitung – Warum „Genuss“ der Schlüssel zum Autoritarismus ist
Dieser Essay sagt: Um den heutigen Autoritarismus zu verstehen, reicht es nicht, über Geldsorgen, Kulturkämpfe oder clevere Medienstrategien zu sprechen. Wichtig ist vor allem die Form des Genießens. Mit „jouissance“ (ausgesprochen: schu-issáns) meine ich eine besondere Art von Genuss: Er entsteht, wenn man Grenzen absichtlich übertritt, andere demütigt oder Regeln spottend bricht. Das fühlt sich für Beteiligte stark und befreiend an – auch dann, wenn es am Ende schadet.
Aristoteles hilft hier: Dinge haben Stoff (z. B. Krisen), einen Anstoß (Führer, Medien), ein Ziel (Sicherheit, Ordnung) und eine Form. Meine These: Die Form ist der entscheidende Punkt – und diese Form ist heute häufig jouissance. Sie gibt dem Rohstoff „Wut und Kränkung“ ein Muster: aus Scham wird Wut, aus Wut wird lustvoller Tabubruch.
2. Das psychoanalytische Werkzeug – Was ist jouissance?
In der Psychoanalyse (Lacan) unterscheidet man normale Lust (sie beruhigt) von jouissance (sie steigert, geht bis an die Schmerzgrenze). Politisch heißt das: Es macht vielen Spass, Regeln zu verletzen, den Gegner zu beschämen oder „endlich zu sagen, was man noch sagen darf“.
Drei Bausteine helfen, das zu sehen:
• Über-Ich und „Genieß!-Befehl“: Statt „Du darfst nicht“ lautet der heimliche Befehl: „Genieße – indem du brichst!“
• Spaltung und Projektion: Das Eigene erscheint „rein“, das Fremde „böse“. So wird Hass moralisch erlaubt und sogar belohnend.
• Führung als Affekt-Manager: Reife Führung beruhigt Angst. Autoritäre Führung heizt sie an und verwandelt sie in lustvolle Aggression.
So verstehen wir, warum manche Bewegungen sehr stabil bleiben – selbst wenn Fakten oder persönliche Nachteile dagegen sprechen: Die affektive Belohnung ist groß.
3. Der Nährboden – Warum diese Lust heute so stark wirkt
Viele Menschen erleben ein Doppelproblem: Von ihnen wird Autonomie und Selbstverwirklichung erwartet, zugleich erfahren sie Ohnmacht (unsichere Jobs, undurchschaubare Politik, Informationschaos). Das erzeugt Scham („Ich genüge nicht“) und wird oft nach außen zum Ressentiment („Die da oben sind schuld“).
Daraus entsteht eine Nachfrage nach einem Angebot, das sofort Entlastung verspricht:
Bestätigung („Dein Ärger ist gerecht“), ein Sündenbock, gefühlte Macht (über den Führer), Gemeinschaft – und vor allem jouissance: die legitimierte Lust, gegen „die Anderen“ loszuziehen und Tabus zu brechen.
4. Die affektive Grammatik – Wie Autoritarismus diese Lust organisiert
Autoritäre Politik funktioniert wie eine Genussmaschine:
1. Der Führer gibt die Lizenz zum Tabubruch („Sagt es laut!“).
2. Pervertiertes Containing: Angst wird nicht beruhigt, sondern in Hass verwandelt.
3. Rituale und Rhetorik (Kundgebungen, Sprechchöre, Memes) erzeugen gemeinsame Erregung.
4. Digitale Plattformen verstärken das: Empörung wird belohnt und schnell wiederholt.
5. Empörung der Gegner wirkt als Zusatzkick („Wenn die sich aufregen, haben wir getroffen“).
So entsteht „obszöne Solidarität“: Wir halten zusammen durch das gemeinsame Überschreiten.
5. Fallstudie AfD – Wie jouissance in der Sprache sichtbar wird
Im bayerischen Landtag (und darüber hinaus) zeigen viele AfD‑Beiträge diese Logik sehr deutlich:
Der Signifikant „Remigration“ wird vom Technikwort zur Fantasie der „Reinigung“. Er hängt oft am Mythos „Bevölkerungsaustausch“. Daraus formt sich die Erzählung der „gestohlenen Freude“: „Andere nehmen uns unsere Lebensweise, unsere Würde.“ Die „Lösung“ soll sein: Abschieben, Ausgrenzen, Zurückdrehen. Das erzeugt Rachelust und Erlösungsgefühle.
Hinzu kommen Entmenschlichungen (z. B. pauschal „Messerstecher“). Solche Worte sind nicht informativ, sondern affekt-stark: Sie erlauben moralisch legitimierten Hass.
Auch medienfeindliche Rede („Staatsfunk“, „Zensur“) hat diese Funktion: Die Presse erscheint als Über-Ich, das „uns“ den Genuss nimmt. Wer dagegen laut wird, genießt den Regelbruch – besonders, wenn Kritik kommt.
Im Parlament wird das inszeniert: Skandale, Ausstiege, bewusste Grenzverletzungen. Das Parlament wird zur Bühne der Transgression, die Clips wandern ins Netz, der Erregungskreis schließt sich.
Kurz: Die politische Wirkung entsteht durch die Form – die Organisation von jouissance –, nicht durch die Stärke von Argumenten.
6. Gegenstrategie – Wie man diese Lust umlenkt
Reine Faktenchecks oder moralisierende Empörung greifen zu kurz. Sie treffen nicht die Form und liefern oft sogar neuen Treibstoff. Nötig sind drei Dinge:
1. Führung als Containment: Angst anerkennen, übersetzen, beruhigen – ohne Sündenböcke.
2. Demokratischer Eros: Erfahrungen echter Wirksamkeit schaffen (Bürgerräte, Beteiligung mit sichtbaren Ergebnissen). Das soll sich gut anfühlen: Anerkennung, Zwischenerfolge, Feiern gelungener Projekte.
3. Rituale und Dokumente klug nutzen: Wiederholbare positive Rituale (Erntemomente gelungener Lösungen) statt Spiegeln der Wut; dokumentieren, was gesagt wurde (textnah, nüchtern), damit die heiße Lust zur kühlen Prüf-Sache wird.
So verschiebt man den Genuss: weg von der Demütigung anderer, hin zur gemeinsamen Gestaltung.
7. Schluss – Politik jenseits der „süchtigen“ Transgression
Autoritarismus wirkt heute, weil er Genuss verspricht: den Kick des Bruchs, die Süße der Rache, das Wir-Gefühl im Tabu. Diese Form macht ihn robust gegen Fakten. Eine demokratische Antwort darf das nicht kopieren, muss aber affektiv mithalten: Bindung schaffen, Komplexität tragbar machen, Erfolge erlebbar machen und das Über-Ich (den inneren Druck) vom sadistischen „Genieße den Hass!“ hin zum sorgenden „Gestalte mit!“ umlenken.
Dann bekommen Fakten wieder Anschluss – nicht, weil sie „stärker“ sind, sondern weil sie an eine Form des Genießens andocken, die nicht auf Demütigung, sondern auf gelingende Kooperation setzt.
Einleitung – Die Form des Genusses als Primat der Erklärung
Die gegenwärtige Attraktivität autoritärer Politik lässt sich – so die leitende These dieses Essays – nicht hinreichend über materielle Engpässe, kulturelle Verwerfungen oder strategische Elitenmanöver erklären. Solche Faktoren bleiben wichtig, doch sie determinieren das Phänomen nicht in seiner eigentlichen Gestalt. Was heute mobilisiert, bindet und immunisiert, ist eine spezifische Form des Genusses (jouissance) im politischen Feld. Wer Autoritarismus nur als Reaktion auf Prekarität, Identitätskrisen oder Desinformation begreift, beschreibt das Material, aus dem die Bewegung lebt, aber nicht die Form, die diesem Material Gestalt, Dynamik und Richtung gibt. Lacanianisch gesprochen: Nicht der Inhalt der Forderungen, sondern die Organisation des Genießens strukturiert die Szene – bis in jene paradoxen Züge hinein, in denen Entbehrung selbst zur Lust wird, Hass zur „gerechten“ Befreiung und Regelbruch zur Quelle eines exzessiven, am Schmerz streifenden Genusses (Žižek, 2024).
Die Pointe dieser Perspektive lässt sich präzisieren, wenn man sie konsequent aristotelisch entfaltet. In den politischen Wissenschaften dominiert oft implizit ein Modell, das Autoritarismus durch causa materialis (ökonomische Krisen, soziale Verunsicherung) und causa efficiens (Führer, Medienapparate, Plattform-Algorithmen) erklärt, gelegentlich ergänzt um eine causa finalis (Ordnung, Sicherheit, „Wiederherstellung“). Was aber systematisch unterbelichtet bleibt, ist die causa formalis: die formgebende Gestalt, nach der die genannten Stoffe und Antriebe überhaupt zu einem kohärenten, erfahrungsnahen politischen Ganzen werden. Meine These lautet, dass die Form des Genusses – die jouissance der Transgression, der Demütigung, der stellvertretenden Omnipotenz – die causa formalis des zeitgenössischen Autoritarismus ist. Erst sie verleiht dem Rohmaterial der Kränkung und dem Apparat der Mobilisierung jenes affektive Profil, das die Beteiligten als befreiend erleben und gegen Korrekturen abschirmt (vgl. Žižek, 2001/2002).
Diese Vorrangstellung der Form erklärt, warum abwägende Faktenchecks, moralische Appelle oder Policy-Alternativen oft wirkungslos bleiben: Sie adressieren Inhalte, Interessen und Zwecke – kurz: Stoff und Ziel –, verfehlen aber die Gestalt der libidinösen Ökonomie, in der das Autoritäre als Genussmaschine erfahren wird. Dass jouissance politisch ist, hat die Lacan-Schule seit Langem betont: Ideologien greifen, „selbst wenn niemand wirklich glaubt“, weil sie ein Feld des Genießens ordnen und verkörpern (Žižek, 2024). Nicht zufällig fällt im psychoanalytischen Diskurs über Krieg, Opferbereitschaft und „heilige“ Sache immer wieder das Stichwort „jouissance um jeden Preis“: Die Sakralisierung von Nation, Führer oder Opfergang legitimiert und erotisiert die Grenzüberschreitung – und transformiert Entlastung in Lust (Levine, 2022, zu Chetrit‑Vatine).
Warum jouissance die „Formursache“ ist
Aristoteles’ causa formalis bezeichnet nicht bloß sichtbare Konturen, sondern die innere Form, die disparate Teile zu einem Bestimmten zusammenschließt. Übertragen auf die Politik erklärt die Formursache, warum ähnliche materielle Lagen (Inflation, Migration, technischer Wandel) in verschiedenen Kontexten so anders affektiv „aufgehen“. Jouissance ist in diesem Sinn keine Zutat neben Angst, Ressentiment oder Identifikation, sondern die Gestaltungslogik, die das Affektive arrangiert: Sie macht aus Scham und Ohnmacht Gemeinschaft über Hass, aus Regelmüdigkeit Euphorie der Übertretung, aus moralischer Verurteilung schamlose Lizenz. Dabei wirken drei Stränge zusammen:
Erstens strukturieren Über‑Ich‑Dynamiken das Verhältnis von Gesetz, Verbot und Lust. Moderne Gesellschaften externalisieren Zwang nicht nur, sie internalisieren ihn – und verschieben damit das Regime des Gewissens. Dieses kann fürsorglich integrierend auftreten; es kann aber ebenso in sadistische Strenge kippen, die Schuld, Scham und Selbstentwertung großschreibt und nach Entlastung durch Projektion verlangt (King & Schmid Noerr, 2020). Autoritäre Angebote verwandeln genau diese Last in Genuss: Das „perverse Über‑Ich“ befiehlt nicht „Du sollst nicht!“, sondern „Genieße!“ – im Tabubruch, in der Demütigung des Anderen. In diesem Sinn operiert der Führer als Agent einer obszönen Normativität, die Lust aus der Verletzung des Gesetzes zieht und sie zugleich als höhere Pflicht ausgibt (Žižek, 2001/2002; 2024).
Zweitens erzeugen autoritäre Szenen eine „obszöne Solidarität“: öffentliche Rituale (Kundgebungen, Sprechchöre, Memes) formen eine geteilte Praxis der Überschreitung, in der die Einzelnen zugleich entlastet und erregt sind. Das „Wir“ erlebt sich als moralisch überlegen – und genießt gerade im Affront gegen jene, die als „prüde“, „elitär“ oder „politisch korrekt“ imaginiert werden. Dieses gemeinsame Genießen fungiert als Kitt, der die Gruppe widerlegungsresistent macht (Žižek, 2001/2002).
Drittens stabilisiert sich das Ganze durch Fantasmen „gestohlener jouissance“: Der Andere – Eliten, Migranten, Feministinnen, Kosmopoliten – erscheint als derjenige, der „unseren Genuss“ usurpiert. Der Kampf wird so als Rückeroberung des eigenen Genießens erlebt, wodurch die Aggression eine lustvolle Moralform erhält (Žižek, 2024).
So erklärt sich, warum die Anhängerschaft an einem Führer oft trotz materieller Nachteile stabil bleibt: Die libidinöse Rendite überkompensiert den ökonomischen Verlust. Wer dies nur als „falsches Bewusstsein“ abtut, unterschätzt die Gestaltungs‑ und Bindungskraft der Form.
Die vier Ursachen des Autoritarismus – im Lichte der jouissance
Wenn wir den Autoritarismus aristotelisch „komplettieren“, lässt er sich – im Fließtext und ohne taxonomischen Ehrgeiz – entlang aller vier Ursachen denken, wobei die Formursache den Primat erhält:
Die causa materialis umfasst die krisenhafte Spätmoderne: Prekarisierung, Ungleichheit, die Erfahrung, dass Souveränität gefordert, aber real nicht einlösbar ist; digitale Öffentlichkeiten, die Affekte verdichten; institutionelle Erosion, die Ambivalenzen verschärft. Dieses Material liefert die Affektenergie (Angst, Scham, Groll), die autoritäre Angebote umformen (vgl. zur Verknüpfung von Sozialisation, Über‑Ich‑Wandel und autoritären Dispositionen: King & Schmid Noerr, 2020).
Die causa efficiens benennt die Akteure und Apparate, die diese Energie in Bewegung setzen: charismatische Führungsfiguren, die bewusst als „Meister der jouissance“ auftreten; Medien‑ und Plattformökologien, die das Lust‑Moment der Tabu‑Breach performativ belohnen; partei‑ und bewegungsförmige Settings, die in Ritualen der Transgression kollektive Erregung erzeugen (Levine, 2022; Žižek, 2001/2002).
Die causa finalis artikuliert den Zweck im Erleben der Subjekte: nicht in erster Linie Sicherheit oder Ordnung, sondern narzisstische Wiederherstellung durch lustvolle Aggression – die Erlaubnis, zu sagen und zu tun, „was man endlich wieder sagen und tun darf“. Diese Teleologie des Genießens erklärt die eigentümliche Suchtstruktur autoritärer Politiken und die Resistenz gegen Gegenargumente (Žižek, 2024).
Entscheidend aber ist die causa formalis: die affektive Grammatik der jouissance, die Material, Antrieb und Zweck zur erfahrbaren Einheit komponiert. Sie ordnet die Rollen (Führer als pervertiertes Über‑Ich; Gegner als Träger des „Gestohlenen“), sie setzt die Tonarten (vom Witz bis zur Grausamkeit), sie prägt die Zeitlichkeit (Eskalation, Wiederholung, Steigerung). Und sie übersetzt moralische Verbote in Quellen der Lust – die Transgression gilt als Beweis der Authentizität und als „höhere Pflicht“. Genau diese formale Logik, nicht bloß ihre Inhalte, ist es, die demokratische Diskurse aufreibt, wenn sie die autoritäre Szene mit Argumenten adressieren, statt ihre Genuss‑Ordnung zu stören (vgl. auch die Diagnose, dass „Hassen gemeinsam“ ein Kernmodus politischer jouissance ist: Leader im Vorwort in Žižek/Barria‑Asenjo, 2024).
Konsequenz für Methode und Gliederung
Die analytische Verschiebung hin zur Form des Genusses verlangt zweierlei. Erstens eine psychoanalytisch informierte Begrifflichkeit, die Über‑Ich, Projektion, Spaltung, „obszöne Solidarität“ und die Dialektik von Gesetz und Transgression nicht als Randaspekte, sondern als Konstruktionsprinzipien politischer Bindung fasst (King & Schmid Noerr, 2020; Žižek, 2001/2002; 2024). Zweitens eine systematische Verknüpfung mit soziologischen Gegenwartsdiagnosen, die den Stoff liefern, den die jouissance formt – ohne den Primat der Form zu verlieren.
Im Folgenden wird Teil I das psychoanalytische Instrumentarium zur jouissance entfalten (Gesetz, Verbot, Transgression; das perverse Über‑Ich; Fantasma der gestohlenen jouissance). Teil II analysiert den spätmodernen Nährboden – die strukturelle Produktion narzisstischer Kränkungen – als Material, das nach Formung verlangt. Teil III rekonstruiert sodann die affektive Grammatik des Autoritarismus als Angebot der jouissance: den Führer als Dealer der Transgression, die Rituale der Enthemmung und die destruktiv‑symbiotische Passung zwischen Nachfrage und Angebot. Nur so wird verständlich, warum der Autoritarismus als Ökonomie des Genießens eine Widerständigkeit ausbildet, die auf der Ebene von Tatsachen nicht aufzulösen ist – und warum demokratische Gegenstrategien ohne eigene Formen des verbindenden, nicht‑destruktiven Genusses leer laufen (Žižek, 2024; Levine, 2022; King & Schmid Noerr, 2020).
Das psychoanalytische Instrumentarium – Die Ökonomie der Jouissance
Wenn Jouissance die Formursache (causa formalis) autoritärer Dynamiken ist, dann müssen unsere Begriffe so geschärft werden, dass sie nicht nur „was“ erklärt (Material‑ und Wirkursachen) oder „wozu“ (Zweckursache), sondern vor allem wie diese politische Bindung libidinal organisiert wird. In dieser Perspektive verschiebt sich das psychoanalytische Instrumentarium: Libido, Ich‑Ideal, Über‑Ich, Spaltung, Projektion und Containment beschreiben keine neutralen Mechanismen, sondern Konfigurationen des Genießens—jene „Affektgrammatik“, die autoritäre Bewegungen energetisiert. Žižek bringt diesen „formalen“ Zug auf den Punkt, wenn er betont, dass politische Diskurse nur dann wirklich greifen, wenn sie Jouissance mobilisieren—die überschießende, bis ins Schmerzliche reichende Lust, die sich am Bruch von Grenzen entzündet (Žižek, 2008/2024). Damit ist Jouissance kein Zusatz zu materiellen Ursachen, sondern strukturiert das Feld, in dem sozioökonomische Deprivation, Kränkung und Angst affektiv geformt und in Handlungsimpulse übersetzt werden (Žižek, 2009). Dass diese Formkraft politisch ist, liegt daran, dass Jouissance nicht „privat“ bleibt, sondern kollektiv organisiert und performativ inszeniert wird; sie fungiert als Superego‑Imperativ—Genieße!—und macht daraus eine soziale Lizenz zur Transgression (Žižek, 2001; vgl. Leader, 2021). In den folgenden Unterabschnitten klären wir die hierfür zentralen Bausteine.
Die Logik der Bindung: Libido, Ich‑Ideal und das obszöne Über‑Ich
Freuds Analyse der Massenbindung (1921) liefert die Grundfigur: Die libidinöse Kohäsion der Gruppe entsteht, wenn das Subjekt sein Ich‑Ideal externalisiert und im Führer wiederfindet. Dadurch fällt die kritische Distanz zum eigenen Ideal aus—wer den Führer kritisiert, greift das ausgelagerte Ideal an. Diese vertikale Bindung wird durch eine horizontale Identifikation ergänzt: Weil alle „dasselbe“ lieben, lieben sie sich untereinander. Psychoanalytisch ist das überzeugend; politisch erklärt es die bemerkenswerte Stabilität affektiver Loyalitäten auch gegen den offensichtlichen Selbstnutzen. Entscheidend ist der libidinöse Überschuss. Hingabe an den Führer ist selten nüchtern‑pragmatisch; sie trägt Züge der Verliebtheit, manchmal der Selbstaufgabe. Das verweist auf einen Genuss jenseits des homöostatischen Lustprinzips, auf den Lacan mit dem Begriff Jouissance zielt: ein Mehr‑Genuss, der an die Grenzüberschreitung und den Schmerz gekoppelt ist.
Diese Struktur wird durch die Entwicklung und Wandlung des Über‑Ichs vermittelt. In der psychoanalytischen Sozialpsychologie ist das Über‑Ich keine rein bewusste Moralinstanz, sondern ein „inneres Fremdland“ (Freud, 1933), das historisch und sozial formbar ist: Es stabilisiert Anpassung, kann aber auch rigide, sadistisch oder „megaloman“ werden, wenn Gruppen das Über‑Ich usurpieren und in eine grandios‑verfolgte Identität verkehren (King & Schmid Noerr, 2020). Die Autoren zeigen, wie klassische Soziologie (Parsons, Elias, Bourdieu) Freuds Über‑Ich‑Konzept aufnimmt, seine Unbewusstheit betont und die Verschiebungen zwischen äußerem Zwang und innerer Kontrolle nachzeichnet. Gerade diese Historizität des Über‑Ichs eröffnet den Blick auf seine perverse, obszöne Form: ein Über‑Ich, das nicht länger verbietet, sondern befiehlt zu genießen—das „Genieße!“ als politischer Imperativ, der sich im Tabubruch selbst erfüllt (Žižek, 2001; King & Schmid Noerr, 2020). Damit wird die moralische Instanz zur Lizenzierungsinstanz der Transgression; die Scham über Regelbruch wird in Stolz verkehrt, die Strafe in Lust an der Strafe, der Verzicht in Lust am Verzicht. In dieser Logik ist Jouissance nicht Nebenprodukt, sondern die Form, in der moralische Affekte politisch verdrahtet werden (Žižek, 2024). Vgl. zur Rolle und Wandelbarkeit des Über‑Ichs in soziologischer Perspektive King & Schmid Noerr (2020). Siehe zur These der superegoischen Genießensforderung und zur Politisierung der Jouissance die Einleitung von Political Jouissance (Žižek, 2024).
Die Architektur der Feindschaft: Spaltung, Projektion und die Jouissance des Hasses
Die libidinöse Bindung nach innen gewinnt ihre Stabilität durch eine aggressive Abgrenzung nach außen. Melanie Klein hat gezeigt, wie unter Angst und Ohnmacht die Welt in „rein gut“ und „rein böse“ gespalten wird; Unerträgliches am eigenen Selbst wird projiziert und einem Sündenbock zugeschrieben (Klein, 1946/1947). Politisch liefert diese Spaltung eine immense Entlastung—Komplexität schrumpft zur moralischen Gewissheit—und schafft die Voraussetzung für einen spezifischen Genuss: Wenn die Aggression gegen den „absolut Bösen“ nicht nur erlaubt, sondern geboten scheint, verwandelt sich die Entladung in eine Quelle von Jouissance. Genau diesen Punkt akzentuiert die jüngere psychoanalytische Debatte über Krieg, Gewalt und Kollektivaffekte: In der „Sakralisierung“ von Vaterland, Führer, Sache und Opfer wird‑so Viviane Chetrit‑Vatine—eine „Suche nach jouissance um jeden Preis“ organisiert (Chetrit‑Vatine, zit. nach Levine, 2022). Diese Formel benennt den überschießenden Zug autoritärer Affektökonomien: Nicht Angstabwehr allein, sondern die Steigerung des Affekts bis zur lustvollen Überwältigung—ein entzündliches Gemisch aus Sadismus, Masochismus und dem Vergnügen an der eigenen Erniedrigung—bindet die Gemeinschaft.
Das erklärt, weshalb Hassdiskurse und Verschwörungsfantasien eine libidinale Klebrigkeit besitzen: Sie unterstellen dem Anderen immer schon eine gestohlene Jouissance—„die“ genießen maßlos, was „uns“ entzogen wurde—und laden die Gewalt als gerechte Rückeroberung auf (Žižek, 2008/2009). Dass ideologische Feindbilder gerade dort prosperieren, wo sozioökonomische Konflikte real sind, widerspricht dem nicht; vielmehr gibt Jouissance die Form, in der reale Verluste als narzisstische Kränkungen affektiv bewirtschaftet werden: Neid, Ekel und Ressentiment werden zu Primäraffekten, die den politischen Raum strukturieren (Žižek, 2024).
Führung als Affektmanagement: Containment, seine Perversion und die Alchemie der Umwandlung
Bions Konzept des Containments beschreibt den Reifungsweg roher Affekte (Beta‑Elemente) in symbolisierbare, denkbare Formen (Alpha‑Funktion): Die „hinreichend gute“ Instanz nimmt Angst auf, metabolisiert sie und gibt sie als bearbeitbare Bedeutung zurück (Bion, 1962). Übertragen auf Politik wäre dies die demokratische Führungsleistung: kollektive Erregung beruhigen, in Realitätssinn und Handlungsfähigkeit transformieren. Doch zeitgenössische autoritäre Führer verkehren diese Funktion. Anstatt Beta‑Elemente zu verdauen, verstärken sie sie, externalisieren die Ursache und übersetzen Angst in lizensierten Hass—eine dunkle Alchemie der Affektumwandlung. In Bions Terminologie hält die Bewegung die Gruppe in der Grundannahme „Kampf/Flucht“—permanent erregt, feindfixiert, realitätsarm—und nährt so den Kreislauf der Jouissance (Bion, 1961; Levine, 2022).
Diese Perversion des Containments ist in der klinisch‑politischen Literatur als „pervertiertes Containing“ beschrieben worden: Führung validiert nicht nur Angst und Kränkung, sie sacralisiert Opfer, Feind und Führer und verstärkt damit die Umcodierung von Ohnmacht in lustvolle Aggression (Zienert‑Eilts, 2020; Diamond, 2023). Der politische Stil—der demonstrative Regelbruch, die vulgäre Sprache, das kalkulierte Beleidigen, die performative Verachtung institutioneller Formen—ist Teil dieser Affektökonomie: Er liefert Anschauungsmaterial eines Subjekts, das „alles darf“, und lädt zur Stellvertretungsteilnahme am grenzenlosen Genuss ein. So wird, erneut in lacanianischen Begriffen, das Über‑Ich obszön: Es befiehlt nicht das Verbot, sondern den Genuss, und der Tabubruch der Führung wird zur praktischen Unterweisung in Jouissance (Žižek, 2001). Dass solche Inszenierungen die Gegenseite empören, steigert die Lust: Moralische Entrüstung fungiert als Bestätigung der gelungenen Transgression—ein zentrales Moment der obszönen Solidarität der In‑Group.
Jouissance, Gesetz und Transgression: Das formale Prinzip autoritärer Verführung
Lacan definiert Jouissance als Grenzphänomen: jenseits des Lustprinzips, an Schmerz und Überschreitung gekoppelt, untrennbar vom Gesetz, dessen Verbot die Lust am Verbotenen überhaupt erst auflädt (Lacan, 1973/1975). Die politische Pointe liegt darin, dass Jouissance formt, wie Verbote, Normen und Institutionen subjektiv erlebt werden. Wo die demokratische Ordnung als blutleer, heuchlerisch und „politisch korrekt“ fantasiert wird, wird der Bruch selbst zum Ort der Befreiung—nicht als Mittel zu einem rationalen Ziel, sondern als Ziel in sich. Darum insistiert die jüngere Debatte, dass wir Ideologie nicht „in Inhalten“ auflösen können; wir müssen ihre Genussformen entschlüsseln (Žižek, 2024). In der Einleitung zu Political Jouissance heißt es ausdrücklich, der politische Raum werde von Jouissance durchzogen; ideologische Investitionen sind von Sadismus, Masochismus und ihren perversen Kombinationen geprägt, bis hin zum Genießen der eigenen Demütigung. Das erklärt, warum Macht nicht bloß mit Repression arbeitet, sondern uns für unsere „erzwungenen Entsagungen“ mit einem Gewinn im Verlust besticht—mit surplus‑enjoyment, dem Plus an Lust, das gerade aus der Form der Renunziation entsteht (Žižek, 2024).
Zwei Konsequenzen sind für unser Modell zentral. Erstens: Jouissance fungiert als Formursache der autoritären Verführung. Sie ist die Matrix, in der sozioökonomische Missstände, Statusverlust und Wissenskränkung (die Materialursachen) affektiv organisiert werden; sie kanalisiert die Wirkursachen (Führungsstile, mediale Rituale, algorithmische Verstärker) und richtet die Zweckursachen (Restauration der Würde, Wiederherstellung von Souveränität) auf den eigentlichen Vollzug des Genießens aus: den Tabubruch, die Demütigung des Anderen, die ekstatische Masse. Zweitens: Autoritäre Bewegungen binden, indem sie das Narrativ der gestohlenen Jouissance anbieten—„sie“ genießen auf unsere Kosten—und die Rückeroberung dieses Verlustes als Akt der Gerechtigkeit stilisieren. Darian Leader hat gezeigt, wie die Fantasie eines allmächtig genießenden Vaters—primal father—in der Gegenwart nicht nur sexuell, sondern auch datenökonomisch neu codiert wird: Jouissance gerinnt im Mythos eines Anderen, der Zugang zu etwas hat, was uns entzogen ist, und dessen Enteignung uns zusammenschweißt (Leader, 2021).
Das autoritäre Experiment des 20. Jahrhunderts liefert hierfür das drastische Lehrbuch: die „Stalinistische Jouissance“—der lustbesetzte Vollzug von Purge, Denunziation und Selbsterniedrigung als Teilhabe am Genießen des Anderen—zeigt, wie ein System seine Stabilität nicht trotz, sondern durch den Exzess erhält (Žižek, 2001). Diese Diagnose ist weder Historismus noch Übertragung klinischer Kategorien auf Politik; sie benennt das Formgesetz, das darüber entscheidet, warum diese Affektarrangements massenhaft greifen, während rationale Gegenargumente verpuffen. In neueren Debatten wird dieser Zusammenhang erneut stark gemacht: „Politische Jouissance“ bezeichnet gerade die Übersetzung kollektiver Wünsche in Grenzüberschreitungen, die umso attraktiver werden, je empörter ihre Gegner reagieren (Žižek, 2024).
Zwischenfazit.
Die Stärke eines jouissance‑zentrierten Modells des Autoritarismus liegt darin, dass es die Logik der Bindung (Ich‑Ideal/Über‑Ich), die Architektur der Feindschaft (Spaltung/Projektion) und das Affektmanagement der Führung (Containment/Perversion) als Formen des Genießens erfasst. Jouissance ist die Formursache, die das Gemisch aus Kränkung, Angst und Ressentiment strukturiert und in eine kollektive Praxis der Transgression überführt. Darum behalten sozial‑ oder ökonomietheoretische Erklärungen recht—ohne zu genügen. Sie benennen Gründe, nicht die Form, in der Gründe in Lust übergehen. Erst in dieser formalen Dimension wird verständlich, warum autoritäre Bewegungen eine süchtig machende Qualität haben, warum moralische Appelle „nach hinten losgehen“ und warum der Tabubruch selbst—nicht dessen Ergebnis—der eigentliche Ertrag ist. Oder in Žižeks Formel: Es gibt im Politischen nur Diskurse, insofern sie Diskurse der Jouissance sind (Žižek, 2024).
Der sozio‑psychologische Nährboden: Nachfrage nach Jouissance in der Spätmoderne
Die in Abschnitt 2 entwickelte These, dass autoritäre Bewegungen nicht nur Angst eindämmen, sondern vor allem eine spezifische, transgressive Form des Genießens organisieren, bleibt unvollständig, solange wir die sozialen Bedingungen nicht präzisieren, unter denen dieses Angebot auf Resonanz stößt. Der entscheidende Schritt besteht darin, das gegenwärtige Subjekt nicht mehr primär als rational kalkulierenden Akteur zu modellieren, sondern als von widersprüchlichen Imperativen der Spätmoderne gezeichneten, affektiv hochgradig disponierten Träger einer Nachfrage nach Jouissance. Damit wird der Blick von einem Defizitmodell politischer Rationalität auf eine positive, wenn auch toxische libidinale Ökonomie verschoben, in der autoritäre Politik nicht als Irrtum, sondern als passgenaue Kompensation erfahrener Ohnmacht funktioniert (Amlinger & Nachtwey, 2022; Illouz, 2023).
Die „gekränkte Freiheit“: Zwischen Allmachtsimperativ und Erfahrung der Abhängigkeit
Seit den 1980er‑Jahren hat sich im Horizont neoliberaler Vergesellschaftung eine kulturelle Matrix etabliert, die das Subjekt unablässig zu Autonomie, Selbstoptimierung und Authentizität verpflichtet. Der Imperativ lautet nicht länger „füge dich“, sondern „sei du selbst“—und zwar als unternehmerisches Selbst, das Risiken internalisiert und biografische Brüche als individuelles Versagen verbucht (Amlinger & Nachtwey, 2022). Das Versprechen grenzenloser Selbstverfügung kollidiert jedoch mit einer Erfahrung struktureller Ohnmacht: prekarisierte Erwerbsarbeit, ausgelagerte politische Entscheidungsmacht, entgrenzte Informationsökologien, in denen Vertrauen zu Expertenwissen selbst zum Krisenherd wird. In dieser Konstellation entsteht, psychoanalytisch gesprochen, eine chronische narzisstische Verwundung—eine Kluft zwischen grandiosem Ich‑Ideal und realer Selbstwirksamkeit.
Diese Kluft bleibt nicht affektneutral. Wo Anerkennung ausbleibt und Komplexität überwältigt, verdichtet sich das Erleben in Scham—nicht als punktuelle Schuld über ein Fehlhandeln, sondern als globale Selbstentwertung: Man fühlt sich als Person nichtig, übersehen, „abgehängt“. Die psychoanalytische Sozialpsychologie beschreibt, wie solche Verwundungen das Terrain der Über‑Ich‑Prozesse umstrukturieren: Strenge und äußere Kontrolle werden nicht schlicht internalisiert, sondern können in rigide, zugleich sadistisch und masochistisch gefärbte Forderungen umkippen, die moralische Rigorosität und destruktive Entlastung miteinander verketten. Dabei ist das Über‑Ich nicht zeitlos, sondern historisch veränderlich; es verschiebt sich, je nachdem welche kulturellen Selbst‑ und Weltverhältnisse sozial gelernt werden—und kann, wie soziologische Rezeptionen Freuds von Parsons bis Elias zeigen, sowohl zivilisieren als auch regressiv entgleisen (King & Schmid Noerr, 2020). Gerade diese Historizität erklärt, weshalb spätmoderne Normen der Selbstoptimierung in ein Über‑Ich umschlagen können, das weniger durch Verbote als durch die schrille Parole „Du sollst genießen!“ regiert—und zwar um nahezu jeden Preis. Die jüngere Debatte über die „Sakralisierung“ politischer Anliegen zeigt, wie leicht sich in Krisen ein „jouissance at all costs“ durchsetzt: Die Sache, der Führer, das Opfer werden sakral aufgeladen; der Überschussgenuss selbst wird zum verkappten Heilsversprechen (Levine, 2022, S. 445‑452).
Dass Jouissance unter diesen Bedingungen zu einer politischen Größe wird, ist kein Nebeneffekt. In jüngeren Beiträgen wird der Gedanke zugespitzt, dass sich politische Diskurse nur verstehen lassen, wenn man ihre Modi des Genießens analysiert—„the only discourse there is … is the discourse of jouissance“ (Lacan, zit. nach Political Jouissance, 2024, Einleitung). Der verbindende Faden reicht von der sadomasochistischen Färbung ideologischer Bindungen bis zur pervertierten Lust an Verzicht und Opfer, die als „Gewinn im Verlust“ erlebt wird (ebd.).
Von der Scham zum Ressentiment: Die Externalisierung der Kränkung
Die Psyche hält die Spannung zwischen Allmachtsanspruch und Ohnmachtserfahrung nicht dauerhaft aus. Um die narzisstische Wunde zu verschließen, greift sie zu Abwehren, die aus der inneren Scham einen nach außen gerichteten, moralisch aufgeladenen Groll formen: Ressentiment (Nietzsche, 1887; Fleury, 2020; Illouz, 2023). Aus der Perspektive der Objektbeziehungstheorie lässt sich diese Dynamik als Regression in die paranoid‑schizoide Position beschreiben: Spaltung und Projektion schaffen eine entlastende Moralkarte—ein reines, leidendes Wir und ein dämonisches Sie, das zur Projektionsfläche abgespaltenen Hasses wird. Der Gewinn ist doppelter Art: kognitive Vereinfachung und libidinale Entladung. An die Stelle der beschämenden Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ tritt die lustvolle Gewissheit „Sie haben uns unser Genießen gestohlen“—die zentrale Phantasie der „gestohlenen Jouissance“, aus der sich der moralische Furor gegen „Eliten“, „Fremde“ oder „Gender‑Ideologen“ speist (Žižek, 2008/1991).
Gerade im deutschsprachigen Kontext lassen sich diese Verschiebungen textnah zeigen. Die umfangreiche Dokumentation Aus Worten werden Taten versammelt Parlamentsäußerungen, in denen Geflüchtete pauschal zu „Messerstechern“ oder „Vergewaltigern“ stilisiert werden; Fluchtbewegungen erscheinen als „Masseninvasion“ oder „Asylflut“. Der semantische Kern ist kein bloßer Affektüberschuss, sondern eine klassische Spaltungs‑ und Projektionsarbeit: „normale Deutsche“ als reine Opfer, „die Anderen“ als kriminelle, triebhafte Bedrohung, gegen die man sich endlich „wehren“ dürfe—eine Erzählung, die objektiven Daten widerspricht, aber als affektive Wahrheit funktioniert (Schuberl, 2025, S. 76–79).
Noch deutlicher wird die libidinöse Grammatik dort, wo Sprache und Geschlechtspolitiken als angeblich „autoritäre“ Gedankenkontrolle verhandelt werden. Ein exemplarischer Redebeitrag fantasiert Gender‑Politik als „Zensur“ und „Gehirnwäsche“, die „Vater“ und „Mutter“ auslöschen und „Identität“ vernichten—bis hin zur Vokabel „Kulturmord“. Solche Passagen sind nicht bloß polemisch, sie liefern per performativer Übertreibung das Material für eine Jouissance der Entrüstung: Das Imaginäre eines beschädigten, „umerzogenen“ Selbst wird mit dem Versprechen verschmolzen, durch Tabubruch (gegen „Sprachvorschriften“) die verlorene Lust und Identität zurückzuerobern (ebd., S. 155–158).
Psychoanalytisch betrachtet befreit diese Rhetorik nicht—sie bindet. Sie bietet eine narzisstische Kompensation, indem sie über‑Ich‑Forderungen in ein permissives Regime der Aggression überführt: „Du darfst hassen“—und sollst es genießen. Genau hier setzt die in Abschnitt 2 skizzierte Alchemie des pervertierten Containings an: Angst wird nicht beruhigt, sondern auf Sündenböcke fokussiert und in lustvollen Hass umgewandelt; aus der passiven Ohnmacht wird eine aktive transgressive Praxis (Bion, 1962; Diamond, 2023). Zugleich zeigt der Blick auf „Sakralisierung“ politischer Anliegen—Vaterland, Führer, Opfer—wie Jouissance durch Heiligung von Kampf und Selbstaufopferung legiert wird: „jouissance at all costs“ (Levine, 2022).
Die affektive Leerstelle: Validierung, Externalisierung, Ermächtigung, Gemeinschaft—und die Nachfrage nach Jouissance
Die Konstellation „gekränkte Freiheit → Scham → Ressentiment“ erzeugt eine Leerstelle, die nicht primär nach Argumenten, sondern nach affektiver Erlösung verlangt. Aus dieser Leerstelle lassen sich fünf – sich überlagernde – Begehrenslagen herausarbeiten, die autoritäre Führer intuitiv bedienen: die Sehnsucht nach Validierung („Dein Schmerz ist echt“), nach Externalisierung (ein greifbarer Schuldiger), nach Ermächtigung (gefühlte Souveränität), nach homogener Gemeinschaft (verschmelzende Zugehörigkeit) und—als motorische Mitte—nach Jouissance, d. h. nach einer legitimierten, kollektiv getragenen Lust an Tabubruch und Demütigung des Gegners. Dass politische Diskurse diese Dimension systematisch aktivieren, ist heute breit dokumentiert. Die jüngste Sammelarbeit zu Political Jouissance insistiert daher darauf, Diskurse nicht an ihren semantischen Gehalten allein zu messen, sondern als Arrangements von Genusshandlungen zu lesen—vom Neid auf die vermeintliche Jouissance der Anderen bis zur masochistischen Lust an eigener Unterwerfung, die als „Gewinn im Verlust“ erlebt wird (Barria‑Asenjo & Žižek, 2024, Einleitung).
Theoretisch schärft sich diese Diagnose entlang zweier Linien. Erstens: Jouissance ist kein Zusatz zur Politik, sondern deren formales Inneres—surplus, nicht Zusatz. Lacans Parallelsetzung von Mehrwert und Mehrlust zeigt, wie der „Zins“ der libidinösen Ökonomie im Vollzug der Dispositive entsteht: im Sprechen, im Ritual, in der Inszenierung—und nicht erst an deren Rändern (ebd.). Zweitens: Die materiale Seite dieses Formalen darf nicht unterschätzt werden. Ideologie existiert nicht bloß „im Kopf“, sie sedimentiert sich als Praxis, Apparat, Ritual; sie wirkt, selbst wenn „niemand wirklich glaubt“, solange Akte vollzogen werden, die den Glauben „für uns“ externalisieren. Genau diese Dissoziation zwischen persönlicher Überzeugung und objektivierter Praxis macht die Effektivität gegenwärtiger Bewegungen aus—man handelt so, als ob, und das genügt (vgl. Žižek, in Barria‑Asenjo & Žižek, 2024).
Auf dieser Grundlage lässt sich die deutsche Fallvignette noch einmal zuspitzen. Aus Worten werden Taten belegt nicht nur die Verschiebung von Problemlagen in eine moralische Manichäisierung; die Sammlung dokumentiert zudem, wie die Wiederholung solcher Sprechakte eine affektiv kohäsive Szene schafft—eine Bühne, auf der Über‑Ich‑Rigorosität und obszöne Solidarität sich verschränken. Die Polarisierungsformel ist performativ: Sie erzeugt das „Wir“ im Akt des lustvollen Ausschlusses (Schuberl, 2025, S. 9, 333 ff.). Die Gewalt der Worte ist hier kein bloßes Symptom; sie ist Generator von Handlungsschneisen, die reale Gewalt plausibel, ja „lustvoll“ erscheinen lassen—ein Befund, den die Publikation explizit am Leitmotiv „Wie schnell aus Worten Taten werden können“ entfaltet (ebd., S. 9).
Auch psychoanalytische Debatten zur Aggression und zum Krieg deuten in diese Richtung: Kollektive Identifikationen können „zu Heldentaten oder zu Mord gleichermaßen treiben“; die Kultur bietet dabei eine inkonstante Alliierte, die das Böse nicht dämpft, sondern oft legitimiert—bis hin zur Rationalisierung und Ästhetisierung des Opferns (Levine, 2022, S. 442). Das erklärt, warum autoritäre Mobilisierung nicht durch Faktenchecks gebrochen wird: Die libidinöse Bilanz rechnet in Kategorien des Genusses, nicht der Evidenz. Der „Gewinn im Verlust“—die Lust am Verzicht, am Hass, an der Demütigung—wiegt kurzfristig schwerer als materielle Kosten (Barria‑Asenjo & Žižek, 2024, Einleitung).
Schließlich lässt sich die normative Pointe markieren. Eine demokratische Gegenstrategie wird nur dann wirksam, wenn sie die Nachfrageseite adressiert. Dazu gehört erstens, die strukturellen Treiber der „gekränkten Freiheit“ politisch zu bearbeiten—soziale Sicherheit, echte Teilhabe, epistemische Vertrauensinfrastrukturen. Zweitens aber braucht es eine positive, nicht‑destruktive Organisation von Affekt und Zugehörigkeit—eine „konstruktive Jouissance“, die nicht vom Ausschluss, sondern von gelingender Solidarität lebt. Psychoanalytisch gesprochen: Es braucht Räume, in denen das Über‑Ich nicht in perverse Lizenz zum Hass kippt, sondern als symbolische Rahmung von Begehren fungiert—als „Gesetz“, das Jouissance in Bahnen produktiver Sublimation lenkt (Braunstein, 2020/2006).
Zwischenergebnis. Der Nährboden autoritärer Verführungen bildet sich aus einem dichten Gewebe spätmoderner Kränkungen, aus Abwehrformationen, die Scham in Ressentiment transformieren, und aus gesellschaftlichen Apparaturen, die diese Affekte rituell, rhetorisch und medial in Jouissance überführen. Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum das Angebot der Transgression so unwiderstehlich wirkt. Nicht weil es Probleme löst, sondern weil es Lust verheißt—eine Lust, die zugleich bindet, verblendet und zu Handlungen disponiert.
Die affektive Grammatik des Autoritarismus: Das politische Angebot der Jouissance
Der Führer als „Meister der Jouissance“: Lizenz zum Tabubruch und das perverse Über‑Ich
Wenn autoritäre Bewegungen affektiv binden, dann nicht primär, weil sie Ordnung versprechen, sondern weil sie die Erlaubnis zum Überschreiten erteilen. In der Sprache der Psychoanalyse heißt das: Sie installieren ein perverses Über‑Ich, dessen Imperativ nicht „Du sollst nicht!“, sondern „Genieße!“ lautet. Žižek hat diese Figur des obszönen Über‑Ichs systematisch für die politische Theorie fruchtbar gemacht: Autoritäre Führer inszenieren die Grenzüberschreitung selbst – in Sprache, Geste und Regelbruch – als Quelle des kollektiven Genusses und laden die Gefolgschaft performativ zur Teilhabe ein (Žižek, 2001). Diese Jouissance ist kein harmonischer Lustgewinn, sondern ein exzessiver, bis zur Schmerzgrenze reichender Genuss an der Übertretung – ein „Mehr“‑Genuss, der gerade in der normverletzenden Geste liegt (Žižek, 2001; vgl. auch Žižek, 2024).
Psychoanalytisch gesprochen veräußern die Subjekte hierbei moralische Instanzen an die Führungsfigur: Das Ich‑Ideal wird externalisiert, während aggressive Impulse „legitimiert“ und kollektiv entbunden werden. In der soziologischen Rezeption des Freudschen Über‑Ich‑Konzepts ist dieses Umschalten gut beschrieben: Neben fürsorglichen gibt es sadistische, rigide und megalomanische Konfigurationen des Über‑Ichs; in Gruppenbildungen kann das Ich die omnipotente Größe der Institution oder des Führers als „Super‑Ego“ usurpieren – mit entsprechend rücksichtslosen Effekten (King & Schmid Noerr, 2020). In autoritären Kontexten trifft diese Dynamik auf eine Öffentlichkeit, die – affektiv aufgeladen – weniger nach Wahrheit als nach Erlaubnis zur Enthemmung verlangt. Der Führer dient dann als „Affekt‑Bank“: Wer ihm folgt, darf genießen, was sonst verboten bleibt. Dass sich kollektive Identität an Hass und Demütigung wärmt, zeigt Darian Leader in seinem Vorwort zu Political Jouissance: Politische Feindschaft verschafft eine lustvolle, zusammenschweißende Empörung – „wir lieben es zu hassen“ – die analytisch ernst zu nehmen ist, ohne dadurch politisches Engagement zu delegitimieren (Leader, 2024).
Pervertiertes Containing: Die Alchemie, Angst in lustvollen Hass zu verwandeln
Bions Gedanke des Containment lässt sich politisch so übersetzen: Reife Führung nimmt rohe, überflutende Affekte auf, symbolisiert sie und gibt sie in verdaulicher, denkbarer Form an die Gemeinschaft zurück. Die Logik des zeitgenössischen Autoritarismus verkehrt diese Funktion: Er „enthält“ Ängste nicht, um sie zu mentalisieren, sondern spitzt sie zu, kanalisiert sie auf Sündenböcke und wandelt so Unlust (Angst, Ohnmacht, Scham) in lustvolle Aggression um – in eine süchtig machende Jouissance der Transgression (vgl. Diamond, 2023; Zienert‑Eilts, 2020). Diese Perversion der Containing‑Funktion lebt davon, dass eine Gemeinschaft immer zugleich durch Gewalt und Identifikation zusammengehalten wird – eine Spannung, die Freud bereits im Briefwechsel mit Einstein markiert: Kollektive Ordnung ist „Gewalt in anderer Form“ und zugleich durch Identifikationen verkittet; alles, was emotionale Bande wachse, wirke gegen Krieg – also gegen enthemmte Destruktivität (Levine, 2022).
Aus dieser Spannung schlägt autoritäre Politik Kapital. Sie „sakralisiert“ Sache, Führer und Opferbereitschaft und tarnt – wie Chetrit‑Vatines Begriff der jouissance um jeden Preis nahelegt – die Suche nach Genuss als Pflicht der Verteidigung des Heiligen (Levine, 2022). Der Genuss wird damit moralisch aufgeladen: Wer genießt, indem er normbricht, fühlt sich zugleich gerechtfertigt. Genau hierher gehört das Parade‑Narrativ der „gestohlenen Jouissance“: Man habe „uns“ unseren Genuss, unsere Lebensweise, unsere Würde geraubt; autoritäre Politik verspricht, ihn durch Demütigung der „Täter“ zurückzuerobern (Žižek, 2001).
Ritual, Rhetorik, Szene: Wie Jouissance kollektiv erzeugt wird
Die Jouissance der Transgression ist kein bloßes Inneres; sie braucht Bühne, Form und Wiederholung. Massenevents, Sprechchöre, „Running Gags“, die kalkulierte Obszönität, die wiederholte Lüge, das bewusste Missachten institutioneller Etikette – all das fungiert als Generatoren affektiver Synchronisierung. Die politische Rede zielt dabei weniger auf Überzeugung als auf Körper: Der Lustreiz liegt im Sagen des Unsagbaren, im Lachen über die Demütigung, im erleichternden „Endlich‑sagt‑es‑jemand“. So entsteht, was Žižek „obszöne Solidarität“ nennt: eine Kollektivbindung, die gerade aus der geteilten Grenzüberschreitung Nahrung bezieht (Žižek, 2001).
Entscheidend ist die Materialität dieser Ideologieproduktion. Žižek hat das als „materielle Existenz der Ideologie“ gefasst: Rituale, Apparate, Gesten und Praktiken „tragen“ die Überzeugung – auch dann, wenn niemand „wirklich“ glaubt. Man handelt als ob, delegiert den Glauben an den Anderen, und eben dadurch „funktioniert“ die Ideologie (Žižek, 2024). Ein Sprechchor („lock her up!“), das gemeinsame Handzeichen, das Teilen eines Memes – sie alle sind Handlungen, die den affektiven Mehr‑Genuss sedimentieren. Darian Leader weist ergänzend darauf hin, wie sehr kollektive Empörung sich selbst steigert: je vehementer „wir“ die Gegner brandmarken, desto stärker der Genuss am gemeinsamen Hassen (Leader, 2024).
Ritual und Rhetorik sind damit nicht Beiwerk, sondern Produktionsmittel einer affektiven Ökonomie. Je sichtbarer die Empörung „der anderen“ (Medien, „Eliten“), desto höher die Rendite: Die Entrüstung des Gegners bestätigt den eigenen Tabubruch, verstärkt den eigenen Genuss und bindet die Gruppe enger. In dieser Logik wird die Kritik des Gegners zur Quelle des eigenen Antriebs.
Digitale Infrastrukturen der Jouissance: Memes, Feedback‑Schleifen, delegierter Glaube
Die digitale Öffentlichkeit skaliert diese Ökonomie. Algorithmen privilegieren Affekt, Polarisierung und Wiederholung – genau jene Grammatik, in der Jouissance gedeiht. Die Struktur, die Žižek an Pascal illustriert („handle, als ob, und der Glaube stellt sich ein“), findet im Netz ihr Massenpendant: Wir posten, liken, teilen – oft ohne festen Glauben –, aber der Vollzug selbst lagert Überzeugung aus und speist kollektive Gewissheiten (Žižek, 2024). Das Credo wird zur Praxis, die Praxis zur Gewissheit, die Gewissheit zur Identität.
So entstehen communities of enjoyment: Feeds, in denen sich Feindbilder verfestigen, Witze und Chiffren zu Zugehörigkeitsmarkern werden, und die jedes „falsche“ Fact‑Checking als Affront genießen. Die digitale Szene liefert fortlaufend Reize – kleine „Stiche“ (tickles), die, wie Andrea Perunović im Band Political Jouissance zeigt, vom Kitzeln zur „Benzinlache“ werden können: Misstrauen verschiebt sich in einen alles erklärenden Affekt, der den Genuss an der Verdächtigung selbst bereitstellt (Perunović in Barria‑Asenjo & Žižek, 2024).
Fallformen des Politischen: Hyper‑Royalismus, Totalitarismuskritik und das Versprechen der Allmacht
Konkrete Konfigurationen politischer Jouissance variieren kulturell. Pavin Chachavalpongpun beschreibt „Hyper‑Royalismus“ in Thailand als spezifische Modalität: Die Monarchie fungiert als fokaler Ort des Genusses – emotional, symbolisch, rituell –, an dem Loyalität, Selbstopfer und Aggression gegen Kritiker verkoppelt werden. Das Lächeln der „Land of Smiles“-Erzählung trifft auf eine harte, genussförmige Sakralisierung, die Dissens als Entweihung markiert (Chachavalpongpun in Barria‑Asenjo & Žižek, 2024).
Auf der anderen Seite hat die liberaldemokratische Kritik am „Totalitarismus“ häufig die Funktion eines ideologischen Antioxidans: Sie neutralisiert „freie Radikale“ des Denkens, indem sie radikale Projekte vorschnell unter Gulag‑Verdacht stellt (Žižek, 2001). Für unsere Fragestellung ist das relevant, weil die Macht der autoritären Jouissance nicht nur von innen (durch Angst‑in‑Hass‑Umwandlung), sondern auch von außen (durch entwaffnende Gegenüberhöhungen) stabilisiert wird: Wo Widerspruch nur moralisierend kontert, liefert er Affekt‑Nahrung, statt Bindungen umzucodieren.
Die destruktiv‑symbiotische Passung: Angebot trifft Nachfrage
Setzt man diese Angebotsseite in Beziehung zur in Teil III (Kap. 3) rekonstruierten Nachfragelogik – gekränkte Freiheit, Ressentiment, Externalisierung von Scham –, ergibt sich das Bild einer passgenauen, destruktiv‑symbiotischen Kopplung. Autoritäre Führer „lesen“ die unbewussten Nöte – Validierung, Externalisierung, Ermächtigung, Gemeinschaft, Genuss – und bedienen sie mit hoher Präzision. Das Resultat ist ein libidinaler Tausch: reale Ohnmacht gegen imaginierte Allmacht; materielle Verluste gegen psychische Gewinne; Ambiguitätslast gegen Gewissheitsgenuss.
Diese Tauschrelation erklärt die Elastizität autoritärer Bindungen gegenüber Fakten und Kosten‑Nutzen‑Argumenten. Wo das psychische Einkommen aus Jouissance die buchhalterische Bilanz übersteigt, verpufft rationale Kritik. Und sie erklärt den Rebound‑Effekt moralisierender Interventionen: Wer der Bewegung die Transgression neidet, stellt sich selbst als Garant ihrer weiteren Lustproduktion zur Verfügung.
Zwischenfazit: Das Angebot autoritärer Jouissance als Produktionsregime
Die affektive Grammatik des Autoritarismus lässt sich so als Produktionsregime beschreiben:
(1) Rohstoff sind diffuse Ängste und narzisstische Kränkungen;
(2) Veredelung leistet das pervertierte Containing, das Angst in Hass verwandelt;
(3) Formgebung übernehmen Rituale, Rhetoriken und digitale Infrastrukturen;
(4) Distribution erfolgt über Szenen der Transgression, die Jouissance in Serie liefern;
(5) Reinvestition geschieht über die Empörung der Gegner, die den Genuss zyklisch steigert.
In Freuds Begriffen: Gemeinschaften werden durch Gewalt (als jederzeit abrufbare Möglichkeit) und Identifikation (als affektive Verklebung) zusammengehalten; politisch organisierte Jouissance erfüllt beides zugleich, indem sie Aggressionen bündelt und Identifikationen stiftet (Levine, 2022). In den Begriffen der Sozialpsychologie des Über‑Ichs: Was als innere Instanz strafen, schützen und orientieren sollte, wird externalisiert, aufgeblasen, delegiert – und als megalomanes Kollektiv‑Super‑Ego genossen (King & Schmid Noerr, 2020). In der politischen Diagnose des Jouissance‑Diskurses: Die „Materialität der Ideologie“ zeigt sich in Praktiken, die Glauben tragen, ohne ihn zu benötigen – und gerade so affektive Loyalität erzeugen (Žižek, 2024; Leader, 2024).
Aus Worten werden Taten – Der Fall AfD
Korpus, Methode und formale Hypothese: AfD‑Rhetorik als Organisation von jouissance
Der hier ausgewertete Korpus dokumentiert wörtliche Äußerungen von Abgeordneten der AfD‑Fraktion im Bayerischen Landtag (18. Legislaturperiode, 2018–2023), einschließlich protokollierter Plenarreden, Aschermittwochs‑Reden und einschlägiger Social‑Media‑Beiträge, die in Plenardebatten thematisiert wurden. Die Edition weist Sitzungs‑ und Seitenangaben der Landtagsprotokolle aus und kontextualisiert Zitate mit knappen Einordnungen zu semantischen Feldern („ethnisch homogener Volksbegriff“, „Remigration“, „Gleichsetzung von Geflüchteten mit Kriminellen“ etc.). Sie ist als Primärmaterial von besonderem Wert, weil sie die performative, nicht nur propositionale Dimension der AfD‑Rede sichtbar macht—jene Form des politischen Sprechens, die libidinöse Investitionen weckt und bündelt, bevor sie kognitive Zustimmung erzwingt (Schuberl, 2025).
Die zentrale Hypothese dieses Kapitels ist formal: Autoritarismus lässt sich in der AfD‑Rhetorik genauer als Affekt‑Ökonomie des Genießens beschreiben denn als Summe politischer Positionen. Das begriffliche Fundament liefern Lacans Bestimmung der jouissance als exzessivem, oft schmerz‑nahen Genuss jenseits des Lustprinzips, und Žižeks politischer Anschluss: Ideologien greifen, wenn sie die Dimension des Genießens mobilisieren—über die Neidfigur der „fremden Lust“, die uns bedroht, und die Befehlsform des perversen Über‑Ichs: „Genieße!“ (Žižek & Barria‑Asenjo, 2024, S. 1–3, 20–22). In diesem Sinn ist jouissance keine Zutat, sondern Formursache (causa formalis) des Geschehens: Sie strukturiert die Szene, auf der die Inhalte überhaupt affektiv verfangen.
Methodisch bedeutet das: Wir lesen AfD‑Texte formanalytisch nach Modi der Lustorganisation—Transgression, Obszönisierung, sadistische Entladung, Phantasma der „gestohlenen jouissance“—und befragen die diskursiven Trigger („Remigration“, „Bevölkerungsaustausch“, „Messerfachkräfte“) daraufhin, wie sie Affekte bündeln. Psychoanalytisch lässt sich dies als Externalisierung und Projektion superegoischer Gewalt deuten, die im Kollektiv enthemmt wird (King & Schmid Noerr, 2020, S. 741–744, 753). Der heuristische Gewinn gegenüber sozioökonomischen Erklärungen (Anxiety, Backlash) liegt darin, dass die spezifische Form der Affekte—ihr Überschuss, ihre Lust—verständlich wird.
Remigration, „Bevölkerungsaustausch“ und das Phantasma der „gestohlenen jouissance“
Kaum ein semantisches Feld kondensiert die libidinöse Grammatik der AfD so präzise wie „Remigration“. Semantisch wird der Begriff als technische Verwaltungsformel maskiert; funktional ist er ein Euphemismus für ethnische Säuberung, verknüpft mit der Lüge vom „Bevölkerungsaustausch“ (Schuberl, 2025, S. 344–347). Bereits Anfang 2019 markiert Christoph Maier vor dem Landtag den Kipppunkt: „Remigration vor Integration. […] Dies ist deshalb auch eine der zentralen Forderungen der AfD“—und rahmt sie „kulturalistisch“ über „Kompatibilität“ und „quantitative Grenzen“ (7. Sitzung, 31.1.2019) (Schuberl, 2025, S. 38–41). Die Form des Arguments ist entscheidend: Integration wird nicht als politisches Programm verhandelt, sondern als Grenzmetaphorik eines imaginär homogenen Körpers; Abweichung erscheint als Ansteckung, Dichte, Überdehnung—Affekte der Verunreinigung, die in Lacanscher Terminologie das Begehren nach einer phantasmatischen Reinheit mobilisieren.
Die Steigerungslogik kulminiert dort, wo „Remigration“ in Größenordnungen gedacht wird, die den administrativen Vorwand sprengen. Die bayerische „Resolution für Remigration“ (24.11.2024) visiert ein „Staatsziel einer umfassenden Remigration im Millionenbereich“ an—programmtheoretisch rückgebunden an ein „autochthones Volk“ (Schuberl, 2025, S. 344–347). Indem der Text „autochthon“ kontra „durch Einwanderung entstandene“ Völker setzt, konstruiert er eine Figur der Reinrassigkeit und macht Zugehörigkeit von „Blut“ abhängig (Schuberl, 2025, S. 35–37). Der Pleonasmus im Politischen—Verrechtlichung einer anthropologischen Fiktion—ist bereits jouissance‑affin: Er verspricht rückwirkend eine Befreiung vom Mangel, eine Wiederherstellung der verlorenen Ganzheit, genau jene phantasmatische Vollkommenheit, die Lacan an den „Objekt‑a“‑Kreislauf bindet (Žižek & Barria‑Asenjo, 2024, S. 20–22).
Explizit verbindet die AfD den „Bevölkerungsaustausch“ mit der Lesart eines Diebstahls. Ihre bayerische Fraktion postet am 28.06.2023: „Austausch der Bevölkerung schreitet rasant voran […]. Die Lösung heißt Remigration und Abschiebung nicht berechtigter Migranten!“ (Schuberl, 2025, S. 74–76). Kurz darauf fordert Maier: „Tauschen wir die Regierung aus, bevor sie das Wahlvolk austauscht!“ (Januar 2023) (Schuberl, 2025, S. 76–78). Die formale Pointe dieser Sätze liegt in der Verschiebung vom Demografischen zum Souveränitäts‑Genuss: „Das Wahlvolk“—das vermeintliche Subjekt der Entscheidung—erscheint als Objekt einer fremden Verfügung. Genau darin liegt, Žižek zufolge, die Funktionsweise der „gestohlenen jouissance“: Der Andere (Migranten, „Eliten“) scheine nicht nur Güter, sondern unseren Genuss usurpiert zu haben; politische Aggression inszeniert sich als legitime Rückeroberung dieses Genusses (Žižek & Barria‑Asenjo, 2024, S. 1–3, 20–22).
Wie intensiv diese Szene affektiv aufgeladen ist, zeigt die Rhetorik des Politischen Aschermittwochs 2023 (Ebner‑Steiner): Eine „Zeitreise“ führt in die „Bunte Republik — nie wieder Deutschland“, Regierungsgeschäfte würden „aus Brüssel und Washington“ erledigt (22.2.2023) (Schuberl, 2025, S. 75–76). Die Erzählform arbeitet mit Endzeitfantasien und „Verlust der Eigenmacht“, die—psychoanalytisch gelesen—die libidinöse Zuladung liefern, um den Tabubruch (Remigration im Millionenmaßstab) als Akt süßer Rache zu erleben. Auf dieser Bühne kann auch die Forderung nach institutioneller Verankerung des Programms („Remigrationspolitischer Sprecher“, „Remigrationsbeauftragter“) als Lust auf Ordnung erscheinen, während sie zugleich eine Lust an der Maßlosigkeit performiert (Schuberl, 2025, S. 36–38).
Dass diese jouissance von Anfang an obszön‑superegoisch codiert ist—„Genieße den Regelbruch!“—belegen die Attacken gegen die verfassungsrechtliche Semantik selbst: „Volksfeinde“, „Herrschaft des Unrechts“, „sichere Grenzen“ als moralischer Imperativ (136. Sitzung, 15.2.2023) (Schuberl, 2025, S. 230–233). Hier verschieben sich die Koordinaten der Normativität: Nicht das Verbot bremst die Lust, sondern der Gebotscharakter der Enthemmung treibt sie an—genau jene Logik, die Political Jouissance als pervertierten Lustgewinn in der Entsagung/Übertretung beschreibt (Žižek & Barria‑Asenjo, 2024, S. 20–22).
Die Konsequenz dieser Fantasmatisierung sind ethnische Echoeffekte. Wenn die Textur des „autochthonen Volkes“ semantisch als Homogenität gerahmt ist, wird Differenz zur narzisstischen Kränkung, die nach lustvoller Tilgung ruft. Daher fügt sich das Remigration‑Feld so reibungslos mit verwandten Tropen: „Ukrainer […] auf unserem Territorium“—ein Georaster, das Subjekte zu Körpern im Raum reduziert (Schuberl, 2025, S. 63–65). Die Karte der Affekte ist deutlich: Kränkung → Phantasma des Diebstahls → lustvolle Wiederaneignung durch Transgression. Damit wird jouissance zur Form, in der die semantische Materie („Remigration“) affektiv haftbar gemacht wird.
Kriminalisierung, Entmenschlichung und die Jouissance der Aggression
Die zweite große Trägerschicht der AfD‑Rhetorik ist die kriminalisierende Metaphorik, die Migrant*innen und Geflüchtete mit Delinquenz gleichsetzt. Der Korpus dokumentiert eine Serienproduktion diffamierender Signifikanten—„Messerfachkräfte, Messerstecher, Clankriminelle, Vergewaltiger, Millionenheer von Habe‑ und Taugenichtsen, Asylbetrüger“—bis hin zu ironischen Invektiven wie „Goldstückchen“ (Schuberl, 2025, S. 343–346). Die Funktion dieser Kette ist weniger deskriptiv als drive‑ökonomisch: Sie bietet Projektionsflächen für abgespaltene Destruktivität, die nun moralisch legitimiert als berechtigte Abwehr zurückkehren darf. King & Schmid Noerr (2020) haben diese Logik als „superegoische Externalisierung“ beschrieben: Das strafende Über‑Ich wird nach außen verlagert; der „Feind“ verkörpert unsere eigenen, unbewusst bestrafungsbedürftigen Anteile—so dass die Attacke libidinös belohnt wird (S. 742–744, 753).
Die Aggressionslizenz wird sodann ritualisiert. In der Plenarrhetorik erscheinen Kollektivformeln („Asylflut“, „Grenzflutung“), die den Einzelfall in eine Naturkatastrophen‑Imago drehen und so die Entmenschlichung besorgen (Schuberl, 2025, S. 343–346). In derselben Logik fordert Stefan Löw einen „Remigrationsbeauftragten“ und die „Rückkehr zum Rechtsstaat“, wobei „Rechtsstaat“ semantisch auf Abschiebe‑Effizienz verengt wird (34. Sitzung, 5.12.2019) (Schuberl, 2025, S. 36–38). So entsteht, was Žižek als „obszöne Solidarität“ beschreibt: Ein „Wir“, das sich über die Lust am Tabubruch—das lustvolle Sagen des Unsagbaren—konstituiert (Žižek & Barria‑Asenjo, 2024, S. 1–3).
Teils wird die Entmenschlichung offen völkisch markiert: Atzinger spricht davon, man überlasse das „Kinderkriegen lieber den Migranten“ (139. und 141. Sitzung, März 2023) und leitet daraus die Forderung nach „Remigration“ ab—nicht bessere Sprachförderung, sondern Entfernung (Schuberl, 2025, S. 20–23). Löw unterscheidet „Türken mit deutschem Pass“ von „wirklichen Deutschen“ und bezieht sich dafür instrumentell auf eine Debatte zur PKS‑Erfassung (34. Sitzung, 5.12.2019) (Schuberl, 2025, S. 37–39). Das Motiv ist konstant: Juridische Zugehörigkeit wird entwertet zugunsten einer imaginierten Ethnizität—ein klassisches Pervertierungsmanöver, in dem, psychoanalytisch gesprochen, der Fetisch (hier: der Blut‑/Herkunftssignifikant) die Kastrationsangst weißwäscht und so die Angstlust in Kampflust verwandelt (Themi, 2024, S. 133–135).
An der Grenze des Autoritären kippt die Kriminalisierungssemantik in Paramilitarisierung: die Idee, die Bundeswehr zur Grenzunterstützung heranzuziehen, wird als „Unterstützung“ normalisiert (92. Sitzung, 29.9.2021) (Schuberl, 2025, S. 54–57). Bemerkenswert ist hier die Form der Selbstversicherung: Wer diese Militarisierung kritisiert, werde zur Bestätigung des eigenen demokratischen Ethos, die AfD reklamiert dagegen „Pluralismus“—als performativer Schutzschild für das, was strukturell Exklusion ist (Schuberl, 2025, S. 54–57). Damit erfüllt sich ein Grundmuster der superegoischen Regression, das King & Schmid Noerr (2020) entlang der Frankfurter Tradition herausgearbeitet haben: megalomane Aufladung kollektiver Instanzen, die das Ich‑Ideal usurpieren und Widerspruch als moralische Schuld umcodieren (S. 743, 746).
Auf der Ebene der Affekt‑Ökonomie erklärt sich so auch die erstaunliche Resistenz gegen faktische Korrekturen. Wenn das, was an der AfD‑Rede bindet, nicht die Referenz auf Wirklichkeit ist, sondern der Gewinn an Lust—die exzessive Befriedigung, mit gutem Gewissen böse sein zu dürfen—, dann laufen Faktenchecks auf der falschen Frequenz. Žižek fasst das in eine bündige These: Die politische Bindung funktioniert, auch wenn niemand „wirklich glaubt“, solange die Praktiken des Als‑ob die jouissance am Laufen halten (Žižek & Barria‑Asenjo, 2024, S. 28–29). Genau deshalb lässt sich die AfD‑Rhetorik als Generator kollektiver jouissance beschreiben: durch sadistische Zuschreibungen, masochistische Selbstinszenierungen („wir Opfer des Systems“) und deren „pervertierte Kombinationen“ (Žižek & Barria‑Asenjo, 2024, S. 20–22).
Die formale Schließung dieser Maschine wird im Korpus offen benannt: „Die AfD strebt […] die Ersetzung der bestehenden Verfassungsordnung durch einen an der ethnischen ‚Volksgemeinschaft‘ ausgerichteten autoritären ‚Nationalstaat‘“ (Schuberl, 2025, S. 13–16). Politisch ist das eine Diagnose; affekttheoretisch ist es die Zielgestalt des Genießens: ein Fantasma der Einheit ohne Riss, das, weil es unmöglich ist, permanent neue Quellen der jouissance braucht—neue Tabubrüche, neue Feinde, neue Rituale der Demütigung. Genau hier schließt sich der psychoanalytische Bogen: Jouissance erscheint nicht als ablösbares Additiv, sondern als formale Ursache der autoritären Anziehungskraft—der Stil, in dem Inhalte überhaupt libidinal wirksam werden.
„Gestohlene Jouissance“: Feindbilder, Entlastungsphantasien und die Vorrichtung des Sündenbocks
Wenn man den AfD‑Diskurs im Licht der Jouissance liest, fällt zuerst die wiederkehrende Struktur auf, die Žižek mit Blick auf Rassismus und Nationalismus als „Neid auf die Jouissance des Anderen“ beschrieben hat: Der Andere erscheint nicht bloß als politischer Gegner, sondern als jemand, der „unsere“ Art zu genießen usurpiert und uns damit etwas stiehlt, das als unveräußerlich fantasiert wird (Žižek, 2009, S. 140–141). In dieser Logik erklärt sich, weshalb Migrant:innen, „Globalisten“ oder „Multikulturalisten“ im bayerischen AfD‑Wortmaterial nicht nur als Problemträger, sondern als genießende Usurpatoren markiert werden: Die „Globalisten und Multikulturalisten“ hätten ein „neues Volk“ geschaffen, der „deutsche Staat“ habe aufgehört, „der Staat der Deutschen zu sein“, heißt es – ein Signifikantenbündel, das nicht einfach eine politische Konfliktlage, sondern eine libidinöse Enteignungsfantasie aufruft (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 201–206).
Die gleiche Struktur zeigt sich an den wiederkehrenden Topoi „Umvolkung“ und „Bevölkerungsaustausch“. Wenn ein AfD‑Abgeordneter erklärt, „Biodeutsche“ seien „schon heute in vielen Städten ersetzt“ und es drohe eine „Selbstdemontage“ des Landes, dann verdichtet sich darin genau jene Erzählung der gestohlenen Jouissance, die den Anderen als Träger eines exzessiven, unverdienten Genusses imaginiert – und die eigene Aggression als gerechte Wiederaneignung dieses Genusses lizensiert. Dass die Formel vom „Putsch gegen das eigene Volk“ im selben Atemzug auftaucht, ist kein Zufall: Der libidinöse Verlust („man nimmt uns etwas“) wird in ein justizförmiges Narrativ übersetzt („ein Putsch wurde verübt“), das Affekt in scheinbare Moral verwandelt und so besonders genussfähig macht (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 129–133).
Solche Sündenbock‑Konstruktionen funktionieren – im Kleinschen Sinn – über Spaltung und Projektion: das „Wir“ erscheint rein, das „Sie“ als kontaminierend, gefährlich, genußsüchtig (Klein, 1946). Der Diskursausschnitt einer Kreisvorsitzenden, die eine „Völkerwanderung“ mit einer vermeintlichen „Asylindustrie“ verklammert, bietet ein Musterbeispiel: Das Leiden „der Deutschen“ wird in eine moralisch aufgeladene Gegenrechnung mit den Anderen verwandelt; die Härte der Forderung – man müsse „die Asylindustrie beenden“ – wird von der Logik der angeblich gestohlenen Jouissance getragen, die die eigene Kränkung in legitime Wut transsubstantialisiert (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 282–286). Zugleich wirken diese Formeln als „Über‑Signifikanten“ (Lacan), die kollektive Affekte kanalisieren und fixieren; ihre Effizienz liegt nicht in empirischer Adäquatheit, sondern in der libidinösen Entlastung, die sie hervorbringen.
Die Pointe der Žižek’schen Diagnose lautet, dass der symbolische Halt politischer Ideologien zuletzt von einem „unsinnigen, vor‑ideologischen Kern des Genießens“ getragen wird (Žižek, 2009, S. 170–171). Genau das belegt die AfD‑Rhetorik dort, wo sie das Feld des Politischen in eine Erbschaftsfrage der Jouissance verwandelt: Wer „unseren“ Lebensstil, „unsere“ Kinder, „unsere“ Sprache, „unsere“ Energieversorgung kontrolliert, verfügt – so der Subtext – über „unseren“ Genuss. In dem Moment, da „Remigration“ als Reparaturmaßnahme suggeriert wird, verschiebt sich das Politische vom Raum legitimer Regelkonflikte in einen quasi‑moralischen Feldzug zur Zurückeroberung des Genusses. Das ist die affektive Grammatik, die der Begriff im Parteivorfeld und – seit Ende 2024/Anfang 2025 – in offiziellen Texten bekommt (Correctiv, 2025a; AfD Bayern, 2024; Deutscher Bundestag, 2024).
Die Lizenz zur Transgression: Wie der Diskurs Jouissance organisiert
Die Jouissance der Transgression entsteht dort, wo das Gesetz – politisch: die Regeln des zivilen, pluralistischen Streits – gerade als zu überschreitende Grenze inszeniert wird. Der „Stilbruch“ wird zum Lustgenerator. Im bayerischen Material tritt das ungeschminkt hervor: „Sturm des Volkes“ statt parlamentarischer Mäßigung, „linksgrüne Stilbrüche“ als Feindbild, das die eigene Grenzüberschreitung legitimiert – ein semantisches Set, das nicht Programmatik, sondern Erregungsökonomie ist (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 158–163). Žižek hat dieses Moment als Kern der modernen politischen Verführung geläufig gemacht: Ideologien „halten“ nicht durch Argumente, sondern weil sie eine Prekarisierung des Gesetzes in libidinösen Gewinn verwandeln; ihre „letzte Stütze“ ist nicht Sinn, sondern überschüssiges Genießen (Žižek, 2009, S. 170–171).
Die pandemiebezogenen Passagen zeigen die gleiche Alchemie. Wenn von einem „Krieg gegen das eigene Volk“ gesprochen wird, von einer „chemischen Keule“ gegen Kinder und einer „virokratischen“ Diktatur, dann werden diffuse Ängste nicht beruhigt, sondern absichtsvoll gesteigert, um sie im nächsten Schritt in Aggressionslust umzuwandeln. Der semantische Dreischritt – Validierung, Apokalyptik, Externalisierung – ist ein Muster pervertierten Containments im Sinn Bions: Aus rohen Beta‑Affekten (Ungewissheit, Ohnmacht) wird kein symbolisierbares Wissen, sondern eine fokussierte, handlungsfähige Wut, die als moralisch gerecht und – das ist entscheidend – als lustvoll erlebt werden kann (Bion, 1962; Aus Worten werden Taten, 2025, S. 340–350; 352–359; 371–377).
Die Klimapolitik liefert ein zweites, paradigmatisches Feld. „Klimadiktatur“, „Ökofaschisten“, „grüne Planwirtschaft“ – die Attacken sind kein bloß polemisches Register, sondern Techniken, den normativen Anspruch klimabezogenen Rechts in eine erotisierte Grenzüberschreitung umzudrehen: Wer sich ihnen verweigert, genießt – jenseits des Lustprinzips – die Übertretung. Genau dies meint Jouissance als „Erotik des Negativen“, die Derek Hook für rassistische und populistische Diskurse beschrieben hat: Der Überschritt steigere den „Bonding‑Effekt“ innerhalb der Gruppe und die individuelle Erregung gleichermaßen (Hook zit. n. López‑Calvo, 2024, S. 57–58). Das bayerische Material bestätigt das, wenn die Ablehnung der Energiewende in Bilder von „Gas‑ und Strommangel“ als „ideologisch gewollt“ gegossen wird: Die eigene Opposition erscheint nicht mehr als Option unter anderen, sondern als rettende Befreiung aus einem reglementierenden Über‑Ich – und gerade das macht sie genussfähig (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 360–363; López‑Calvo, 2024, S. 57–58).
Mit der semantischen Hebung von „Remigration“ in Parteiresolutionen und Bundesdebatten verdichtet sich diese Alchemie zu einem Zentraldispositiv: Während die AfD in Berlin nach der Correctiv‑Recherche offiziell zwischen „straffälligen Ausländern“ und Staatsbürger:innen zu unterscheiden vorgibt, zeigt die bayerische „Resolution für Remigration“ (24. 11. 2024) bereits den Versuch, den Signifikanten parteioffiziell zu normalisieren und mit einer dramatisierenden Untergangsdiagnose zu verketten (AfD Bayern, 2024; Correctiv, 2025a; Deutscher Bundestag, 2024). In der Lacan’schen Perspektive entsteht hier ein „Über‑Signifikant“, der nicht trotz seiner Undeutlichkeit, sondern wegen seiner semantischen Elastizität als Generator kollektiver Jouissance funktioniert. Er erlaubt, je nach Kontext, graduell zwischen rechtlich zulässigen und offen völkischen Bedeutungen zu „schalten“ – eine klassische Form der Verleugnung im Sinn des „Je sais bien, mais quand même“: Man weiß sehr wohl, dass die radikale, vertreibungsnahe Lesart verfassungsrechtlich nicht haltbar ist, und gerade deshalb kann man sie fortwährend ignorieren und libidinös andeuten (Perunović, 2024, S. 48–49, 68–71).
Szenen der Jouissance: Performanz, Ritual und „obszöne Solidarität“
Die Affektdynamik erschließt sich nicht nur an semantischen Mustern, sondern an szenischen Arrangements. Eine ikonische Szene bildet der Eklat im Münchner Stadtrat, als Charlotte Knobloch 2019 vor dem Hintergrund zunehmenden Antisemitismus warnte und AfD‑Vertreter:innen den Saal verließen. Hier wird – im Medium des öffentlichen Skandals – ein lustvoller Tabubruch performiert: Die Verweigerung des symbolischen Kredits gegenüber einer moralischen Autorität erzeugt Bindung nach innen und Demütigung nach außen; Žižek nennt diese Kittmasse des Wir über das gemeinsame Übertreten „obszöne Solidarität“ (Žižek, 1991). Dass die Szene in der Münchner Kommunalpolitik eine lange Nachwirkung hatte, liegt weniger an ihrer argumentativen Kraft als an ihrer affektökonomischen Valenz: Jouissance in Reinform (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 98–104).
Ähnlich wirken Landtagsauftritte, in denen die AfD das Parlament explizit als Bühne der Grenzüberschreitung markiert. Der Ruf nach einem „Sturm des Volkes“ verschiebt die Szene vom Ort deliberativer Gegnerschaft in das quasi‑sakrale Theater eines bevorstehenden Ausnahmezustands; das Parlament wird – Lacan hätte gesagt: als Ort des Gesetzes – nicht nur kritisiert, sondern als zu entheiligenes Objekt inszeniert. Gerade diese sakrilegische Geste ist genussfähig, weil sie die Nähe zum Verbot feiert (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 158–163). Die pandemiepolitischen „Aktuellen Stunden“ im Deutschen Bundestag nach der Correctiv‑Recherche wiederholen die Logik im Spiegel: Während Ampel‑Redner:innen die demokratische Abwehr beschwören, weist die AfD die Vorwürfe als „völlig unbegründet“ zurück und nutzt so die Empörung der anderen als Treibstoff der eigenen Szene – das klassische Paradox der Jouissance der Transgression (Deutscher Bundestag, 2024).
Die ritualisierte Wiederholung von Signifikanten – „Klimadiktatur“, „Kartellparteien“, „Great Reset“, „Asylwende jetzt“, „virokratisches Regime“ – fungiert in diesen Szenen wie Sprechchöre. Sie erzeugen, um Darian Leader zu variieren, keine „Substanz“ des Genusses, sondern produzieren ihn performativ (Leader, 2021, S. 104–105). Ein Landtagsbeitrag, der die Bundesregierung eines „verbrecherischen Angriffskriegs gegen das eigene Land“ zeiht, verfährt genau so: Er substituiert den referentiellen Gehalt „Krieg“ durch eine affektive Metapher, die zugleich affektiv belohnt und sozial bindet – ein Äquivalent zum chanting in der Massenszene (Aus Worten werden Taten, 2025, S. 306–312).
Dass solche Szenen den Gruppenhalt steigern, erklärt Perunović’ Diagnose zur „Genussfähigkeit von Misstrauen“: Je stärker die ritualisierte Verweigerung gegenüber dem „großen Anderen“ (Staat, Medien, Wissenschaft), desto größer das Mehr‑Genießen in der Gruppe. Fetischistische Verleugnung – ich weiß sehr wohl, und gerade deshalb ignoriere ich es – macht den Raum, in dem man „ohne es zu sagen“ sagen kann, was als Tabu erlebt wird (Perunović, 2024, S. 48–53, 68–71). In der AfD‑Praxis bedeutet das: Man oszilliert zwischen Legalismus (Abschiebung Straffälliger) und Andeutung (Entzug der Staatsbürgerschaft, Druck auf „Doppelte“), um die libidinöse Rendite beider Register zu vereinnahmen. Genau das leistet die bayerische Remigrations‑Resolution, die „verfassungskonforme“ Forderungen mit völkisch codierten Semantiken verschaltet (AfD Bayern, 2024; Correctiv, 2025a).
Vom Signifikanten zur Maßnahme: „Remigration“ als Handlungsdispositiv
Die These, dass der Signifikant „Remigration“ als Generator Jouissance fungiert, wäre analytisch unvollständig, würde man seine operative Seite ignorieren. Gerade die bayerische Resolution – wie auch das Antragsbuch des Landesparteitags – zeigt die Verschaltung von Affekt und Maßnahme. „Remigration“ wird dort nicht als bloße Parole behandelt, sondern in einen Katalog aus Statusentzug, restriktiven Staatsbürgerrechtsänderungen und administrativem „Druck“ auf „Nicht‑Assimilierte“ überführt. Damit wandelt sich der Signifikant in ein Handlungsdispositiv, dessen affektiver Überschuss – die Jouissance der Transgression – den Übergang in Politik erleichtert (AfD Bayern, 2024; AfD Bayern, 2024, Antragsbuch).
Die bundespolitische Auseinandersetzung nach der Correctiv‑Recherche macht sichtbar, dass diese Verschaltung umkämpft ist. Während Gerichte und Medien über die Reichweite der in Potsdam diskutierten Pläne stritten, legten eidesstattliche Versicherungen einzelner Teilnehmender nahe, dass der Begriff faktisch auch „nicht‑assimilierte Staatsbürger“ einschließen sollte; parallel dazu begannen AfD‑Akteure in sozialen Netzwerken, „Remigration“ mit hoher Frequenz zu posten – teils in entschärfter, teils in radikaler Bedeutung (Correctiv, 2025a; Correctiv, 2025b). Dieses Changieren ist keine kommunikative Unschärfe, sondern der libidinelle Motor des Begriffs: Er erlaubt, Strenge zu insinuieren und juristische Anschlüsse offen zu halten – und genau in dieser Ambivalenz entfaltet er seine bindende Kraft.
Theoretisch lässt sich dies als exemplarische Bestätigung von Žižeks These lesen, wonach „hinter der ideologischen Bedeutung“ der „überschüssige Kern des Genießens“ die eigentliche Haltbarkeit einer Ideologie stiftet (Žižek, 2009, S. 170–171). In unserem Fall stabilisiert der Mehr‑Genuß des Tabubruchs den Signifikanten so sehr, dass er auch gegen semantische Zurückweisungen resilient bleibt: Juristische Einwände, mediale Empörung und parlamentarische Kritik werden in die Szene der Jouissance rückübersetzt – als Beweis der eigenen Wirksamkeit. Der diskursive Effekt ist ein „double bind“: Je stärker die Kritik, desto vollständiger die libidinöse Ernte. Genau dieses Paradox beschreibt die Ohnmacht rein rationaler Gegenrede (vgl. Perunović, 2024; Barria‑Asenjo & Žižek, 2024).
Zugleich zeigt der Materialbefund, dass die Jouissance nicht nur aggressiv nach „außen“, sondern auch identitär nach „innen“ wirkt. Wenn von „Kartellparteien“ und „Regierungsextremismus“ die Rede ist, entsteht ein Weltbild, in dem die eigene Gruppe als einzig legitime Trägerin der „wahren“ Jouissance erscheint – alle anderen genießen falsch oder sadistisch (gegen das Volk). Diese Inversion, die Žižek als „pervertiertes Über‑Ich“ kenntlich gemacht hat, ist politisch gefährlich, weil sie Mäßigung als Verrat codiert und Kompromiss als Entzug von libidinöser Satisfaktion (Žižek, 1991; Aus Worten werden Taten, 2025, S. 312–318; 352–359). Sie verwandelt Politik in einen permanenten Ausnahmezustand, in dem nur noch die „obszöne“ Seite des Gesetzes – die Lizenz zum Überschreiten – Anerkennung erfährt.
Damit ist der Übergang von der Rede zur Maßnahme keine beiläufige Eskalation, sondern folgt der Binnenlogik eines Diskurses, der Jouissance als Ressource erschließt und politisch monetarisiert. In dem Maße, in dem „Remigration“ als „Lösung“ für heterogene Problemlagen – von Schulen bis Sozialpolitik – in sozialen Netzwerken und auf Parteitagen repetiert wird, verfestigt er sich als universales Objekt a der Bewegung: ein Leerform‑Signifikant, der das Begehren in Umlauf hält, ohne sich in eine überprüfbare Problem‑Lösungs‑Relation zu zwingen (Correctiv, 2025b). Diese leere Form ist – aristotelisch gesprochen – die causa formalis des autoritären Angebots; sein „Stoff“ (causa materialis) sind reale Ängste und Kränkungen; die „bewegende Ursache“ (causa efficiens) sind die performativen Szenen der Transgression; die „Zweckursache“ (causa finalis) ist die libidinöse Wiederherstellung durch den gemeinsamen Tabubruch. Und so erklärt sich, warum die semantische Elastizität des Begriffs kein Defizit, sondern die Bedingung seiner politischen Potenz ist.
„Die Bühne der Transgression“: Parlamentarische Performances als Generatoren von jouissance
Wer den bayerischen Landtag in den Jahren 2018–2023 als bloßen Ort argumentativer Auseinandersetzung liest, verfehlt die affektive Dramaturgie, die die AfD dort systematisch etabliert. Der Plenarsaal fungiert als Bühne, auf der eine lustvolle Normverletzung—die performierte Überschreitung—inszeniert und für Social‑Media‑Clips ästhetisiert wird. In der von Toni Schuberl zusammengetragenen, reich belegten Materialsammlung ist diese Dramaturgie explizit benannt: Die AfD nutze das Parlament „als Bühne, um mit demokratieverachtenden Aussagen Aufmerksamkeit zu erregen, bewusste Tabubrüche zu inszenieren“ und diese als provokante Videos zu distribuieren (Schuberl, 2025). Diese Inszenierungslogik zielt nicht auf deliberative Erkenntnisgewinne, sondern auf affektive Rendite. In lacanianischen Begriffen handelt es sich um die Erzeugung einer jouissance der Transgression, deren „Mehr‑Genuss“ sich gerade im Bruch mit zivilisatorischen Sprach‑ und Verhaltensnormen einstellt (Barria‑Asenjo & Žižek, 2024).
Der semantische Kern dieser Performances besteht in der wiederholten Markierung eines ethnisch verengten Volksbegriffs, im obsessiven Narrativ eines drohenden „Bevölkerungsaustauschs“ und in der Eskalation gegenläufiger Feindbilder—vor allem gegen Musliminnen und Geflüchtete. So wird im Landtag die „Remigration“ als „zentrale Forderung“ einer „identitären“ Politik proklamiert. Christoph Maier formuliert dies im Januar 2019 im Plenum als Leitlinie: „Remigration vor Integration“—unterlegt mit einer Hierarchie von „Kompatibilitäten“, die Musliminnen pauschal als problematisch markiert (Schuberl, 2025). Die gleiche Bewegung—Affekte zu verdichten, die Komplexität zu spalten und den Genuss an der Demütigung des Anderen zu mobilisieren—zeigt sich in der systematischen Entmenschlichung der Adressierten: in der vom Band wiederkehrenden Etikettierung als „Messerstecher“, „Clankriminelle“, „Asylbetrüger“ oder „Millionenheer von Taugenichtsen“ (Schuberl, 2025). Der Reiz dieser Vokabeln liegt nicht in ihrer Informationsleistung, sondern in ihrem affektiven Überschuss: Sie gestatten—und erheischen—ein Lachen, ein Raunen, ein gemeinsames Schaudern, das die Gruppe der Anwesenden als Kollektiv des „Wahren“ und „Anständigen“ zusammenschweißt.
Zentral für diese Affektökonomie sind Fantasien, die gesetzte Grenzen erst aufladen, um sie dann lustvoll zu überschreiten. Wenn Oskar Atzinger im März 2023 vor einer „Umvolkung“ warnt und die Ganztagsbetreuung als Mittel „gegenzuwirken“ preist, verschiebt er Kinder‑, Familien‑ und Bevölkerungspolitik in einen mythisch‑biopolitischen Bezugsrahmen, in dem der Körper der Nation—als vermeintlich „autochthon“—gegen „Fremde“ verteidigt werden müsse (Schuberl, 2025). Die gleiche Szene findet sich in Atzingers Narrativ, „das Kinderkriegen [bleibe] den Migranten überlassen“—eine Formulierung, die zugleich eine unsichtbare „lenkende Hand“ insinuiert und das ethnisierende Schema bekräftigt (Schuberl, 2025). Auf der Ebene der affektiven Ökonomie erzeugt diese symbolische Überzeichnung ein „Mehr“ an Erregung: Wer sich als Opfer eines stillen, von „oben“ gesteuerten Bevölkerungsexperiments imaginiert, gewinnt durch den Tabubruch im Plenum das Gefühl eines heroischen Gegenschlags. In Žižeks Terminologie wird damit die Figur der „gestohlenen jouissance“ aktiviert: Die Anderen hätten „uns“ unseren Genuss (Würde, Ordnung, Identität) genommen—die Grenzüberschreitung dient als erotische Rückeroberung (vgl. Barria‑Asenjo & Žižek, 2024).
Dazu passt die wiederkehrende Verschiebung von Angst in Aggression, die wir—klinisch gesprochen—als Perversion der Containment‑Funktion lesen können: Nicht Beruhigung, sondern Erhitzung; nicht Übersetzung in symbolisierbare Problemlagen, sondern Eskalation zum Feindbild (King & Schmid Noerr, 2020). So verlangt Stefan Löw bereits 2019 nach einem eigenen „Remigrationsbeauftragten“ und stilisiert jede ablehnende Reaktion der demokratischen Fraktionen zur vermeintlichen „Unterstützung illegaler Zuwanderung“—eine argumentative Totalisierung, die die Realität auf ein binäres Begehren „für oder gegen uns“ reduziert (Schuberl, 2025). In derselben Logik werden deutsche Staatsbürger*innen mit Einbürgerung systematisch als „Türken mit deutschem Pass“ von der Kategorie „Deutsche“ separiert—ein klassischer Fall von Spaltung und Projektion, der die Lust am moralisch legitimierten Ausschluss steigert (Schuberl, 2025).
Die konsequente Pointe lautet: Nicht trotz, sondern weil diese Äußerungen Normen verletzen, produzieren sie das, was das jouissance-Modell politisch erklärt—einen kollektiv geteilten, überschießenden Genuss am Tabubruch. Dieser hebt die rationalen Einwände von selbst auf; er schafft ein Kollektiv, das sich über die Lust an der Grenzverletzung selbst erkennt, konstituiert und befestigt (Barria‑Asenjo & Žižek, 2024).
„Remigration“ als Objekt der Begierde: Vom Schlagwort zur affektiven Organisationsform
„Remigration“ ist in der hier analysierten AfD‑Rhetorik mehr als ein politischer Forderungsbegriff. Sie fungiert als Objekt‑Ursache des Begehrens (objet a) der Bewegung: als prägnante Figur, die auf einer imaginären Ebene den Verlust „unserer“ Ordnung, „unserer“ Reinheit, „unserer“ Zukunft zu reparieren verspricht—und daraus die Kraft bezieht, andere Vorhaben zu überblenden. Schon in der 18. Legislaturperiode wird „Remigration“ wiederholt als Leitidee gesetzt; im Januar 2019 spricht Christoph Maier im Plenum von der „zentralen Forderung“ und begründet sie mit „kultureller Distanz“ und angeblich geringer Integrationsfähigkeit „muslimisch geprägter Kulturkreise“ (Schuberl, 2025). In sozialen Medien und Reden koppelt die Fraktion den Begriff immer wieder an die Verschwörungserzählung des „Bevölkerungsaustausches“—etwa in einem Facebook‑Post vom 28. Juni 2023, der von einem „rasant“ voranschreitenden „Austausch“ spricht und Muslime als Hauptquelle einer vermeintlichen „Stürmung“ des Sozialstaats markiert (Schuberl, 2025).
Die spätere, fast einstimmige Parteitagsbeschlusslage, eine „umfassende Remigration im Millionenbereich“ zum „Staatsziel“ zu erklären, zeigt ex post, was im Landtagsmaterial als affektiver Subtext bereits greifbar war: Es geht nicht um die verhältnismäßige Rückführung Ausreisepflichtiger, sondern um eine ethnopolitische Neuordnung, die „autochthone Völker“ zu schützen vorgibt (Schuberl, 2025). Dass die Zahl der tatsächlich Ausreisepflichtigen die geforderte Dimension bei weitem nicht trägt, entlarvt die Forderung als affektives Totalitätsprojekt: Ihre Funktion liegt in der libidinösen Verdichtung eines Kollektiv‑„Wir“ gegen ein phantasmatisches, moralisch entwertetes „Sie“. Die Materialsammlung macht zudem den ideengeschichtlichen Anschluss kenntlich: Der Begriffsimport aus der „Identitären Bewegung“ und die Parallelanmutungen an frühe völkische Programmatiken werden im Dossier ausdrücklich belegt (Schuberl, 2025).
Das erklärt die doppelte Dynamik, mit der „Remigration“ wirksam wird: Erstens als Kondensationskern unterschiedlicher Ressentiments (Überfremdung, Islamisierung, Sozialstaat‑Missbrauch), zweitens als Mobilisierungsbefehl des obszönen Über‑Ichs. In psychoanalytischen Begriffen verschiebt sich das Über‑Ich hier in seine „obszöne“ Variante, die nicht nur verbietet, sondern zum Genießen auffordert: „Genieße den Ausschluss!“ (King & Schmid Noerr, 2020; vgl. Barria‑Asenjo & Žižek, 2024). Deshalb bildet sich um „Remigration“ eine affektive Ökonomie, in der die Anhänger*innen den Vollzug der Transgression selbst genießen—die lustvolle Aufkündigung universaler Gleichheit—und deshalb auch materielle oder rechtliche Einwände abperlen. So erklärt sich, dass selbst technische Vorstöße (Schaffung eines „Remigrationsbeauftragten“ usw.) die gleiche Erregungsqualität erzeugen wie grobe Verbaltransgressionen: Sie signalisieren Ernstfall, Handlungsmacht, die Wiederkehr des Grenzziehenden (Schuberl, 2025).
Konsequent verstärkt das Dossier die dokumentarische Diagnose, dass die AfD Remigration aus dem rechten Vorfeld importiert, in ihr parlamentarisches Vokabular überführt und zum identitätsstiftenden Signum ihrer Politik macht (Schuberl, 2025). In der Logik der jouissance ist das plausibel: Der Begriff verspricht eine „Reinigung“ durch Exzess—eine fiktive Rücknahme der demütigenden Gegenwart in eine re‑ethnisierte Ordnung. Gerade dieser Exzess ist die Belohnung.
„Aus Worten werden Taten“: Affektbrücken zwischen Entmenschlichung, Autoritätslust und Gewalt
Die Titelformel der Sammlung—Aus Worten werden Taten—ist programmatisch gewählt. Sie behauptet nicht einen linearen Kausalnexus, sondern beschreibt eine sozialpsychische Brücke, über die sich affektive Dispositionen in Handlungskorridore einschreiben. Der Band rahmt dies explizit: Er wolle die „dokumentierte Grundlage“ liefern, um zu zeigen, wie die AfD „als parlamentarischer Brandstifter“ ein Klima schafft, in dem der demokratische Rechtsstaat delegitimiert und Menschenwürde systematisch relativiert wird (Schuberl, 2025).
Drei Aspekte des Materials tragen diesen Befund:
(1) Die Normalisierung des Entzugs von Subjektstatus.
Wer—wie wiederholt belegt—Flüchtlinge und Migrantinnen routiniert als „Messerstecher“, „Asylbetrüger“ oder „Millionenheer von Taugenichtsen“ rahmt, entzieht ihnen im Diskurs jenen Status, der sie als Trägerinnen unbedingter Würde erscheinen lässt (Schuberl, 2025). In Adornoscher Diktion wäre dies die „kalte“ Vorstufe praktischer Gewalt; in der Sprache der Psychoanalyse ein Schritt vom symbolischen zum imaginären Anderen als Verfolgungsfigur. King & Schmid Noerr erinnern daran, dass superegoale Pathologien nicht als „Ausnahme“ zu begreifen sind, sondern als gesellschaftlich normalisierte Formen strenger, oft sadistischer Gewissensansprüche gegen das Selbst und die Anderen (King & Schmid Noerr, 2020). Im hier beobachtbaren Modus verschiebt sich diese Strenge in eine kollektiv ermächtigte Grausamkeit: Der imaginierten Gefahr darf mit „harter Hand“ begegnet werden; die Überschreitung erscheint als moralische Pflicht—und genau darin liegt ihr Genuss.
(2) Die Verknüpfung von Elitenparanoia und Erlösungsversprechen.
Zahlreiche Beiträge koppeln „Bevölkerungsaustausch“ an die Vermutung eines orchestrierenden „Allparteienkartells“, eines „Great Reset“, einer irgendwie zentral gesteuerten Umgestaltung, der „Bunte[n] Republik—nie wieder Deutschland“ (Schuberl, 2025). In dieser Fantasie erhält die eigene Aggression einen Heiligenschein: Sie gilt nicht als Attacke, sondern als Reparatur. Lacanianisch gesprochen: Der Andere wird als derjenige konstruiert, der „zu viel genießt“—und deshalb muss man ihm sein (gestohlenes) Mehr des Genusses austreiben (Barria‑Asenjo & Žižek, 2024). Auf dieser affektiven Grundlage werden Maßnahmen—von Abschiebekampagnen bis zu pauschalen Entrechtungen—nicht als exzessiv erlebt, sondern als Wiederherstellung eines moralischen Gleichgewichts. Dass sich diese Logik in parlamentarische Form kleidet, verschärft ihre Wirksamkeit: Der Exzess wird zum legitimen Programm, zum Antrag, zur Verordnung—und damit anschlussfähig für Alltagspraxen (Schuberl, 2025).
(3) Die strategische Positionierung als „parlamentarischer Brandstifter“.
Die eingangs zitierte Diagnose, die AfD gieße „Öl ins Feuer“, erhält im Schlusskapitel einen justiziellen letzten Satz: Die dokumentierten Aussagen reichten—so die Argumentation—bereits für die Prüfung eines Verbotsverfahrens; aus Worten würden erfahrungsgemäß dort Taten, wo Größe, Anschlussfähigkeit und personelle Vernetzung etabliert sind (Schuberl, 2025). Die Anrufung der Taten—Halle, Hanau, der Mord an Walter Lübcke—unterstreicht, dass die Brücke empirisch tragfähig ist: nicht als deterministische Linie, aber als signifikant erhöhter „affektiver Luftdruck“ im Raum der Möglichkeiten (Schuberl, 2025).
Psychoanalytisch lässt sich das als Doppelbewegung beschreiben: Zum einen agiert die Führung als „pervertierter Container“, der diffuse Angst nicht bindet, sondern zu aggressiver jouissance transformiert; zum anderen internalisieren die Anhänger*innen ein obszönes Über‑Ich, das zur Grenzverletzung kommandiert—Genieße den Tabubruch, genieße die Demütigung des Feindes! (King & Schmid Noerr, 2020; Barria‑Asenjo & Žižek, 2024). Das erklärt, warum rationale Gegenargumente so häufig ins Leere laufen: Sie adressieren das Ich als Träger rationaler Erwägung, während die Bindung an die Bewegung auf der Ebene eines lustvollen Exzesses verankert ist.
Gerade an Remigration lässt sich erkennen, wie diese Brücke funktioniert. Was formell als Migrationsverwaltung etikettiert wird, ist affektiv ein Ritual der „Reinigung“—ein symbolischer Akt, in dem das Kollektiv sich selbst als souverän erlebt. Diese Souveränität ist, streng betrachtet, imaginär; ihr „Realitätsbezug“ wird aber durch parlamentarische Aussprache, Anträge, Gesetzesvorschläge und Social‑Media‑Schnittbilder hergestellt. Genau in dieser Verknüpfung liegt das, was die eingangs zitierte Sammlung politische Auswirkungen nennt: Das Parlament schafft, indem es die Bühne für den Exzess bietet, einen normativen Sog—und eben darum wiederholen sich die gleichen Signale und Schlagworte in endlosen Variationen (Schuberl, 2025).
Angriffe auf unabhängige Medien: Die Lust am Wahrheitsbruch
Die AfD‑Rhetorik gegenüber der Presse und insbesondere gegenüber dem öffentlich‑rechtlichen Rundfunk folgt im Bayerischen Landtag einem wiederkehrenden Muster der Delegitimierung: Medien werden als „politisch‑medialer Komplex“, als „Staatsfunk“ oder als Träger „links‑grün‑lastiger Belehr‑ und Erziehformate“ gebrandmarkt (Schuberl, 2025, S. 242–245). Damit ist noch nicht alles gesagt—entscheidend ist, wie dieses Sprechen libidinal organisiert ist. In der Logik der Jouissance wird die Wirklichkeitsprüfung bewusst durch die Affektökonomie des Tabubruchs ersetzt: Man genießt, die als „Oberlehrer“ dargestellten Medien öffentlich zu entwürdigen, und man genießt es umso mehr, je deutlicher die Empörung der „Eliten“ spürbar wird. Dass die AfD‑Abgeordnete Katrin Ebner‑Steiner bereits 2018 den „politisch‑medialen Komplex“ attackierte, der „als Oberlehrer der Nation“ auftrete, ist symptomatisch für diesen libidinösen Erregungskreislauf (Schuberl, 2025, S. 243).
Theoretisch lässt sich diese Dynamik präzise mit Žižeks Bestimmung der politischen Jouissance fassen. Nicht Furcht vor Strafe hält hier die Gefolgschaft zusammen, sondern ein „pervertierter Lustgewinn“ aus der Renunziation am gemeinsamen Realitätsbezug—ein Mehrgenuss, der gerade in der Übertretung der symbolischen „Grenze“ liegt (Žižek, 2024). Schon in seiner Analyse der „materiellen Existenz der Ideologie“ betont Žižek zudem, dass Ideologien funktionieren, auch wenn „niemand wirklich glaubt“—entscheidend ist das Tun‑als‑ob, das performative Befolgen der diskursiven Rolle (Žižek, 2024). Angriffe auf Medien inszenieren daher weniger einen empirischen Wahrheitsstreit als ein affektives Ritual: Man handelt so, als ob Berichterstattung systematisch lüge; im Vollzug dieser Pose entsteht der Genuss.
In den Landtagsbeiträgen verdichtet sich diese Pose zur Verfolgungsfantasie: Ferdinand Mang spricht von „GEZ‑zwangsfinanzierten“ Medien, „manipulativer“ Berichterstattung und „Zensur“ (Schuberl, 2025, S. 255–258). Ralf Stadler erklärt, „wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert auch das Denken“, und behauptet, öffentlich‑rechtliche Anstalten wollten eine „Sprache der Unterwerfung“ installieren (138. Sitzung, 7.3.2023), womit der öffentlich‑rechtliche Rundfunk zur übermächtigen, libidinal aufgeladenen Über‑Ich‑Instanz phantasiert wird (Schuberl, 2025, S. 261). In psychoanalytischer Perspektive handelt es sich genau um jene Externalisierung des Über‑Ichs, die Vera King und Gunzelin Schmid Noerr als Signatur gegenwärtiger autoritärer Dynamiken beschreiben: moralischer Druck und Beschämung werden „nach außen“ verlegt; das Leiden am eigenen Anspruch („man müsse sich anpassen“) wird auf die angeblich bevormundenden Medien projiziert (King & Schmid Noerr, 2020).
Hier greift das zizekianische Motiv der „gestohlenen Jouissance“: Die Medien erscheinen als Instanz, die „uns“ Genuss (Wahrheit, nationale Selbstverständigung, Stolz) entzieht, während „sie“—die Eliten—„exzessiv genießen“. Das erklärt, warum die Attacke gegen die Presse nicht nur Mittel der Mobilisierung, sondern Quelle unmittelbarer Befriedigung ist. Der gemeinsame Ruf „Lügenpresse“ (auch wenn im zitierten Korpus eher Umschreibungen wie „manipulativ“, „Zensur“, „Staatsfunk“ dominieren) funktioniert als Erlaubnisschein, Scham in Aggression umzuwandeln: Der Tabubruch, öffentlich die Legitimität der vierten Gewalt zu zertrümmern, wird zur kollektiven Erregungsquelle (Žižek, 2024). Dass dieser Genussbefehl als Über‑Ich‑Imperativ erlebt wird—„Du sollst genießen!“—hat Darian Leader kultursoziologisch prägnant rekonstruiert: Moderne Kultur verschiebt den Zwang von der Entsagung zur Pflicht zu genießen; wer nicht „mitmacht“, erlebt Schuld—oder kompensiert durch aggressiven Genuss im Regelbruch (Leader, 2021, S. 95).
Die medienfeindliche Rhetorik generiert so einen libidinalen Doppelgewinn. Erstens verschafft sie narzisstische Entlastung: Man muss sich der Komplexität realer Widersprüche nicht stellen, denn die kognitive Dissonanz wird als moralische Entrüstung gegen die „Belehrungsmedien“ inszeniert. Zweitens stiftet sie „obszöne Solidarität“ (Žižek), die dadurch entsteht, dass die eigene Gruppe den Genuss des Unsagbaren teilt—etwa wenn Mang erklärt, „Manipulationstechniken der Medien“ genau zu kennen, wodurch eine eingeweihte Gemeinschaft der Wissenden performiert wird (Schuberl, 2025, S. 255–257). In dieser Ökonomie zählt nicht die Wahrheit, sondern die Stimulationskurve. Angriffe auf unabhängige Medien sind folglich kein rationales Argumentationsangebot, sondern Generatoren einer Jouissance des Wahrheitsbruchs, der in der Öffentlichkeit—und im Plenum—vollzogen wird. Genau darin liegt, psychoanalytisch betrachtet, ihre politische Effizienz.
Nationalismus und Geschichtsrevisionismus: Die Fantasie der rückeroberten Jouissance
Wo medienfeindliche Angriffe eine Gegenwelt der „wahren Realität“ performieren, zentriert der nationalistische und geschichtsrevisionistische Duktus die Frage, wer „legitim“ genießen darf. Die in den Landtagsprotokollen dokumentierten Äußerungen zeichnen ein klares Muster: Die moralische Problematisierung des NS wird relativiert; stattdessen dominiert die Gleichsetzung von Antirassismus mit ideologischem Machtinstrument „der Linken“—so bei Richard Graupner: „Was den SED‑Betonkommunisten der Faschismus war, ist […] den bundesdeutschen Linken ihr Rassismus“ (49. Sitzung, 17.6.2020) (Schuberl, 2025, S. 262). Die affektive Pointe besteht im Genuss der Umwertung: Aus der historisch belasteten Kategorie „Faschismus“ wird rhetorisch eine leere Chiffre, die man nun selbst den Gegnern zuschreibt—ohne eigene Verantwortung, aber mit maximaler Erregungsrendite.
Besonders deutlich wird die Jouissance der Transgression dort, wo Symbole der nationalsozialistischen Vergangenheit vorsichtig umspielt werden. Christoph Maier kontert eine Kritik an der ersten Strophe des Deutschlandliedes mit dem Satz: „Jeden Angriff gegen uns wegen Singen des Deutschlandliedes empfinden echte Patrioten als Ehrenbezeugung“ (17. Sitzung, 14.5.2019) (Schuberl, 2025, S. 264). Der libidinöse Ertrag liegt hier weniger im Inhalt als in der Form: Der Vorwurf wird zur narzisstischen Bestätigung umcodiert, die Peinlichkeit der Nähe zur historischen Grenzüberschreitung verwandelt sich in stolze Selbstvergewisserung. Das „Ehrenbezeugung“‑Motiv zeigt exemplarisch, wie der Genuss des Tabubruchs (das kokette Spiel mit verbotenen Signifikanten) und das „Wir“‑Gefühl zusammenfallen: Man steht „aufrecht“ gegen „die anderen“—und genießt öffentlich, dass die anderen sich empören.
Psychoanalytisch ist das die politische Variante dessen, was Žižek als Logik der „gestohlenen Jouissance“ entfaltet: Die zentrale Erzählung des Rechtspopulismus lautet—tiefenaffektiv—„sie“ hätten „uns“ unsere Lebensform und unseren Stolz gestohlen; die Wiederaneignung legitimiert daher Überschreitungen, die als „Rückeroberung“ fantasiert werden (Žižek, 2024). Im Vollzug jener „Rückeroberung“ wird Geschichtspolitik zur erotisierten Bühne. Das Motiv, den NS zu relativieren oder auf die DDR umzulenken, verschiebt die Scham in heroische Entrüstung; Schuld wird in Genuss transformiert. Hier greift der Zusammenhang von Über‑Ich und Jouissance: Nicht das Prohibitions‑Über‑Ich („Du sollst nicht!“) dominiert, sondern das perverse Über‑Ich, das imperative „Genieße!“—genieße die Unbotmäßigkeit, genieße den Tadel der „politisch Korrekten“ (Leader, 2021, S. 95; Žižek, 2024).
Erneut fungiert die Debatte nicht als Suchbewegung nach Wahrheit, sondern als Libidinalmaschine. Der short cut „Patriotismus = Ehrenbezeugung“ arbeitet wie eine fantastische Restitution: Das beschädigte Ich‑Ideal (ein stolzer deutscher Souverän) wird durch den Führer‑Ersatz „Bewegung“ regeneriert. In der Sprache der Kleinianischen Spaltungs‑ und Projektionslogik wird das „böse Objekt“—die „linken Eliten“, „Antirassisten“, „DDR‑Erben“—mit dem abgespaltenen, unerträglichen Schuldanteil des eigenen Kollektivs beladen; der Hass auf dieses Objekt wird zur „gerechtfertigten“ Lust (vgl. King & Schmid Noerr, 2020, zu den sozialen Figurationen des Über‑Ichs). Darin erklärt sich, weshalb revisionistische Drehungen nicht trotz, sondern wegen ihrer offensichtlichen Verzerrung funktionieren: Der Widerspruch triggert die Jouissance der Übertretung.
Dass die AfD‑Fraktion—so der Befund der Dokumentation—die NS‑Verbrechen „kaum erwähnt oder sogar relativiert“, zugleich aber einen chauvinistischen Nationalismus pflegt, bestätigt die Lesart einer affektiv aufgeladenen Restitutionsphantasie (Schuberl, 2025, S. 261–264). Diese Fantasie erlaubt es, demokratische Regeln als „Knebel des deutschen Volkes“ zu codieren, und verwandelt das Parlament in eine Bühne der narzisstischen Rehabilitation. Politisch ist diese Ökonomie zerstörerisch; psychisch ist sie hocheffizient, weil sie eine traumatische Leerstelle—die historische Schuld und die komplexen Gegenwartsverluste—mit dem unmittelbaren Kick der Transgression füllt.
Verletzung der Würde des Landtags: Obszöne Solidarität als Geschäftsmodell
Die Kapitelüberschrift der Dokumentation—„Verletzung der Würde des Landtags“—markiert einen letzten, für die Ökonomie der Jouissance zentralen Punkt: Die gezielte Beschädigung parlamentarischer Formen ist nicht bloß Kollateralschaden, sondern wesentliches Angebot an die eigene Anhängerschaft. Der notorische Fall aus der 22. Vollsitzung 2019, als der AfD‑Abgeordnete Ralph Müller bei der Gedenkminute für den von einem Rechtsextremisten ermordeten Walter Lübcke sitzen blieb, zeigt dies in Reinform; die Landtagspräsidentin Ilse Aigner verband den Vorfall mit dem Satz des Bundespräsidenten: „Wo die Sprache verroht, ist die Straftat nicht weit“—und verwies auf die Verantwortung, Worte maßvoll zu wählen (Schuberl, 2025, S. 305–308). Die performative Abwertung des Rituals der Trauer ist hier kein „Ausrutscher“, sondern ein libidinöser Akt: eine kalkulierte Schamlosigkeit, die das „Wir“ der Tabubrecher durch eine öffentlich sichtbare Grenzüberschreitung zusammenschweißt.
Genau diese „obszöne Solidarität“—das geteilte Wissen, „dass man so etwas eigentlich nicht macht“, und die gemeinsam genossene Übertretung—hat Žižek als Kitt rechtspopulistischer Bewegungen beschrieben: Der Genuss entsteht nicht trotz, sondern aufgrund der Skandalisierung durch das Gegenüber (Žižek, 2024). Die Würdeverletzung des Hauses ist so besehen nicht das Scheitern parlamentarischer Kultur, sondern der geplante Erfolg einer affektiven Strategie. Dass in derselben Dokumentation auch sprachliche Entgleisungen und Täter‑Opfer‑Umkehr zum Standardrepertoire gehören—„Verbrechen am Volk“ (Stadler), „Regierungsextremismus“, Vergleiche der Gegendemonstration mit „SA‑Truppen“ auf einer Kundgebung—zeigt die Breite der Grenzverletzungen (Schuberl, 2025, S. 215–217, S. 244). Das parlamentarische Setting wird bewusst in eine Bühne der Affektenthemmung verwandelt.
Die libidinale Grammatik dieser Enthemmung lässt sich mit der Bion’schen Containment‑Figur im Negativ lesen. Wo demokratische Führung Affekte aufnimmt, symbolisiert und entgiftet, operiert der autoritäre Populismus mit „pervertiertem Containing“: Er transformiert Angst in lustvollen Hass und bietet „die Lizenz zur Transgression“ an (vgl. die psychoanalytischen Linien, die wir in Kap. 2–4 gelegt haben; siehe auch die systematische Rekonstruktion des jouissance‑Begriffs bei Braunstein, 2020). Dass im hier analysierten Korpus wiederholt der Eindruck erweckt wird, die AfD sei die „einzige Opposition“, die „gnadenlos“ verfolgt werde, demonstriert den Mechanismus: Aus Beschämung wird heroische Selbstinszenierung; aus Kritik wird Treibstoff. Mang formuliert es exemplarisch, wenn er von einem „Trommelfeuer aus Hetze, Verhöhnung und Verleumdungen“ durch Medien spricht und daraus die Selbstlegitimation der Bewegung gewinnt (Schuberl, 2025, S. 255–257).
Strukturell betrachtet ist das der Punkt, an dem Über‑Ich‑Dynamiken (Scham/Schuld) in Jouissance kippen. King & Schmid Noerr zeigen, wie digital‑kulturelle Beschämungsdispositive neue Formen externer Über‑Ich‑Aufladung erzeugen, die autoritär anschlussfähig werden (King & Schmid Noerr, 2020). In der parlamentarischen Praxis wird diese Last externalisiert: Die „Würde des Hauses“ wird verachtet, damit die „Würde des Volkes“—als identitäre Fiktion—libidinal besetzt werden kann. Deshalb sind auch die vorausdeutenden Drohgesten bezeichnend: „All das, was hier vorgetragen wurde, wird dereinst auf einem Ehrenschild stehen“, und die Ankündigung, Anträge würden „in Gesetzesform gegossen, wenn Deutschland noch einmal zu alter Kraft und Stärke zurückfinden werde“ (Schuberl, 2025, S. 349–350). In der Fantasie der kommenden Macht verschmelzen politische Strategie und affektive Belohnung: Die heutige Übertretung ist die Vorlust der morgigen Vergeltung.
Die politisch‑rechtliche Pointe bringt die Dokumentation selbst auf den Begriff, wenn sie in der Schlussbewertung festhält, dass die Fraktion „planvoll“ auf die Ersetzung der freiheitlich‑demokratischen Grundordnung hinarbeite—gerichtet auf einen autoritären „Nationalstaat“ der ethnischen „Volksgemeinschaft“ (Schuberl, 2025, S. 13–16, S. 350–353). Psychoanalytisch ist dieses „planvolle Handeln“ die Makrosequenz eines libidinalen Tauschs: reale Ohnmacht gegen imaginäre Allmacht, Scham gegen Aggressionslust, parlamentarische Würde gegen obszöne Solidarität. Die Verletzung der Würde des Landtags ist deshalb nicht nur ein Normverstoß, sondern der Kulminationspunkt einer Jouissance‑Ökonomie, die den demokratischen Rahmen absichtsvoll als Bühne der Verachtung benutzt—und genau daraus ihre affektive Klebkraft bezieht.
Perspektiven einer demokratischen Gegenstrategie: Jouissance entgiften, Affekte neu organisieren
Warum Aufklärung nicht reicht: Der Primat der Form des Genusses
Wenn autoritäre Bewegungen durch „Transgressionslust“ zusammengehalten werden, dann scheitert eine Gegenstrategie, die sich auf Faktenchecks, Moralisierungen und Prozeduren beschränkt, notwendig an ihrem Objekt. Nicht weil Wahrheit belanglos geworden wäre, sondern weil das Band, das die Gefolgschaft hält, kein kognitives, sondern ein libidinöses ist. In präziser Form hat die jüngere Debatte zur political jouissance die Pointe herausgeschält: Ideologien funktionieren, auch wenn niemand „wirklich“ an sie glaubt; was zählt, ist die Praxis, die Rituale, die performative Teilnahme, durch die Glauben „ausgelagert“ wird (Žižek, 2024, S. 9–10). „Kniere nieder – und du wirst damit jemanden andern glauben machen!“ heißt es in der Zuspitzung: Handeln stiftet soziale Wirksamkeit des Glaubens, selbst wenn das Subjekt innerlich zynisch bleibt (Žižek, 2024, S. 10).
Diese Formalanalyse ist für die demokratische Praxis gravierend. Wenn autoritäre Szenen ihre Kohäsion im Akt der Grenzüberschreitung und im gemeinsamen Lachen über Demütigung gewinnen, dann wirkt die indignierte Empörung der Gegner nicht als Korrektiv, sondern als Treibstoff. Darian Leader bringt diesen Zwang zur Lust – den Über-Ich-Charakter der Genießensforderung – programmatisch auf den Punkt: „Du musst genießen – selbst wenn du nicht einverstanden bist“ (Leader, 2024, S. xvii–xxi). Das affektökonomische Resultat: Unterwerfungspraktiken werden nicht trotz, sondern wegen des Verlusts an Autonomie begehrt; Verzicht selbst liefert Mehrlust (surplus-enjoyment) (Leader, 2024, S. 21).
Dass demokratische Gegenrede so oft ins Leere läuft, ist daher kein Kontingenzproblem der Rhetorik, sondern folgt der Logik des „Genießens im Verzicht“: Repression, Regel, Tabu – sie werden nicht nur „ertragen“, sondern als Quelle einer paradoxen Lust in Anschlag gebracht. Eine Gegenstrategie, die diese libidinäre Grammatik ignoriert, verfehlt den Ort der Bindung. Sie muss, so die These dieses Kapitels, die Form des Genusses umlenken, ohne in autoritäre Spiegelungen zu verfallen.
Vom pervertierten zum „containenden“ Führungsstil: Affektarbeit statt Affektkonsum
Die empirischen Analysen der vorangegangenen Kapitel haben gezeigt, wie autoritäre Akteure rohen Affekt – Angst, Kränkung, Ressentiment – nicht beruhigen, sondern in lustvollen Hass umschmieden. Psychoanalytisch lässt sich das als Perversion der Containment-Funktion (Bion) lesen: Statt Beta-Elemente zu symbolisieren, werden sie „aufgeladen“ und als aggressive Jouissance rückerstattet; die Gruppe gleitet in den unbewussten Grundannahmezustand Kampf/Flucht (Bion, 1961), dessen Attraktion im Versprechen der Entgrenzung liegt (Levine, 2022, S. 442–443). Eine demokratische Gegenstrategie muss hier ansetzen: Führung als Containment ist keine Technokratie der Kühle, sondern affektive Arbeit an kollektiver Erregung – validierend, differenzierend, symbolisierend. Sie nimmt die Angst ernst, ohne sie zu instrumentalisieren; sie übersetzt sie in bearbeitbare Konflikte, statt sie auf Sündenböcke zu projizieren.
Freuds Brief an Einstein liefert dazu einen normativen Kompass, der bemerkenswert aktuell bleibt. Gegen das wunschvolle Denken eines rein rationalen Pazifismus insistiert Freud auf der Doppelbindung, die Gemeinschaften zusammenhält: Gewaltmonopol und Identifikation. Entscheidend wird, „alles [zu] fördern, was die emotionalen Bindungen zwischen den Menschen wachsen lässt“, weil diese Bande die Aggression nach außen begrenzen (Freud, 1933/Levine, 2022, S. 212). Eine demokratische Führung, die containet, organisiert also nicht bloß Deliberation; sie stiftet Bindung – über Bilder, Narrative, geteilte Praktiken – und senkt dadurch die libidinäre Rendite des Feindbildes.
„Demokratischer Eros“: Alternative Quellen der Befriedigung
Wenn autoritäre Politik Affekte nicht beruhigt, sondern als Droge zirkulieren lässt, lautet die demokratische Antwort nicht „weniger Gefühl“, sondern „andere Lustquellen“. Die Kategorie des „demokratischen Eros“ meint daher keine ästhetische Verzierung des Politischen, sondern die systematische Organisation von Erfahrungen, die Selbstwirksamkeit, Anerkennung und geteilte Gestaltung als libidinär belohnen. Freud deutet diese Möglichkeit an, wenn er – jenseits triebtheoretischer Polarisierungen – betont, dass Gemeinschaftsgefühl und Objektliebe die Umleitung destruktiver Triebanteile leisten können (Freud, 1933/Levine, 2022, S. 212–213). Die Pointe ist nicht, Aggression zu verdrängen, sondern sie über Bindung zu entgiften.
Wie lässt sich das positiv übersetzen? Die Soziologie des Über-Ichs erinnert daran, dass das moralische Register nicht nur strafend, sondern auch „pflegend und regulierend“ wirken kann; es bleibt jedoch ein „inneres Fremdgebiet“ (Freud, 1933), das sich der bewussten Verfügung entzieht (King & Schmid Noerr, 2020, S. 741–742). Demokratische Institutionen, die Beteiligung real ermöglichen – Bürgerräte mit Entscheidungsmacht, Budgetprozesse mit spürbaren Resultaten, Projektöffentlichkeiten, die Anerkennung verteilen – intervenieren auf dieser unbewussten Ebene: Sie deuten den Imperativ des Über-Ichs um, vom sadistischen „Genieße den Hass!“ in Richtung eines investiven „Gestalte mit!“.
Dass sich solche Verschiebungen überhaupt psycho-sozial einschreiben können, zeigen die weiter gefassten Befunde: Das Über-Ich ist geschichtlich formbar; es ändert sich „in Relation zu den allgemeinen sozialen Bedingungen“ (King & Schmid Noerr, 2020, S. 743–744). In einer durch digitale Sichtbarkeit akzentuierten Kultur befeuert die „Lust am Zählen“ Konkurrenz und Scham – aber gerade deshalb muss der Raum gemeinsamer Wirksamkeit nicht nur normativ, sondern affektiv attraktiv sein (King & Schmid Noerr, 2020). Die Konstruktion solcher Räume ist keine „weichgespülte“ Pädagogik, sondern das Kernstück einer libidinalen Re-Programmierung demokratischer Praxis.
Re-Ritualisierung des Demokratischen: Von der Materialität der Ideologie lernen
Die formale Seite der Ideologie – ihre Materialität in Praktiken und Ritualen – liefert einen zweiten Hebel. Žižek insistiert: Ideologie ist nicht primär eine Lehre, sondern „ein Apparat“, der Subjekte interpelliert, indem er „materielle Praktiken, reguliert durch rituelle Formen“ organisiert (in Anlehnung an Althusser), sodass Glaube in Handlung externalisiert wird (Žižek, 2024, S. 26–27). Demokratische Politik, die die autoritäre Enjoyment-Ökonomie unterlaufen will, muss daraus Konsequenzen ziehen: Es genügt nicht, über Werte zu sprechen; man muss Formen schaffen, in denen die Zugehörigkeit sinnlich, wiederholbar und genussfähig wird – jenseits der Reizstruktur sezessionistischer Massenrituale.
Das kann profan beginnen. Öffentliche „Ernte“-Momente gelingender Kooperation (von einem Bürgerbudget bis zum lokal sichtbaren Klimaprojekt), die symbolisch aufgeladen sind; Inszenierungen politischer Verantwortung, die nicht Askese, sondern Kompetenz als Lustquelle zeigen; eine ästhetische Grammatik der Demokratie, die das Können und Zählen der Vielen feiert, statt nur Missstände zu beklagen. Nicht umsonst schreibt Žižek, dass in der normalen Funktionsweise der Ideologie die externalisierte Praxis dazu dient, die Schwere des „direkten Glaubens“ zu entlasten (Žižek, 2024, S. 10). Wer also demokratische Loyalitäten erneuern will, muss Praktiken anbieten, die diese Entlastung im Sinne demokratischer Werte ermöglichen – Rituale, die die Zumutung des Politischen tragen helfen, statt sie in Zynismus zu kippen.
Das Über-Ich politisch umcodieren: Vom sadistischen Gebot zum sorgenden Rahmen
Wie aber entkommt man dem „perversen“ Über-Ich, das gerade Genuss im Verzicht befehligt? Die psychoanalytische Soziologie macht zweierlei sichtbar. Erstens: Das Über-Ich ist nicht deckungsgleich mit bewusster Moral; es operiert überwiegend jenseits bewusster Verfügung als „inneres Fremdgebiet“ und lässt sich daher nicht durch Appelle allein justieren (King & Schmid Noerr, 2020, S. 741–743). Zweitens: In gesellschaftlichen Stresslagen kann sich sein sadistischer Pol verstärken – die Lust am Strafen, das pathische Bedürfnis, sich durch Vergeltung zu reinigen (King & Schmid Noerr, 2020, S. 742–746). Eine demokratische Strategie darf daher nicht die Härte moralischer Normen erhöhen (was das Über-Ich nur „aufdreht“), sondern muss seine Adressierung verschieben: weg vom Entlastungsversprechen durch Feindfixierung, hin zu Anerkennungsökonomien, die die narzisstische Wunde ohne Sündenbock heilen helfen.
Das klingt abstrakt, ist aber konkret: In Beteiligungsverfahren, in denen einzelne Gruppen systematisch scheitern, schaltet der Modus schnell vom Gestalten zum Beschämen. Wird jedoch Kompetenz sichtbar – dass eine migrantische Nachbarschaft ein Sicherheitsprojekt besser plant; dass eine Arbeitnehmerinitiative die Produktivität hebt –, verschiebt sich die libidinäre Balance. Und je stärker Plattformen unsere Vergleiche strukturieren, desto wichtiger wird das gezielte Design von „Lustkurven“ demokratischer Arbeit: sichtbare Zwischengewinne, sozial verteilte Anerkennung, öffentliche Erzählungen, die Fähigkeiten belohnen, nicht Feindseligkeit. Die empirische Beobachtung, dass digitale Sichtbarkeit Rivalität zugleich „genussvoll“ und „drückend“ macht, deutet genau darauf (King & Schmid Noerr, 2020).
Gegenrituale und Gegenöffentlichkeiten: Das Dokument, das wirkt
Eine weitere Lehre aus der Materialität der Ideologie ist die Kraft dokumentierter Sprache. Die bayerische Sammlung „Aus Worten werden Taten“ zeigt, wie die wiederholte, textnahe Sichtbarmachung autoritärer Rhetorik deren libidinäre Versprechen aus dem Bann des Ereignisses löst: Was im „heißen“ Moment als lustvolle Grenzüberschreitung elektrisiert, wirkt im kalten Licht der Zitation wie eine monotone Poetik der Entmenschlichung – überprüfbar, referenzierbar, anschlussfähig für Institutionen (Schuberl, 2025, S. 7–10). Die demokratische Leistung solcher Archive liegt nicht im Moralischen, sondern im Formwandel: Sie konvertieren performative Aggression in forensisches Material. Das zerstört nicht automatisch Bindungen, aber es verändert die libidinäre Ökonomie, weil es die Bedingungen der Wiederholung verschiebt – von der Bühne des Kollektivrausches in die Akte der Rechtsgemeinschaft.
Daraus folgt auch eine publizistische Aufgabe: Gegenöffentlichkeiten, die nicht bloß empören, sondern kuratieren – Dossiers, die Muster der Entmenschlichung, der Sündenbocklogik, der Gewaltlegitimation sprachpragmatisch zeigen; Newsletter, die „Wie es gemacht wird“-Vignetten demokratischer Lösungen sichtbar machen; Formate, die Beteiligung attraktiv machen. Kurze Wege vom Dokument zur Praxis – zur Kommunalaufsicht, zur Ethikkommission, zur Fraktionsklausur – erhöhen die Friktion für autoritäre Jouissance und senken zugleich die Hürde, demokratische Jouissance zu erfahren: die Befriedigung, wenn Verfahren wirken.
Institutionelle Resilienz als Affektarchitektur
Die psychoanalytische Kriegsskepsis war nie naiv: „Zivilisation“ besiegt „Barbarei“ nicht automatisch; die Hochformen der Kultur können selbst die Bedingungen für legitimierten Hass bereitstellen (Levine, 2022, S. 437–443). Institutionelle Resilienz heißt deshalb nicht nur Verfassungsschutz und Medienstrafrecht, sondern Affektarchitektur: Wie werden Konflikte so gerahmt, dass sie nicht in paranoid-schizoide Spaltungen, sondern in depressive Bearbeitung kippen – in Anerkennung von Ambivalenz, Trauer, Reparatur? Diese Sprache stammt aus der klinischen Tradition (Klein/Bion), aber sie ist politisch: Wer etwa Bürgerräte auf kontroverse Themen ansetzt, sollte Rituale der Anerkennung (Erzählrunden, Gegendarstellungen, gemeinsame Problemdefinition) fest verankern; wer parlamentarische Untersuchungsausschüsse überhitzter Themen führt, braucht reflexive Sitzungsführung, die Demütigungen sanktioniert und inhaltliche Fortschrittsmarker setzt. Das Ziel ist nicht „Harmonie“, sondern das Aufrechterhalten jener psychischen Position, die Unterschiede erträgt, ohne den Anderen zum Träger des eigenen Schmerzes zu machen.
Lernende Politik: Affektive Evaluation statt bloßer Output-Kontrolle
Eine Gegenstrategie, die die Jouissance adressiert, muss sich auch an ihren affektiven Effekten messen lassen. Klassische Evaluationen erfassen Outputs (Anträge, Gelder, Reichweiten), aber selten, ob eine Maßnahme die libidinäre Grammatik verändert. Denkbar sind wiederkehrende „Affekt-Audits“: Wird in einer Kommune weniger über „die da oben“ geschimpft, seit Bürgerhaushalte spürbar etwas bewegen? Zeigen qualitative Erhebungen, dass die Teilnahme an Bürgerräten mit dem Gefühl einhergeht, „wertvoll“ zu sein – ein Indikator gegen Scham und Ressentiment? Sinken in lokalen Teilöffentlichkeiten die Hass-Renditen – nicht nur in Zahlen, sondern in den Formen der Rede? Solche Audits zwingen Institutionen, ihre symbolischen Angebote zu justieren – nicht als Marketing, sondern als bewusste Affektpolitik.
6.9. Rechtliche Flanke ohne libidinären Kurzschluss
Straf- und Disziplinarmaßnahmen gegen Hetze, Amtsmissbrauch oder extremistisches Netzwerkhandeln bleiben notwendig; zugleich sollten sie so begründet und inszeniert werden, dass sie die autoritäre Erzählung vom „Opfer der Gesinnungsdiktatur“ nicht maximal bespielen. Der dokumentarische Stil – zeigen, nicht schmähen – ist hier der Verbündete. Genau das leistet die bayerische Sammlung der AfD-Zitate: Sie verzichtet auf Pathos zugunsten überprüfbarer Belege und zieht ihr normatives Resümee aus der Dokumentation (Schuberl, 2025, S. 7–10). Für Parlamente und Behörden heißt das: Sorgfältige, textnahe Begründungen, klare Bezugnahme auf Regeln, transparente Verfahren, geringe symbolische Überschüsse. Der Affektgewinn entsteht auf Seiten der Rechtsgemeinschaft – als Vertrauen –, nicht als „Siegesrausch“ der Gegenseite.
Eine Theorie der Gegenstrategie: Vier Sätze
Erstens: Autoritäre Bewegungen kapitalisieren auf einer Form des Genusses; eine demokratische Antwort muss die Form verändern, statt bloß Inhalte zu widerlegen (Žižek/Leader, 2024). Zweitens: Führung ist Affektarbeit; Containment ersetzt Anheizung – mit Bindung als Medium der Entgiftung (Levine, 2022). Drittens: Das Über-Ich ist plastisch; seine sadistische Seite wird durch Anerkennungsökonomien, reale Selbstwirksamkeit und gerechte Verfahren umadressiert (King & Schmid Noerr, 2020). Viertens: Rituale und Dokumente sind nicht Beiwerk, sondern Werkzeuge – sie materialisieren Demokratie so, dass genossen werden kann, was sie verspricht: Würde, Wirksamkeit, Weltbezug.
Ein konkreter Fahrplan
Aus der Perspektive dieses Essays ergibt sich eine simple Praxislogik. Beginnen muss sie dort, wo die libidinären Renditen des Autoritarismus am größten sind: bei der Sündenbocklust. Dem setzt man Sinnlust entgegen, die reale Probleme sichtbar löst und diese Lösung feierlich macht – mit derselben Wiederholungsökonomie, die autoritäre Kundgebungen kultivieren, aber invertierter Normativität. Nicht „Gegendemonstrationen“ als Spiegelung, sondern Erntedemonstrationen gelingender Projekte; nicht „Skandal“-Pressekonferenzen, sondern rhythmisch kuratierte Lernberichte politischer Institutionen, die Kompetenz als ästhetischen Wert ausstellen. Parallel dazu die kalte Arbeit der Dokumentation, die das Material autoritärer Rede entzieht – dem Bann des Augenblicks, hin in die Protokolle demokratischer Prüfung (Schuberl, 2025). Und im Zentrum eine Führungsarbeit, die die Erregung nicht nutzt, sondern hält – nicht als Entwertung, sondern als Zumutung zur Reife.
Diese Logik steht nicht im Widerspruch zu klassischer Politik. Sie reduziert auch nicht die Bedeutung sozialer Sicherung, Mitbestimmung und gerechter Verteilung – im Gegenteil: Gerade die Diagnose der „gekränkten Freiheit“ legt nahe, dass soziale Politik affektiv inszeniert werden muss, damit sie ihre libidinäre Wirkung entfalten kann. Sonst bleibt sie als kalter Transfer wahrgenommen – und verliert gegen den heißen Genuss der Transgression.
Schluss: Wider die süchtige Politik – für eine affektiv intelligente Demokratie
Freud hat, in einem Moment historischer Katastrophe, nüchtern darauf insistiert, dass Recht letztlich „vergesellschaftete Gewalt“ bleibt; die domestizierte Aggression ist nicht die Negation, sondern die Kulturform der Triebkräfte (Freud, 1933/Levine, 2022, S. 204–209). Wer heute die autoritäre Welle ernst nimmt, muss an diese Nüchternheit anschließen – und gleichzeitig das Versprechen erneuern, dass Bindung mehr kann als Hass. Die Psychoanalyse hilft hier, nicht weil sie eine Politik der Couch nahelegt, sondern weil sie zeigt, warum wir unsere süchtige Abhängigkeit vom Affektkonsum kaum mit noch mehr Empörung entlernen können. Wir brauchen eine affektiv intelligente Demokratie, die gelernt hat, ihre eigenen Rituale, Archive, Anerkennungsökonomien und Führungsformen als Instrumente der Jouissance-Architektur zu begreifen.
Die gute Nachricht ist: Wir besitzen diese Instrumente bereits – als Recht, als Gemeinsinn, als Institutionen, die fähig sind, Bindung zu organisieren, und als Kultur, die weiß, wie man Würde feiert. Die Herausforderung besteht darin, sie so zu stimmen, dass sie genossen werden können, ohne andere zu demütigen. Erst dann haben Fakten wieder eine Chance – nicht, weil sie „stärker“ wären als Affekte, sondern weil sie an eine lustfähige Form von Öffentlichkeit anschließen, die mehr bietet als die schnelle Droge der Transgression. In Freuds nüchternen Worten: „Alles, was die emotionalen Bindungen wachsen lässt, wirkt gegen den Krieg“ (Freud, 1933/Levine, 2022, S. 212) – und gegen jene inneren Kriege, aus denen autoritäre Politik ihr Kapital schlägt.
Schlusswort – Jouissance als Formursache und demokratische Praxis
Die leitende These dieses Essays war von Beginn an eine formale: Autoritarismus erklärt sich in der Gegenwart nicht primär aus Stoff (Prekarität, kulturelle Entwertung, institutionelle Erosion) oder aus bewegenden Kräften (Führerfiguren, Apparate, Plattformökologien), schon gar nicht aus deklarativen Zwecken (Ordnung, Sicherheit, „Wiederherstellung“), sondern aus der Form des Genießens, die diese Elemente zu einem kohärenten, affektiv tragfähigen Ganzen zusammenschließt. Im aristotelischen Vokabular: Die causa formalis—die Organisation der jouissance—ist das konstitutive Prinzip, das Material, Bewegung und Zweck in ein erfahrbares politisches Gebilde übersetzt. Genau deshalb erweist sich die wachsende Resistenz autoritärer Bewegungen gegen Fakten, Widerlegung und moralische Appelle nicht als Zufallsprodukt, sondern als Ausdruck einer stabilen libidinellen Ökonomie: Was bindet, immunisiert und antreibt, ist der Mehr‑Genuss der Transgression, die obszöne Solidarität der Grenzüberschreitung, die Fantasie der „gestohlenen jouissance“ und ihre Rückeroberung (Žižek, 2008/2009, 2024).
Die theoretische Rekonstruktion dieser Form hat drei Pfeiler. Erstens die Freudianische Einsicht in die libidinöse Architektur kollektiver Bindung: Die Externalisierung des Ich‑Ideals auf eine Führungsfigur, die Verdichtung horizontaler Identifikationen und die Ambivalenz des Über‑Ichs als „inneres Fremdgebiet“ erzeugen ein affektives Gefüge, das der politisch rationalen Kalkulation vorausliegt (Freud, 1921/1930; King & Schmid Noerr, 2020). Zweitens die kleinianisch‑bionsche Grammatik der Feindschaft: Spaltung und Projektion entlasten Überforderung, pervertiertes Containing verwandelt rohe Angst in lustvolle Aggression und hält Gruppen im Grundannahmenzustand „Kampf/Flucht“ (Klein, 1946; Bion, 1961/1962). Drittens die lacanianisch‑zizekianische Bestimmung der jouissance: Genuss jenseits des Lustprinzips, aufgeladen gerade durch Gesetz und Verbot, organisiert als Imperativ eines perversen Über‑Ichs—„Genieße!“—und getragen von der „materiellen Existenz der Ideologie“ in Praktiken, Ritualen, Apparaten (Lacan, 1973/1975; Žižek, 2008/2009, 2024).
Die Fallanalyse der AfD‑Rhetorik (Kapitel 5) hat diese formale Hypothese in der Textur politischer Rede und Szene konkretisiert. Remigration fungiert darin nicht als nüchterne Verwaltungskategorie, sondern als libidineller Kondensationskern: ein leerformiger Signifikant, der heterogene Ressentiments bündelt und als Objekt‑Ursache des Begehrens (objet a) zirkuliert. Die Fantasmagrafie des „Bevölkerungsaustauschs“, die Entmenschlichung durch kriminalisierende Etiketten und die demonstrative Verletzung parlamentarischer Formen erweisen sich als Generatoren eines Mehr‑Genusses der Transgression: Der Tabubruch wird zum Kitt des „Wir“, die Empörung der Gegner zur Feedback‑Schleife, die die Rendite der jouissance steigert (Schuberl, 2025). Dass solche Diskurse sich operativ in Maßnahmen‑Imaginarien übersetzen—vom „Remigrationsbeauftragten“ bis zu ethnisierenden Staatszielen—zeigt, dass die Affektökonomie keine bloß rhetorische Oberfläche ist, sondern ein Dispositiv, das den Übergang von Worten zu Taten sozialpsychisch vorbereitet. Im Sinne Žižeks ist es gerade der „überschüssige Kern des Genießens“, der die ideologische Haltbarkeit jenseits semantischer Prüfbarkeit stiftet (Žižek, 2008/2009).
Diese Formdiagnose entscheidet darüber, warum Gegenstrategien, die auf kognitiver Widerlegung oder moralischer Beschämung beruhen, so häufig „ins Leere“ laufen. Sie adressieren die falsche Instanz: das argumentierende Ich an Stelle der Szene des Genießens. Mehr noch: Indignation fungiert in der Ökonomie der Transgression als bestätigender Treibstoff; die Entrüstung der „Eliten“ erfüllt die heimliche Erwartung des obszönen Über‑Ichs, das seine Anhänger zur Grenzüberschreitung und zum Genuss der Empörung kommandiert (Leader, 2021; Žižek, 2024). Mit Lacan gesprochen: Der Glaube wird delegiert und externalisiert—man handelt als ob—, die Praxis trägt die Überzeugung (Žižek, 2024). Wer autoritäre jouissance bekämpfen will, muss folglich die Form des Genießens umlenken, statt bloß Inhalte zu korrigieren.
Kapitel 6 hat daraus eine demokratietheoretische Konsequenz gezogen: Jouissance entgiften heißt, Affekte nicht zu denaturieren, sondern zu containern—Angst symbolisierbar zu machen, die Lust am Ausschluss durch eine konstruktive Lust gelingender Teilnahme zu ersetzen, die materielle Seite der Ideologie durch demokratische Rituale, Archive und Anerkennungsökonomien zu besetzen. Freud’s nüchterne Einsicht, dass alles, „was die emotionalen Bindungen wachsen lässt, gegen den Krieg wirkt“ (Freud, 1933), lässt sich als politischer Imperativ lesen: Eine affektiv intelligente Demokratie des 21. Jahrhunderts muss Formen bereitstellen, in denen Würde, Wirksamkeit und Weltbezug genossen werden können, ohne den Anderen zu demütigen. Das ist kein weiches Beiwerk, sondern das formale Gegenprinzip zur autoritären jouissance der Transgression.
Im aristotelischen Rahmen lässt sich der argumentative Bogen so schließen: Die spätmoderne „gekränkte Freiheit“ stellt den Stoff (causa materialis) bereit—eine Mischung aus narzisstischer Verwundung, epistemischer Verunsicherung und sozialer Entkopplung (Amlinger & Nachtwey, 2022). Pervertierte Führungsstile, digitale Affektökonomien und rituelle Szenen agieren als bewegende Ursachen (causa efficiens), die diese Rohaffekte in Bewegung setzen (Bion, 1961; Žižek, 2024). Die erklärten Zwecke, causa finalis, artikulieren sich als Restauration von Ordnung und Souveränität, sind aber subjektiv als narzisstische Wiederherstellung durch lustvolle Aggression erfahrbar—die teleologische Oberfläche eines libidinellen Tausches (Leader, 2021). Entscheidend bleibt die causa formalis: die politische Ökonomie der jouissance, die aus Angst und Scham eine Szene der Transgression, aus Ohnmacht eine stellvertretend genossene Allmacht, aus Sprache eine Bühne der obszönen Solidarität macht (Žižek, 2008/2009, 2024).
Die AfD‑Analyse hat exemplarisch gezeigt, wie diese Form operiert, ohne auf „Glauben“ im klassischen Sinn angewiesen zu sein. Sie funktioniert, solange Praktiken der Grenzverletzung, des gemeinsamen Lachens über Demütigung und der delegierten Autorität wiederholt werden. Darin liegt die politische Gefahr und die wissenschaftliche Aufgabe: Autoritäre Dynamiken sind nicht deshalb so stabil, weil sie „zu viele“ Gründe haben, sondern weil sie die Form gefunden haben, in der Gründe in Lust übergehen. Aus dieser Diagnose folgen Kriterien der Evaluation: Demokratische Interventionen müssen sich nicht nur an Outputs und Rechtsstandards, sondern an ihren affektiven Effekten messen lassen—ob sie Scham entlasten, Ambivalenz tragen, Zugehörigkeit ohne Feindbild erzeugen.
Dass ein solcher Paradigmenwechsel möglich ist, legen sowohl die Plastizität des Über‑Ichs als auch die Materialität der Ideologie nahe. Das Über‑Ich ist historisch formbar; es kann sadistisch strafen, aber auch schützend rahmen (King & Schmid Noerr, 2020). Ideologie existiert als Praxis; sie lässt sich umlenken—durch Gegenrituale, durch forensische Dokumente (die die Lust am Skandal aus dem Bann des Augenblicks in die Kühle der Akte überführen), durch Beteiligungsformen, die selbst Erregungskurven besitzen (Žižek, 2024; Schuberl, 2025).
Bleibt zum Schluss die normative Pointe: Die „dunkle Lust“ des Politischen wird nicht verschwinden. Sie ist eine anthropologische Konstante, deren Formen variieren. Der Irrtum der liberalen Vernunft liegt nicht darin, diese Konstante zu leugnen, sondern darin, sie der Politik zu entziehen. Der Beitrag der Psychoanalyse besteht nicht darin, sie zu romantisieren, sondern in der Nüchternheit, sie als formales Prinzip zu erkennen—und dadurch gestaltbar zu machen. Eine Demokratie, die gelernt hat, eigene Genussformen zu kultivieren—Eros der Solidarität statt Obszönität der Demütigung; Gelingen als feierbare Praxis statt Tabubruch als einziger Erregungsquelle—, ist nicht weniger rational, sondern rationaler, weil sie die affektive Bedingung ihrer Wirksamkeit reflektiert. Dann gewinnen Fakten wieder Boden—notwendig nicht gegen Affekte, sondern mittels ihrer Form.
So verstanden, ist die vorgelegte Theorie der politischen jouissance nicht nur eine Erklärung des Autoritarismus, sondern ein Bauplan für demokratische Praxis im Medium des Affekts. Sie sagt nicht: „Weniger Gefühl!“, sondern: „Andere Form!“—causa formalis als öffentliche Aufgabe.
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Fiktive Debatte
/topic/ Lust an der Überschreitung – Plenum zur Jouissance des Autoritären
/scene/ Ein überfüllter Hörsaal an einer Universität, auf dem Podium sitzen eine Moderatorin, eine Analytikerin, eine Soziologin, eine Juristin, ein SPD-Abgeordneter und ein AfD-Abgeordneter, am Rand Kameras und Notebooks, in den hinteren Reihen stehen noch Leute.
/note/ Die Lichter dimmen sich leicht, ein Summen liegt im Raum, als die Mikrofone eingeschaltet werden.
Mara Weiss (Moderatorin): Guten Abend, meine Damen und Herren, und auch an diejenigen, die nur noch einen Stehplatz oben auf der Treppe ergattern konnten. Wir haben uns heute ein Thema vorgenommen, das emotional aufgeladen ist und für viele von uns sehr persönlich geworden ist. Es geht um die „Lust an der Überschreitung“ in der Politik, um jene Momente, in denen jemand „endlich ausspricht, was man doch wohl noch sagen wird dürfen“, in denen der Saal lacht, johlt oder schockiert den Atem anhält. Die Frage, um die wir kreisen wollen, lautet: Was genau passiert da. Ist das nur rhetorisches Theater, ist es berechtigte Wut, ist es eine gefährliche Dynamik, die unsere demokratische Kultur aushöhlt, oder etwas von allem.
/same/ Dazu sitzen hier auf dem Podium: Dr. Heike Brandt, Psychoanalytikerin, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Formen des Genießens politische Bewegungen strukturieren. Professor Linh Nguyen, Soziologin mit Schwerpunkt auf autoritären Versuchungen in der Spätmoderne. Sarah Vogt, Verfassungsjuristin, die uns bei der Frage helfen wird, wo aus der scharfen Rede ein Angriff auf Grundrechte wird. Und zwei Parlamentarier, die in diesen Debatten nicht nur von außen, sondern mitten drin stehen: Jonas Hartmann, SPD-Abgeordneter, der sich selbst als konservativ-sozialdemokratisch bezeichnet, und Markus Reuter, AfD-Abgeordneter, der die Kritik am Autoritären für überzogen hält und sich bereit erklärt hat, genau darüber mit uns zu streiten.
/same/ Ich möchte eines vorwegschicken, bevor wir in die Sache gehen. Erstens, dieses Podium ist kein Tribunal, in dem wir über „das Volk“ oder „die Wählerinnen“ sprechen, als wären sie Objekte. Alle hier auf dem Podium, inklusive meiner Person, sind Teil der politischen Kultur, die wir untersuchen. Zweitens, wir werden starke Worte hören, das ist ausdrücklich so gewollt. Aber wir haben eine einzige Regel: Kritik gilt Positionen und Handlungen, nicht der Würde einzelner oder ganzer Gruppen. Wenn diese Grenze verletzt wird, greife ich ein. Drittens, ich werde versuchen, nicht selbst in die Rolle der Richterin zu rutschen, sondern Unklarheiten zu benennen und Konflikte sichtbar zu machen, damit wir nicht nur übereinander reden. Ich beginne mit Dr. Brandt. Sie arbeiten mit dem Begriff der jouissance. Können Sie uns erklären, was Sie damit meinen – und warum Sie glauben, dass er hilft, aktuelle autoritäre Tendenzen zu verstehen.
Dr. Heike Brandt (Analytikerin): Danke, Frau Weiss. Ich versuche das ohne Fachchinesisch. Wenn wir in der Psychoanalyse von jouissance sprechen, meinen wir eine Form von Genuss, die nicht beruhigend ist, sondern aufgeregt, ein bisschen exzessiv. Es ist der Genuss, der gerade dort entsteht, wo es weh tut, wo eine Grenze überschritten wird, wo ein Verbot spürbar ist. Im Politischen sieht man das, wenn Menschen nicht nur zufrieden nicken, sondern sichtbar aufleben, wenn jemand eine Norm bricht. Das kann eine grobe Beleidigung sein, eine spöttische Geste gegenüber Institutionen, ein „Schluss mit der ganzen Korrektheit“. Wichtig ist: Für viele fühlt sich das an wie Befreiung – obwohl es zugleich etwas Zerstörerisches hat.
/same/ Meine These, grob gesagt, ist: Autoritäre Bewegungen organisieren genau diese Art von Genuss. Sie geben nicht nur Antworten auf Sachfragen, sondern liefern eine Bühne, auf der man gemeinsam Grenzen verschieben darf. Man darf endlich sagen, wer angeblich schuld ist, darf lachen, wenn andere empört sind, darf sich einen Augenblick lang allmächtig fühlen, obwohl man sich im Alltag oft klein fühlt. Diese Form von Gemeinschaft im Tabubruch nenne ich, in Anlehnung an Lacan und Zizek, eine Szene der jouissance. Sie ist es, die aus sozialer Frustration und Kränkung eine stabile politische Bindung macht. Und sie ist es, die so widerständig gegen Fakten und Appelle macht, weil sie innerlich etwas stillt, das ein Sachargument nicht berührt.
/same/ Ich will ausdrücklich nicht behaupten, dass Menschen, die sich autoritären Angeboten zuwenden, „krank“ oder „pervers“ sind. Ich sehe eher, wie spätmoderne Anforderungen – sei autonom, sei erfolgreich, sei authentisch – eine Menge unerfüllter Versprechen hinterlassen. Viele erleben Scham, nicht zu genügen, und Ohnmacht, nichts ändern zu können. Dann kann ein Führungsstil, der Tabubruch zur Tugend macht, wie ein Ventil wirken. Meine Frage an das Podium, vor allem an die Abgeordneten, lautet: Sehen Sie in Ihrem Alltag solche Momente des „kollektiven Auflebens im Regelbruch“. Und wenn ja, wie gehen Sie damit um. Nutzen Sie sie bewusst, halten Sie dagegen, ignorieren Sie sie. Ich bin gespannt, ob die Kategorie des Genießens für Sie selbst irgendeine Rolle spielt.
Jonas Hartmann (SPD-Abgeordneter): Ich will gleich mit einem Geständnis beginnen, Frau Brandt: Ja, ich kenne diesen Moment des Auflebens, auch aus meiner eigenen politischen Praxis. Wenn man nach einer langen, zähen Debatte im Plenum eine Pointe setzt, die sitzt, wenn die eigenen Leute lachen und die andere Seite sich sichtbar ärgert, dann ist da ein kleiner innerer Applaus, der nicht nur aus Verantwortungsgefühl besteht. Es fühlt sich gut an, Zugehörigkeit zu spüren, es fühlt sich gut an, wenn man merkt, die eigene Seite steht hinter einem. Insofern trifft Ihre Beschreibung auch uns, die sich gern auf der „vernünftigen“ Seite verorten. Wir sind nicht frei von Genuss, und vielleicht ist es sogar gefährlich, so zu tun, als wären wir es.
/same/ Gleichzeitig möchte ich eine Unterscheidung verteidigen, die im Essay, auf dem dieses Podium beruht, wichtig ist. Es ist ein Unterschied, ob ich ein scharfes Bild verwende, das eine politische Differenz zuspitzt, oder ob ich systematisch ganze Gruppen zu Projektionsflächen mache, auf die alles Unangenehme geworfen wird. Dass wir in der SPD hart mit konservativen oder neoliberalen Positionen ins Gericht gehen, ist Teil eines demokratischen Spiels, das Regeln kennt. Dass einige Kräfte von „denen da oben“, „den Fremden“ oder „den Verrätern im eigenen Volk“ sprechen, bricht diese Regeln, weil damit nicht mehr die Sache verhandelt wird, sondern die Legitimität von Personen und Gruppen. Das produziert, so meine Beobachtung, zwar einen kurzfristig stärkeren Kick – aber es vergiftet mittelfristig das Klima so, dass Kompromisse unmöglich werden.
/same/ Ich will hier nicht so tun, als stünde ich erhaben außerhalb der Mechanismen, die Sie beschreiben. Es gibt in meiner Partei eine durchaus spürbare Lust an der moralischen Überlegenheit, an der Pose des aufgeklärten Erwachsenen, die träge grinsend auf die vermeintlich Unreifen schaut. Wenn Sie sagen, das sei auch eine Form von jouissance, dann haben Sie recht. Ich merke das in Parteitagen, wenn wir uns gegenseitig dafür feiern, dass wir „gegen rechts“ sind, ohne uns zu fragen, ob die Leute, die wir damit adressieren, überhaupt noch zuhören. In dem Sinn fühlt sich dieses Podium für mich auch unangenehm selbstentlarvend an. Und das ist vielleicht gut so. Die Lehre, die ich daraus ziehe, ist, dass wir nicht nur die Lust der anderen kritisch beleuchten dürfen, sondern unsere eigene. Der Unterschied bleibt trotzdem: Wenn ich mich ertappe, wie ich den Kick der moralischen Pose genieße, dann ist das ein Anlass zur Korrektur. Wenn ich merke, dass eine Rede davon lebt, andere als minderwertig oder grundsätzlich bedrohlich zu zeichnen, dann ist der Punkt erreicht, an dem wir nicht nur psychologisch, sondern politisch und rechtlich eingreifen müssen.
Markus Reuter (AfD-Abgeordneter): Wissen Sie, Herr Hartmann, Frau Brandt, ich finde das auf eine seltsame Weise erfrischend, dass Sie sich hier öffentlich in den Spiegel schauen. Nur habe ich das Gefühl, dass Sie den Spiegel immer so drehen, dass am Ende doch wieder wir die Hauptattraktion des Monsterspiegels sind. Sie sprechen von Lust an der Grenzüberschreitung, von Szenen des Genießens, von Tabubrüchen. Ich frage mich, was Sie alle hier eigentlich hergetrieben hat. Sicher nicht nur der nüchterne Wunsch nach Erkenntnis. Dieser Saal ist voll, weil es offenbar einen Reiz hat, sich einmal ordentlich über das Autoritäre zu erregen – und zwar in einem sicheren Rahmen, mit dem Schild „Wissenschaft“ davor. Das ist doch auch eine Form von jouissance, oder nicht. Die angenehme Wärme, wenn man sich gemeinsam auf die richtige Seite stellen darf.
/same/ Wenn ich im Plenum stehe und sage, dass sich Menschen in diesem Land fremd fühlen, dass sie die Nase voll haben von einer Politik, die ihnen sagt, ihre Wahrnehmung sei falsch, dann genieße ich das, ja. Ich genieße es, weil ich nach zig E-Mails und Gesprächen weiß, dass ich da für viele spreche, denen sonst keiner zuhört. Und wenn ich eine Formulierung benutze, die Sie als „transgressiv“ etikettieren, dann liegt das auch daran, dass eine glatte, konfektionierte Sprache dieses Erleben gar nicht mehr trifft. Ich muss kein Schimpfwort sagen, um eine Grenze zu markieren. Es reicht, auszusprechen, dass die schöne Geschichte der gelingenden Integration nicht überall ankommt, dass nicht jede Sorge „nur gefühlt“ ist. Dass Sie diesen Moment, in dem Menschen sich gesehen fühlen, sofort in eine Theorie des gefährlichen Genießens überführen, sagt aus meiner Sicht mehr über Ihre Abwehr als über meine Wähler.
/same/ Und noch eines, Frau Vogt wird mich später dafür vielleicht schelten. Wenn ich den Begriff „Remigration“ in den Mund nehme, dann bin ich mir völlig bewusst, dass er Sie alle auf die Palme bringt. Dass Sie Bücher zitieren, Resolutionen analysieren, Kontexte anführen. Ein Teil meiner Leute freut sich genau darüber. Nicht, weil sie heimlich Vertreibungsfantasien haben, sondern weil sie den Eindruck haben, endlich zwingt jemand dieses System, genauer hinzuschauen. Sie müssen nicht mit dem Begriff einverstanden sein, aber so zu tun, als sei jeder, der ihn benutzt, Teil eines umfassenden Plans zur Beseitigung der Verfassung, ist selbst eine überspannte Erregungsszene. Vielleicht sollten wir ehrlicher sein und sagen: Alle hier genießen etwas an diesem Konflikt. Die Frage ist, was wir daraus machen. Ich bin bereit, über Grenzen zu reden. Aber ich werde nicht akzeptieren, dass nur ich derjenige bin, der angeblich „am Genuss hängt“, während Sie sich in Ihrer Empörung suhlen und das für Moral halten.
Prof. Linh Nguyen (Soziologin): Herr Reuter, Sie haben auf eine schmerzhafte Weise recht damit, dass auch wir hier nicht genussfrei sind. Es gibt eine Befriedigung daran, auf der Seite der Analyse zu stehen, die Dinge beim Namen zu nennen, sich über die eigenen blinden Flecken zu verständigen. Und ja, es gibt auch eine unangenehme Lust an der Empörung über das, was Sie sagen. Wenn wir so tun, als wären nur „die anderen“ affektiv investiert, verlügen wir die Situation. Insofern ist es wertvoll, dass Sie diesen Punkt markieren. Ich nehme das als Kritik, die uns trifft. Aber ich möchte zugleich deutlich machen, warum das nicht zu einer Nivellierung führt, in der alle Formen des Genießens gleich gesetzt werden können.
/same/ Es ist ein Unterschied, ob ich Lust daraus ziehe, gemeinsam mit anderen einen komplexen Sachverhalt besser zu verstehen, oder ob meine Lust daran hängt, dass jemand anders kleiner, gefährlicher, weniger wert erscheint. Das ist analytisch und normativ relevant. Wir wissen aus vielen Studien, dass dort, wo politische Sprache beständig mit Bildern von „den Anderen“ als Bedrohung arbeitet, Gewaltbereitschaft steigt, Vertrauen sinkt, Kooperationsbereitschaft abnimmt. Der kurzfristige Kick, den Sie beschrieben haben – endlich sagt einer, was wir erleben – verwandelt sich dann in eine längerfristige Erosion des gemeinsamen Bodens. Dass es reale Probleme gibt, die benannt werden müssen, bestreitet hier niemand. Die Frage ist, mit welchen Bildern und Codes wir das tun. Sie sagen, Sie brauchen „harte“ Sprache, weil die Realität hart sei. Ich frage zurück: Warum wählen Sie dann so oft Begriffe, von denen Sie selbst wissen, dass sie aus Szenen stammen, die weit über die von Ihnen beschriebenen Missstände hinausgehen.
/same/ Und ein letzter Punkt, weil Sie uns vorgeworfen haben, wir würden nur „über Sie reden“. Genau deshalb sitzt dieser Saal voll. Viele Menschen wollen verstehen, wie es sein kann, dass Positionen, die offensichtlich mit diskriminierenden Fantasien flirten, zugleich für einige so befreiend wirken. Wenn wir darüber reden, in welcher Form Genuss hier eine Rolle spielt, dann nicht, um Sie zu entmenschlichen, sondern um zu erklären, warum bestimmte Angebote so klebrig sind. Dass Sie dieses Erklärungsangebot mit einem gewissen Spott beantworten, ist aufschlussreich. Es zeigt, wie stark die Versuchung ist, jede Kritik als Beweis der eigenen Wichtigkeit zu genießen. Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir im nächsten Schritt versuchen sollten, wie Frau Weiss es angekündigt hat, ein Stück Abstand zu gewinnen – nicht nur von Ihrer, sondern auch von unserer eigenen Szene.
Sarah Vogt (Juristin): Ich möchte an zwei Stellen ansetzen, an denen es für das Recht heikel wird. Herr Reuter, Sie haben eben sehr offen eingeräumt, dass Sie wissen, welche Begriffe aus welchen Szenen stammen und welche Bilder sie hervorrufen. Das ist bereits ein wichtiger Unterschied zu jemandem, der in einer Bierlaune unbedacht eine Metapher nutzt. Sie handeln im Bewusstsein, dass ein Wort wie „Remigration“ in bestimmten Kreisen als Chiffre für die massenhafte Entfernung unerwünschter Gruppen gelesen wird, einschließlich Staatsbürgern. Sie sagen, Ihre Wähler wollten, dass „das System genauer hinschaut“. Aus verfassungsrechtlicher Perspektive heißt das: Sie spielen bewusst mit einer Mehrdeutigkeit, die Sie nach außen entschärfen können, die aber innen, im affektiven Kreis, deutlich verstanden wird. Genau das war in der Geschichte unseres Landes nie harmlos.
/same/ Das Grundgesetz kennt migrationsrechtliche Maßnahmen, ja. Es kennt Ausweisung, Abschiebung, Aufenthaltsbeendigung. Es kennt aber keine Kategorie „ethnischer Reinigung light“. Es kennt keine Unterscheidung zwischen „richtigen“ und „unechten“ Deutschen, es kennt keine Drohkulisse, in der Menschen, die formal voll zu diesem Gemeinwesen gehören, gleichsam unter Bewährung gestellt werden, was ihre „Assimilation“ betrifft. Wer so spricht, bewegt sich nicht mehr auf dem Feld streitiger Politik, sondern kratzt an der gemeinsamen Rechtsgrundlage. Das ist der Punkt, an dem aus scharfer Kritik ein Angriff auf die Menschenwürde wird, und den muss ich klar markieren, gerade weil er attraktiv verpackt ist.
/same/ Und hier berührt sich das, was Frau Brandt und Frau Nguyen beschrieben haben, mit meiner Arbeit. Ich sehe in Verfahren, in Disziplinar- und Strafakten, wie Worte konkrete Konsequenzen haben: Angriffe auf Unterkünfte, Drohbriefe gegen Stadträtinnen, Polizeibeamte, die meinen, mit bestimmten Menschen könne man anders umgehen. Häufig sagen die Beteiligten später, sie hätten sich „nur Luft gemacht“ oder „nur wiederholt, was alle sagen“. Der Schritt von der lustvollen Überschreitung im Saal hin zur Tat draußen ist kein linearer Automatismus, aber er wird kürzer, wenn die Bühne im Inneren konsequent aufgeladen wird. Sie, Herr Reuter, können nicht jeden Einzelnen kontrollieren, der Ihren Stil bejubelt. Aber Sie tragen Verantwortung dafür, ob das, was Sie anbieten, die Hemmschwelle eher erhöht oder senkt. Das ist keine moralische, sondern eine rechtsstaatliche Frage. Und die gleiche Frage stelle ich auch an Sie, Herr Hartmann, wenn Sie sich in einem warmen Konsens mit „den eigenen Leuten“ einrichten. Wie oft prüfen wir, ob unsere Rhetorik zur Deeskalation beiträgt oder zur Lizenz, den anderen nur noch als Feind zu sehen.
Markus Reuter (AfD-Abgeordneter): Frau Vogt, Sie sind eine geschickte Juristin, und ich erkenne an, dass Sie differenziert formulieren. Trotzdem schieben Sie mich in eine Richtung, die ich zurückweisen muss. Sie tun so, als würde ich mit einem geheimen Lexikon arbeiten, in dem „Remigration“ automatisch „versteckte Deportation“ bedeutet. Tatsächlich gibt es eine Bandbreite von Lesarten, und ich wehre mich dagegen, dass ausgerechnet meine Gegner definieren, welche davon gültig ist. Wenn ich von Remigration spreche, meine ich Rückführung von Menschen, die kein Recht auf Aufenthalt haben oder die das Gastrecht durch schwere Straftaten verwirkt haben. Dass es in manchen Kreisen radikalere Träume gibt, macht meine Position nicht identisch mit diesen Träumen. Sie würden ja auch nicht wollen, dass man jede sozialdemokratische Forderung sofort mit DDR assoziiert, nur weil es eine biografische Linie gibt.
/same/ Was mich stört, ist diese Einbahnstraße der Unterstellung. Wenn ein Bürger sagt, er habe Angst, dass seine Kinder in ihrer Schule bald in der Minderheit seien, wird das schnell als rassistisch etikettiert. Wenn ein Politiker sagt, das sei ein Problem, wird er zum Brandstifter erklärt. Aber wenn eine Juristin oder Soziologin sich in ausführlichen Essays über „jouissance“ erregt und dabei offenkundig Freude an der eigenen Schärfe hat, dann soll das reine Erkenntnis sein. Das ist doch bequem. Sie sprechen von Verantwortung für das, was nach draußen strahlt. Gilt das nicht auch für jene intellektuellen Kreise, die jede konservative Grenzziehung als Vorstufe zum Faschismus designen. Wie viel Mutwillen hat es gebraucht, zum Beispiel jede Diskussion über Leitkultur oder funktionierende Grenzen unter den Verdacht der autoritären Lust zu stellen. Vielleicht hat genau diese moralische Überdehnung den Boden bereitet, auf dem wir heute stehen.
/same/ Und ja, Herr Hartmann, ich nehme Sie ausdrücklich mit ins Boot. Sie haben eben eingeräumt, dass es eine Lust an der moralischen Überlegenheit gibt. Ich gehe weiter: Es gibt eine Lust daran, sich als letzte Bastion der Vernunft zu fühlen, während man ganze Milieus pauschal als anfällig für autoritäre Verführung beschreibt. Wenn Frau Brandt sagt, es gebe eine Szene der jouissance auch bei jenen, die „gegen rechts“ sind, dann stimme ich zu. Der Unterschied ist nur: Meine Leute müssen sich das Genießen ständig vorwerfen lassen. Sie dürfen es im Gewand der Aufklärung ausleben. Wenn wir ehrlich miteinander umgehen wollen, sollten wir nicht so tun, als sei das eine qualitativ völlig anderes Phänomen. Sonst wirkt der Ruf nach Verantwortung schnell wie ein asymmetrischer Maulkorb.
Jonas Hartmann (SPD-Abgeordneter): Sie schaffen es, Herr Reuter, das Messer sehr elegant zu drehen. Ich will Ihnen zwei Punkte lassen, weil sie uns treffen. Erstens, wir haben als politische Mitte und Linke zu oft mit moralischer Abrissbirne gearbeitet. Wer über Migration, Sicherheit, kulturelle Konflikte reden wollte, bekam schnell ein Etikett. Das war bequem und kurzsichtig. Es hat Menschen das Gefühl gegeben, dass ihre Erfahrungen nicht zählen. Zweitens, wir genießen – ich sage das bewusst in Ihrer Sprache – die Rolle derer, die „verstanden haben“. Das ist eine Form der Selbstberuhigung, die uns daran hindert, eigene Versäumnisse anzuerkennen. Das rächt sich gerade.
/same/ Aber ich lasse Ihnen nicht durchgehen, dass damit jede Unterscheidung kollabiert. Sie sagen, Ihre Version von „Remigration“ sei lediglich die Durchsetzung von Recht gegenüber Straftätern und Nicht-Berechtigten. Das könnte man in klarem, unverdächtigem Verwaltungsdeutsch sagen. Stattdessen greifen Sie einen Begriff auf, von dem Sie wissen, dass er in bestimmten Kreisen als Chiffre für etwas anderes fungiert. Sie spielen mit der Elastizität. Nach innen dürfen die Radikaleren hineinhören, was sie wollen. Nach außen können Sie sich auf die mildeste Lesart zurückziehen. Das ist großes politisches Theater, das sehe ich durchaus. Aber es ist nicht ehrlich, und es verschiebt die Grenze dessen, was sagbar ist, Stück für Stück normativ nach rechts.
/same/ Und noch etwas zu Ihrer symmetrischen Gleichsetzung. Ja, auch progressive Milieus haben ihren Kick. Aber der Unterschied bleibt: Unser schlechtester Tag besteht darin, zu viele Probleme durch Worte wie „strukturell“ und „Diskurs“ von uns wegzuhalten. Der schlechteste Tag Ihrer Linie besteht darin, dass Menschen mit realer Macht Fantasien normalisieren, in denen bestimmte Gruppen als Belastung, Gefahr oder irgendwie „zu viel“ erscheinen. Diese Fantasien haben in der Geschichte unseres Landes nicht abstrakt, sondern tödlich gewirkt. Wenn ich weiß, dass ein bestimmter Sound historisch brisant ist, dann habe ich eine andere Verantwortung, als wenn ich mich in akademischer Selbstzufriedenheit suhle. Insofern nehme ich Ihre Kritik an der Selbstgerechtigkeit meiner Blase an, ohne auf den Tauschhandel „alle sind gleich verführbar“ einzugehen. Wir sind nicht auf demselben Gleis unterwegs, auch wenn wir beide im Zug der Lust sitzen.
Dr. Heike Brandt (Analytikerin): Ich möchte den Faden aufnehmen, den Sie beide ungewollt gemeinsam spunnen. Herr Reuter hat uns eben darauf gestoßen, dass hier im Raum geteilte Lust am Konflikt vorhanden ist. Herr Hartmann hat anerkannt, dass auch seine Seite auf eine bestimmte Art genießt. Ich halte das für einen selten ehrlichen Moment. Die Versuchung jetzt wäre, schnell zur moralischen Bilanz zu springen und zu fragen, wessen Genuss „schlimmer“ ist. Psychoanalytisch ist interessanter, was diese beiden Formen gemeinsam haben: Sie verwandeln Scham und Ohnmacht in etwas, das sich stark anfühlt. Auf Ihrer Seite, Herr Reuter, ist es die Lust, endlich nicht mehr leise zu sein, „denen da oben“ eine reinzuwürgen. Auf Ihrer Seite, Herr Hartmann, ist es die Lust, auf der „richtigen“ Seite zu stehen, die das Ganze durchschaut. In beiden Fällen wird die Unruhe im Inneren durch ein kollektives Bild beruhigt. Das ist menschlich. Aber genau darum geht es in unserem Thema.
/same/ Jouissance ist nicht per se rechts oder links. Sie ist eine Form von Befriedigung, die an Überschreitung hängt. Wir sehen sie beim Spott über „Gendersternchen“ ebenso wie beim süffisanten Lächeln über „die Abgehängten, die es halt nicht kapiert haben“. Der analytische Punkt ist: Solange wir uns nicht eingestehen, dass wir auf verschiedenen Seiten derselben Struktur sitzen, bleibt die Rede über „die autoritäre Lust“ ein Projektionsgeschäft. Dann können Sie, Herr Reuter, zu Recht sagen: „Ihr genießt doch auch“, und Sie, Herr Hartmann, können zu Recht sagen: „Aber unsere Folgen waren bisher weniger gewalttätig.“ Das stimmt, löst aber den Knoten nicht.
/same/ Die Frage, an der sich die politischen Linien scheiden, lautet: Was machen wir mit dieser Einsicht. Autoritäre Angebote sagen: Gib der Lust nach, mach sie zur politischen Energie, lass sie Tabus brechen, und wenn andere leiden, ist das Kollateralschaden oder gar verdient. Demokratische Antworten müssen sagen: Ja, da ist Lust. Aber wir binden sie an Formen, die niemanden zum Objekt machen. Wir versuchen, den Kick nicht aus der Demütigung, sondern aus der gemeinsamen Lösung zu ziehen. Das klingt moralisch, ist aber technisch. Es geht um die Gestaltung von Verfahren, Räumen, Sprachen, in denen es genug Anerkennung, Wirksamkeit, auch Humor gibt, damit der süchtig machende Reiz des Tabubruchs an Boden verliert. Ich fürchte, wir stehen damit noch ganz am Anfang. Aber vielleicht ist der erste Schritt, dass wir unsere eigenen Genussszenen nicht länger verleugnen.
Mara Weiss (Moderatorin): Ich möchte kurz innehalten, bevor der Puls ganz hoch geht. Was wir in den letzten Minuten erlebt haben, ist genau das, was wir uns vorgenommen hatten – und zugleich das Risiko dieses Abends. Eine Theorie, die von Genuss spricht, wurde von Herrn Reuter benutzt, um uns alle ans Kreuz der Heuchelei zu nageln. Herr Hartmann hat diese Kritik nicht reflexhaft abgewehrt, sondern teilweise angenommen. Frau Vogt hat versucht, eine Linie einzuziehen, an der aus Genuss Gefahr wird. Und Frau Brandt hat uns eben die unangenehme Nachricht serviert, dass niemand hier genussfrei agiert. Wenn wir so weitermachen, können wir leicht in eine Art Meta-Spiel geraten: Wer genießt raffinierter, wer gefährlicher, wer moralisch reiner.
/same/ Ich möchte deshalb eine kleine Drehung vorschlagen. Bis jetzt haben wir vor allem aufeinander gezeigt: Sie genießen falsch, wir genießen richtig. Ich würde gern, dass wir in der nächsten Runde bewusst versuchen, die Perspektive zu wechseln. Herr Reuter, ich würde Sie bitten, einmal – wenn auch widerwillig – zu beschreiben, wo Sie selbst in Ihrem Lager eine gefährliche Lust sehen, die Ihnen Bauchschmerzen bereitet. Herr Hartmann, ich würde Sie bitten, einen Moment zu benennen, in dem Sie selbst das Gefühl hatten, im Plenum oder in der eigenen Fraktion über eine Grenze gegangen zu sein, weil der Applaus so schön war. Und Sie, Frau Nguyen und Frau Vogt, frage ich, wo Sie in Ihren Feldern merken, dass die Lust an der Entlarvung oder an der rechtlichen Grenzziehung selbst autoritäre Züge annehmen kann.
/same/ Ich sage das nicht, um uns alle auf eine Wolke des „wir sind doch alle gleich“ zu heben. Ich sage es, weil wir sonst genau das wiederholen, was der Essay kritisiert: Wir reden über Autoritarismus, als wäre er ein fremdes Objekt, und vergessen, dass die Form, in der wir reden, selber Kräfte freisetzt. Mein Vorschlag an den Saal ist daher einfach. In der nächsten Runde lassen wir die Positionen bewusst ein Stück auf sich selbst schauen. Danach kehren wir zurück zur Frage: Was folgt daraus für konkrete Politik. Bis dahin bitte ich darum, die Anspannung nicht nur gegeneinander, sondern auch als Energie zu nehmen, die uns durch diesen Abend trägt, ohne dass wir uns gegenseitig wegschießen.
Markus Reuter (AfD-Abgeordneter): Also, Frau Weiss, wenn ich mir das hier so anhöre, dann scheint ja die große Entdeckung des Abends zu sein, dass alle, die mich kritisieren, irgendwie besonders fein genießen. Der SPD‑Mann genießt seine moralische Überlegenheit, die Soziologin genießt ihre klugen Kategorien, die Juristin genießt ihre roten Linien, die Analytikerin genießt es, uns zu deuten. Und dann komme ich – und plötzlich ist mein politischer Einsatz angeblich nur noch ein Fall von „Lust an der Überschreitung“. Ehrlich gesagt: Das ist doch genau die asymmetrische Brille, die draußen so viele wütend macht. Wenn linke Gruppen Straßen blockieren, Polizisten beschimpfen oder „Deutschland, du mieses Stück“ brüllen, dann ist das rebellischer Ausdruck, Zivilgesellschaft, Widerstand. Wenn ich darauf hinweise, dass Menschen sich in ihren Vierteln nicht mehr zu Hause fühlen, ist das „Projektionsleistung“. Da stimmt doch was nicht in Ihrem Raster.
/same/ Sie tun ja gerade so, als wäre ich der Dealer einer gefährlichen Droge, während Sie selbst offenbar an der anonymen, hochkultivierten Variante nippen. Frau Brandt, Sie sprechen vom Kick des Tabubruchs – schauen Sie doch einmal in die eigenen Reihen. Es gibt eine nicht zu unterschätzende Lust daran, uns hier auf dem Podium zu pathologisieren. Die heilige Ordnung – Verfassung, Wissenschaft, Medien – sitzt im Halbrund, und der Bösewicht liefert Anschauungsmaterial für Ihre Theorie. Ich bin sozusagen der Live‑Case für Ihr Seminar „Jouissance der Rechten“. Und Sie glauben im Ernst, draußen merkt niemand, wie sehr Sie diese Rolle brauchen, um sich selbst als vernünftiges Zentrum zu fühlen.
/same/ Ich bestreite gar nicht, dass es Emotionen, Aufwallungen, auch Übertreibungen auf unseren Veranstaltungen gibt. Aber das hat mit der Realität zu tun, die Sie konsequent ästhetisieren. Wer in einem Ort wohnt, in dem sich die Sprache auf der Straße komplett verändert hat, wer erlebt, dass die Polizei Personal abbaut, während bestimmte Formen von Gewalt zunehmen, der muss sich nicht erst in einem psychoanalytischen Seminar erklären lassen, warum er wütend ist. Sie reden vom „Gestohlenen Genuss“. Die Leute draußen haben nicht das Gefühl, dass ihnen ihr Genuss gestohlen wird, sondern dass ihnen Kontrolle, Verlässlichkeit, Anerkennung entgleiten. Wenn dann jemand kommt und sagt: Wir benennen das, wir wollen Grenzen wieder spürbar machen, dann ist das nicht per se eine „Lust an der Demütigung des Anderen“, sondern ein Akt der Selbstbehauptung.
/same/ Und noch eins, weil Sie hier so gern mit Begriffen wie „Transgression“ jonglieren. Natürlich weiß ich, dass bestimmte Worte wie „Remigration“ in diesem Raum Schockwellen auslösen. Es wäre albern zu behaupten, ich spürte das nicht. Aber der Unterschied zu Ihrem Bild ist: Ich sage das nicht, um mich am Entsetzen zu berauschen, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Alternative eine schleichende Auflösung ist, die Sie mit Ihren feinen Analysen kommentieren, während andere sie ertragen müssen. Wenn Sie daraus eine Art Obszönität machen wollen – bitte. Nur wundern Sie sich nicht, wenn viele Bürger das als Theater wahrnehmen: Die einen spielen empörte Verteidiger der Ordnung, die anderen den Tabubrecher – und am Ende ändert sich nichts. Vielleicht liegt die eigentliche jouissance des Systems darin, dass es diese Rollenverteilung braucht, um sich selbst zu stabilisieren.
Jonas Hartmann (SPD-Abgeordneter): Herr Reuter, wenn Sie mich so ansprechen, treffen Sie tatsächlich einen Nerv – aber anders, als Sie denken. Ja, auch wir kennen unsere Genussszenen, und wir haben sie hier offen benannt. Der Unterschied zu dem, was Sie tun, besteht nicht darin, dass wir völlig rein sind, sondern darin, dass wir bereit sind, unsere eigene Lust an der moralischen Pose zu problematisieren. Sie drehen den Spieß um und sagen: Ihr seid doch genauso, nur feiner. Das ist rhetorisch geschickt, aber es verschleiert den Kern. Es macht nämlich einen Unterschied, ob ich mich an der Demütigung konkreter Gruppen wärme oder ob ich mich an der Selbstbestätigung als „aufgeklärter Demokrat“ wärme. Beides kann fragwürdig sein, aber es trägt nicht dieselben Folgen in die Straßen, in die Ämter, in die Klassenzimmer.
/same/ Sie behaupten, „Remigration“ sei vor allem Ausdruck eines legitimen Selbstbehauptungswillens. Sie wissen so gut wie ich, dass dieses Wort eben nicht im luftleeren Raum steht. Es kommt aus einem Milieu, das sehr bewusst mit der Fantasie einer ethnisch sortierten Volksgemeinschaft arbeitet. Natürlich kann man das technisch umdeuten: Rückführung, Vollzug von Recht, bla bla. Aber die Bilder, die damit mobilisiert werden, sind andere. Und dort, wo diese Bilder anschlussfähig werden, folgen Taten: Einschüchterung, Gewalt, Ausgrenzung. Das ist nicht nur Theorie, das ist dokumentiert. Wenn Sie dann so tun, als handele es sich um reine Semantik, während wir die „Genussvollen“ wären, machen Sie sich es bequem. Sie spielen mit Feuer und rufen anschließend „Psychologen sind schuld“, wenn es brennt.
/same/ Ich nehme Ihnen ab, dass viele Ihrer Wähler reale Kränkungen erleben. Ich rede auch sehr bewusst mit Menschen, die Ihre Partei wählen, ohne sie pauschal als Feinde zu betrachten. Aber es ist ein Unterschied, ob ich ihre Erfahrung ernst nehme oder ob ich sie in eine wirkmächtige Fantasie von „Wir“ gegen „die Fremden“ einbaue, die am Ende die Schwächsten zuerst trifft. Und genau dort sehe ich den Punkt, an dem diese ganze Jouissance‑Debatte nicht nur eine akademische Übung ist, sondern politisch wird. Sie nutzen – ob bewusst oder nicht – den Kick des Tabubruchs, um ein Projekt zu tragen, das die Gleichheit der Bürger relativiert.
/same/ Der Witz ist: Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass das System seine eigenen Rollen braucht. Der brave Demokrat, der böse Populist – das lässt sich gut erzählen. Der Unterschied ist: Wir sitzen hier, um genau diese Rollen zu irritieren. Ich habe eben von meinem eigenen Absturz in moralische Überheblichkeit erzählt, nicht, weil ich Lust auf Selbstkasteiung habe, sondern weil ich die Falle sehe. Sie dagegen verweigern sich hartnäckig, Ihren eigenen Anteil an der Lustkurve zu benennen. Genau das ist die Aporie, in der wir stecken. Ohne diese Anerkennung können wir nicht produktiv streiten, sondern bleiben in der Symmetrie: Ihr seid auch nicht besser. Und das ist, nebenbei, die bequemste Position für jemanden, der gerade ernsthafte Verantwortung scheut.
Prof. Linh Nguyen (Soziologin): Herr Reuter, ich gebe Ihnen zunächst eines zu: Sie haben recht, dass es eine weit verbreitete Lust an der Entlarvung gibt – nicht nur bei Psychoanalytikerinnen, auch bei Soziologen, Journalistinnen, Aktivisten. Sie haben recht, dass linke Protestformen ebenfalls mit Transgression spielen: Sitzblockaden, schrille Parolen, symbolische Gesetzesbrüche. Wer so tut, als wäre das völlig frei von Genuss, beschönigt. Aber es ist analytisch billig, an dieser Stelle einfach „alle gleich“ zu rufen. Die entscheidende Frage ist: Gegen wen richtet sich die Überschreitung. Nach oben – gegen Institutionen, Praktiken, Besitzstände. Oder nach unten – gegen Menschen, denen ohnehin weniger Macht, weniger Stimme zur Verfügung steht.
/same/ Wenn Klimaaktivisten eine Straße blockieren, ist das für manche berufstätige Eltern eine Zumutung, keine Frage. Aber das Ziel ist nicht, diesen Eltern dauerhaft den Platz in der Gesellschaft abzusprechen. Wenn jedoch in Reden ständig von „Umvolkung“, „Überfremdung“ oder „Remigration im Millionenbereich“ die Rede ist, dann wird aus der Überschreitung ein Ausschlussprojekt: bestimmte Menschen gelten als Fehlbestand, den man „korregieren“ müsse. Die Lust, die sich dabei einstellt, ist nicht nur das „Aha“ der Entlarvung, sondern die süße Vorstellung, eine komplexe, widersprüchliche Realität in ein klares Drinnen und Draußen zu sortieren. Das ist eine andere Qualität.
/same/ Und noch etwas: Sie haben uns hier sehr souverän in eine Art „Systemjouissance“ einsortiert – wir alle würden uns an Ihrer Rolle als Bösewicht wärmen. Das ist ein kluger Zug, denn er macht Sie unangreifbar: Jede Kritik wird zur Bestätigung Ihrer These, wir bräuchten Sie für unser eigenes Theater. Das ist fast lehrbuchhaft. Aus soziologischer Sicht würde ich sagen: Sie versuchen, die Beobachtung zweiter Ordnung zu monopolisieren. Nur Sie sehen, wie das Spiel wirklich läuft. Wir anderen sind angeblich Gefangene unserer Positionen. Genau das ist aber selbst eine Form von Genuss: der Genuss daran, sich als einziger nüchternen Beobachter zu inszenieren, umringt von naiven Idealisten.
/same/ Ich schlage vor, wir drehen die Schraube andersherum: Ja, es gibt auf allen Seiten Formen des Genießens. Aber das enthebt niemanden der Verantwortung, wessen Interessen, wessen Körper, wessen Sicherheit im eigenen Projekt mit auf dem Spiel stehen. Wenn wir fragen, warum bestimmte Begriffe – „Remigration“, „Volk“, „Grenzen dicht“ – wie ein Katalysator wirken, dann nicht, um Ihnen heimlich Ihr „Recht auf Ärger“ zu nehmen, sondern um sichtbar zu machen, wie schnell aus Ärger eine Legitimation entsteht, andere abzuwerten. Dass Sie sich dagegen mit dem Hinweis wehren, auch wir würden genießen, ist verständlich. Es ändert nur nichts daran, dass zwischen einem Studium autoritärer Dynamiken und ihrer politischen Umsetzung ein Unterschied besteht.
Sarah Vogt (Juristin): Ich möchte an dieser Stelle einen nüchternen Punkt einschieben. Für das Recht ist es zunächst völlig unerheblich, wer im politischen Raum wie stark genießt. Der Staat misst keine inneren Lustkurven, und das ist gut so. Was uns interessiert, sind Handlungen und ihre Folgen: Wird zu Gewalt aufgerufen, wird sie erleichtert, werden bestimmte Gruppen systematisch als rechtlos markiert. In diesem Sinne ist es mir, als Juristin, relativ egal, ob jemand beim Singen einer Parole einen Kick verspürt oder gähnt – entscheidend ist, ob der Inhalt mit unseren Grundnormen vereinbar ist. Und da gibt es, aller Rhetorik zum Trotz, Unterschiede, die sich nicht wegrelativieren lassen.
/same/ Nehmen wir Ihren Lieblingsbegriff, Herr Reuter: „Remigration“. Sie können lange darüber sprechen, dass Sie damit nur „konsequente Anwendung des Rechts“ meinen. In dem Moment, in dem dieser Begriff mit der Idee eines „autochthonen Volkes“ und Millionenbewegungen verbunden wird, die weit über die Zahl ausreisepflichtiger Personen hinausgehen, verlässt er den Bereich legitimer Verwaltungssprache und nähert sich gefährlich Konstrukten, die in unserer Geschichte zu den größten Verbrechen geführt haben. Das ist keine psychoanalytische Tiefendeutung, das ist eine nüchterne juristisch‑historische Feststellung.
/same/ Ich will gleichzeitig die Fallhöhe klar benennen: Nicht jede geschmacklose oder zugespitzte Formulierung ist verfassungswidrig, nicht jede Rede, die mich empört, rechtfertigt ein Verbot. Der Wunsch, das Recht möge einfach „aufräumen“, ist selbst ein Symptom – auch auf der linken Seite. Wir sehen das in Debatten, wenn sofort nach Parteiverboten gerufen wird, noch bevor die Tatbestände geprüft sind. Hier haben Herr Hartmann und Frau Brandt mit ihrer Selbstkritik einen Punkt: Auch wir Rechtsstaatsfreunde können uns an der Idee der klaren Linie berauschen.
/same/ Mein Vorschlag ist: Lassen wir dieses Rauschen beiseite und schauen auf Kriterien. Wo Menschen pauschal zu Gefahrenquellen erklärt werden, wo aus Pass oder Herkunft abgeleitet wird, wer weniger Rechte haben soll, dort beginnt die verfassungsrechtliche Problemzone. Wo Protest sich gegen konkrete Gesetze, Projekte, Machtkonzentrationen richtet, bewegt er sich eher innerhalb des Rahmens, auch wenn er nervt. Diese Unterscheidung ist grob, aber tragfähig. Sie wird nicht dadurch obsolet, dass alle Beteiligten irgendwo auch Genuss empfinden. Das mag für die Analyse interessant sein. Für die Frage, ob wir uns in Richtung Autoritarismus bewegen, bleibt entscheidend, ob wir anfangen, Menschen nach ihrer Herkunft als „Material“ zu behandeln, das man verschieben kann.
Dr. Heike Brandt (Analytikerin): Herr Reuter, Sie haben gerade ein Lehrstück geliefert, das ich so im Lehrbuch kaum besser finden könnte. Sie haben den jouissance‑Begriff, den wir hier eingeführt haben, genommen und gegen alle anderen gewendet: Die Analytikerin genießt, die Soziologin genießt, die Juristin genießt, der SPD‑Mann genießt. Nur Sie stehen – in Ihrer Darstellung – mit trockenem Hemd im Regen der Gefühle und verteidigen „die Wirklichkeit“. Das ist, wenn Sie mir den fachlichen Blick erlauben, eine sehr elegante Verschiebung. Sie entlastet Sie davon, den eigenen Genuss anschauen zu müssen. Gleichzeitig verschafft sie Ihnen eine angenehme Position: Sie sind der Einzige, der nicht mitspielt. Genau dieser Gestus ist aber bereits Teil des Spiels.
/same/ Ich widerspreche Ihnen in einem Punkt besonders entschieden: Sie stellen so dar, als würden wir hier oben Sie als „Fall“ brauchen, um uns moralisch zu wärmen. Das ist teilweise richtig – wir alle kennen die Versuchung –, aber es ist nicht das, worauf ich hinauswill. Mein Anliegen ist gerade, einen Raum zu bauen, in dem wir die Mechanik sichtbar machen, ohne uns komplett von ihr verschlingen zu lassen. Dazu gehört, dass wir, wie Herr Hartmann, wie Frau Nguyen, wie Frau Vogt, unsere eigenen blinden Flecken benennen. Dazu gehörte in diesem Block auch, Ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, so etwas zu tun. Sie haben sich dagegen entschieden. Das ist Ihr gutes Recht. Es macht aber den Unterschied deutlich, um den es im Essay geht: Zwischen einer Bewegung, die ihre eigenen dunklen Lustmomente reflektieren kann, und einer, die sie konsequent nach außen projiziert.
/same/ Wenn Sie sagen, „draußen“ erlebe man unsere Analysen als Theater, dann ist das ein ernst zu nehmender Befund. Viele Menschen empfinden tatsächlich, dass über sie hinweggeredet wird. Die Frage ist, was man daraus macht. Man kann daraus die Einladung zur gemeinsamen Reflexion machen – oder die Gelegenheit, eine klare Feindfigur zu zeichnen: die „Eliten“, die „Systemjouissance“, im Kontrast zu den „normalen Leuten“. In Ihrer Rede eben klang sehr stark die zweite Variante. Sie haben uns in einen Genuss‑Block gepackt, um sich herauszulösen.
/same/ Ich will einen anderen Vorschlag machen, und der ist unbequem für alle. Wir könnten diesen Raum so verstehen: als Ort, an dem wir akzeptieren, dass alle Beteiligten – Sie eingeschlossen – aus ihrer Rolle etwas ziehen, das über Sachargumente hinausgeht. Ich zum Beispiel genieße es durchaus, wenn es mir gelingt, einen Konflikt zu benennen, so dass sich etwas löst. Herr Hartmann genießt es vielleicht, wenn er spürt, dass seine Selbstkritik Wirkung hat. Die anderen haben ihre eigenen kleinen Zufriedenheiten. Der Unterschied beginnt dort, wo aus diesem Genuss eine Lizenz zur Entwürdigung wird. Und genau da verläuft die Linie, um die wir in dieser Diskussion ringen. Sie können weiter bestreiten, dass Ihre Rhetorik in diese Richtung wirkt. Aber Sie können nicht verlangen, dass wir so tun, als ginge es nur um „harte Realitäten“, während sich Ihr Lager am Kitzel der Überschreitung wärmt. Genau diesen Widerspruch zeigt der Text, über den wir reden – und genau deshalb lohnt es, ihn auszuhalten, statt die Analyse als elitäres Spiel abzutun.
Mara Weiss (Moderatorin): Bevor wir uns ganz in diesen Spiegelgefechten verlieren – Sie genießen, nein Sie genießen mehr –, würde ich gern die Linie etwas verschieben. Herr Reuter hat etwas Wichtiges benannt, das bei vielen Menschen Resonanz findet: das Gefühl, dass ihre Wirklichkeit in unseren Formulierungen nicht vorkommt. Frau Brandt, Herr Hartmann, Frau Nguyen, Frau Vogt haben ihrerseits deutlich gemacht, dass Worte Folgen haben, gerade wenn sie mit bestimmten Bildern verknüpft sind. Wir haben also mindestens zwei Ebenen im Raum: die Erfahrung von Ohnmacht und Kränkung – und die Frage, welche Form wir ihr geben. Wenn wir hier nur noch analysieren oder nur noch anklagen, drehen wir uns im Kreis. Ich würde deshalb eine einfache Übung vorschlagen, die nicht nett, aber klar ist.
/same/ Jede und jeder auf dem Podium formuliert jetzt erstens einen Satz, in dem er oder sie benennt, wo der jeweils andere nicht völlig falsch liegt. Nicht „auch mal recht haben könnte“, sondern konkret: Da ist ein Punkt, den ich anerkenne. Zweitens benennt jede Person einen Punkt, an dem sie selbst zum Genuss neigt, der politisch heikel ist. Keine Beichte, aber eine ehrliche Selbstauskunft. Und drittens formulieren wir genau einen Satz dazu, welche Grenze aus unserer Sicht nicht überschritten werden darf, wenn wir politisch streiten. Ich verlange keine Konsensformel, aber ich möchte, dass diese drei Sätze voneinander unterscheidbar sind: Anerkennung, Selbstreflexion, Grenzmarkierung.
/same/ Ich mache den Anfang. Erstens: Herr Reuter, ich glaube Ihnen, dass viele Menschen in Ihren Bürgersprechstunden sehr konkrete, harte Alltagsprobleme schildern und sich von „uns“ hier oben nicht ernstgenommen fühlen. Zweitens: Ich kenne bei mir selbst die Versuchung, Diskussionen so zu moderieren, dass die vermeintlich „vernünftige Mitte“ gewinnt – und spüre, dass mir die Anerkennung fürs „Geschafft‑haben“ gefällt. Das ist eine Form von Genuss, die dazu verleiten kann, Konflikte zu glatt zu ziehen. Drittens: Meine rote Linie ist, dass niemand, der hier im Land lebt, pauschal als weniger würdig oder weniger Bürger behandelt wird, weil er oder sie einer bestimmten Herkunft oder Religion angehört. Wenn wir diese Grenze nicht teilen, haben wir kein gemeinsames Spielfeld.
/same/ Ich bitte jetzt zunächst Sie, Herr Reuter, diese drei Sätze zu formulieren. Danach Herrn Hartmann, dann Frau Nguyen und Frau Vogt, zum Schluss gern wieder Frau Brandt. Ich weiß, dass das fordernd ist – es nimmt uns allen die komfortable Position, nur zu deuten oder nur zu attackieren. Aber genau das ist die Art von Bewegung, die draußen oft fehlt. Und ich bitte alle, auch im Saal und an den Bildschirmen, zuzuhören, ob wir es schaffen, nicht sofort in den Reflex zurückzufallen, den wir so gut kennen: „Das ist doch alles Theater.“ Versuchen wir es einmal so, als ginge es wirklich um etwas, das wir gemeinsam tragen müssen.
Markus Reuter (AfD-Abgeordneter): Gut, Frau Weiss, ich spiele Ihr Spiel mit – in dem Wissen, dass manche im Publikum sich jetzt denken werden: „Jetzt wird er weichgekocht.“ Erster Satz, Anerkennung. Ich sehe, dass Sie hier alle nicht aus Zynismus sitzen. Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Sie bewusst gegen die Interessen der Leute arbeiten, die ich treffe. Ich glaube, dass Sie wirklich überzeugt sind, mit Ihren Analysen und Normen etwas zu schützen, das Ihnen wichtig ist: Würde, Gleichheit, Rechtsstaat. Das nehme ich ernst, auch wenn ich vieles davon für naiv halte. Wenn ich Ihnen das nicht zugestehe, wird jede weitere Diskussion sinnlos.
/same/ Zweiter Satz, eigener Genuss. Ich wäre unehrlich, wenn ich leugnen würde, dass es sich gut anfühlt, in einem Saal wie diesem einen Satz zu sagen, der hörbar sitzt. Wenn plötzlich Ruhe ist, wenn man merkt, jetzt haben sich einige erschrocken oder auch innerlich genickt, dann hat das eine Wirkung, die man spürt. Es gibt auch eine Lust daran, die Rolle des Störenfrieds zu spielen, der die feine Runde aus dem Konzept bringt. Ich erzähle mir gern, ich tue das nur um der Sache willen. Aber natürlich ist da auch ein persönliches Moment, das man mögen oder ablehnen kann.
/same/ Dritter Satz, Grenze. Für mich ist die rote Linie, dass der Staat nicht das Recht verliert, seine Regeln durchzusetzen – an der Grenze, im Innern, bei der Frage, wer hier bleiben darf und wer nicht. Ich halte nichts davon, Menschen zu entwürdigen oder Gewalt zu feiern. Aber ich halte es für gefährlich, wenn der Begriff der Menschenwürde so weit ausgedehnt wird, dass jede Unterscheidung – Staatsbürger oder nicht, straffällig oder nicht, integrationswillig oder nicht – schon als „Entmenschlichung“ gilt. Wenn wir gar nicht mehr sagen dürfen, dass bestimmte Entwicklungen schaden, ohne aus dem Kreis der Anständigen zu fliegen, dann bricht die Debatte.
/same/ Sie werden sagen: Das ist Ihnen zu wenig Selbstkritik und zu viel Verteidigung. Ich drehe den Spiegel um: Sie haben jetzt von allen Seiten gehört, dass ich genieße, wenn ich Grenzen rhetorisch austeste. Ich habe das eingeräumt. Vielleicht wäre der nächste ehrliche Schritt, wenn Sie sich fragen, ob nicht auch Ihre rote Linie manchmal dazu dient, Ihnen ein gutes Gefühl zu verschaffen – etwa, wenn Sie jemanden mit Verweis auf „Verfassung“ aus dem Spiel nehmen, statt sich der härteren Frage zu stellen: Warum folgen ihm so viele. Wenn wir an diesen Punkten gegenseitig zerren, besteht die Chance, dass aus diesem Abend mehr wird als ein weiteres Feuilleton‑Stück über „die da und die da“.
Jonas Hartmann (SPD-Abgeordneter): Meine drei Sätze, und ich nehme die Spielregel ernst. Erstens, Anerkennung. Herr Reuter, Sie haben recht, dass wir hier oben – ich meine jetzt bewusst das „wir“ der etablierten Politik – eine starke Neigung haben, uns hinter Verfahren und Begriffen zu verstecken, wenn die Stimmung kippt. Wir berufen uns auf die Verfassung, auf internationale Verpflichtungen, auf Sachzwänge, und oft klingt das für Menschen, die gerade ihre Miete nicht zahlen können oder Angst vor Gewalt im Bus haben, wie eine elegante Form von „Damit musst du leben“. Diese Lücke ist real, ich sehe sie auch in meiner eigenen Partei.
/same/ Zweitens, eigener Genuss. Ich merke an mir selbst eine Lust an der moralischen Überlegenheit, die mir peinlich ist, aber trotzdem da. Wenn ich im Plenum eine rhetorische Punktlandung schaffe und anschließend Applaus von den „richtigen“ Reihen bekomme, fühlt sich das gut an. Wenn ich mich auf der vermeintlich „hellen Seite“ des Spektrums wähne, gibt mir das eine Identität, die Kränkungen übertüncht: Abstimmungsniederlagen, verpatzte Verhandlungen, gescheiterte Projekte. Diese Lust ist gefährlich, weil sie dazu verleitet, die eigene Rolle als naturgegeben anzusehen – und Kritik reflexartig als „populistisch“ abzuwerten.
/same/ Drittens, Grenze. Meine rote Linie ist, dass wir nicht anfangen, Staatsbürger in „eigentliche“ und „weniger eigentliche“ zu sortieren. Dass wir Herkunft, Hautfarbe oder Religion nicht als Kriterium heranziehen, um zu entscheiden, wessen Sicherheit, wessen Zukunft, wessen Lebensform schützenswerter ist. Ich akzeptiere Unterschiede bei Aufenthaltsstatus, bei Straffälligkeit, bei Pflichten – das ist Recht. Aber sobald der Ton kippt in Richtung „die gehören hier nicht wirklich her“, sind wir auf einer schiefen Bahn, die historisch gut dokumentiert ist.
/same/ Und weil Sie, Herr Reuter, uns aufgefordert haben, über die Wirkung unserer roten Linien nachzudenken: Ja, auch ich habe mich schon hinter dem Wort „Verfassung“ verschanzt, weil es angenehmer ist, eine Debatte juristisch zu beenden, als politisch zu verlieren. Wenn ich sage „Das ist verfassungsfeindlich“, signalisiere ich Stärke – und spare mir vielleicht, Ihre Wählerinnen und Wähler konkret zu fragen, wo wir ihnen objektiv Unrecht tun oder schlicht zu langsam sind. Das ist der Punkt, an dem Ihr Angriff auf unsere eigene jouissance sitzt. Ich nehme ihn nicht als Freibrief für Ihre Begriffe, aber als Mahnung an uns, dass auch progressive Politik an ihren Genussformen arbeiten muss, wenn sie nicht nur Gegenbild zu Ihnen, sondern glaubwürdige Alternative sein will.
Prof. Linh Nguyen (Soziologin): Ich schließe mich an. Erster Satz, Anerkennung. Herr Reuter, Sie haben auf eine Asymmetrie hingewiesen, die in der Forschung längst beschrieben ist: Protestformen, die ins eigene Weltbild passen, werden als „engagiert“, „zivilgesellschaftlich“, „mutig“ gerahmt, während Protestformen der Gegenseite schneller als „gefährlich“, „verrohend“ gelten. Diese Doppelmoral ist real, sie sitzt tief in Milieus, Medien und akademischen Institutionen, und sie trägt dazu bei, dass Ihr Lager sich als permanent missverstanden erlebt. Wer das ignoriert, versteht die Bindekraft Ihrer Partei nicht.
/same/ Zweitens, eigener Genuss. In meinem Feld gibt es eine deutliche Lust daran, Komplexität zu durchdringen und sich damit über diejenigen zu erheben, die „nur erleben“. Es fühlt sich gut an, wenn man einen Konflikt in drei Dimensionen, vier Ursachen, fünf Diskursfiguren aufspalten kann. Man gewinnt symbolisches Kapital: Einladungen, Zitate, Einfluss. Diese Lust kann blind machen für den Umstand, dass Menschen in ihren Alltagspraxen andere Fragen haben. Im schlimmsten Fall werden Betroffene zu Fallbeispielen degradiert, damit wir unsere Modelle schärfen können. Das ist eine Form von instrumentalisiertem Genuss, die wir kritisch betrachten müssen.
/same/ Drittens, Grenze. Für mich ist die rote Linie dort erreicht, wo politische Kommunikation Menschen in ihrer Verletzlichkeit nicht mehr sieht, sondern sie zum Material eines identitären Projekts macht – sei es nationalistisch, klassenromantisch oder moralisch „rein“. Sobald ich jemanden primär als Träger eines Merkmals adressiere – Migrantin, Akademiker, „abgehängter Ostdeutscher“ – laufe ich Gefahr, ihm oder ihr jene Vielschichtigkeit abzusprechen, die Demokratie braucht. Autoritäre Projekte – und in diese Kategorie fällt für mich der ethnisch aufgeladene Volksbegriff – leben davon, diese Vielschichtigkeit systematisch abzubauen.
/same/ Ich nutze meine dritte Zeile, um eine Brücke zu schlagen. Wenn wir als Forschende über jouissance sprechen, dann nicht, um Menschen „von oben“ zu durchleuchten, sondern um sichtbar zu machen, wie sehr wir alle – inklusive uns selbst – in diese Dynamiken verstrickt sind. Die Frage, die der Essay stellt, lautet: Welche Form des Genießens stärkt autoritäre Tendenzen, welche kann demokratische Praktiken tragen. Dass wir diese Frage hier gerade nicht nur auf Ihrer Seite, Herr Reuter, sondern auch auf unserer stellen, ist ein kleiner, aber realer Unterschied zur üblichen Empörungslogik. Ob er trägt, hängt auch davon ab, ob wir im weiteren Verlauf des Abends von der Beschreibung in die Gestaltung kommen. Das heißt: nicht nur sagen, was problematisch ist, sondern welche Erregungsformen wir fördern wollen.
Sarah Vogt (Juristin): Dann meine drei Sätze. Erstens, Anerkennung. Herr Reuter, Sie haben uns zu Recht daran erinnert, dass auch Verfassungsfreunde ihre blinden Flecken haben. Wir berufen uns gern auf abstrakte Prinzipien und unterstellen, dass sie in jedem Einzelfall intuitiv einleuchten müssten. Tun sie nicht. Wenn jemand erlebt, dass sein Stadtteil sich verändert, dass Verfahren lange dauern, dass Tätern scheinbar wenig passiert, wirken unsere Hinweise auf Grundrechte und Menschenwürde wie Weltflucht. Insofern nehme ich Ihre Kritik ernst, dass wir uns manchmal hinter dem großen Wort „Verfassung“ verstecken, statt kleinteilig zu erklären, was es im Alltag bedeutet.
/same/ Zweitens, eigener Genuss. Auch ich kenne die Versuchung, die normative Keule zu schwingen. Es macht etwas mit einem, wenn man im Saal das letzte Wort hat, weil man sagen kann: „So steht es im Grundgesetz.“ Diese Position verschafft Sicherheit und Status. Ich muss aufpassen, dass ich sie nicht dazu nutze, komplexe Konflikte zu verkürzen. Es ist verführerisch, schwierige politische Fragen als „juristisch eindeutig“ zu deklarieren, um sich der Mühe gemeinsamer Zumutung zu entziehen. In solchen Momenten verschmilzt Pflicht mit persönlicher Lust – und das ist der Punkt, an dem ich wachsam sein muss.
/same/ Drittens, Grenze. Meine rote Linie ist die Unterscheidung zwischen Person und Status. Es ist legitim, zwischen verschiedenen aufenthaltsrechtlichen Positionen zu differenzieren, Straftaten zu sanktionieren, Bedingungen für Einbürgerung zu formulieren. Es ist nicht legitim, Menschen pauschal als „Fremdkörper“, „Ballast“ oder „Material“ zu behandeln, das man im großen Stil verschieben oder entfernen könne, um eine imaginär homogene Ordnung zu schaffen. Dort verlassen wir den Boden des Grundgesetzes und nähern uns einer Logik, die in Deutschland verheerende Folgen hatte.
/same/ Ich möchte zum Schluss meines Beitrags noch einen Schritt in Richtung Containment gehen, von dem hier die Rede war. Recht kann und soll nicht den Genuss regulieren. Aber es kann Räume so gestalten, dass bestimmte Formen der Erregung weniger Anreiz finden. Wenn Parlamente klare Ordnungsrahmen für ihre Debatten setzen, wenn Medien ihre Rolle bei der Verstärkung von Tabubrüchen reflektieren, wenn Gerichte Hassrede mit nachvollziehbarer Begründung sanktionieren, dann wird der unmittelbare Kick teurer. Gleichzeitig müssen wir, wie gesagt, darauf achten, rechtliche Instrumente nicht zu nutzen, um Politik zu ersetzen. Die Spannung zwischen Freiheit und Grenze lässt sich nicht wegtherapieren und nicht wegurteilen. Sie ist auszuhalten – und genau darin liegt vielleicht eine reifere Form des Genießens, die nicht auf Kosten anderer geht.
Dr. Heike Brandt (Analytikerin): Ich mache die Übung gerne mit, Frau Weiss, allerdings nicht im Dreisatzformat, sondern im Geist davon. Wo hat Herr Reuter nicht völlig Unrecht. Dort, wo er darauf hinweist, dass auch Institutionen und „Verfassung“ als Abwehr benutzt werden können, um sich nicht mit dem zu beschäftigen, was an Ohnmacht und Kränkung in der Bevölkerung wirklich da ist. Wo hat Herr Hartmann nicht völlig Unrecht. Dort, wo er darauf besteht, dass ethnische Sortierungen, Rede von „echten“ und „unechten“ Deutschen, die Logik der Verfassung an ihrem Nerv treffen. Und wo haben Frau Nguyen und Frau Vogt nicht völlig Unrecht. Dort, wo sie uns in Erinnerung rufen, dass Worte mehr tun als Bedeutungen transportieren – sie setzen Körper in Schwingung und legen Spuren in Behörden, Gerichten, Klassenzimmern. Das alles ist richtig und bleibt richtig, auch wenn wir über jouissance sprechen.
/same/ Nun zu meiner eigenen Lust. Ich merke, wie auch ich genieße, wenn ich aus der Position der Analytikerin Muster entlarve. Es hat etwas Befriedigendes, aufzuzeigen: Seht ihr, hier wiederholt sich die Fantasie des „gestohlenen Genusses“, hier wird das perverse Über-Ich aktiv, das „Genieße!“ befiehlt. Ich bekomme Applaus, wenn ich das elegant formuliere. Und es gibt eine Versuchung, in dieser Höhe zu bleiben, über allen anderen, statt mich dem Unbehagen auszusetzen, das im Raum ist. Das ist meine Form der Transgression: Ich überschreite die Grenze zur kalten Distanz und nenne es „Analyse“. Wenn ich ehrlich bin, schützt mich das vor dem Schmerz, mitzuerleben, wie Menschen tatsächlich verletzt werden – durch reale Taten, aber auch durch reale Ausschlüsse.
/same/ Und meine rote Linie. Die verläuft dort, wo die Theorie zur Normalisierung der Gewalt wird. Wenn jemand aus meinen Begriffen den Schluss ziehen wollte: „Seht ihr, alle genießen, also ist es egal, wer spricht wie“ – dann wäre das Verrat an dem, was Analyse im besten Fall leisten soll. Wir können nicht so tun, als sei die jouissance desjenigen, der im Parlament Gruppen entwürdigt, symmetrisch zur jouissance derjenigen, die sich an der Verfassung festhalten, um diese Gruppen zu schützen. Wir sind alle verstrickt, ja. Aber wir tragen unterschiedlich viel Macht und Verantwortung. Meine rote Linie ist deshalb, dass ich mich nicht vor die Entscheidung stelle, sondern hinter sie. Ich kann beschreiben, wie die Lust an der Überschreitung funktioniert. Aber politisch muss ich sagen: Diese Lust darf nicht die Würde Einzelner kosten. Und ich wünsche mir, dass wir im weiteren Verlauf nicht nur benennen, wer wo genießt, sondern gemeinsam überlegen, wie wir das, was hier im Raum an Aggression spürbar ist, halten, statt es an den jeweils Schwächeren auszulagern.
Mara Weiss (Moderatorin): Gut, ich glaube, wir sind an einem Punkt, an dem wir die Selbstaufklärung nicht länger als Selbstzweck betreiben sollten. Wir haben von allen zentralen Figuren im Raum gehört, dass sie nicht frei sind von Formen des Genießens – vom Kick des Tabubruchs, vom Genuss an moralischer Überlegenheit, vom akademischen und juristischen Stolz, vom Erkenntnisrausch der Analyse. Das finde ich bemerkenswert, weil es eine Symmetrie der Verstrickung markiert. Gleichzeitig ist – und das hat Frau Brandt gerade stark gemacht – die Asymmetrie der Wirkung nicht verschwunden. Es macht einen Unterschied, ob ich mit einem Begriff im Feuilleton jongliere oder ob ich im Plenum über „Fremdkörper“ spreche.
/same/ Ich würde den nächsten Block der Diskussion deshalb anders strukturieren. Ich bitte jede und jeden am Podium, im nächsten Beitrag genau einen Satz zu ergänzen: „Wenn ich ernst nehme, was hier über die Lust an der Überschreitung gesagt wurde, dann müsste ich politisch eigentlich …“. Kein Meta, kein „man“, kein „die Gesellschaft“, sondern ein konkretes „ich“ plus Handlung oder Unterlassung. Und ich bitte Sie, Herr Reuter, ausdrücklich nicht, jetzt eine Gegenrede zur Psychoanalyse zu halten, sondern diesen Satz zu füllen – gerade weil Sie die These für überzogen halten. Vielleicht zeigt sich dann, wie weit unsere Differenzen wirklich gehen.
/same/ Für das Publikum möchte ich transparent machen, was ich damit bezwecke. Wir sind von der Phase des Clash – der wechselseitigen Entlarvung – in eine Phase eingetreten, in der Ordnung angeboten wird. Das birgt die Gefahr, dass wir zur Tagesordnung übergehen und der Affekt wie ein unverdaulicher Kloß im Raum bleibt. Ich versuche, das zu vermeiden, indem ich eine Minimalverpflichtung einziehe: Wer hier spricht, muss sich zeigen, wo er oder sie bereit wäre, eigenes Verhalten zu ändern. Das heißt nicht, dass wir am Ende Hand in Hand vom Podium gehen. Es heißt nur, dass wir den Ernst dieses Themas nicht an die nächste Talkshow delegieren. Herr Reuter, würden Sie beginnen.
Markus Reuter (AfD-Abgeordneter): Also gut, Frau Weiss, ich spiele Ihr Spiel mit einem klaren Satz. Wenn ich ernst nehme, was hier über die Lust an der Überschreitung gesagt wurde, dann müsste ich politisch eigentlich noch präziser und noch kälter in meinen Formulierungen werden – damit Sie keine Ausrede haben, meine Kritik an realen Missständen als „Kick“ abzutun. Das ist keine Kapitulation, das ist ein Angebot zur Klarheit. Ich höre, was Sie alle sagen: dass auch ich genieße, wenn die anderen sich aufregen, dass auch ich das Gefühl der Einzigartigkeit meiner Position koste. Ich bestreite das nicht, ich bin ja kein Heiliger. Aber ich wehre mich dagegen, dass diese Beobachtung zum Hauptargument wird, warum meine Inhalte falsch sein sollen.
/same/ Ich bin bereit, mir an die eigene Nase zu fassen. Ja, es gibt Formulierungen, bei denen ich im Nachhinein denke: Musste das Bild so hart sein. Aber die Linie verläuft für mich anders als für Sie. Meine rote Linie bleibt, dass wir Dinge beim Namen nennen müssen, auch wenn sich jemand daran stößt. Und ich sage Ihnen offen: Ich habe den Eindruck, dass ein Teil der Lust, von der hier die Rede ist, auch in Ihrer Ecke angesiedelt ist – die Lust, mich moralisch vorzuführen, die Lust, sich als Bollwerk der Zivilisation zu inszenieren. Wenn Sie wirklich wollen, dass ich meine Sprache so wähle, dass sie weniger als bloßer Affektgenerator wirkt, dann müssen Sie mir die Möglichkeit lassen, Probleme so anzusprechen, dass man sie im Land noch wiedererkennt.
/same/ Konkret heißt das: Wenn ich eine Kampagne gegen Messerangriffe fahre, werde ich aufhören, ganze Gruppen dafür in Sippenhaft zu nehmen. Ich werde mich auf Täter, Taten und Zuständigkeiten konzentrieren. Aber ich werde nicht aufhören, von einem Staat zu sprechen, der seine Bürger nicht mehr ausreichend schützt, wenn ich es so sehe. Und ich werde auch nicht so tun, als gäbe es nicht eine reale Überforderung in manchen Vierteln. Insofern: Ja, ich nehme mit, dass ich nicht nur auf dem Rücken anderer politisch „reiten“ darf. Aber ich verlange im Gegenzug, dass Sie aufhören, jede zugespitzte Formulierung reflexhaft als autoritäre Versuchung abzutun. Sonst bleibt Ihre Analyse ein komfortables Werkzeug, um Kritik zu neutralisieren. Und dann, Frau Brandt, wird aus Ihrer roten Linie ein ziemlich bequemer Schutzwall.
Jonas Hartmann (SPD-Abgeordneter): Ihr Satz, Herr Reuter, ist interessant, weil er das Dilemma genau zeigt. „Noch präziser und noch kälter“ klingt im ersten Moment wie eine Tugend, vielleicht sogar wie das, was wir im besten Sinn unter Nüchternheit verstehen. In der Praxis erlebe ich aber – gerade in diesem Haus –, dass „Kälte“ sehr oft heißt: kein Wort über die Menschen, die auf der anderen Seite dieser Politik stehen. Wenn ich Ihren Satz ernst nehme, müsste ich politisch eigentlich zweierlei tun. Erstens meine eigene Lust an der moralischen Anklage zügeln, indem ich mich zwinge, konkreter zu werden: Welche Gesetze sind unzureichend, welche Verfahren zu langsam, welche Behörden überlastet. Zweitens aber auch: Ihre kühle Sprache nicht einfach als Zeichen von Verantwortung durchwinken, sondern genau hinsehen, ob da nicht doch wieder eine Gruppe zum Träger geopferter Würde gemacht wird.
/same/ Ich gestehe Ihnen gern zu, dass Sie reale Sicherheitsprobleme ansprechen. Ich sitze in denselben Bürgersprechstunden wie Sie. Aber ich verlange von mir, Ihre Themen nicht nur im Modus der Abwehr aufzunehmen. Wenn ich aus dieser Diskussion etwas lerne, dann dies: Ich darf mir die kleine jouissance nicht mehr leisten, in der Plenardebatte einen besonders schönen Satz über „Brandstifter der Demokratie“ zu liefern und mich innerlich daran zu wärmen, wie sehr er sitzen wird. Das ist mein Anteil. Gleichzeitig bleibe ich bei meiner roten Linie: keine ethnische Semantik, kein Spiel mit „echten“ und „anderen“, kein Relativieren der Menschenwürde. Konkret heißt das, dass ich Initiativen unterstützen werde, die Sicherheit verbessern, ohne Sortierfantasien zu bedienen – und dass ich mich meiner eigenen Versuchung stelle, Sie nur noch als Fallbeispiel für das Autoritäre zu sehen, statt als politischen Gegner, der Wählerinnen und Wähler vertritt.
/same/ Das macht die Sache nicht gemütlicher. Im Gegenteil: Es heißt, dass ich mich in Zukunft häufiger zwischen Ihnen und meinen eigenen Reihen unbeliebt machen werde. Wenn Sie in einem Punkt sauber argumentieren, werde ich das sagen müssen, auch wenn es mir schwer fällt. Und wenn meine eigene Partei in Symbolpolitik flüchtet, statt Probleme anzupacken, werde ich es benennen. Gleichzeitig werde ich Sie immer dann frontal angehen, wenn Sie in Richtung kollektiver Entwürdigung kippen. Das ist dann nicht meine Lust am Schlagabtausch, sondern mein Verständnis von Amtseid. Ob es uns gelingt, aus dieser Konstellation etwas anderes zu machen als ein endloses Kräftemessen, weiß ich nicht. Aber ich bin bereit, den Versuch zu unternehmen.
Prof. Linh Nguyen (Soziologin): Wenn ich den Satz ergänze, den Frau Weiss vorgeschlagen hat, dann lautet er für mich: Wenn ich ernst nehme, was hier über die Lust an der Überschreitung gesagt wurde, dann müsste ich politisch – im weitesten Sinn – eigentlich weniger oft in der Loge sitzen und öfter im Maschinenraum der Verfahren auftauchen. Ich habe, ähnlich wie Frau Brandt, eine professionelle Neigung, Muster zu erkennen und sie elegant zu benennen. Das gibt mir ein Gefühl von Übersicht. Aber es schützt mich auch davor, mitzuertragen, wie sich Konflikte konkret anfühlen. Wenn ich höre, wie Herr Reuter und Herr Hartmann ihre Selbstkorrekturen formulieren, sehe ich die Gefahr, dass wir uns in einer feinen Schleife von Einsicht und Minimalveränderung einrichten und die harte Arbeit an den Strukturen verschieben.
/same/ Konkret würde das heißen: Ich sollte meine Forschung stärker darauf ausrichten, wie Beteiligungsformate gebaut sein müssen, damit sie jene „Transgressionslust“ tatsächlich schwächen. Nicht abstrakt, sondern in der konkreten Verwaltungspraxis: Welche Rückmeldeschleifen brauchen Menschen, damit sie erleben, dass ihr Wort Konsequenzen hat. Wie müssen Parlamente kommunizieren, damit nicht nur die Schlagzeile, sondern auch der zähe Fortschritt sichtbar wird. Und ja, das heißt auch, dass ich mich dem Risiko aussetzen müsste, von keiner Seite mehr wirklich gemocht zu werden – weil ich sowohl die autoritäre Zuspitzung als auch die bequeme Mitte kritisiere.
/same/ Ich möchte aber auch, bevor wir weitergehen, einen Marker setzen, der mir wichtig ist. Wir dürfen die Asymmetrie nicht zu Tode relativieren. Wenn ein Abgeordneter in einem Parlament Bilder benutzt, die bestimmte Gruppen immer wieder als Gefahr, als Last, als „Material“ markieren, dann entsteht daraus ein Klima, in dem Verwaltung, Polizei, Lehrkräfte anders handeln. Das ist keine moralische Metapher, das ist empirisch belegbar. Ebenso empirisch ist, dass wohlmeinende, aber abstrakte Appelle an „Toleranz“ ohne sichtbare Veränderung der Lebenslage nichts haben, was sie trägt. Wenn wir also hier im Saal über unsere je eigene jouissance reflektieren, darf das keine Ausrede sein, die Verantwortung auf alle gleich zu verteilen. Einige sitzen näher am Hebel der Macht, andere näher an der Verletzung. Das muss sich in der Frage spiegeln, wer wie bereit ist, seine Form der Lust zu begrenzen.
Sarah Vogt (Juristin): Mein Satz wäre folgender. Wenn ich ernst nehme, was hier über die Lust an der Überschreitung gesagt wurde, dann müsste ich politisch eigentlich weniger oft hinter der Fassade der Paragrafen verschwinden und klarer benennen, wo Recht selbst zur Bühne dieser Lust wird. Als Juristin habe ich die komfortable Position, mich auf Texte zu berufen – Grundgesetz, Strafgesetzbuch, Geschäftsordnung. Das gibt mir eine Form von Sicherheit und auch, wenn ich ehrlich bin, eine gewisse Befriedigung. Ich kann sagen, bis hierher und nicht weiter, und das fühlt sich sauber an. Dabei vergesse ich leicht, dass auch das ein Machtakt ist. Wenn ich zum Beispiel im Plenum auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde verweise, kann das sowohl Schutzgestus sein als auch Abwehr, die verhindert, dass wir über reale Sicherheitsprobleme konkret sprechen. Ich muss mich also fragen, wann meine Liebe zu klaren Linien dient und wann sie bloß meine eigene Verunsicherung kaschiert.
/same/ Für mich heißt das konkret zwei Dinge. Erstens werde ich, wo immer ich rechtliche Grenzen ins Feld führe, dazu sagen, welche politischen Spielräume innerhalb dieser Grenzen tatsächlich existieren. Es ist zu bequem, sich hinter der Formel das ist verfassungswidrig zu verstecken, wenn in Wahrheit ein Korridor bleibt, in dem man gestalten könnte. Zweitens werde ich darauf achten, dass ich rechtliche Kategorien nicht in eine kalte Sprache übersetze, die Menschen zu Fällen und Aktenzeichen macht. Wenn wir über Abschiebungen sprechen, über Entzug von Staatsangehörigkeit, über Polizeibefugnisse, dann hat jedes Wort, das ich wähle, eine doppelte Wirkung – auf diejenigen, die sich bedroht fühlen, und auf diejenigen, die sich ermächtigt fühlen. Diese Doppelwirkung kann man nicht neutral verwalten. Sie verlangt eine bewusste Entscheidung.
/same/ Gleichzeitig bleibe ich bei meiner roten Linie. Wenn im Namen der Klarheit Begriffe eingeführt werden, die Menschen nach Herkunft sortieren, also eine Hierarchie von Zugehörigkeit etablieren, verlässt das den Boden der Verfassung. Da hilft auch keine noch so geschickte Rhetorik. Insofern nehme ich mit, Herr Reuter, dass Sie bereit sind, bestimmte Bilder zu überprüfen. Ich nehme aber auch ernst, dass die Versuchung groß bleibt, das scharfe Wort zu wählen, das die eigene Anhängerschaft elektrisiert. Meine Aufgabe wird sein, nicht nur hinterher zu sagen das war zu viel, sondern frühzeitig zu markieren, welche Linie überschritten würde, wenn aus härterer Verwaltungssprache eine versteckte Abstufung von Menschenwürde würde. Das ist kein moralischer Luxus, sondern Kern meines Berufsethos. Und ja, auch das ist eine Form des Genießens – das Wissen, für etwas Nichtverhandelbares zu stehen. Aber wenn ich mir dessen bewusst bleibe, kann ich besser unterscheiden, wann ich nur dieses Bild von mir pflege und wann ich tatsächlich Schutz leiste.
Markus Reuter (AfD-Abgeordneter): Frau Vogt, ich gebe zu, ich habe mit Ihren klaren Sätzen mehr Schwierigkeiten als mit den theoretischen Exkursen. Sie sagen, Sie wollen nicht hinter der Formel das ist verfassungswidrig verschwinden. Gleichzeitig behalten Sie sich vor, schon bei bestimmten Begriffen die rote Karte zu zeigen. Wenn ich das ernst nehme, was hier über Lust an der Überschreitung gesagt wurde, dann müsste ich politisch eigentlich zweierlei tun – und beides fällt mir schwer. Ich müsste zum einen lernen, zwischen zwei Arten von Provokation zu unterscheiden. Die eine trifft einen Missstand, den auch viele außerhalb meiner Blase spüren. Die andere trifft vor allem die Würde von Menschen, denen das Recht verspricht, dass sie nicht sortiert werden. Im Moment mische ich diese beiden Ebenen manchmal, weil der Effekt im Saal und im Netz größer ist.
/same/ Die zweite Konsequenz wäre, dass ich mein eigenes Verhältnis zur Verfassung überprüfe. Ich habe oft gesagt, wir seien die wahren Verteidiger des Grundgesetzes. Wenn ich aber gleichzeitig Begriffspolitik betreibe, die unausgesprochen darauf zielt, die Kategorie Staatsbürger zu verengen, dann stimmt da etwas nicht. Entweder nehme ich ernst, dass jemand, der hier eingebürgert ist, nicht Bürger zweiter Klasse ist, oder ich verlasse den demokratischen Rahmen, auf den ich mich sonst berufe. Ich kann nicht beides gleichzeitig haben – den Ruhm des Tabubrechers und den Mantel des Verfassungsschützers. Das ist der Punkt, an dem mich dieses Gespräch trifft, ob mir das gefällt oder nicht.
/same/ Heißt das, dass ich künftig in Watte rede. Nein. Ich bleibe dabei, dass wir eine klarere Sprache brauchen, wenn es um Sicherheit, um Grenzen, um Leistungsbereitschaft geht. Aber ich sehe deutlicher, dass ich mich entscheiden muss, auf wessen Kosten ich meinen Effekt buche. Wenn ich von Clans rede, von Parallelgesellschaften, von Gewalttätern, dann kann ich mich auf konkrete Zahlen, Verfahren und Taten beziehen, statt ins Diffuse zu gehen. Es wird immer Menschen geben, die jedes harte Wort als autoritäre Versuchung lesen. Aber wenn ich die Lust, die darin steckt, dass der Saal knistert, nicht mehr für unschuldig halte, sondern als etwas, das ich verantworten muss, verändert das vielleicht mehr, als mir lieb ist. Ich sage nicht, dass ich ab morgen ein anderer bin. Aber ich kann Ihnen nicht in die Augen sehen und zugleich so tun, als ginge mich all das nichts an.
Dr. Heike Brandt (Analytikerin): Es ist interessant, wie sich der Ton verändert, seit wir gezwungen sind, uns im ersten Person Singular zu bewegen. Das reduziert nicht die Konflikte, aber es verschiebt ihren Klang. Wenn ich schaue, wo wir jetzt stehen, sehe ich drei Bewegungen. Herr Reuter ringt sichtbar mit der Frage, wie weit seine Lust am Effekt noch mit seinem Anspruch, Verteidiger der Verfassung zu sein, vereinbar ist. Herr Hartmann ringt mit der Versuchung, Sie, Herr Reuter, nur noch als Symptom zu lesen und nicht als Repräsentant echter Anliegen. Frau Vogt ringt mit der Spannung zwischen klaren Normen und der Gefahr, diese Normen als Schutzschild gegen Zumutungen zu nutzen. Und Frau Nguyen hat den Finger darauf gelegt, dass wir uns alle in der bequemen Loge der Deutung einrichten können, während die eigentliche Arbeit in den Strukturen wartet.
/same/ Psychoanalytisch gesprochen haben wir den ersten, lauten Teil dieser Debatte genutzt, um Spaltungen zu inszenieren. Gut hier, böse dort; Realismus hier, Moral dort; Freiheit hier, Zwang dort. Die letzten Beiträge waren Versuche, diese Spaltung ein Stück weit aufzulösen, ohne in ein harmonisierendes Alles hat irgendwie recht zu kippen. In der Klinik würde ich sagen, wir sind von einer paranoid-schizoiden Position – alles oder nichts – in Richtung einer depressiven Position gerückt, in der Ambivalenz und eigene Beteiligung ertragen werden. Das ist fragil. Es kann in jedem Moment kippen, sobald einer von uns die alte Lust wieder mobilisiert, den anderen zu entlarven. Aber es ist eine andere Qualität als zu Beginn.
/same/ Wenn wir nun, wie von Frau Weiss angeregt, in eine Phase der gemeinsamen Containment-Arbeit gehen wollen, muss etwas dazukommen. Containment heißt, rohe Affekte aufzunehmen, zu verdauen und in eine Form zurückzugeben, die denkbar ist. Auf unser Setting übertragen heißt das, dass wir nicht nur bei den Selbstbekenntnissen stehen bleiben dürfen. Wir müssten konkrete Szenen durchspielen und uns gemeinsam fragen, wie man sie anders erzählen könnte. Eine Talkshow, in der Grenzverletzungen nicht das Höchste der Gefühle sind. Eine Bürgerversammlung, in der Wut willkommen ist, aber nicht als Munition gegen die Schwächsten abgegeben wird. Eine Parlamentsdebatte, in der klare Opposition möglich ist, ohne dass Menschen entwertet werden. Ich würde vorschlagen, dass wir im letzten Block genau das tun. Nicht, weil wir uns für besonders erleuchtet halten, sondern weil wir hier exemplarisch üben können, was draußen selten geschieht – nämlich den autoritären Genuss nicht nur zu analysieren, sondern ihm eine andere Form der Befriedigung entgegenzusetzen.
Maximilian Müller (Publikum): Entschuldigung, ich melde mich aus dem Publikum, weil ich gerade zwischen Respekt und Überforderung hin- und hergerissen bin. Ich höre, wie Sie alle sehr reflektiert über Ihre eigene Rolle sprechen. Ich höre von Lust, von Über-Ich, von Containment und von der Verantwortung, wie man Begriffe verwendet. Gleichzeitig sitze ich hier als jemand, der sich fragt, was das für meinen Alltag heißt. Ich habe eine Familie, eine Miete, eine Schichtarbeit. Ich habe Angst davor, abends mit der Tochter durch bestimmte Straßen zu gehen. Ich habe aber auch Angst davor, dass meine Kollegin, die Kopftuch trägt, irgendwann nicht mehr als Kollegin gesehen wird, sondern als Problem. Wenn Sie jetzt sagen, alle genießen irgendwie, dann frage ich mich, ob meine Angst und meine Müdigkeit in diesem Bild überhaupt vorkommen. Ich erlebe mich nicht als jemanden, der nach Kick sucht. Ich erlebe mich als jemanden, der möchte, dass es halbwegs fair zugeht und dass ich nicht ständig zum Spielball von Kampagnen werde.
/same/ Mein Eindruck ist, dass das Gespräch hier viel auf der Ebene bleibt, wie man über die Dinge redet. Ich würde gern hören, wo das alles in Entscheidungen mündet. Wer sorgt dafür, dass meine Tochter sicher zur Schule kommt, ohne dass dabei ganze Gruppen unter Generalverdacht gestellt werden. Wer sorgt dafür, dass meine Kollegin nicht jeden Tag erklären muss, dass sie hierher gehört. Wer sorgt dafür, dass ich mich in Parlamenten und Talkshows wiederfinde, ohne dass ich das Gefühl habe, man spielt mit meinen Sorgen, um Applaus zu bekommen. Ich will keine perfekte Theorie. Ich will wissen, ob irgendjemand hier bereit ist, auf einen Teil seiner eigenen Vorteile zu verzichten, um diese Mischung aus Angst und Resignation ernst zu nehmen. Und ja, vielleicht liegt darin auch eine Sehnsucht nach einer anderen Art von Lust – der Lust, einmal nicht gegeneinander ausgespielt zu werden.
Mara Weiss (Moderatorin): Danke für diesen Beitrag, der die Luft ein wenig neu sortiert hat. Ich nehme drei Sätze mit, die uns für den letzten Teil dieser Runde leiten könnten. Erstens – ich will keine perfekte Theorie. Zweitens – ich will nicht zum Spielball von Kampagnen werden. Drittens – wer verzichtet auf einen Vorteil. Damit sind wir sehr dicht an dem, was hier zu Beginn als Kern des Problems beschrieben wurde. Autoritäre Politik gewinnt, wenn sie es schafft, Ohnmacht in eine süchtig machende Lust zu verwandeln, die immer wieder nach neuen Grenzüberschreitungen verlangt. Demokratische Politik verliert, wenn sie es nicht schafft, eine andere Form der Befriedigung anzubieten, die nicht auf Demütigung beruht, sondern auf erlebter Fairness und Wirksamkeit.
/same/ Ich werde deshalb für den Schlussblock eine etwas härtere Struktur einziehen. Jede Person am Podium bekommt noch einmal das Wort. Aufgabe ist, aus der eigenen Rolle heraus eine konkrete Praxis zu benennen, die genau auf das zielt, was hier aus dem Publikum formuliert wurde. Kein Wert, kein abstrakter Begriff, sondern etwas, das eine spürbare Spur im Alltag von Leuten hinterlässt, die nicht in Theorieseminaren sitzen. Das kann ein anderer Umgang mit Sprache im Plenum sein, eine Veränderung im Ausschuss, ein Format in der Kommune, eine Anpassung von Verfahren. Es darf unbequem sein, auch für die eigene Seite. Und ich werde danach fragen dürfen, wo jeweils der Verlust liegt – also welches Stück jouissance man dafür hergibt.
/same/ Damit markieren wir bewusst den Übergang in die Phase, die Frau Brandt Containment genannt hat. Wir halten fest, dass es diese Lust an der Überschreitung gibt, dass sie uns alle betrifft, wenn auch in unterschiedlicher Verantwortung. Und wir tun nun so etwas wie eine Probe auf die Praxis. Nicht, weil wir glauben, dass man autoritäre Versuchungen an einem Abend ausräumen kann, sondern weil wir zeigen wollen, dass es möglich ist, vor Publikum zu sagen – hier gebe ich ein Stück meiner Lieblingslust zugunsten von etwas, das vielleicht weniger knistert, aber stabiler trägt. Herr Hartmann, ich würde mit Ihnen beginnen und dann reihum gehen.
Jonas Hartmann (SPD-Abgeordneter): Gut, Frau Weiss, ich nehme die Aufgabe an, auch wenn sie mir nicht leicht fällt. Wenn ich das ernst nehme, was hier über Genuss gesagt wurde, dann müsste ich politisch erstens auf die süße Versuchung verzichten, mich an der AfD moralisch abzuarbeiten, weil das in meiner eigenen Blase zuverlässig Applaus bringt. Ich kenne das, wenn ich im Plenum oder auf einer Kundgebung einen besonders geschliffenen Satz gegen rechts setze und spüre, wie die eigenen Leute aufspringen. Das fühlt sich an wie Gerechtigkeit und wie Sieg, gleichzeitig weiß ich, dass ich damit vor allem die Spaltung stabilisiere. Konkrete Praxis hieße für mich, im Landtag und in Talkshows konsequent zwischen Wählern und Partei zu unterscheiden. Ich will mich nicht mehr am kurzen, genüsslichen Schlagabtausch berauschen, sondern immer wieder darauf zurückkommen, dass hinter jedem Kreuz bei der AfD jemand steht, der sich – wie Sie, aus dem Publikum – fragt, ob seine Tochter sicher ist und ob seine Kollegin als Kollegin gilt.
/same/ Zweitens muss ich im Wahlkreis etwas verändern. Bisher bin ich mit einem gewissen Stolz auf Veranstaltungen gefahren, bei denen ich wusste, dass ich freundliches Terrain betrete. Dörfer, Vereine, Stadtteile, in denen meine Partei traditionell stark ist. Es ist bequem, dort Zuspruch zu ernten und sich im Recht zu fühlen. Ich habe mir fest vorgenommen, in den nächsten zwei Jahren systematisch in diejenigen Ortsteile zu gehen, in denen die AfD überdurchschnittlich gewählt wird, und dort Sprechstunden anzubieten, die nicht als Gegenveranstaltungen etikettiert sind, sondern als offene Räume. Bedingung an mich selbst: kein Schlagabtausch um das Wer ist schlimmer, sondern Arbeit an konkreten Themen, gemeinsam mit Verwaltung, Polizei, Schulen. Ich werde das nicht romantisieren. Es wird unangenehm, es wird Momente geben, in denen ich mich vorgeführt fühle. Aber wenn wir ernst nehmen, dass autoritäre Angebote auf einer echten Nachfrage nach Sichtbarkeit und Ordnung aufbauen, dann kann ich mich nicht in jene Sitzungen zurückziehen, in denen ich die anderen nur erkläre.
/same/ Drittens schließlich will ich in meiner Fraktion dafür werben, dass wir unsere Freude am moralischen Überlegenheitsgestus reflektieren. Wir nennen das gern Haltung, und oft ist es das auch. Aber manchmal ist es eine Art stiller Hochmut, der den anderen nur als Objekt der Empörung braucht. Ich werde vorschlagen, dass wir uns zum Beginn jeder Plenarwoche eine Stunde Zeit nehmen, in der wir nicht über Anträge reden, sondern über Ton, Bilder, Metaphern. Dass wir uns fragen, welchen Körper eine Formulierung beim Gegenüber trifft, so wie Frau Brandt es beschrieben hat. Der Preis dafür ist, dass ich in manchen Gesprächen den schnellen Beifall verliere. Der Gewinn wäre, dass meine Tochter – wenn wir schon bei Familienbildern sind – irgendwann in einem Land lebt, in dem politische Gegner hart streiten, ohne sich gegenseitig zu erniedrigen.
Markus Reuter (AfD-Abgeordneter): Sie wollen eine konkrete Praxis und einen Verzicht hören, Frau Weiss, und Sie aus dem Publikum wollen wissen, wer sich bewegt. Ich mache es mir nicht leicht damit, aber ich formuliere es so. Erstens werde ich in meinen Reden und Beiträgen zwei Begriffe streichen, die ich bisher mit einer gewissen Lust benutzt habe, weil sie alles auf einen Nenner bringen. Bevölkerungsaustausch und Umvolkung. Ich habe diese Worte eingesetzt, um die Dramatik zu unterstreichen, und ich wusste, dass sie manchen weh tun und andere elektrisieren. Wenn ich ehrlich bin, war genau das der Punkt. Wenn ich stattdessen von Zuwanderungszahlen, von Integrationsquoten, von Kriminalitätsstatistik spreche, verliert die Sache rhetorischen Glanz, gewinnt aber an Genauigkeit. Ich werde harte Kritik an der Migrationspolitik nicht einstellen. Aber ich verzichte darauf, sie in Bilder zu kleiden, die Millionen Menschen pauschal zu einer Bedrohung verklumpen.
/same/ Zweitens werde ich in meinem Wahlkreis ein Experiment wagen, das meinem eigenen Instinkt widerspricht. Bisher habe ich Sicherheitsabende veranstaltet, bei denen die Bühne klar war. Polizei, ich, Bürger, die sich zu Wort melden, und am Ende ein Gefühl von wir gegen die da oben. Künftig will ich zwei solcher Abende im Jahr anders aufsetzen. Neben Polizisten sitzen eine Lehrerin aus der Berufsschule, jemand aus der Ausländerbehörde und jemand aus einem Migrantenverein. Nicht als Feigenblätter, sondern mit eigenem Redeanteil. Ich bin sicher, dass es knallen wird, und ich weiß, dass ein Teil meiner Stammhörerschaft das als Verwässerung empfinden wird. Aber wenn ich behaupte, ich wolle reale Probleme lösen, muss ich aushalten, dass jemand, der anders aussieht als ich, auf derselben Bühne über Sicherheit spricht. Ich verzichte damit auf ein Stück der klaren Frontlinie, die mir bisher genutzt hat.
/same/ Drittens, und das ist vielleicht der unangenehmste Punkt für mich, werde ich in meinem Team und in meinen Kanälen einen Stopp für jene ironischen Zuspitzungen einziehen, die unter dem Radar laufen, aber genau die obszöne Solidarität produzieren, von der hier die Rede war. Die Memes, die Witze, die Halbzitate, die in Eingeweihtenkreisen zirkulieren und von denen man sich einredet, sie seien doch nur Spaß. Ich weiß, wie attraktiv das ist, wie sehr es das Gefühl von Wir verstärkt. Ich weiß aber inzwischen auch, dass es die Kollegin mit Kopftuch, von der Sie sprachen, jeden Tag ein Stück mehr zu einem Symbol macht, auf das man seine Frustlast abladen darf. Ich kann nicht versprechen, dass ich in der Hitze des Gefechts nie wieder überziehe. Aber ich nehme mir bewusst ein Stück dieser Schattenlust weg und betrachte das als Test, ob ich wirklich anderer Politik wegen hier bin oder nur des Nervenkitzels wegen.
Prof. Linh Nguyen (Soziologin): Ich sitze hier als jemand, der beruflich gern erklärt, warum Dinge so sind, wie sie sind, und der sich lange einreden konnte, damit schon etwas Wichtiges zu tun. Wenn ich die Frage aus dem Publikum ernst nehme, dann müsste ich aus der Zuschauerloge herauskommen. Erstens werde ich mir vornehmen, dass jedes Forschungsprojekt, das ich zu politischer Radikalisierung oder Polarisierung mache, mindestens eine konkrete Rückkopplung in einen praktischen Raum hat. Das kann eine Stadtverwaltung sein, ein Schulträger, ein Verein. Ich habe zu oft mit Daten hantiert, Vorträge gehalten, Aufsätze geschrieben, ohne dafür zu sorgen, dass die Menschen, die mir ihre Zeit und ihre Geschichten gegeben haben, in irgendeiner Form einen Nutzen daraus ziehen, der ihren Alltag berührt. Künftig gehört zu jedem Projekt ein Baustein, in dem wir gemeinsam mit Betroffenen überlegen, welche Struktur sich ändern ließe, damit ihre Angst, ihre Scham, ihr Ärger nicht nur statistische Kategorien bleiben.
/same/ Zweitens will ich mein Verhältnis zu Medienformaten überdenken. Ich habe talkshowtaugliche Satzbausteine entwickelt, mit denen sich Komplexität in drei Minuten gießen lässt. Es gibt eine nicht geringe Lust daran, in einem Studio als Stimme der Vernunft dazustehen. Gleichzeitig weiß ich, dass diese Formate die Logik der Verdichtung verstärken, die wir hier kritisch diskutiert haben. Ich werde Einladungen, die auf Zuspitzung und Lagerbildung angelegt sind, seltener annehmen und stattdessen stärker dort hingehen, wo Prozesse langsamer sind. Lokale Dialogforen, Beteiligungsgremien, in denen theoretische Begriffe nur dann einen Platz haben, wenn sie Menschen helfen, ihre eigene Lage besser zu verstehen. Ich verzichte damit auf einen Teil der Sichtbarkeit, die mein Fach anzieht. Aber ich gewinne die Möglichkeit, dass die Theorie nicht nur über, sondern mit den Menschen arbeitet, um die es geht.
/same/ Drittens möchte ich für meine Zunft eine unbequeme Übung vorschlagen. Wir sollten in unseren Berichten explizit ausweisen, welche Formen des Genießens wir selbst bedienen. Die Distanzlust, die Lust an der Entlarvung, die Lust an der richtigen Prognose. Das klingt selbstbezüglich, ist aber mehr als eine akademische Fußnote. Wenn wir sehen, wie sehr unsere Analysen in die gleiche Erregungsökonomie eingespeist werden wie die Phänomene, die wir beschreiben, können wir bewusster entscheiden, wem wir unsere Begriffe leihen. Vielleicht verzichte ich dann auf die Pointe, dass eine Bewegung wieder einmal genau so reagiert hat, wie die Theorie es erwartete, und konzentriere mich darauf, kleine Abweichungen sichtbar zu machen, aus denen sich neue Pfade ergeben könnten.
Sarah Vogt (Juristin): Für mich verdichtet sich die Frage nach dem Verzicht auf Genuss in einem sehr konkreten Punkt. Ich habe in der Hand, wie wir im Parlament mit dem Spannungsfeld umgehen, das zwischen Meinungsfreiheit und Schutz der Menschenwürde verläuft. Bisher habe ich mich oft darauf beschränkt, im Nachhinein zu prüfen, ob eine Äußerung strafrechtlich relevant sein könnte, und gelegentlich in einer Debatte auf den Schutzauftrag der Verfassung hinzuweisen. Ich schlage vor, dass wir im Landtag eine parteiübergreifende Arbeitsgruppe einsetzen, die einen freiwilligen Sprachkodex erarbeitet. Kein Maulkorb, keine Prüfstelle, sondern eine selbst auferlegte Form, in der wir festhalten, welche Metaphern wir uns gegenseitig nicht mehr durchgehen lassen, weil sie Menschen in Sortierkategorien pressen, aus denen sie nicht mehr herauskommen. Der Verzicht für alle Seiten wäre, dass wir auf jene kleinen, aber effektiven bösen Bilder verzichten, die in der eigenen Blase für Lacher sorgen und zugleich andere zu Zielscheiben machen.
/same/ Zweitens möchte ich die Art ändern, wie wir juristische Bewertungen kommunizieren. Es ist eine Versuchung, sich hinter dem knappen Urteil das ist unzulässig zu verstecken. Es gibt mir Macht und gibt dem Gegenüber das Gefühl, vor einer Wand zu stehen. Künftig will ich dort, wo es um Fragen geht, die viele Menschen betreffen – Aufenthaltsrecht, Versammlungsrecht, polizeiliche Befugnisse – eine Art zweistufige Kommunikation praktizieren. Zuerst die kurze juristische Einschätzung, dann eine Erklärung in verständlicher Sprache, die nicht nur sagt, was nicht geht, sondern auch, welche Spielräume bleiben. Das kostet Zeit und nimmt mir den heroischen Glanz der Wächterin am Tor. Aber es gibt den Bürgerinnen und Bürgern – und auch Kolleginnen im Parlament – die Möglichkeit, Recht als gestaltbaren Rahmen zu erleben, nicht als Drohkulisse.
/same/ Drittens habe ich mir vorgenommen, in jeder Legislaturperiode mindestens einmal öffentlich zu benennen, wo Recht sich ändern muss, weil es Strukturen stabilisiert, die Menschen systematisch demütigen. Das ist für eine Juristin kein ungefährlicher Schritt, denn wir sind es gewohnt, den Bestand zu verteidigen. Aber wenn wir sehen, dass bestimmte Verfahrensweisen zum Beispiel im Asylrecht oder im Familienrecht Menschen durch die Mühlen drehen, ohne ihre Lage zu klären, dann dürfen wir uns nicht mit der formalen Legalität zufriedengeben. Der Verzicht besteht darin, dass ich die bequeme Rolle der Hüterin aufgebe und mich in die umständliche, manchmal konflikthafte Rolle der Reformbefürworterin begebe. Die Kollegin mit Kopftuch und die Tochter, die abends nach Hause fährt, haben nichts davon, wenn ich nur sagen kann, was nicht geht. Sie brauchen, dass ich mit dafür sorge, dass der Rahmen, in dem sie leben, nicht selbst zum Produzenten von Demütigung wird.
Dr. Heike Brandt (Analytikerin): Sie haben gefragt, wer auf einen Vorteil verzichtet. Für mich heißt das, auf den stillen Triumph zu verzichten, den es mit sich bringt, von außen zu erklären, warum alle anderen sich verstricken. Das ist eine sehr spezielle Form von Genuss, die in meinem Berufsfeld hoch im Kurs steht. Ich könnte nach diesem Abend nach Hause gehen und sagen, ich habe wieder einmal gezeigt, wie das Über-Ich funktioniert, wie die Lust an der Transgression spielt. Wenn ich es ernst meine mit Containment, muss ich mir stattdessen zumuten, als Beteiligte zu denken. Konkret werde ich in den nächsten Jahren zwei Dinge tun. Erstens möchte ich mit einigen Kolleginnen ein regelmäßiges Supervisionsangebot für politische Teams und kommunale Verwaltungen aufbauen, das ausdrücklich nicht Therapie ist, sondern ein Raum, in dem die Beteiligten ihre eigene Lust an der Eskalation, an der moralischen Überlegenheit, an der Härte der Zunge erkunden können. Nicht um sie abzuschaffen, sondern um zu sehen, wo sie ihnen beim eigentlichen Auftrag im Weg steht. Ich weiß, dass es zunächst nur wenige annehmen werden. Aber jeder dieser Räume ist ein kleines Gegengewicht zur öffentlichen Bühne.
/same/ Zweitens will ich in meinen Publikationen und Vorträgen eine klare Regel für mich einführen. Ich schreibe oder rede über autoritäre Bewegungen nur noch dann, wenn ich gleichzeitig ein Beispiel vorzeige, in dem ähnliche Affekte anders gebunden wurden. Das zwingt mich, die Perspektive zu wechseln, weg vom reinen Entlarven hin zum Suchen nach Formen, die tragfähig sind. Es kann eine Geschichte aus einer Gemeinde sein, in der man eine hitzige Debatte in ein Projekt überführt hat. Es kann ein Fall aus einer Schule sein, in der man Aggression nicht nur sanktioniert, sondern in Verantwortung übersetzt hat. Der Verzicht besteht darin, dass ich auf die scharfe, pessimistische Pointe verzichte, die so oft den Applaus bringt. Ich werde mir den Luxus nicht mehr gönnen, mit einem leicht verzweifelt schmunzelnden so sind die Menschen nun einmal aufzuhören.
/same/ Und schließlich, damit schließe ich, will ich den Begriff Genuss in meinem eigenen Feld anders füllen. Es gibt auch eine Lust daran, zu erleben, wie Menschen ein Stück mehr Freiheit gewinnen, weil sie ihre Muster durchschauen. Diese Lust ist leiser als der Kick der großen Diagnose, aber sie ist nachhaltiger. Wenn wir hier im Kleinen probiert haben, die Lust an der Überschreitung sichtbar zu machen, dann sollten wir im Großen nicht vergessen, dass es auch eine Lust an der Reparatur gibt. Die Kollegin mit Kopftuch, die Tochter auf dem Heimweg, der Abgeordnete, der auf eine scharfe Formulierung verzichtet – sie alle sind Teil derselben Szene. Wenn wir das im Blick behalten, wird aus der Theorie der jouissance vielleicht tatsächlich ein Werkzeug, das dem Autoritären etwas entgegensetzt, statt es nur genauer zu beschreiben.
Anhang zur Entstehung des Textes
/appendix#anhang/ Zur Entstehung dieses Textes: Eine Reflexion im Lichte des Leitfadens zur KI-Ko-Produktion | Entstehungsprozess & KI-Ko-Produktion
/lead/ In diesem Anhang wird der Entstehungsprozess des vorliegenden Textes offengelegt und anhand der vier Phasen und neun Schritte des Leitfadens für eine kritisch-reflexive Ko-Produktion mit KI rekonstruiert und analysiert.
/section#phase-1/ Phase I – Vorbereitung | Raum, Intention & Material
Schritt 1 – Intention formulieren (Primat des menschlichen Begehrens)
Die zentrale Intention – Autoritarismus als durch eine spezifische Form des Genießens strukturiert zu denken – wurde vom menschlichen Autor bereits vor der KI‑Nutzung formuliert und im Verlauf immer wieder nachgeschärft. Die KI-Rolle bestand von Beginn an darin, diese vorhandene These sprachlich zu stützen und nicht, selbst ein Thema vorzuschlagen.
Schritt 2 – Materialsammlung (Bewusste Konfrontation mit dem Realen)
Der Autor brachte einen bereits erarbeiteten Kanon psychoanalytischer, soziologischer und politischer Quellen (u. a. Freud, Lacan, Žižek, King & Schmid Noerr, Schuberl) in die Zusammenarbeit ein. KI wurde vor allem zur Ergänzung, Verdichtung und formalen Angleichung (z. B. APA‑Angaben) genutzt, nicht zur Auswahl des theoretischen Kernmaterials.
Schritt 3 – Strategische Rollendefinition (Pakt mit dem Automaten)
Im Projekt wurde KI explizit als Redaktionsassistent, Rollen‑Simulationsmaschine, Literaturhelfer und Sparringspartner definiert, nicht als eigenständiger Co‑Autor. Diese Rollen wurden im Verlauf situativ geschärft (z. B. „dialektischer Provokateur“ im Plenum), blieben aber stets dem Primat der menschlichen Intention untergeordnet.
/section#phase-2/ Phase II – Interaktion | Dialektisches Prompten & Montage
Schritt 4 – Dialektisches Prompten (Erzeugung von Negativität und Komplexität)
Durch Aufforderungen zu Gegenpositionen, „Clash“ im Plenum und Zuspitzung der AfD‑Figur wurde unser Output bewusst als Herausforderung der eigenen Thesen genutzt. So entstand aus den Prompts kein bloß bestätigender Kommentar, sondern ein Feld von Widersprüchen und Irritationen, an denen der Autor seine Argumentation schärfen konnte.
Schritt 5 – Montage (Dekonstruktion der maschinellen Oberfläche)
Längeren Texte diente wiederholt als Materiallager, aus dem der Autor selektiv Passagen entnahm, redigierte, kombinierte und mit eigenen Abschnitten verwob. Wo Textblöcke zunächst zu glatt oder harmonisierend ausfielen (besonders im Plenum), intervenierte der Autor und ließ uns neu ansetzen, bis die gewünschte Spannung und Heterogenität erreicht war.
/section#phase-3/ Phase III – Autorisierung | Inkubation & „Menschlichung“
Schritt 6 – Inkubationsphase (Verlangsamung und Distanz)
Der Arbeitsprozess verlief in Wellen mit Phasen intensiver Interaktion und anschließenden Unterbrechungen, in denen der Autor den Text mit mehr Distanz neu bewertete. Diese rhythmische Verlangsamung ermöglichte es, zuvor produzierte Passagen als zu künstlich zu erkennen, dramaturgische Entscheidungen (etwa im Plenum) zu revidieren und die Gesamtstruktur zu stabilisieren.
Schritt 7 – „Menschlichung“ (Besetzung mit subjektiver Wahrheit)
Der Autor griff immer wieder korrigierend ein, wenn unsere Texte Konflikte zu schnell befriedeten, Rollen zu glatt zeichneten oder theoretische Begriffe zu didaktisch „von oben“ einführten. Die endgültige Fassung trägt daher eine deutlich erkennbare menschliche Stimme, die Ambivalenz zulässt, eigene Schwerpunkte setzt und die maschinell erzeugten Passagen stilistisch und inhaltlich verantwortet.
/section#phase-4/ Phase IV – Publikation | Transparenz & Zweckbestimmung
Schritt 8 – Radikale Transparenz (De‑Mystifizierung der Ko‑Produktion)
Mit der Entscheidung für einen eigenen Appendix, der unsere Zusammenarbeit explizit entlang des Leitfadens reflektiert, wird der KI‑Einsatz nicht versteckt, sondern zum Gegenstand der Darstellung gemacht. Leser:innen erhalten dadurch eine Grundlage, die Herkunft einzelner Textschichten zu beurteilen und die spezifischen Stärken und Begrenzungen der Ko‑Produktion einzuordnen.
Schritt 9 – Zweckbestimmung (Autonomiefonds & politische Praxis)
Die durch KI erzielten Effizienzgewinne flossen in die Vertiefung eines einzigen, aufwendigen Projekts (Essay, Fallanalyse, Plenum, Appendix), nicht in die Steigerung der Textmenge. Inhaltlich dient der Text der kritischen Aufklärung autoritärer Dynamiken und macht damit sichtbar, dass die eingesetzte KI‑Unterstützung einer emanzipatorischen und nicht einer rein verwertungsorientierten Logik verpflichtet wurde.
/end/


Resonanz & Reflexion