Es gibt in der Gegenwart eine merkwürdige neue Form von Andacht: Sie trägt keinen Weihrauchgeruch mehr, sondern riecht nach Desinfektionsmittel und Magnesiumglycinat. Ihr Altar ist nicht der Himmel, sondern das Dashboard. Und ihr Gott ist nicht transzendent, sondern immanent – der eigene Körper, verstanden als optimierbares Projekt, dessen Erlösung nicht mehr durch Gnade, sondern durch Protokolle, Daten und Disziplin erreicht werden soll. Was sich unter dem Etikett „Longevity“ versammelt, ist in diesem Sinn weniger eine medizinische Innovation als ein kulturelles Symptom: eine Form, in der eine Gesellschaft ihr Verhältnis zur Endlichkeit organisiert – oder genauer: zu organisieren versucht, weil sie es nicht mehr erträgt, es einfach auszuhalten.
Damit ist die entscheidende Unterscheidung schon benannt. Präventionsmedizin ist nicht das Problem. Wer Blutdruck senkt, sich bewegt, Schlaf ernst nimmt, Substanzkonsum reduziert, Impfungen wahrnimmt und Beziehungen pflegt, handelt nicht ideologisch, sondern vernünftig – oft sogar lebensrettend (Baum & Fisher, 2014). Problematisch wird es dort, wo Prävention umcodiert wird: vom vernünftigen Bemühen um Gesundheit zum Unsterblichkeitsprojekt, das sich als Wissenschaft ausgibt, psychisch aber wie Religion funktioniert. Der Diskurs ändert nur das Kostüm. Wo früher Anti‑Aging stand und die Schmuddelecke der Eitelkeit mitschwang, steht heute Longevity und damit ein Nimbus von Seriosität: Healthspan statt Lifespan, Biomarker statt „Jungbrunnen“, epigenetische Uhren statt Creme. Das Begehren wird nicht aufgegeben, es wird legitimiert.
Freud liefert die Grundfigur, um zu verstehen, warum diese Legitimierung so wirksam ist. „Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod“, schreibt er 1915, und fügt hinzu, im Unbewussten sei jeder von seiner Unsterblichkeit überzeugt (Freud, 1915/1946). Das ist keine schrille Metaphysik, sondern eine Strukturdiagnose: Der eigene Tod ist nur abstrakt wissbar; er lässt sich innerlich nicht wirklich vorstellen, ohne dass eine beobachtende Instanz übrig bleibt, die ihn gerade vorstellt. Aus dieser Unmöglichkeit entsteht eine Spannung zwischen Wissen und Überzeugung, ein Riss, der nach Bearbeitung verlangt. Kultur liefert Bearbeitungsformen. Religion, Kunst, Wissenschaft, Politik: Ernest Becker hat das zugespitzt, indem er Kultur insgesamt als „Unsterblichkeitsprojekt“ deutete, als Versuch, die Quellangst des Sterbewissens zu bändigen (Becker, 1973). Der Longevity‑Diskurs ist die buchstäbliche, biologistisch aufgerüstete Variante dieses Projekts: Nicht mehr symbolisches Fortleben, sondern verlängerte biologische Präsenz. Nicht mehr Jenseits, sondern „longevity escape velocity“.
Psychisch ist Longevity deshalb so attraktiv, weil sie eine elegante Form der Todesverleugnung anbietet, die modern genug ist, um nicht wie Verleugnung zu wirken. Man glaubt ja nicht irrational an Wunder – man investiert in Forschung. Man betet nicht – man trackt. Man hofft nicht auf Erlösung – man optimiert. Das Archaische wird in die Sprache des Gegenwartsrationalismus übersetzt: Zahlen statt Mythen, Protokolle statt Gebete, Labor statt Kirche. Genau diese Übersetzung macht das Projekt kulturell salonfähig: Man kann an die eigene Ausnahme glauben, ohne die Scham, die der aufgeklärte Mensch für „Aberglauben“ reserviert. Der Aberglaube trägt Kittel.
Dabei zeigt das Feld eine Dynamik, die Melanie Klein als manische Abwehr beschrieben hat. Manie ist nicht einfach „gute Laune“, sondern eine psychische Konstellation, in der Trauer, Schuld und Ohnmacht durch Triumph, Kontrolle und Aktivität abgewehrt werden (Klein, 1935/1996). Altern konstelliert die depressive Position: Verluste werden unvermeidlich, Abhängigkeiten wahrscheinlicher, das Ende näher. Die reife Antwort wäre Trauerarbeit – nicht als Resignation, sondern als Integration von Verlust. Die manische Antwort lautet: Angriff, Beschleunigung, Reparatur. Statt Abschied: Optimierung. Statt Anerkennung: Kontrolle. Statt Ambivalenz: Protokoll. Longevity‑Routinen können dadurch den Charakter einer omnipotenten Reparaturphantasie annehmen: Wenn ich nur genug tue, genug messe, genug investiere, muss ich den Verlust nicht fühlen. Doch manische Abwehr beruhigt nicht dauerhaft; sie hält die Angst in Bewegung. Und Bewegung ist hier nicht Lebendigkeit, sondern Flucht.
Diese Flucht wird im Spätkapitalismus moralisch aufgeladen. Es entsteht ein Gesundheits‑Über‑Ich, das nicht mit Sünde droht, sondern mit Vernunft spricht. Sein Ton ist freundlich, seine Grausamkeit ist sanft. Du sollst schlafen, du sollst trainieren, du sollst messen, du sollst dich kümmern – und zwar so, dass am Ende nicht Sorge, sondern Kontrolle herauskommt. Aus der Selbstfürsorge wird eine Pflicht, aus der Pflicht ein Maßstab, an dem man sich täglich als unzureichend erlebt. Das Ichideal, das dabei entsteht, ist nicht nur gesund, sondern makellos: der ewig leistungsfähige, alterslose Körper. Sobald Gesundheit in dieser Weise moralisiert wird, kippt Krankheit in Schuld, und Altern in Scham. Byung‑Chul Han hat diese neoliberale Dynamik als Form der Selbstausbeutung beschrieben: Das Subjekt zwingt sich selbst, weil der Zwang als Freiheit erscheint (Han, 2010). Longevity ist eine perfekte Bühne dafür, weil sie asketische Disziplin als Selbstverwirklichung verkauft.
Warum sind ausgerechnet Tech‑Eliten besonders empfänglich für dieses Skript? Psychoanalytisch liegt hier eine narzisstische Pointe. Das Altern ist die maximale narzisstische Kränkung, weil es eine Grenze markiert, die auch Macht und Geld nicht aufheben können. Wer gelernt hat, dass die Welt auf sein Wollen reagiert, erlebt Endlichkeit nicht als conditio humana, sondern als Zumutung, ja als Beleidigung. In dieser Kränkung liegt der Impuls, den Körper zum Projekt der Allmacht zu machen, und der Tod wird zum „Problem“, das man lösen müsse. Kernbergs Beschreibung narzisstischer Vulnerabilität – die schlechte Toleranz gegenüber Grenzen und Abhängigkeiten – passt in diese Szene beunruhigend gut (Kernberg, 1975). Und Kohuts Idee eines Größen‑Selbst, das Bestätigung sucht, hilft zu verstehen, warum die Industrie nicht nur Produkte verkauft, sondern narzisstische Versorgung: Du bist nicht einfach Patient, du bist Pionier, Vorreiter, Ausnahme (Kohut, 1971).
In dieser Logik gewinnen Geräte und Daten leicht fetischhaften Charakter. Freuds Fetisch‑Formel – „Ich weiß, aber dennoch…“ – beschreibt die Spaltung, die zwei widersprüchliche Überzeugungen nebeneinander bestehen lässt (Freud, 1927/1948). Übertragen heißt das: Natürlich weiß man um Sterblichkeit, aber dennoch klammert man sich an Werte, Kurven, Scores, als könnten sie die Wahrheit außer Kraft setzen. Der Laborwert wird zum Stellvertreter des Schicksals: scheinbar kontrollierbar, scheinbar neutral, und gerade deshalb psychisch hoch besetzt. Das Problem ist nicht, dass Daten sinnlos wären. Das Problem ist, dass sie eine seelische Last tragen sollen, die sie nicht tragen können.
Kulturtheoretisch ist Longevity dabei ein Lehrstück der Kulturindustrie. Adorno und Horkheimer beschreiben standardisierte Ware im Gewand der Individualität, die Vielfalt als Schein, die Personalisierung als Maske der Reproduktion (Adorno & Horkheimer, 1947/2003). Genau so arbeitet der Longevity‑Markt: Er verkauft „maßgeschneiderte“ Programme, die oft modularisierte Schemata sind, und erzeugt Pseudo‑Einzigartigkeit über Preis und Ästhetik. Marcuses Konzept der falschen Bedürfnisse trifft den Kern: Aus dem legitimen Wunsch nach Gesundheit wird das induzierte Bedürfnis, ständig zu optimieren – ein Bedürfnis, das nie gesättigt werden darf, weil seine Nicht‑Sättigung die Wiederkehr des Konsums garantiert (Marcuse, 1964/1967). Das Versprechen wird aufrechterhalten, indem es nicht erfüllt wird.
Politisch wird diese Psychodynamik zur Klassenfrage. Gesundheitliche Ungleichheit ist bereits massiv; Longevity kann sie verschärfen, wenn Lebenszeit als Ware zirkuliert und Zugang zur „besseren“ Prävention und Diagnostik zur Distinktion wird (Chetty et al., 2016; Lampert et al., 2019). In diesem Licht bekommt Parkers Zynismus von den „Overlords“ einen brutalen Realismus: Nicht nur Reichtum, auch Zeit wird akkumuliert – und mit Zeit Macht. Gleichzeitig bleibt das, was Alter real macht, im Schatten: Frailty, Demenz, Pflegebedürftigkeit, Abhängigkeit. Die Bilderwelt zeigt das vitale Alter, nicht das vierte Alter. Woodward hat dieses kulturelle Unbehagen gegenüber dem Altern beschrieben; Kristevas Begriff des Abjekts erklärt, warum der gebrechliche Körper als etwas erscheint, das aus dem Sichtfeld verbannt werden muss (Woodward, 1991; Kristeva, 1982). Longevity lebt auch davon, dass das Ende nicht gezeigt wird.
Die Alternative wäre nicht Anti‑Medizin, sondern Reifung: ein „good enough ageing“ im winnicottianischen Sinn, das nicht Perfektion fordert, sondern Tragfähigkeit. Eine Kultur, die Prävention ernst nimmt, ohne daraus Moral zu machen; die Forschung fördert, ohne Heilsrhetorik; die Care als Zentrum anerkennt, statt sie als peinliche Folge zu verstecken; und die Endlichkeit nicht als Panne, sondern als Form von Bedeutung begreift. Denn vielleicht ist der radikalste Gedanke nicht, dass wir länger leben könnten, sondern dass ein Leben nur dann wirklich menschlich ist, wenn es nicht gegen seine Bedingungen geführt wird. Die Kunst, sterblich zu bleiben, wäre dann keine Kunst des Verzichts, sondern eine Kunst der Anerkennung: der Grenzen, der Abhängigkeiten, der Trauer – und damit des wirklichen Lebens.
Der Essay handelt von der Longevity‑Industrie.
Longevity bedeutet: sehr lange leben und lange gesund bleiben.
Der Essay beschreibt viele Angebote im Longevity‑Markt.
Dazu gehören Luxus‑Kliniken, Tests, Programme und Nahrung‑Ergänzungen.
Viele Angebote versprechen viel und zeigen wenig sichere Belege.
Der Essay sagt: Gesundheit ist wichtig.
Prävention kann Menschen helfen.
Prävention bedeutet: Krankheiten früh erkennen und Risiken senken.
Der Essay kritisiert etwas anderes.
Er kritisiert das Versprechen von ewiger Jugend.
Er kritisiert den Traum von Kontrolle über Altern und Tod.
Der Autor nutzt die Psychoanalyse.
Psychoanalyse erklärt Gefühle und Wünsche im Unbewussten.
Unbewusst bedeutet: Wir merken es kaum und es wirkt trotzdem.
Der Essay greift eine Idee von Sigmund Freud auf.
Freud sagt: Menschen fühlen sich innerlich oft unsterblich.
Darum fällt es schwer, den eigenen Tod wirklich zu denken.
Der Essay sagt: Longevity bietet dafür eine scheinbar sichere Lösung.
Viele Menschen messen ihren Körper sehr oft.
Sie messen Schlaf, Blutwerte, Essen und Bewegung.
Diese Messungen geben kurz Ruhe.
Danach kommt oft neue Sorge.
Dann folgen neue Messungen und neue Käufe.
Der Essay nennt das eine Abwehr gegen Angst.
Abwehr bedeutet: Die Seele schützt sich vor starken Gefühlen.
Der Essay beschreibt auch Narzissmus.
Narzissmus bedeutet: man braucht Bewunderung und leidet leicht an Kränkung.
Vor allem sehr reiche Tech‑Leute wollen Grenzen mit Technik verschieben.
Der Essay kritisiert auch die Rolle des Marktes.
Der Markt macht aus Gesundheit ein Produkt.
Er macht aus Selbst‑Sorge oft eine Pflicht.
Der Essay spricht von einem Gesundheits‑Über‑Ich.
Über‑Ich bedeutet: eine strenge innere Stimme mit Regeln und Schuld‑Gefühlen.
Diese Stimme fordert ständig mehr Optimierung.
Der Essay betont soziale Ungleichheit.
Reiche Menschen kaufen teure Programme und teure Betreuung.
Arme Menschen haben mehr Stress und weniger Zugang zu guter Versorgung.
Der Essay spricht auch über Geschlecht und Ageism.
Ageism bedeutet: Abwertung und Ausgrenzung von alten Menschen.
Werbung zeigt oft fitte ältere Menschen und glatte Körper.
Werbung zeigt selten Pflege, Demenz und starke körperliche Schwäche.
Am Ende schlägt der Essay eine andere Haltung vor.
Er wünscht gute Prävention für alle Menschen.
Er wünscht starke öffentliche Gesundheit und gute Pflege.
Er wünscht Solidarität im Altern.
Er sagt: Ein gutes Leben braucht auch Anerkennung von Grenze
Das Versprechen, das keines sein will
Es gibt Momente, in denen eine Kultur ihr Unbewusstes preisgibt, ohne es zu bemerken. Im Dezember 2025 streamte der Tech-Unternehmer Bryan Johnson live auf YouTube, wie er unter ärztlicher Aufsicht eine hochdosierte Psilocybin-Session absolvierte – angeblich, um seine Hirngesundheit zu optimieren. Über eine Million Menschen schauten zu, während Johnson, umgeben von Monitoren und Messgeräten, in einen psychedelischen Trip glitt. Milliardäre wie Marc Benioff und Naval Ravikant schalteten sich ein, um ihm zu gratulieren (Rosen, 2025). TechCrunch nannte das Spektakel „vampirisches Performance Art“ – eine Anspielung auf Johnsons frühere Experimente mit Blutplasma-Transfusionen von seinem eigenen Sohn.
Ich wähle diese Szene nicht wegen ihres Sensationswerts als Auftakt, sondern weil sie als emblematisches Material funktioniert: Sie verdichtet, was der gesamte Longevity-Diskurs in verstreuter Form enthält – die Verschmelzung von Wissenschaft und Spektakel, die Inszenierung des Körpers als optimierbares Projekt, die Öffentlichkeit des ehemals Privaten, die Vermischung von Therapie und Performance. Johnson ist nicht repräsentativ im statistischen Sinn, aber er ist symptomatisch im psychoanalytischen: Er zeigt in überzeichneter Form, was die Kultur als Ganze umtreibt.
Denn Johnson ist nicht allein. Er ist nur der sichtbarste Vertreter einer Bewegung, die in den letzten Jahren aus den Nischen der Biohacker-Foren in den Mainstream der westlichen Kultur vorgedrungen ist. Die Rede ist von der Longevity-Industrie – jenem seltsamen Konglomerat aus Biotech-Start-ups, Luxuskliniken, Supplement-Verkäufern und Wellness-Gurus, das uns verspricht, das Altern aufzuhalten, den Verfall zu besiegen und vielleicht, wer weiß, den Tod selbst zu überwinden.
Die Namen der Protagonisten lesen sich wie ein Who’s Who des Silicon Valley. Peter Thiel, der PayPal-Mitgründer und Risikokapitalgeber, hat öffentlich verkündet, der Tod sei letztlich nur „ein Problem, das wir lösen müssen“ (zit. nach Sample, 2022). Jeff Bezos investierte 2021 in Altos Labs, ein Start-up, das mit Zellreprogrammierung experimentiert. Sam Altman, der Mann hinter OpenAI, finanzierte Retro Biosciences mit über 150 Millionen Dollar Startkapital (Regalado, 2022). Larry Ellison, Gründer von Oracle, sagte einmal, er finde den Tod „sinnlos“ und habe vor, etwas dagegen zu tun. Und die Methuselah Foundation gab als programmatisches Ziel aus, „90 zum neuen 50 zu machen – bis 2030″ (Sample, 2022). Sean Parker schließlich, ehemaliger Facebook-Präsident, brachte die Sache mit jener Mischung aus Zynismus und Selbstentlarvung auf den Punkt, die das Silicon Valley so unheimlich macht: „Weil ich Milliardär bin, werde ich Zugang zu besserer Gesundheitsversorgung haben… Ich werde 160 und Teil einer Klasse unsterblicher ‚Overlords‘ sein“ (zit. nach Moscrop, 2023).
Bevor ich fortfahre, ist eine Klarstellung nötig, die den gesamten Essay durchzieht: Präventionsmedizin ist nicht das Problem. Es ist sinnvoll, Bluthochdruck zu behandeln, nicht zu rauchen, sich zu bewegen, auf die eigene Gesundheit zu achten. Die Kritik, die hier entwickelt wird, richtet sich nicht gegen vernünftige Vorsorge, sondern gegen eine spezifische Transformation: die Umcodierung von Prävention in ein Unsterblichkeitsprojekt – und die ökonomische Ausbeutung dieser Umcodierung durch eine Industrie, die archaische Ängste in Konsumakte übersetzt. Diese Konfliktlinie muss von Anfang an klar sein, weil sie den Unterschied markiert zwischen dem, was medizinisch und psychisch sinnvoll sein kann, und dem, was ideologisch und ökonomisch problematisch ist.
Was wir hier beobachten, ist also nicht einfach eine neue Branche, nicht bloß ein weiteres Marktsegment für Konsumenten mit hohem verfügbarem Einkommen. Es ist ein kulturelles Symptom ersten Ranges – und wie jedes Symptom verdient es, gelesen zu werden. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, dass Symptome Kompromissbildungen sind: Sie drücken einen verbotenen Wunsch aus und bestrafen zugleich für ihn; sie verschleiern einen Konflikt und machen ihn doch sichtbar, für den, der zu lesen versteht. Die Longevity-Industrie ist ein solches Symptom. Sie artikuliert den uralten Wunsch nach Unsterblichkeit in der Sprache von Wissenschaft und Selbstoptimierung. Sie verspricht Kontrolle über das Unkontrollierbarste. Und sie verrät dabei mehr über das psychische Leben des Spätkapitalismus, als ihre Protagonisten ahnen.
Dieser Essay unternimmt eine psychoanalytische Lektüre dieses Phänomens. Er fragt nicht primär, ob NAD+-Booster wirken oder epigenetische Uhren valide messen – diese Fragen mögen Biochemiker beantworten. Er fragt vielmehr: Was bedeutet es, dass eine Gesellschaft solche Industrien hervorbringt, solche Hoffnungen auf sie projiziert, solche Summen in sie investiert? Welche Ängste werden hier verhandelt, welche Wünsche bedient, welche Konflikte zugleich ausgedrückt und verschleiert? Die psychoanalytische Perspektive erlaubt es, hinter die manifeste Oberfläche des Gesundheitsversprechens zu blicken und die latenten Strukturen freizulegen, die dieses Feld organisieren. Dabei geht es nicht darum, die Protagonisten zu pathologisieren – das wäre zu billig und würde das Interessante verfehlen. Es geht darum, ein kulturelles Phänomen in seiner psychischen Tiefendimension zu verstehen.
Die Methode dabei ist eine doppelte. Einerseits werden wir klassische psychoanalytische Konzepte – von Freuds Überlegungen zur Todesverleugnung über die Narzissmustheorie bis zu kleinianischen Perspektiven – auf das Phänomen anwenden und prüfen, was sie sichtbar machen. Andererseits werden wir kulturtheoretische Analysen hinzuziehen, insbesondere aus der Tradition der Kritischen Theorie, um zu verstehen, wie individuelle Psychodynamiken und gesellschaftliche Strukturen ineinandergreifen. Denn die Longevity-Industrie ist beides zugleich: Ausdruck individueller Ängste und Wünsche – und ein Geschäftsmodell, das diese Ängste und Wünsche systematisch ausbeutet.
Ein Markt für die Ewigkeit
Die Topographie des Feldes
Der Begriff „Longevity“ – wörtlich Langlebigkeit – hat in den letzten Jahren eine semantische Karriere gemacht, die aufschlussreich ist. Was früher schlicht „Anti-Aging“ hieß und leicht anrüchig klang, nach Schlangenöl und verzweifelten Hausfrauen, hat sich in „Longevity“ verwandelt und damit einen Nimbus von Wissenschaftlichkeit und Seriosität erhalten. Unter diesem Label versammelt sich heute ein multidisziplinäres Feld von medizinischen, technologischen, pharmazeutischen und Lifestyle-Praktiken, die alle das Ziel teilen, nicht nur die Lebensdauer, sondern vor allem die sogenannte „Healthspan“ zu verlängern – also die Jahre, die ein Mensch bei guter Gesundheit und voller Funktionsfähigkeit erlebt. Anders als die klassische Geriatrie, die sich auf die Behandlung altersbedingter Krankheiten beschränkt, verspricht die moderne Longevity-Bewegung proaktive Interventionen, um das Altern selbst aufzuhalten oder zu verlangsamen (Zhavoronkov et al., 2021).
Die Versprechen sind weitreichend: senolytische Medikamente, die alternde „Zombiezellen“ eliminieren sollen; Gen- und Zelltherapien, die beschädigte DNA reparieren; Metformin, ein Diabetes-Medikament, das im Off-Label-Gebrauch als Jungbrunnen gehandelt wird; NAD+-Booster, die den Energiestoffwechsel der Zellen ankurbeln sollen; und natürlich eine ganze Palette von Lifestyle-Interventionen – Intervallfasten, ketogene Diäten, Kältetherapie, Schlafoptimierung, Stressmanagement. All das soll dazu beitragen, biologische Alterungsprozesse zu verlangsamen und das Auftreten altersassoziierter Krankheiten nach hinten zu verschieben oder gänzlich zu verhindern. Die Rhetorik ist dabei von einer eigentümlichen Mischung aus wissenschaftlichem Jargon und messianischem Pathos geprägt: Man spricht von „longevity escape velocity“ – jenem hypothetischen Punkt, an dem medizinische Fortschritte das Altern schneller aufhalten, als die Zeit vergeht, sodass Menschen potenziell unbegrenzt weiterleben könnten.
Das Feld ist freilich nicht homogen. Es lässt sich grob in vier Segmente unterteilen, die unterschiedliche Preispunkte, Zielgruppen und – das wird uns noch beschäftigen – unterschiedliche psychische Funktionen bedienen.
An der Spitze der Pyramide stehen die Luxuskliniken, jene Kathedralen der Selbstoptimierung, in denen das Versprechen ewiger Jugend in Marmor und Glas materialisiert ist. Die Clinique La Prairie am Genfer See, gegründet 1931, ist so etwas wie das Urmodell dieser Gattung: ein Ort, an dem Könige, Filmstars und Wirtschaftskapitäne seit fast einem Jahrhundert ihre „Revitalisierungskuren“ absolvieren. In den letzten Jahren sind zahlreiche Nachahmer entstanden: der Lanserhof in Österreich und Deutschland, SHA Wellness in Spanien, VIVAMAYR, Chenot Palace in Aserbaidschan. Was diese Häuser gemeinsam haben, ist eine spezifische Ästhetik: viel Weiß, viel Glas, viel Stille, eine Architektur, die Reinheit und Kontrolle signalisiert und zugleich jeden Gedanken an Krankheit, Verfall oder Tod aus dem Bewusstsein verbannt. Die Klientel trägt weiße Bademäntel und bewegt sich durch Räume, deren Design bis ins kleinste Detail durchkomponiert ist. Eine Beschreibung einer Longevity-Klinik in Bilbao schwärmt, jedes Designdetail sei darauf ausgerichtet, „Zellregeneration und emotionales Gleichgewicht zu fördern“, mit „weichen Naturfarben, gezielten Farbakzenten für Vitalität, Kunst als ‚visuelle Therapie‘ und organischen Skulpturen, die die Fluidität der Zeit symbolisieren“ (González, 2025). Die Gäste sollen sich nicht wie Patienten fühlen, sondern wie Pilger auf dem Weg zur Erleuchtung – nur dass die Erleuchtung hier in Zellverjüngung besteht.
Die Programme in diesen Häusern tragen Namen wie „Longevity Masterclass“, „Revitalisation Week“ oder „Executive Health Luxury Package“ und kosten entsprechend. Laut einer aktuellen Übersichtsarbeit betragen die Jahresgebühren in Longevity-Kliniken typischerweise 10.000 bis 50.000 Euro; bei speziellen Paketen können sie auch über 100.000 Euro pro Jahr liegen (Demaria, 2025). Was dafür geboten wird, ist eine Mischung aus High-Tech-Diagnostik – Ganzkörper-MRTs, Genomsequenzierungen, epigenetische Altersmessungen, Mikrobiom-Analysen – und Wellness-Ritualen, die an Spa-Aufenthalte erinnern: Massagen, Infusionen, Entgiftungskuren, Meditationssitzungen. Die wissenschaftliche Evidenz für viele dieser Interventionen ist dünn, aber darum geht es vielleicht gar nicht. Was hier verkauft wird, ist nicht primär ein medizinisches Produkt, sondern eine Erfahrung: die Erfahrung, sich eine Woche lang ganz der Sorge um den eigenen Körper hinzugeben, umgeben von Menschen, die dasselbe tun, an einem Ort, der Kontrolle, Exklusivität und die Abwesenheit des Todes signalisiert.
Eine Stufe darunter, aber immer noch im Bereich des gehobenen Einkommens, operieren die amerikanischen Membership-Modelle. Fountain Life, gegründet vom Longevity-Entrepreneur Peter Diamandis, bietet „Executive“-Pakete bis 85.000 Dollar jährlich an, die regelmäßige Ganzkörper-MRTs, KI-gestützte Risikoanalysen, genetische Screenings und einen persönlichen „Health Concierge“ umfassen – einen medizinischen Betreuer, der rund um die Uhr erreichbar ist und die Funktion eines Leibarztes für das 21. Jahrhundert übernimmt. Human Longevity, Inc., gegründet vom Genom-Pionier Craig Venter, verkaufte sein „Health Nucleus“-Programm anfangs für rund 25.000 Dollar jährlich (Couzin-Frankel, 2017). Die Rhetorik hier ist anders als in den europäischen Häusern: weniger gedämpft, aggressiver, unverhohlener maskulin. „Optimize your biology. Extend your healthspan. Perform at your peak.“ Der implizite Adressat ist der CEO, der seinen Körper mit derselben Entschlossenheit managen will, mit der er Quartalsberichte optimiert und Konkurrenten aus dem Markt drängt. Die Bildsprache zeigt muskulöse Männer mittleren Alters, die Berge besteigen oder Gewichte stemmen – Männer, die sich weigern, die Verlangsamung zu akzeptieren, die das Alter mit sich bringt, und die in der Longevity-Medizin ein weiteres Werkzeug sehen, um ihren Wettbewerbsvorteil zu erhalten.
Die dritte Schicht demokratisiert das Longevity-Versprechen für die obere Mittelschicht und macht es über das Internet zugänglich. Start-ups wie Elysium, NOVOS, Timeline, InsideTracker, Viome oder GlycanAge verkaufen für 60 bis 200 Dollar monatlich NAD+-Booster, Spermidin-Kapseln, Resveratrol, Urolithin A oder personalisierte Supplement-Protokolle auf Basis von Bluttests und Mikrobiom-Analysen. Die Vermarktung ist wissenschaftlich veredelt: Verweise auf Studien in Nature und Cell, Beiräte mit Nobelpreisträgern, Infografiken, die molekulare Mechanismen erklären, ein Ton nüchterner Expertise, der sich von der esoterischen Aura traditioneller Anti-Aging-Produkte absetzen will. Aber die Evidenzlage bleibt bei genauerem Hinsehen dünn. Was bei Fadenwürmern oder Mäusen die Lebensspanne verlängert, muss beim Menschen erst bewiesen werden, und zwischen einem vielversprechenden Laborergebnis und einem wirksamen Therapeutikum liegen oft Jahrzehnte der Forschung. Was diese Start-ups verkaufen, ist daher weniger ein Produkt mit bewiesener Wirkung als eine Teilhabe am Versprechen – die Möglichkeit, sich als jemand zu fühlen, der die Kontrolle über seinen Alterungsprozess übernimmt, der nicht passiv wartet, sondern aktiv handelt, der auf der Höhe der wissenschaftlichen Entwicklung ist und nichts dem Zufall überlässt.
Und dann gibt es die Extreme, den avantgardistischen Rand, wo die Logik des Feldes zu Ende gedacht wird und in Bereiche vordringt, die an Science-Fiction grenzen. Bryan Johnson mit seinem millionenschweren „Blueprint“-Protokoll, seinen 111 Pillen täglich, seinen Bluttransfusionen und seinem erklärten Ziel „Don’t die“. Die Kryonik-Bewegung, deren Anhänger sich für 200.000 Dollar bei Alcor einfrieren lassen, in der Hoffnung, dass eine künftige Technologie sie wieder zum Leben erwecken wird – ein technologisches Purgatorium, in dem der Körper auf seine Erlösung wartet. Die Parabiose-Experimente, bei denen Start-ups Blutplasma junger Menschen an ältere Kunden verkauften, bis die FDA intervenierte. Die Träume vom „Mind Uploading“, also der Übertragung des Bewusstseins in digitale Substrate, um den Körper ganz loszuwerden. Diese Figuren und Projekte mögen exzentrisch erscheinen, aber sie sind keine bloßen Ausreißer. Sie sind die konsequente Verlängerung einer Logik, die auch die gemäßigteren Segmente der Industrie durchzieht – der Logik, dass der Tod ein technisches Problem ist, das auf seine Lösung wartet.
Die Zahlen hinter dem Versprechen
Die ökonomische Dimension dieses Feldes ist beträchtlich, und sie wächst schnell. Die globale Wellness-Wirtschaft – zu der auch Fitness, Ernährung, Spa und Präventionsmedizin zählen – erreichte 2022 einen Umsatz von 5,6 Billionen US-Dollar und soll bis 2027 auf 8,5 Billionen wachsen (Global Wellness Institute, 2023). Der spezifische Anti-Aging-Markt wird für 2025 auf etwa 85 Milliarden Dollar geschätzt und soll bis 2030 über 120 Milliarden erreichen. Das Risikokapital fließt in Strömen: 2024 investierten Venture-Capital-Fonds rund 8,5 Milliarden Dollar in Longevity-Start-ups – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr (Valloppillil, 2025). Google gründete mit Calico eine eigene Tochtergesellschaft für Altersforschung; Novartis ging eine 550-Millionen-Dollar-Partnerschaft mit einem Longevity-Biotech ein. Die Erwartungen sind hoch: Longevity gilt als das „nächste große Ding“, vergleichbar mit der digitalen Revolution, eine „Trillion-Dollar Industry“ in spe.
All das wäre vielleicht nur eine Fußnote in der Geschichte kapitalistischer Innovationszyklen, wäre da nicht ein Unbehagen, das sich nicht ganz verscheuchen lässt. Denn was hier vermarktet wird, ist nicht irgendein Konsumgut. Es ist das fundamentalste aller menschlichen Anliegen: das Verhältnis zu unserer eigenen Endlichkeit. Und die Frage drängt sich auf, die Sigmund Freud vor über hundert Jahren formulierte: Was geschieht eigentlich im Unbewussten, wenn wir versuchen, den Tod zu denken?
Die unmögliche Vorstellung: Freud und die Todesverleugnung
Ein Paradox des Unbewussten
„Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod“, schrieb Freud 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, als der Tod allgegenwärtig war und doch, wie er beobachtete, psychisch nicht wirklich zur Kenntnis genommen wurde. „Oder, was dasselbe ist: im Unbewußten ist jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt“ (Freud, 1915/1946, S. 341). Diese Formulierung klingt auf den ersten Blick paradox – natürlich wissen wir, dass wir sterben werden; wir schließen Lebensversicherungen ab, verfassen Testamente, besuchen Beerdigungen. Aber Freud trifft hier eine Unterscheidung, die für das Verständnis der Longevity-Industrie zentral ist: die Unterscheidung zwischen bewusstem Wissen und unbewusster Überzeugung.
Das Bewusstsein kann den Tod als abstrakten Sachverhalt anerkennen – als Faktum, das irgendwann eintreten wird, in ferner Zukunft, am Ende eines langen Lebens. Aber das Unbewusste, so Freud, kann sich den eigenen Tod nicht vorstellen. Und zwar aus einem strukturellen Grund: Jede Vorstellung des eigenen Todes setzt eine vorstellende Instanz voraus, die den Tod überlebt, um ihn vorzustellen. Wir können uns unsere Beerdigung imaginieren, die trauernden Hinterbliebenen, den Sarg, der in die Erde gesenkt wird – aber immer als Zuschauer, als körperloses Auge, das die Szene betrachtet. Nie als der Tote selbst, der wir sein werden. Sobald wir versuchen, uns in den Zustand des Totseins hineinzuversetzen, gleitet die Vorstellung ab; wir landen immer wieder bei einem Ich, das beobachtet, denkt, fühlt – also lebt. Das Unbewusste kennt keine Negation, keine Zeitlichkeit, keinen Tod. Es operiert nach dem Lustprinzip, das keine Grenze kennt, und ist daher strukturell unfähig, die eigene Auslöschung zu denken.
Diese Unfähigkeit ist keine individuelle Schwäche, kein Defizit, das es durch Tapferkeit oder philosophische Einsicht zu überwinden gälte. Sie ist eine Grundbedingung des psychischen Apparats selbst. Und sie hat weitreichende Konsequenzen. Denn wenn das Unbewusste den eigenen Tod nicht denken kann, dann produziert jede bewusste Konfrontation mit der Sterblichkeit einen Konflikt – einen Riss zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir unbewusst glauben. Dieser Konflikt verlangt nach Bearbeitung, und die Psyche bietet verschiedene Mechanismen an, um ihn zu bewältigen: Verleugnung, Verdrängung, Projektion, Rationalisierung.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Longevity-Industrie in einem neuen Licht. Was sie anbietet, ist nicht einfach Gesundheitsvorsorge oder präventive Medizin. Es ist die technologisch vermittelte Bestätigung dessen, was das Unbewusste ohnehin glaubt: dass der Tod nicht wirklich für mich gilt, dass es einen Ausweg geben muss, dass ich die Ausnahme sein werde. Peter Thiels Formel – der Tod als „Problem, das wir lösen müssen“ – ist die explizite Artikulation der unbewussten Überzeugung, von der Freud sprach. Sie übersetzt eine archaische Phantasie in die Sprache des Silicon Valley, wo jedes Problem einen „Solution“ hat, wenn man nur genug Ressourcen, genug kluge Köpfe, genug disruptives Denken darauf wirft. Die Longevity-Industrie gibt dieser Überzeugung eine wissenschaftliche Verkleidung; sie erlaubt es, an die eigene Unsterblichkeit zu glauben, ohne irrational zu erscheinen. Man glaubt ja nicht an Magie oder Religion – man investiert in Biotech.
Der Todestrieb und die Ambivalenz des Wünschens
Fünf Jahre nach seinem Kriegsessay entwickelte Freud in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) eine Idee, die bis heute kontrovers geblieben ist und die psychoanalytische Bewegung in Lager gespalten hat: die Hypothese eines Todestriebs. Ausgangspunkt war die Beobachtung des Wiederholungszwangs – jener rätselhaften Tendenz traumatisierter Menschen, schmerzhafte Erfahrungen unwillkürlich immer wieder nachzustellen. Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehrten, träumten Nacht für Nacht von den Schrecken der Front, obwohl diese Träume offensichtlich keine Lust bereiteten. Kinder, die ein beängstigendes Erlebnis gehabt hatten, spielten es zwanghaft nach. Wie ließ sich das mit dem Lustprinzip vereinbaren, das Freud bis dahin als grundlegendes Organisationsprinzip des psychischen Lebens angesehen hatte?
Freuds Antwort war spekulativ und kühn: Vielleicht gibt es im psychischen Apparat eine Kraft, die nicht auf Lustgewinn und Unlustminimierung ausgerichtet ist, sondern auf etwas anderes – auf Rückkehr in einen früheren Zustand, auf Wiederherstellung eines ursprünglichen Gleichgewichts, letztlich auf Rückkehr in den anorganischen Zustand, aus dem alles Leben hervorgegangen ist. „Das Ziel alles Lebens ist der Tod“, formulierte er provokant (Freud, 1920/1940, S. 40). Der Lebenstrieb (Eros) und der Todestrieb (Thanatos) stehen demnach in einem ständigen Konflikt; das Leben selbst ist ein Umweg zum Tod, ein Aufschub, ein Widerstand gegen die Tendenz zur Auflösung, die doch am Ende siegen wird.
Man muss diese Theorie nicht im Wortlaut übernehmen – viele Psychoanalytiker haben sie abgelehnt oder modifiziert –, um ihre heuristische Kraft zu erkennen. Was Freud hier beschreibt, ist eine Ambivalenz im Verhältnis zum Tod, die der Longevity-Diskurs systematisch ausblendet. Wir fürchten den Tod – und sind zugleich von ihm fasziniert. Wir wollen ihm entfliehen – und sind doch von seiner Endgültigkeit angezogen. Die Todesanzeigen in der Zeitung, die True-Crime-Podcasts, die Katastrophenfilme, die Zombie-Serien: Unsere Kultur ist gesättigt mit Repräsentationen des Todes, und wir konsumieren sie begierig. Ernest Becker, der amerikanische Kulturanthropologe, dessen Buch „The Denial of Death“ 1973 den Pulitzer-Preis gewann, argumentierte, dass das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit die „Quellangst“ des Menschen sei – der Motor, der alle Kultur antreibt. Religion, Kunst, Wissenschaft, Politik: All das seien letztlich „Unsterblichkeitsprojekte“, Versuche, symbolisch über den Tod hinauszugreifen, etwas zu hinterlassen, das bleibt, wenn wir selbst vergangen sind (Becker, 1973).
Die Longevity-Industrie kann als die buchstäblichste Form eines solchen Unsterblichkeitsprojekts verstanden werden. Wo frühere Generationen auf symbolische Unsterblichkeit setzten – auf Nachruhm, auf Nachkommen, auf das Fortleben in einem Jenseits –, setzt sie auf biologische Unsterblichkeit, oder zumindest auf eine dramatische Verlängerung der körperlichen Existenz. Das ist ein kategorialer Wechsel, der mehr ist als nur eine Verschiebung der Mittel. Er bedeutet eine Umdeutung des Todes selbst: nicht mehr als unvermeidliches Schicksal, nicht mehr als Teil einer kosmischen oder göttlichen Ordnung, sondern als technisches Versagen, als Bug im System, der prinzipiell gefixt werden kann. Und er bedeutet eine Umdeutung des Lebens: nicht mehr als begrenzte Zeit, die es sinnvoll zu füllen gilt, sondern als Ressource, die es zu maximieren gilt.
Die manische Flucht nach vorn
Die manische Aktivität der Biohacker, ihre rastlose Optimierung und Selbstvermessung, ihre 111 Pillen täglich und ihre obsessive Datenkontrolle: All das lässt sich auch als Abwehr verstehen, als Flucht nach vorn, als Versuch, durch permanente Bewegung dem Stillstand zu entkommen, der am Ende wartet. Melanie Klein, die große Erneuererin der psychoanalytischen Theorie, entwickelte in den 1930er und 40er Jahren das Konzept der „manischen Abwehr“ – eine Konstellation, in der die schmerzlichen Gefühle der „depressiven Position“ (Trauer, Schuld, Sorge um das beschädigte Objekt) durch Triumph, Verachtung und Kontrolle abgewehrt werden (Klein, 1935/1996). Die manische Abwehr leugnet die Abhängigkeit vom Objekt; sie triumphiert über es; sie behandelt es mit Verachtung, um die Trauer über seinen Verlust nicht fühlen zu müssen.
Das alternde Subjekt, das in die Longevity-Industrie eintritt, befindet sich in einer Situation, die die depressive Position konstelliert. Der Körper verändert sich; die Kräfte lassen nach; das Ende rückt näher. Die angemessene Reaktion wäre Trauer – Trauer über das, was unwiederbringlich verloren geht, über die Jugend, die Möglichkeiten, die Zeit. Aber diese Trauer ist schmerzlich, und die manische Abwehr bietet einen Ausweg: Statt zu trauern, kämpft man an; statt zu akzeptieren, optimiert man; statt sich dem Unvermeidlichen zu stellen, stellt man es in Frage. Die Rhetorik der Longevity-Industrie ist durchzogen von manischen Elementen: der Triumph über das Altern („reverse your biological clock“), die Verachtung für jene, die das Altern passiv hinnehmen („aging is a disease“), die Kontrolle durch Quantifizierung und Intervention. Die „7-Tage-Revitalisierungsprogramme“ der Luxuskliniken versprechen eine schnelle Wiederherstellung dessen, was die Zeit genommen hat – eine omnipotente Phantasie, die die Realität des Verlusts verleugnet.
Es ist kein Zufall, dass die Protokolle der Longevity-Enthusiasten so oft an Zwangsneurosen erinnern. Freud beschrieb 1907 die Zwangshandlung als einen Versuch, durch rigide Rituale und magisches Denken eine diffuse Angst zu bannen (Freud, 1907/1941). Der Zwangsneurotiker glaubt, er könne durch genügend Regelbefolgung und Akribie das Unheil abwenden – sei es eine imaginierte Katastrophe oder, auf tieferer Ebene, der Ausbruch verbotener Impulse. Bryan Johnsons tägliche Routine – die exakt getimten Mahlzeiten, die penibel dosierten Supplemente, die lückenlose biometrische Überwachung, das strenge Verbot jeder Abweichung – trägt unverkennbar diese Züge. Hier wird nicht einfach Gesundheit gepflegt; hier wird Angst rituell bearbeitet. Und wie bei der Zwangsneurose ist die Erleichterung, die das Ritual bringt, nur vorübergehend; sie muss ständig erneuert werden, das Ritual ständig wiederholt, die Kontrolle ständig ausgeweitet. Die Angst, die gebannt werden soll, kehrt immer wieder zurück, weil das Ritual an ihrer eigentlichen Quelle – der Todesangst, der Endlichkeit – nichts ändern kann.
Die Kränkung des Narzissmus
Der Größenwahn der Allmacht
Warum aber sind es ausgerechnet die Erfolgreichsten und Mächtigsten – Tech-CEOs, Milliardäre, Gründer von Weltkonzernen –, die für die Vision der Unsterblichkeit am empfänglichsten scheinen? Man könnte einwenden: Sie haben eben das Geld dafür; sie können sich leisten, was anderen versagt bleibt. Aber diese Erklärung greift zu kurz. Sie erklärt nicht die Intensität des Engagements, nicht den messianischen Eifer, mit dem manche dieser Figuren die Überwindung des Todes propagieren, nicht die Bereitschaft, sich öffentlich zum Gespött zu machen (wie Johnson mit seinen Bluttransfusionen), um das Projekt voranzutreiben. Hier ist etwas anderes am Werk, etwas, das die Psychoanalyse mit dem Begriff des Narzissmus zu fassen versucht.
Freud beschrieb 1914 eine frühe Phase der psychischen Entwicklung, die er „primären Narzissmus“ nannte: einen Zustand, in dem das Kind sich selbst genügt und sich für allmächtig hält, in dem es noch nicht zwischen Ich und Welt, zwischen Wunsch und Erfüllung unterscheiden kann. Das Kind schreit, und die Brust erscheint; es hat Hunger, und es wird gefüttert. Aus seiner Perspektive ist es das Zentrum des Universums, und das Universum gehorcht seinen Wünschen. Diese Allmachtsillusion wird durch die Realität allmählich korrigiert – durch die Erfahrung von Frustration, Aufschub, Versagung, durch die Entdeckung, dass die Welt den eigenen Wünschen Widerstand entgegensetzt. Aber narzisstische Reste verbleiben im Unbewussten, und unter bestimmten Bedingungen können sie reaktiviert werden. „So neigen wir dazu“, schrieb Freud, „uns auf magische Allmachtsgedanken zu verlassen“ (Freud, 1914/1946, S. 157) – ein Echo jener frühkindlichen Denkweise, die glaubt, die Realität durch Denken, Wünschen, Ritualisieren beeinflussen zu können.
Bei den meisten Menschen werden diese narzisstischen Reste durch die Anforderungen des Alltags in Schach gehalten. Die Erfahrung von Abhängigkeit, von Grenzen, von Misserfolgen erdet uns, holt uns auf den Boden der Realität zurück. Aber was geschieht, wenn jemand tatsächlich außergewöhnliche Macht erlangt – wenn er Unternehmen gründet, Märkte bewegt, Milliarden kontrolliert, wenn er erlebt, wie seine Ideen die Welt verändern und Widerstände sich auflösen? Die narzisstische Grandiosität, die sonst als infantil und dysfunktional gilt, wird hier funktional; sie treibt den Erfolg an, sie gibt die Hybris, die nötig ist, um Unmögliches zu versuchen. Aber sie hat einen Preis. Otto Kernberg, einer der einflussreichsten Narzissmustheoretiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, beschrieb die Kehrseite narzisstischer Grandiosität: eine oft schlecht verkraftete Empfindlichkeit gegenüber Einschränkungen, Abhängigkeiten oder Verlusten. Narzisstisch strukturierte Personen reagieren auf solche Erfahrungen mit starker Kränkung, mit Wut, mit Verleugnung (Kernberg, 1975). Sie können nicht akzeptieren, dass es Grenzen gibt, die auch für sie gelten.
Das Altern stellt nun die maximale narzisstische Kränkung dar. Es widerspricht dem impliziten Selbstbild der Unverwundbarkeit; es signalisiert Abhängigkeit, wo Autonomie war; es gefährdet die eigene Sonderstellung. Christopher Lasch beschrieb 1979 in seinem einflussreichen Buch „The Culture of Narcissism“, wie die Angst vor dem Altwerden den modernen narzisstischen Charakter prägt. In einer Gesellschaft, die Jugend, Schönheit und Erfolg verherrlicht, löse das Altern bei Narzissten „terrorartige Zustände“ aus, weil es Abhängigkeit signalisiere und die eigene Sonderstellung gefährde (Lasch, 1979, S. 210). Diesen Menschen fehle jene „historische Kontinuität“ – das Getragensein von Bindungen, Werten oder Sinnhorizonten jenseits des eigenen Egos –, die anderen Menschen im Alter Halt geben kann. Stattdessen empfinden sie es als unerträgliche Kränkung, dass eine jüngere Generation nun viele der zuvor von ihnen selbst genossenen Privilegien für sich beansprucht. Das Altern wird zum persönlichen Affront, was extreme Abwehrmechanismen mobilisieren kann.
Der Körper als Projekt der Allmacht
Die Idee, mit hinreichend Daten, Selbstvermessung und Biohacks den eigenen Körper vollständig im Griff zu haben, trägt eindeutig narzisstische Züge. Der Körper wird zum Projekt der eigenen Allmacht erklärt: strikte Diätpläne, exzessives Training, lückenloses Tracking von Schlafphasen, Kalorien und Blutwerten sollen beweisen, dass nichts – nicht einmal die Zeit – außerhalb der Kontrolle des Ich steht. Auffällig ist, dass viele Protagonisten der Longevity-Szene ein fast zwanghaftes Regiment über ihren Lebensstil führen. Bryan Johnson investiert Millionen in sein „Blueprint“-Programm mit dem erklärten Ziel, seinen Körper auf das biologische Niveau eines 18-Jährigen zu verjüngen; er unterzieht sich täglich Dutzenden Messungen und Prozeduren, folgt einem streng kalibrierten Ernährungs- und Supplementplan (Alter, 2023). Ein derartiger Kontrollzwang ist mehr als Gesundheitsbewusstsein; er ist die Inszenierung narzisstischer Allmacht im Medium des Körpers.
Heinz Kohut, der Begründer der psychoanalytischen Selbstpsychologie, würde hier vielleicht von einer Störung des „Größen-Selbst“ sprechen – jener archaischen Struktur, die das Kind als Zentrum eines bewundernden Universums erlebt und die im Laufe der Entwicklung in realistische Ambition und gesundes Selbstwertgefühl transformiert werden sollte. Bei narzisstisch vulnerablen Persönlichkeiten bleibt dieses Größen-Selbst unintegriert; es wird nicht allmählich durch Realitätserfahrungen modifiziert, sondern bleibt in seiner archaischen Grandiosität erhalten und macht das Selbst abhängig von äußeren Bestätigungen, von Bewunderung, von Erfolg (Kohut, 1971). Die Longevity-Industrie kann als eine solche äußere Bestätigung verstanden werden: Sie sagt dem narzisstisch vulnerablen Subjekt, dass seine Phantasie der Unsterblichkeit nicht kindisch ist, sondern wissenschaftlich fundiert; dass er recht hat, sich für eine Ausnahme zu halten; dass genug Geld und genug Anstrengung ihn tatsächlich von den Grenzen befreien können, die für gewöhnliche Sterbliche gelten.
Der Fetisch und die Verleugnung
Interessant aus psychoanalytischer Sicht ist auch die fetischhafte Beziehung, die viele Longevity-Enthusiasten zu ihren Geräten, Daten und Protokollen entwickeln. Der Begriff des Fetischs hat in der Psychoanalyse eine spezifische Bedeutung, die über den alltagssprachlichen Gebrauch hinausgeht. Freud beschrieb 1927 den Fetischismus als eine besondere Form der Verleugnung: Der Fetischist weiß, dass die Frau keinen Penis hat – die traumatische Entdeckung, die das kleine Kind macht und die in Freuds Theorie die Kastrationsangst auslöst –, aber er glaubt es zugleich nicht. Er findet einen Kompromiss, indem er ein Ersatzobjekt wählt, das den fehlenden Penis symbolisch vertritt und so die Verleugnung aufrechterhält. „Ich weiß, aber dennoch…“ – diese Formel des Fetischismus beschreibt eine Spaltung im Ich, die es erlaubt, zwei unvereinbare Überzeugungen nebeneinander bestehen zu lassen (Freud, 1927/1948).
Übertragen auf unseren Kontext: Die High-Tech-Gadgets und Bio-Daten der Longevity-Kultur können als Fetische verstanden werden, an denen unbewusst die Angst vor der eigenen Hinfälligkeit aufgehoben werden soll. Der Longevity-Enthusiast weiß, dass er sterblich ist – intellektuell, abstrakt, als Faktum –, aber er glaubt es zugleich nicht, nicht wirklich, nicht in seinem Unbewussten. Er findet einen Kompromiss, indem er sich an Objekte klammert, die die Verleugnung stützen: das Wearable, das seine Vitalwerte in Echtzeit überwacht; das Laborergebnis, das sein „biologisches Alter“ auf 35 beziffert, obwohl er 55 ist; das Supplement, das seine Zellen „verjüngt“. Diese Objekte sind nicht einfach Werkzeuge der Gesundheitsvorsorge; sie sind mit libidinöser Energie besetzt, mit einer Intensität, die über ihre instrumentelle Funktion hinausgeht. Sie werden gehegt und gepflegt, ständig konsultiert, mit anderen verglichen; ihre Zahlen werden zu Quellen von Stolz oder Angst. Das Fetisch-Objekt – etwa das epigenetisch gemessene „biologische Alter“ – erhält beinahe magische Bedeutung: Es wird zum vermeintlich kontrollierbaren Stellvertreter des unkontrollierbaren Schicksals.
Ähnlich wie beim sexuellen Fetisch eine Verleugnung der Realität vorliegt, liegt hier die Verleugnung der eigenen Sterblichkeit vor. Man weiß um sie – natürlich, man ist ja kein Narr –, aber man richtet sein emotionales Investment so auf konkrete Objekte, dass diese Wahrheit in den Hintergrund tritt. Die Zahlen, die das Wearable liefert, die Kurven, die die App zeichnet, die Prozentpunkte der „biologischen Verjüngung“ – sie schaffen eine Parallelrealität, in der das Altern quantifizierbar, steuerbar, reversibel erscheint. Und solange man in dieser Parallelrealität lebt, muss man sich der anderen Realität – der Realität des Verfalls, der Krankheit, des Todes – nicht stellen. Die Fetischisierung der Daten ist eine Technik der Verleugnung, die umso effektiver funktioniert, als sie sich wissenschaftlich gibt.
Solche Dynamiken können, wie Freud anmerkte, perverse Züge annehmen, wenn das Objekt wichtiger wird als die lebendige Beziehung. Im Kontext der Longevity-Kultur zeigt sich das, wenn der lebendige Beziehungsaustausch mit anderen Menschen hinter der Beziehung zu Geräten und Zahlenwerten zurücktritt – wenn der Körper letztlich als mechanisches Ding behandelt wird, an dem das allmächtige Ingenieur-Ich schaltet und waltet. Bryan Johnsons öffentliche Selbstdarstellung legt eine solche Dynamik nahe: Seine Videos zeigen einen Mann, der allein in sterilen Räumen sitzt, umgeben von Maschinen, der jeden Aspekt seines Lebens einem rigiden Protokoll unterworfen hat. Die sozialen Beziehungen, die er pflegt, scheinen instrumentell – Ärzte, Techniker, gelegentlich sein Sohn als Blutspender. Die Frage, ob ein solches Leben lebenswert ist, wird nicht gestellt; die einzige Frage ist, wie lange es dauern kann. Damit einher geht eine Entfremdung vom eigenen Erleben: Schmerz, Genuss, spontane Lebendigkeit werden dem rigiden Protokoll untergeordnet. Die Ideologie völliger Selbstoptimierung bis hin zur Unsterblichkeit verführt letztlich zu einem Verlust an Realitätssinn und beschneidet jene seelische Flexibilität, die für ein authentisches menschliches Leben nötig wäre.
Kulturindustrie und die Fabrikation falscher Bedürfnisse
Glück von der Stange
Bisher haben wir die Longevity-Industrie vor allem aus individualpsychologischer Perspektive betrachtet: als Ausdruck von Todesangst, narzisstischer Abwehr, fetischistischer Verleugnung. Aber individuelle Psychodynamiken entfalten sich nicht im luftleeren Raum. Sie werden geformt, kanalisiert und ausgebeutet durch gesellschaftliche Strukturen – und hier kommt die Kritische Theorie ins Spiel, jene Tradition des Denkens, die Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und andere am Frankfurter Institut für Sozialforschung begründeten und die sich zum Ziel setzte, die Verflechtungen von Kapitalismus, Kultur und Psyche zu analysieren.
Adorno und Horkheimer prägten 1947 in der „Dialektik der Aufklärung“ den Begriff der Kulturindustrie – ein Terminus, der absichtlich sperrig klingt und die Spannung zwischen Kultur (die eigentlich autonom, geistig, zweckfrei sein sollte) und Industrie (die auf Profit, Standardisierung, Massenproduktion ausgerichtet ist) auf den Punkt bringt. Die Kulturindustrie, so ihre These, ist nicht einfach die Kultur, die von der Industrie produziert wird; sie ist die Industrialisierung der Kultur selbst – die Subsumtion aller kulturellen Produktion unter die Logik des Warentauschs. Was die Kulturindustrie produziert, sind keine autonomen Kunstwerke, sondern Waren, die nach den Gesetzen des Marktes gefertigt werden: standardisiert, austauschbar, auf möglichst breite Verkäuflichkeit getrimmt. Die vermeintliche Vielfalt der Angebote – verschiedene Filme, Musikstile, Zeitschriften – ist Schein; dahinter verbirgt sich das immer gleiche Schema, die immer gleiche Logik (Adorno & Horkheimer, 1947/2003, S. 128–176).
Die Kulturindustrie sei, so die berühmte Formulierung, „Aufklärung als Massenbetrug“ – sie verspricht Befriedigung, Individualität, Glück, aber was sie liefert, ist Ersatzbefriedigung, Pseudoindividualität, manipuliertes Glück. Sie bedient Bedürfnisse, die sie selbst erzeugt hat; sie bietet Lösungen für Probleme, die sie selbst geschaffen hat. Und indem sie das tut, stabilisiert sie das Bestehende: Die Menschen werden ruhiggestellt, abgelenkt, zufriedengestellt gerade genug, um nicht aufzubegehren. Die Kulturindustrie erzeugt, wie Adorno es nannte, „Einverständnis“ – eine passive Akzeptanz der Verhältnisse, die sich als freie Wahl tarnt.
Übertragen auf die Longevity-Industrie drängen sich die Parallelen auf. Was hier angeboten wird, ist nicht authentische Gesundheit, nicht echte Auseinandersetzung mit Endlichkeit und Alter, sondern ein Warenspektrum, das diese Auseinandersetzung ersetzt und überflüssig macht. Die Programme der Luxuskliniken, die Supplements der Start-ups, die Protokolle der Biohacker – sie folgen standardisierten Schemata, die sich nur oberflächlich unterscheiden. Ob ein Longevity-Programm in Kalifornien oder ein Wellness-Retreat in der Schweiz: Die Module sind dieselben (Check-ups, Detox, Achtsamkeitsübungen, teure Elixiere), die Rhetorik ist dieselbe („personalisiert“, „evidenzbasiert“, „ganzheitlich“), die Versprechen sind dieselben (Verjüngung, Vitalität, Kontrolle). Die „Personalisierung“, die als Verkaufsargument dient, ist meist Fassade; dahinter stecken Algorithmen, die aus wenigen Datenpunkten Standardempfehlungen generieren. Wie Adorno und Horkheimer es von der Kulturindustrie sagten: Die Unterschiede sind nur scheinbar; die Schemas durchscheinen.
Die Kunden der Longevity-Industrie glauben, etwas für sich und ihren einzigartigen Körper zu tun; tatsächlich durchlaufen sie ein Programm, das tausendfach reproduziert wird und dessen einzige echte Individualisierung der Preis ist. Was als maßgeschneiderte Intervention präsentiert wird, ist in Wahrheit Massenproduktion im Gewand der Exklusivität. Und was als Befriedigung eines authentischen Bedürfnisses – des Bedürfnisses nach Gesundheit, nach einem guten Leben – angeboten wird, ist tatsächlich die Befriedigung eines manipulierten Bedürfnisses, das die Industrie selbst erzeugt hat: des Bedürfnisses, ständig optimiert, vermessen, verbessert zu werden. Die Kulturindustrie, so schrieben Adorno und Horkheimer, „betrügt um das, was sie zu geben verspricht“ – sie evoziert das Versprechen von Erfüllung, nur um es in der Konsumform zu neutralisieren, aufzuschieben, endlos hinauszuzögern. Das Longevity-Supplement, das heute eingenommen wird, macht ein weiteres morgen nötig; das Check-up dieses Jahres verlangt nach dem Check-up des nächsten; die Optimierung ist nie abgeschlossen. Der Konsum perpetuiert sich selbst.
Die Erzeugung falscher Bedürfnisse
Herbert Marcuse liefert mit seinem Konzept der „falschen Bedürfnisse“ einen weiteren Schlüssel zur Analyse. In „Der eindimensionale Mensch“ (1964) argumentiert Marcuse, dass die fortgeschrittene Industriegesellschaft den Menschen Bedürfnisse aufprägt, die nicht wirklich ihre eigenen sind, sondern der Aufrechterhaltung des bestehenden Systems dienen. Diese Bedürfnisse nennt er „falsch“ – nicht weil die Menschen sie nicht wirklich empfinden, sondern weil sie von außen induziert sind und ihre Befriedigung die Menschen in Abhängigkeit hält, anstatt sie zu befreien. „Falsche Bedürfnisse sind jene, die dem Individuum von gesellschaftlichen Interessen aufgezwungen werden, die seine Unterdrückung erfordern: Bedürfnisse, die Mühsal, Aggressivität, Elend und Ungerechtigkeit verewigen“ (Marcuse, 1964/1967, S. 25). Ihre Befriedigung mag subjektiv zufriedenstellen, ja sogar beglückend sein – aber sie hält die Menschen davon ab, „die Krankheit des Ganzen zu erkennen“, und erzeugt „Euphorie im Unglück“ (Marcuse, 1964/1967, S. 26).
Das Bedürfnis, im Alter gesund und versorgt zu sein, ist zweifellos legitim. Es wurzelt in der biologischen Verletzlichkeit des Menschen, in seiner Sozialität, in seinem Wunsch nach einem guten Leben. Aber die Longevity-Kultur transformiert dieses legitime Bedürfnis in etwas anderes – in ein konsumistisches Bedürfnis, das nie befriedigt werden kann und dessen Nicht-Befriedigung ständig neue Konsumakte generiert. Es reicht nicht mehr, einigermaßen gesund zu leben und darauf zu vertrauen, dass die Gesellschaft einen im Alter versorgen wird; man muss optimieren, tracken, supplementieren, upgraden. Jede neue Studie, jedes neue Produkt, jede neue Intervention erzeugt ein neues Defizit, das geschlossen werden muss. Der Markt produziert die Angst, die er dann mit seinen Produkten beschwichtigt – nur um sie mit dem nächsten Produkt wieder anzufachen. Menschen werden konditioniert zu glauben, sie bräuchten all die Longevity-Produkte, um ein gutes Leben im Alter zu haben – während grundlegende Faktoren wie soziale Unterstützung, öffentliche Gesundheitsversorgung, sinnvolle Tätigkeiten oder schlicht: menschliche Beziehungen in den Hintergrund treten.
Das Ergebnis ist, was Marcuse als die Identifikation der Individuen mit ihren aufgezwungenen Bedürfnissen beschreibt: Sie erkennen die Heteronomie nicht mehr, weil das Bedürfnis als ihr eigenes erscheint, als Ausdruck ihrer freien Wahl, ihres aufgeklärten Selbstinteresses. Der Longevity-Konsument empfindet seine tägliche Supplement-Routine nicht als Zwang, sondern als Selbstfürsorge; sein obsessives Tracking nicht als Symptom, sondern als Empowerment. Er ist, in Marcuses Terminologie, in das System integriert – nicht durch äußeren Zwang, sondern durch innere Kolonisierung, durch die Besetzung seines Begehrens mit Waren und Dienstleistungen, die das System bereitstellt. Die Longevity-Industrie integriert die Individuen in das bestehende System, indem sie ihnen eine Ideologie der ständigen Selbstoptimierung verkauft – und dieses Bedürfnis selbst wird zur treibenden Kraft ihres Konsumverhaltens.
Die repressive Entsublimierung
Ein weiteres Marcusesches Konzept, das hier einschlägig ist, ist die „repressive Entsublimierung“ – ein sperriger Begriff für ein Phänomen, das sich leichter zeigen als definieren lässt. Marcuse meint damit die kontrollierte Freisetzung vormals unterdrückter Triebe und Wünsche, die das System erlaubt oder sogar fördert, um durch ihre scheinbare Erfüllung die Menschen zufriedenzustellen und von echter Rebellion abzuhalten (Marcuse, 1964/1967, S. 86–91). Das klassische Beispiel ist die sexuelle Liberalisierung der Nachkriegszeit: Sex wird allgegenwärtig in Werbung und Medien, wird zum Konsumgut, zur Ware unter Waren – aber gerade dadurch verliert er seine subversive, revolutionäre Kraft. Die Freisetzung ist nicht emanzipatorisch, sondern repressiv, weil sie die Menschen in das System einbindet, anstatt sie daraus zu befreien.
Übertragen auf die Longevity-Kultur: Das berechtigte Aufbegehren gegen gesundheitsschädliche Lebens- und Arbeitsbedingungen – gegen Stress, Burnout, Überarbeitung, Umweltverschmutzung, die Zumutungen eines Systems, das den Menschen als Ressource behandelt – wird vom Markt aufgegriffen und in harmlose, ja systemstabilisierende Kanäle gelenkt. Menschen spüren durchaus Unzufriedenheit: über Burnout am Arbeitsplatz, über toxische Stresslevel, über Ernährung voller Schadstoffe, über eine Umwelt, die krank macht. Diese Unzufriedenheit könnte sich politisch wenden, in Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, Umweltschutz, einem solidarischen Gesundheitssystem. Doch anstatt solche strukturellen Lösungen anzugehen, bietet die Longevity-Kultur eine Fülle von persönlichen „Lösungen“ an: Detox-Retreats für Gestresste, Achtsamkeits-Apps gegen Burnout, Coachings zum „Resilienz-Training“, Executive-Health-Check-ups für Manager mit ungesunder Lebensweise.
Das System entsublimiert repressiv, indem es die Unzufriedenheit kanalisiert: Du fühlst dich ausgebrannt? Gönn dir ein Wellness-Wochenende mit Digital Detox, anstatt die Ursachen – Überarbeitung, Konkurrenzdruck, die Entgrenzung der Arbeit – anzugehen. Du sorgst dich um deine Gesundheit in einer verseuchten Umwelt? Kauf dir teure Nahrungsergänzung und mach einen Cleanse, anstatt nach politischen Lösungen zu suchen. Du spürst, dass etwas fundamental nicht stimmt an der Art, wie du lebst und arbeitest? Investiere in deine „Longevity“, anstatt die Strukturen zu hinterfragen, die dein Leben verkürzen. – In diesem Sinne fördert der Longevity-Konsum konformes Verhalten: Man konsumiert die angebotenen Auswege (Retreats, Produkte, Programme) und empfindet kurzzeitig Verbesserung oder zumindest das gute Gefühl, „etwas zu tun“, während die übergeordneten Problemlagen fortbestehen. Die Kritik wird neutralisiert, indem sie in Konsum übersetzt wird.
Die Integration der Kritik
Besonders aufschlussreich ist, wie die Longevity-Industrie Kritik absorbiert und vermarktet. Luc Boltanski und Ève Chiapello haben in „Der neue Geist des Kapitalismus“ (1999) gezeigt, wie der Kapitalismus in der Lage ist, selbst antikapitalistische Kritiken zu integrieren und für seine Zwecke zu nutzen. Die Künstlerkritik der 1968er – die Kritik an Bürokratie, Hierarchie, Entfremdung – wurde vom Management aufgegriffen und in neue Organisationsformen übersetzt: flache Hierarchien, flexible Teams, projektbasiertes Arbeiten. Das Ergebnis war nicht die Überwindung des Kapitalismus, sondern seine Erneuerung; die Kritik wurde verdaut und in Produktivkraft verwandelt (Boltanski & Chiapello, 2003).
Analog dazu lässt sich argumentieren: Die Kritik an krankmachenden Lebensbedingungen – an der Arbeitshetze, der Umweltzerstörung, der sozialen Kälte des Neoliberalismus – wird vom Wellness- und Longevity-Kapitalismus aufgenommen und in eine Service-Industrie überführt, die genau diese Kritikpunkte adressiert, aber ohne sie an der Wurzel zu beheben. Die Diagnose wird akzeptiert: Ja, unser modernes Leben macht uns kaputt, zu viel Sitzen, Bildschirmarbeit, Fast Food, Schlafmangel, soziale Isolation – darin steckt ein wahrer Kern, und die Wellness-Influencer wiederholen ihn unablässig. Doch die vorgeschlagene Lösung ist nie kollektive Organisation oder politische Reform, sondern stets: Kauf dir dieses Programm, optimiere dich selbst! Die Verantwortlichkeit wird individualisiert; die Struktur bleibt unangefochten – ja, sie profitiert sogar doppelt: Zuerst zehrt sie die Arbeitskraft auf, dann verdient sie am Reparaturversuch.
So entsteht, was Marcuse die „eindimensionale Gesellschaft“ nannte: eine Gesellschaft, die jede Kritik absorbiert, indem sie sie in Warenform befriedet, und die dadurch keine alternativen Dimensionen – kein qualitativ anderes Leben – mehr erkennbar werden lässt (Marcuse, 1964/1967, S. 21–24). Die Longevity-Kultur ist ein Paradebeispiel dieser Eindimensionalität. Sie definiert Gesundheit und Langlebigkeit ausschließlich als Resultat individuellen Konsum- und Optimierungsverhaltens. Der Gedanke einer kollektiven Befreiung oder gesellschaftlichen Veränderung im Umgang mit Alter und Krankheit erscheint gar nicht erst am Horizont – stattdessen wird ein technisch-ökonomisches Heilsversprechen verbreitet, das perfekt zum spätkapitalistischen Geist passt. Alles ist käuflich, sogar ein längeres Leben.
Die Gesellschaft des Spektakels
Leben durch Bilder
Guy Debord, der französische Situationist und Autor von „Die Gesellschaft des Spektakels“ (1967), bietet einen weiteren theoretischen Zugang, der für das Verständnis der Longevity-Kultur erhellend ist. Debord argumentierte, dass in der spätkapitalistischen Gesellschaft das direkte Erleben zunehmend durch Repräsentationen ersetzt wird – durch Bilder, Zeichen, Medien, die sich zwischen den Menschen und seine Erfahrung schieben. „Das Spektakel ist nicht eine Sammlung von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Menschen“ (Debord, 1967/1996, These 4). Im Spektakel erscheint das Leben nicht mehr als gelebte Praxis, sondern als Anschauung; die Menschen werden zu Zuschauern ihres eigenen Lebens, das sie in den Medien gespiegelt und verformt wiederfinden.
„Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild geworden ist“ (Debord, 1967/1996, These 34). Dieser kryptische Satz lässt sich so verstehen: Das Kapital, ursprünglich eine Summe von Geld und Produktionsmitteln, hat sich so weit ausgedehnt, dass es nun auch die Bilder, die Vorstellungen, die Träume der Menschen umfasst. Das Spektakel ist Kapital in ästhetischer Form; es akkumuliert nicht Dinge, sondern Aufmerksamkeit, nicht Geld, sondern Begehren. Und es reproduziert sich, indem es ständig neue Bilder generiert, die konsumiert werden wollen.
Die Longevity-Industrie illustriert diese Diagnose auf fast schon didaktische Weise. Sie ist nicht nur ein Markt für Produkte und Dienstleistungen; sie ist ein Spektakel, eine Bilderwelt, eine mediale Inszenierung, die konsumiert wird, unabhängig davon, ob jemand tatsächlich ein Longevity-Programm bucht. Die Selbstdarstellung der Longevity-Enthusiasten in sozialen Netzwerken – stets mit durchtrainierten, faltenfreien Körpern und High-Tech-Umgebungen – erzeugt ein Bild, das die Zuschauer faszinieren und inspirieren soll. Bryan Johnson, mit seinen über einer Million Followern, ist weniger ein Wissenschaftler oder Unternehmer als ein Performer; seine tägliche Routine ist eine Performance, sein Körper eine Bühne, auf der die Phantasie der Unsterblichkeit inszeniert wird. TechCrunch nannte seine Live-Stream-Session treffend „vampirisches Performance Art“ (Rosen, 2025) – eine Anspielung nicht nur auf die Bluttransfusionen, sondern auf den inszenatorischen Charakter des Ganzen.
Die Grenze zwischen authentischer Erfahrung und Show verwischt vollkommen. Johnson mag tatsächlich subjektiv hoffen, seine Lebensspanne zu erhöhen, doch die Art und Weise, wie er es tut, ist vollständig im Reich des Spektakels verhaftet – er macht es für das Publikum, seine Identität verschmilzt mit seinem öffentlich vermarkteten Selbst. Debord hätte wohl gesagt, Johnson ist zum „darstellenden Objekt“ seiner selbst geworden, Symbol einer Vision, die an sich wiederum dem kapitalistischen Spektakel dient: Werbung für seine Firmen, Generieren von Trends, Akkumulation von Aufmerksamkeit als Kapitalform. Und die Million Zuschauer, die seinen Psilocybin-Trip verfolgen, konsumieren nicht Information, nicht Wissenschaft, nicht einmal Unterhaltung im herkömmlichen Sinn – sie konsumieren ein Bild, eine Phantasie, ein Versprechen, das ihnen sagt: So könnte dein Leben aussehen, wenn du nur wolltest (und könntest, und bezahlen könntest).
Die Ästhetik der Unsterblichkeit
Auch abseits der exzentrischen Figuren wie Johnson ist die Longevity-Industrie von einer spezifischen Ästhetik geprägt, die analysiert zu werden verdient. Die Luxuskliniken, die Membership-Clubs, die Start-up-Websites – sie alle teilen eine visuelle Sprache, die Reinheit, Kontrolle, Zukunft signalisiert. Viel Weiß, viel Glas, viel Licht; minimalistische Möbel; futuristische Architektur, die an Raumschiffe oder Labore erinnert; gelegentlich organische Elemente (Holz, Pflanzen, Wasser), die Natur und Technologie in harmonischem Einklang zeigen sollen. Die Menschen in diesen Bildern sind athletisch, entspannt, alterslos – selten eindeutig jung, aber nie alt; ihre Körper sind optimierte Körper, Körper ohne Makel, ohne Zeichen des Verfalls.
Eine Beschreibung einer Longevity-Klinik in Bilbao schwärmt: „Entering this anti-aging clinic is like immersing yourself in an oasis of well-being, where cutting-edge medicine meets the beauty of art and the harmony of color. Every design detail is crafted to promote cellular regeneration and emotional balance“ (González, 2025). Hier wird Architektur zur Therapie erklärt; die Umgebung selbst soll verjüngen. Es ist eine Ästhetik, die jeden Gedanken an Krankheit, Verfall, Tod aus dem Bewusstsein verbannt; eine Ästhetik der Verleugnung, die ihre Verleugnung unsichtbar macht, indem sie sie in Schönheit verwandelt.
Diese Bilder haben eine normative Kraft, die nicht unterschätzt werden sollte. Sie definieren, wie ein gutes, gesundes, erstrebenswertes Leben aussieht – und implizit: wie es nicht aussieht. Byung-Chul Han, der deutsch-koreanische Philosoph, hat in seiner Kritik der neoliberalen Leistungsgesellschaft darauf hingewiesen, dass Selbstoptimierung heute zur stillschweigenden Pflicht geworden ist. Man hat fit, aktiv, positiv zu sein; jede Schwäche, jedes Nachlassen wird als persönliches Versagen internalisiert (Han, 2010). Die Bilder der Longevity-Industrie verstärken diesen Druck: Sie zeigen, wie man sein sollte – und erzeugen damit ein Defizit bei allen, die diesem Bild nicht entsprechen. Die Botschaft ist: Du könntest so sein wie diese Menschen, wenn du dich nur genügend anstrengst. Und wenn du es nicht bist, liegt das nicht an den Verhältnissen, nicht an deinen Ressourcen, nicht am Zufall – es liegt an dir.
Eva Illouz und Edgar Cabanas haben in „Das Glücksdiktat“ (2019) analysiert, wie Wellness und Selbstoptimierung mit einem Versprechen von Glück und Erlösung aufgeladen werden und zu Big Business geworden sind. Die Autoren zeigen, wie die „Happiness-Industrie“ legitime Sehnsüchte – nach Wohlbefinden, nach einem gelingenden Leben – in konsumierbare Formate übersetzt, die weniger der Erfüllung dieser Sehnsüchte dienen als ihrer Perpetuierung: Wer glücklich sein will, muss ständig an sich arbeiten, ständig neue Produkte kaufen, ständig neue Techniken lernen (Illouz & Cabanas, 2019). Die Longevity-Industrie operiert nach exakt demselben Schema. Sie verspricht nicht Gesundheit als Zustand, sondern Gesundheit als permanentes Projekt – ein Projekt, das nie abgeschlossen ist, das immer neue Investitionen erfordert, das den Konsumenten in einer Spirale aus Hoffnung und Angst gefangen hält.
Das Verschwinden des Alters
Auffällig an der Bilderwelt der Longevity-Industrie ist, was nicht gezeigt wird: das Alter. Nicht das optimierte „healthy aging“, das die Kliniken versprechen – das ist allgegenwärtig: vitale 70-Jährige, die Berge besteigen, Marathons laufen, Unternehmen gründen. Sondern das andere Alter, das „vierte Alter“, wie die Gerontologie es nennt: die Phase der Gebrechlichkeit, der Pflegebedürftigkeit, des Lebensendes. Demenzpatienten, Bettlägerige, Sterbende – sie kommen in diesen Bildern nicht vor. Sie sind das Abjekte, das Verdrängte, das, was nicht gezeigt, nicht gedacht, nicht gelebt werden soll.
Julia Kristeva, die bulgarisch-französische Psychoanalytikerin und Philosophin, hat in „Pouvoirs de l’horreur“ (1980) das Konzept des Abjekts entwickelt: jenes Ausgegrenzte, Verworfene, das die Grenzen des Selbst bedroht und daher mit Ekel und Angst besetzt ist. Der alte, gebrechliche, sterbende Körper ist ein solches Abjekt – er erinnert an die Materialität, die Hinfälligkeit, die Sterblichkeit, die wir verdrängen wollen. Die Alterserscheinungen evozieren unbewusst die Nähe des Körpers zu Krankheit und Tod, was Ekel und Angst auslösen kann (Kristeva, 1980/1982). Die Longevity-Industrie operiert, indem sie dieses Abjekt aus dem Blickfeld verbannt: Sie zeigt nur das gute Alter, das optimierte Alter, das alterslose Alter. Das andere Alter existiert in ihrem Universum nicht.
Kathleen Woodward hat in „Aging and Its Discontents“ (1991) analysiert, wie die moderne Kultur das Alter unsichtbar macht und marginalisiert. Die Gesellschaft versucht, das Abjekthafte aus dem Blickfeld zu drängen, indem Alter und Gebrechlichkeit in Institutionen ausgelagert werden – Pflegeheime, Hospize, die von der Mehrheitsgesellschaft kaum betreten werden (Woodward, 1991). Die Longevity-Industrie radikalisiert diese Tendenz: Sie verspricht nicht nur, das Alter hinauszuschieben, sondern es abzuschaffen, obsolet zu machen. In ihrer Vision gibt es nur noch Jugend und Tod, ohne das dazwischen, ohne das Altwerden als Prozess, ohne die Zeit, die am Körper ihre Spuren hinterlässt. Es ist eine Vision, die zutiefst unmenschlich ist – nicht weil sie Gesundheit wünscht, sondern weil sie die Bedingungen des Menschseins verleugnet.
Wer kann sich die Ewigkeit leisten?
Langlebigkeit als Klassenprivileg
Die elaboriertesten Programme der Longevity-Industrie sind für die große Mehrheit der Menschen schlicht unerschwinglich. Wir haben die Zahlen bereits genannt: 10.000 bis 50.000 Euro jährlich für Klinikprogramme, bis zu 100.000 Euro für Executive-Pakete (Demaria, 2025). Selbst die günstigeren Angebote – die Supplements, die Gentests, die Coaching-Programme – summieren sich schnell auf mehrere tausend Euro pro Jahr, wenn man sie konsequent nutzt. Das ist Geld, das die meisten Menschen nicht haben, nicht für Gesundheitsvorsorge, nicht für irgendetwas.
Demaria betont in ihrer Analyse, dass die heutigen Longevity-Kliniken „aufgrund der enormen Kosten nur für reiche Eliten zugänglich“ sind, „was ein System gesundheitlicher Ungleichheit stützt“ (Demaria, 2025, S. 2453). Diejenigen, die am meisten von präventiver Medizin profitieren würden – Menschen in prekären Lebenslagen, mit harter körperlicher Arbeit, mit chronischem Stress ohne Erholungsmöglichkeiten –, sind aus diesem Markt ausgeschlossen. Paradoxerweise sind es gerade die sozioökonomisch Schwächeren, die früher altern und höhere Krankheitsrisiken haben, doch die Longevity-Interventionen stehen vor allem den sozioökonomisch Starken zur Verfügung.
Die Zahlen zur gesundheitlichen Ungleichheit sind ernüchternd. Eine umfangreiche Studie zeigte, dass die reichsten 1 Prozent der Amerikaner im Durchschnitt 14,6 Jahre länger leben als die ärmsten 1 Prozent; bei Frauen liegt der Unterschied bei rund 10 Jahren (Chetty et al., 2016). Ähnliche Befunde gibt es für Europa: Auch in Deutschland ist die Lebenserwartung zwischen oberen und unteren Einkommensgruppen um fast 8 Jahre verschieden (Lampert et al., 2019). Diese Unterschiede resultieren aus ungleichen Arbeitsbedingungen, Bildungsunterschieden, divergierendem Gesundheitsverhalten und vor allem ungleichem Zugang zu Ressourcen und medizinischer Versorgung.
Die Longevity-Industrie droht, diese Kluft weiter zu vergrößern. Wenn künftig etwa teure Gentherapien das Altern verlangsamen könnten, werden wohlhabende Personen zuerst und vorrangig Zugriff darauf haben; ärmere Bevölkerungsteile würden darauf warten müssen oder ganz ausgeschlossen bleiben. Es entsteht die Perspektive einer „Zwei-Klassen-Langlebigkeit“: einer kleinen Gruppe von Reichen, die 110 oder 120 Jahre in guter Gesundheit erreicht, und der Mehrheit, die weit darunter bleibt – nicht weil die Technologie nicht existiert, sondern weil sie sie sich nicht leisten kann.
Die unsterblichen Overlords
Dieses potenzielle Szenario hat schon zu dystopischen Warnungen geführt. Sean Parkers flapsige Bemerkung über die „unsterblichen Overlords“ (zit. nach Moscrop, 2023) mag sarkastisch gemeint gewesen sein, aber sie enthüllt eine verbreitete Denke in diesen Kreisen: Langlebigkeit als Klassenprivileg, das den Wohlhabenden quasi zusteht. Was bedeutet das für die Gesellschaft?
David Moscrop argumentiert in seiner Analyse „The Rich’s Search for Immortality Is Harmful to the Rest of Us“ (2023), dass die von Oligarchen betriebene Unsterblichkeitssuche problematische Folgen hat. Selbst wenn tatsächliche biologische Unsterblichkeit unrealistisch bleibt, führe schon die ungleiche Verlängerung der Lebensspanne dazu, dass Reiche noch reicher und mächtiger werden könnten: Wer 20 Jahre länger lebt, kann 20 Jahre länger Vermögen akkumulieren – mit Zinseszins- und Machtkonzentrationseffekten. Oligarchen könnten so eine Art „Methusalem-Klasse“ bilden, deren ökonomischer und politischer Einfluss immer überwältigender wird, während jüngere oder ärmere Generationen an relativer Macht verlieren (Moscrop, 2023).
Diese Vision erinnert an Science-Fiction-Dystopien, hat aber realen Hintergrund: Schon heute ist etwa der durchschnittliche US-Senator recht betagt; verlängert sich die gesunde Lebenszeit der Wohlhabenden drastisch, könnten Posten und Kapital noch länger in denselben Händen bleiben. Die bekannte Vorstellung „die Reichen werden länger (und damit noch reicher), die Armen sterben früher“ ist dabei nicht bloß polemisch, sondern wird von Gesundheitsdaten unterstützt. Moscrop plädiert deshalb dafür, dass lebensverlängernde Technologien unbedingt demokratisiert werden müssen, um eine solche Zukunft zu vermeiden. Er fordert Langlebigkeit als öffentliches Gut, ähnlich wie Gesundheit generell ein Menschenrecht sein sollte. Andernfalls hätten wir es mit einer „moralisch verarmten und grotesken Organisation der Gesundheitsvorsorge“ zu tun, wo ein paar Methusalems sich an personalisierte Medizin klammern, während die Massen mit durchschnittlicher Lebenserwartung abgespeist werden (Moscrop, 2023).
Die Privatisierung der Unsterblichkeit
Es stellt sich die Frage, ob Longevity nicht nur zufällig von den Reichen betrieben wird, sondern ob es inhärent ein Klassenprojekt ist. Die riesigen Investitionen kommen überwiegend aus Privatvermögen und renditeorientiertem Kapital. Longevity-Forschung ist teuer und unsicher; es bedarf Akteure, die es sich leisten können, Millionen für ungewisse Durchbrüche auszugeben. Das sind vor allem Tech-Milliardäre und große Kapitalgesellschaften. Sie treiben die Agenda, definieren welche Technologien verfolgt werden – eher profitable Pillen als öffentliches Gesundheitswesen, eher patentierbare Gentherapien als Umweltschutz.
Man kann von einer Privatisierung der Unsterblichkeitsforschung sprechen: Nicht primär Staaten oder Gemeinwesen investieren in Langlebigkeit, sondern Private mit bestimmten Interessen. Sollten bahnbrechende Therapien entstehen, wären sie wahrscheinlich patentiert und von Firmen kontrolliert – und entsprechend teuer auf dem Markt. Es droht eine Art kommerzielles Monopol auf Lebenszeit. Kritikern zufolge wird hier die Lebenszeit selbst zur Ressource, über die privat verfügt wird (Ismail, 2020). Wer genügend bezahlen kann, kauft Lebensjahre in Form von Behandlungen; wer das nicht kann, dem bleibt nur das „normale“ Altern.
Dabei ist zu beachten, dass ein massiver Fokus auf Longevity-Technologien auch die politischen Prioritäten verschieben könnte. Wenn die Narrative dominieren, dass wir durch Tech und Konsum das Altern besiegen können, könnte dies als Entschuldigung dienen, strukturelle Missstände zu ignorieren. Warum das öffentliche Gesundheitssystem ausbauen, warum Pflegekräfte besser bezahlen, wenn die Wohlhabenden sich ohnehin privat versorgen und verjüngen können? Longevity als Klassenprojekt bedeutet auch: Die ohnehin Privilegierten verschaffen sich einen weiteren Vorteil – extra Lebenszeit bei Gesundheit –, während für Benachteiligte oft nicht einmal die Grundversorgung gesichert ist.
Das neoliberale Selbst und die Privatisierung der Sterblichkeit
Unternehmer seiner selbst
Michel Foucault prophezeite in seinen Vorlesungen zur Gouvernementalität (1978/79), der neoliberale Homo Oeconomicus werde zum „Unternehmer seiner selbst“ – jeder Mensch betreibe sich selbst wie ein kleines Unternehmen, verwalte seine Ressourcen (Zeit, Fähigkeiten, Gesundheit) rational und gewinnorientiert (Foucault, 2004, S. 314). Das bedeutet eine fundamentale Verschiebung im Verhältnis des Subjekts zu sich selbst: Wo früher Arbeit und Leben, Produktion und Reproduktion, Erwerbstätigkeit und Privatsphäre getrennt waren, verschmelzen sie nun. Das ganze Leben wird zum Investitionsprojekt; jede Entscheidung, jede Handlung, jede Minute wird unter dem Gesichtspunkt der Rendite betrachtet, die sie abwirft.
Die Longevity-Kultur verkörpert dieses Modell in Reinform. Der Körper wird als Investitionsobjekt betrachtet, in das man durch Fitness, Ernährung, Supplemente, medizinische Interventionen einzahlt, um eine Rendite in Form von Lebensjahren und Leistungsfähigkeit zu erhalten. Wie bei einem Unternehmen wird regelmäßig der „KPI“ Gesundheit gemessen – durch Blutwerte, epigenetische Alterstests, Wearable-Daten (Schrittzahlen, Schlafqualität, Herzratenvariabilität). Die Sprache, die im Longevity-Diskurs genutzt wird, entlarvt diese ökonomische Denke: „Investition in die eigene Gesundheit“, „Management“ des Alterungsprozesses, Steigerung des „körperlichen Humankapitals“. Tatsächlich bezeichnen sich Longevity-Influencer gerne als „CEO ihres eigenen Körpers“.
Diese Selbstvermessung (Self-Tracking) ist ein Kernbestandteil des Longevity-Lifestyles. Man sammelt konstant Daten über sich, um Optimierungspotenziale aufzudecken (Lupton, 2016). Apps für Ernährung, Apple Health, Oura-Ringe zur Schlafmessung – das smartphone-gestützte Tracking hat diesen Trend massentauglich gemacht. Indem Menschen ihre Bio-Daten quantifizieren, übernehmen sie aktiv die Rolle des Managers ihrer Gesundheit. Sie werden zu Unternehmern ihrer selbst, die Gewinn und Verlust in Lebensjahren, Biomarkern, Leistungsfähigkeit messen.
Das hat eine dunkle Kehrseite: die Privatisierung der Verantwortung. Wenn Gesundheit und Langlebigkeit als Resultat individueller Entscheidungen und Anstrengungen erscheinen, dann sind auch Krankheit und früher Tod individuelle Versagen. Bist du krank? Dann hast du schlecht gemanagt. Stirbst du früh? Dann hast du nicht genug optimiert. Die sozialen Determinanten von Gesundheit – Armut, prekäre Arbeit, Umweltbelastungen, mangelnder Zugang zu Versorgung – werden ausgeblendet. Die Struktur verschwindet hinter der individuellen Verantwortung.
Die Auslagerung struktureller Probleme
Diese Ideologie entbindet Staat und Gesellschaft schleichend von der Pflicht, strukturelle Bedingungen für Gesundheit bereitzustellen. Wenn propagiert wird, dass jeder selbst sein Altern steuern kann, geraten gesellschaftliche Rahmenbedingungen aus dem Blick. Ein Beispiel ist die Altersarmut und Pflegekrise: In vielen westlichen Ländern gibt es wachsende Probleme mit der Finanzierung von Renten und Pflege im demografischen Wandel. Anstatt jedoch diese als politische Aufgaben offensiv anzugehen, verlagert sich der Fokus: Der Einzelne soll privat vorsorgen – nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich. „Kommt gesund durch euer langes Leben, damit ihr dem Staat nicht auf der Tasche liegt“ – so ließe sich der Zynismus dahinter formulieren.
Baum und Fisher (2014) haben in ihrer Analyse argumentiert, dass verhaltensorientierte Gesundheitsförderung – also der Fokus auf individuelles Verhalten statt auf strukturelle Bedingungen – die gesundheitlichen Ungleichheiten nicht verringert, sondern verstärkt. Sie funktioniert am besten für jene, die ohnehin über Ressourcen, Bildung, Zeit und Geld verfügen; sie versagt für jene, deren Gesundheit von Faktoren bestimmt wird, die sie nicht individuell kontrollieren können (Baum & Fisher, 2014). Die Longevity-Kultur radikalisiert diesen Ansatz: Sie verspricht dem Einzelnen totale Kontrolle über seinen Körper – und macht ihn damit total verantwortlich für das, was mit diesem Körper geschieht.
Ein prägnantes Beispiel liefert die Corporate-Wellness-Kultur, die seit einigen Jahren in Unternehmen Einzug hält. Firmen bieten ihren Mitarbeitern Achtsamkeitskurse, Fitnessprogramme, Ernährungsberatung, gelegentlich sogar Longevity-Check-ups als Benefit an. Auf den ersten Blick erscheint das fürsorglich; bei näherem Hinsehen zeigt sich eine andere Logik. Cederström und Spicer haben in „The Wellness Syndrome“ (2015) gezeigt, wie Corporate-Wellness-Programme neoliberale Prinzipien anwenden, indem sie die Verantwortung für systemischen Arbeitsstress auf die individuelle Mitarbeiterin verlagern. Anstatt die Arbeitslast zu senken, die Arbeitszeiten zu verkürzen, die Bedingungen zu verbessern, soll der Beschäftigte resilienter werden – lernen, mit dem Stress umzugehen, ihn zu „managen“, sich fit zu machen für die Anforderungen, die das System stellt (Cederström & Spicer, 2015). Der Fokus auf individuelle Stressbewältigung lässt strukturelle Überlastung unangetastet.
Selbstausbeutung als Freiheit
Byung-Chul Han hat diese Dynamik auf den Begriff der Selbstausbeutung gebracht. In „Müdigkeitsgesellschaft“ (2010) und „Psychopolitik“ (2014) analysiert er die neoliberale Subjektform, die er „Leistungssubjekt“ nennt: ein Subjekt, das nicht mehr von außen diszipliniert werden muss, weil es sich selbst diszipliniert; das glaubt, frei zu sein, während es sich den Imperativen der Optimierung unterwirft; das „Yes, we can“ sagt und sich dabei ausbeutet, weil es die Ausbeutung für Selbstverwirklichung hält. „Es ist Täter und Opfer zugleich“ (Han, 2010, S. 21–22).
In der Longevity-Subkultur zeigt sich diese Dynamik in Reinform. Die Biohacker sind stolz darauf, freiwillig extreme Disziplin zu üben – Schlafrhythmen, die keinen Spielraum lassen; Diäten, die jeden Genuss ausschließen; Sport bis an die Grenzen der Erschöpfung. Sie verkünden: „Ich tue das für mich, ich übernehme Verantwortung.“ Diese Rhetorik klingt positiv, nach Empowerment und Selbstbestimmung. Aber Han würde sagen: Es ist auch eine Form der Selbstversklavung, weil das Individuum interne Zwänge übernimmt, die zuvor äußere waren. Früher zwang vielleicht die Religion zu asketischem Leben; heute zwingt die Selfcare- und Longevity-Ideologie dazu, auf alles Vergnügen zu verzichten (kein Alkohol, kein Zucker, streng getaktete Tage), um das Ideal des ewig gesunden Körpers zu erreichen. Das Subjekt geißelt sich selbst – und nennt es Freiheit.
Das Perfide an dieser Form der Macht ist, dass sie unsichtbar ist. Es gibt keinen Tyrannen, gegen den man rebellieren könnte; der Zwang kommt von innen. Die Longevity-Kultur ist das perfekte Beispiel für das, was Foucault „Gouvernementalität“ nannte: eine Regierungsform, die nicht durch Verbote, sondern durch die Formung der Subjekte operiert. Sie macht bestimmte Lebensweisen wünschenswert, bestimmte Körper erstrebenswert, bestimmte Verhaltensweisen vernünftig – und erzeugt damit Konformität ohne Zwang. Wer sich dem entzieht, wer nicht optimiert, wer das Altern akzeptiert statt es zu bekämpfen, erscheint nicht als Widerständiger, sondern als Versager, als jemand, der „es sich zu leicht macht“, der „sich gehen lässt“, der seine Chancen nicht nutzt.
Das Altern als verpasste Entwicklungsaufgabe
Integrität versus Verzweiflung
Die bisherige Analyse hat die Longevity-Industrie vor allem als Abwehrformation betrachtet – als Verleugnung der Sterblichkeit, als narzisstische Kompensation, als ideologische Manipulation. Aber was geht dabei verloren? Was verdrängt die Kultur, wenn sie das Altern nur noch als Problem sieht, das es zu überwinden gilt?
Die psychoanalytische Gerontologie – jener Zweig der Psychoanalyse, der sich seit dem späten 20. Jahrhundert entwickelt hat – betrachtet das Alter nicht als bloßen Verfallsprozess, sondern als eigene Entwicklungsphase mit spezifischen Aufgaben und Möglichkeiten. Während die frühe Psychoanalyse – Freud eingeschlossen – dem Alter wenig Beachtung schenkte und es oft implizit als kaum veränderungsfähige Lebensphase betrachtete, haben spätere Autoren diese Lücke gefüllt.
Erik Erikson, der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker, der in den 1950er Jahren sein einflussreiches Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung entwarf, sah in der letzten Lebensphase eine eigene Entwicklungsaufgabe: die Erreichung von „Ich-Integrität“ im Gegensatz zu „Verzweiflung“ (Erikson, 1982). Der alternde Mensch soll demnach bilanzieren, sein Leben als im Ganzen sinnvoll akzeptieren und sich mit der Endlichkeit aussöhnen. Die Tugend, die aus dieser Aufgabe erwächst, nannte Erikson Weisheit – nicht im Sinne von Wissen, sondern im Sinne einer Haltung: der Fähigkeit, dem Leben und dem Tod mit Gelassenheit zu begegnen, sich selbst und andere in ihrer Begrenztheit anzunehmen, das Vergangene zu würdigen, ohne am Verlorenen zu klammern. Gelingt diese Integration nicht, so Erikson, drohen Verzweiflung, Bitterkeit, Todesangst – das Gefühl, das Leben verfehlt zu haben und keine Zeit mehr zu haben, um etwas zu ändern.
Der Longevity-Diskurs läuft Gefahr, diese Entwicklungsaufgabe zu unterminieren. Indem Altern ausschließlich als zu lösendes medizinisch-technisches Problem dargestellt wird, bleibt kein Raum für die Idee, dass im Altern auch inneres Wachstum liegen könnte. Trauer und Abschied – von der Jugend, von Fähigkeiten, von Menschen – werden in der Rhetorik ewiger Jugend als „überflüssig“ suggeriert; man will ja das Verabschieden vom Leben vermeiden. Die Annahme der Endlichkeit, die als reife seelische Leistung gelten kann, wird im Longevity-Narrativ geradezu als Verrat am Fortschritt diskreditiert – als Resignation, als Kapitulation, als mangelnder Wille zum Leben.
Die Verdrängung der Abhängigkeit
Ein zentraler Konflikt des Alterns ist die Abwehr der Abhängigkeit. Viele Menschen haben zeitlebens die Autonomie hochgehalten – sie waren stolz auf ihre Unabhängigkeit, ihre Selbstständigkeit, ihre Fähigkeit, allein zurechtzukommen. Im Alter, wenn die Kräfte nachlassen, wenn man auf Hilfe angewiesen ist, gerät dieses Selbstbild in die Krise. Psychoanalytisch lässt sich dies als Konflikt zwischen Ich-Ideal (dem Bild dessen, was man sein will) und Realität verstehen: Das Ich-Ideal eines autarken Selbst muss nun korrigiert werden.
Gelingt es, Abhängigkeit als zum menschlichen Dasein zugehörig anzunehmen – und Fürsorge von anderen nicht als Kränkung, sondern als Ausdruck von Beziehung zu würdigen –, so kann das Alter zu einer Zeit tiefer zwischenmenschlicher Versöhnung werden. Man kann annehmen, gepflegt zu werden, ohne sich gedemütigt zu fühlen; man kann empfangen, ohne sich als Versager zu erleben. Jessica Benjamin hat in ihrer Theorie der Intersubjektivität (1988) beschrieben, wie reife Beziehungen auf gegenseitiger Anerkennung beruhen – auf der Fähigkeit, den anderen als eigenständiges Subjekt zu sehen und zugleich sich selbst als angewiesen auf den anderen zu erfahren (Benjamin, 1988). Im Alter besteht die Chance, eine neue Form dieser Intersubjektivität zu entdecken – eine Beziehungsform, die nicht auf Dominanz und Unterwerfung beruht, sondern auf der Anerkennung gemeinsamer Verletzlichkeit.
Misslingt diese Annahme jedoch, resultiert oft trotziges Verleugnen der eigenen Gebrechlichkeit oder aggressive Abwehr gegen Helfende – Phänomene, die Therapeutinnen in der Altersarbeit häufig beobachten. Manche Alte kämpfen verbissen um ihre Autonomie, lehnen jede Hilfe ab, gefährden sich selbst, nur um die Illusion aufrechtzuerhalten, sie bräuchten niemanden. Andere werden tyrannisch gegenüber denen, die sie pflegen – als Kompensation für die Ohnmacht, die sie empfinden.
Die Longevity-Industrie schmeichelt der Abwehr der Abhängigkeit. Sie verspricht, dass man nie in die Lage kommen wird, auf andere angewiesen zu sein – dass der Körper ewig funktionieren wird, dass die Gadgets und Apps einem die Selbstständigkeit erhalten, dass die Technologie die menschliche Pflege ersetzen kann. Das ist nicht nur unrealistisch; es ist auch psychisch problematisch. Denn die Fähigkeit, Abhängigkeit anzunehmen, ist keine Schwäche, die man durch Technik eliminieren sollte – sie ist eine Reifungsleistung, die zum vollständigen Menschsein gehört. Wir kommen als hilflose Säuglinge zur Welt, abhängig von der Sorge anderer; und viele von uns werden als hilflose Alte gehen, wieder abhängig von der Sorge anderer. Diesen Kreis anzunehmen, anstatt vor ihm zu fliehen, ist eine Aufgabe, die die Longevity-Kultur systematisch verleugnet.
Die Weisheit der Endlichkeit
C. G. Jung, Freuds abtrünniger Schüler, verglich die zweite Lebenshälfte mit einem nach innen gerichteten Individuationsweg, in dem der Mensch sein Selbst jenseits des Materiellen und Vergänglichen verankert (Jung, 1931/1995). Das bedeutet nicht, dass man sich vom Leben abwenden soll – im Gegenteil. Es bedeutet, Sinn nicht mehr primär in äußeren Zielen oder Besitztümern zu suchen, sondern in einer inneren Zentrierung, in Beziehungen, in symbolischen, geistigen oder spirituellen Bezügen, die über das eigene Leben hinausweisen. Viele ältere Menschen finden Trost in der Vorstellung, in ihren Kindern oder Werken fortzuleben; andere entwickeln eine Gelassenheit dem Tod gegenüber, die aus dem Gefühl entspringt, „genug“ gelebt zu haben.
Irvin Yalom, der amerikanische Existenzpsychotherapeut, schrieb in „Staring at the Sun“ (2008), dass die Konfrontation mit der Sterblichkeit nicht nur Angst auslöst, sondern auch befreiend wirken kann. Sie schärft den Blick für das, was wirklich zählt; sie hilft, Prioritäten zu setzen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden; sie macht Beziehungen kostbarer, weil sie vergänglich sind (Yalom, 2008). „Memento mori“ – „Bedenke, dass du sterben musst“ – war in der Antike und im Mittelalter keine Drohung, sondern eine Ermahnung zur Lebenskunst: Das Bewusstsein der Endlichkeit sollte das Leben intensiver, bedeutsamer, gegenwärtiger machen.
Die Longevity-Industrie kehrt diese Logik um. Ihr Motto ist nicht „Memento mori“, sondern „Obliviscere mori“ – „Vergiss, dass du sterben musst.“ Sie verspricht ein Leben, das sich unendlich dehnt, ohne Ende, ohne Ziel, ohne die Struktur, die die Endlichkeit dem Leben gibt. Aber ein solches Leben – sollte es je möglich werden – wäre vielleicht gar nicht lebenswerter. Es wäre ein Leben ohne die Dringlichkeit, die aus der Begrenztheit entspringt; ein Leben, in dem alles aufgeschoben werden kann, weil immer noch Zeit ist; ein Leben ohne den bittersüßen Geschmack des Vergänglichen, der den Augenblick kostbar macht.
Schluss: Die Kunst, sterblich zu bleiben
Dieser Essay ist keine Polemik gegen Prävention und kein Plädoyer für resignierte Passivität angesichts von Krankheit und Verfall. Es ist sinnvoll, Bluthochdruck zu behandeln und mit dem Rauchen aufzuhören; es ist legitim, körperlich aktiv zu bleiben und sich um die eigene Gesundheit zu sorgen; es ist verständlich, dass Menschen nicht leiden und nicht früh sterben wollen. Die Kritik, die hier entwickelt wurde, richtet sich nicht gegen diese vernünftigen Praktiken, sondern gegen ihre Verabsolutierung, ihre Verselbstständigung, ihre Transformation in ein umfassendes Lebensprojekt, das den Tod besiegen soll, und gegen die Industrie, die aus dieser Transformation Profit schlägt.
Was hier kritisiert wurde, lässt sich zusammenfassen: Die Longevity-Industrie beutet die archaische Todesangst aus, die zum Menschsein gehört, und übersetzt sie in Konsumakte, die keine echte Erlösung bringen, sondern nur immer neue Konsumakte generieren. Sie bedient narzisstische Phantasien der Allmacht und Kontrolle, die dem Prozess der psychischen Reifung im Wege stehen. Sie funktioniert als Kulturindustrie im Sinne Adornos und Horkheimers: Sie standardisiert das Angebot, während sie Individualität vortäuscht; sie integriert Kritik, statt sie zuzulassen; sie stabilisiert das Bestehende, indem sie von seinen Widersprüchen ablenkt. Sie operiert als Spektakel im Sinne Debords: Sie ersetzt gelebte Erfahrung durch Bilder, authentisches Leben durch Performance, echte Auseinandersetzung mit Endlichkeit durch ihre mediale Simulation. Sie ist ein Klassenprojekt, das bestehende Ungleichheiten verschärft und den Reichen einen weiteren Vorteil verschafft, den sie durch keine Leistung verdient haben. Und sie fördert eine neoliberale Subjektivierung, die die Verantwortung für Gesundheit und Lebensdauer auf das Individuum verlagert und strukturelle Faktoren unsichtbar macht.
Was wäre eine Alternative? Die Psychoanalyse hat keine Patentrezepte, aber sie hat eine Haltung, die der Longevity-Ideologie diametral entgegensteht: die Haltung der Anerkennung. Anerkennung dessen, was ist – auch wenn es schmerzhaft ist. Anerkennung der Endlichkeit, der Verletzlichkeit, der Abhängigkeit, die zum Menschsein gehören. Anerkennung der Trauer, die das Altern begleitet, und der Möglichkeiten, die in dieser Trauer liegen. „Reif werden heißt, sich mit dem eigenen Tod versöhnen“, schrieb Freud sinngemäß. Die Fähigkeit zur Trauer und zur Akzeptanz von Verlust zählt zu den höchsten seelischen Leistungen.
Eine Kultur, die Altern und Tod ihren Platz gibt, könnte paradoxerweise lebensfreundlicher sein als eine, die krampfhaft an der Illusion ewigen Lebens festhält. Denn wer die Begrenzung des Lebens innerlich angenommen hat, kann das Hier und Jetzt umso intensiver erleben. Beziehungen werden in ihrem Eigenwert geschätzt, nicht bloß als Mittel gegen Einsamkeit oder als Quellen narzisstischer Versorgung. Phasen der Ruhe, Muße und körperlichen Schwäche werden nicht als „unproduktiver Leerlauf“ diffamiert, sondern als zum menschlichen Dasein gehörig gewürdigt. Die Sorge füreinander rückt ins Zentrum: Statt jede Abhängigkeit technisch eliminieren zu wollen, lernen wir, Abhängigkeit durch solidarisches Miteinander erträglicher zu machen.
Das bedeutet auch, die politischen Kämpfe zu führen, die die Longevity-Industrie umgeht. Für ein Gesundheitssystem, das allen zugute kommt, nicht nur den Zahlungskräftigen. Für Arbeitsbedingungen, die nicht krank machen. Für eine Pflege, die menschenwürdig ist – für die Gepflegten wie für die Pflegenden. Für eine Gesellschaft, die das Alter nicht marginalisiert und unsichtbar macht, sondern integriert und wertschätzt. Das sind die strukturellen Fragen, die die Longevity-Kultur systematisch ausblendet, weil ihre Beantwortung nicht profitabel ist.
Am Ende bleibt die Frage, mit der wir begonnen haben: Was bedeutet es, dass eine Gesellschaft solche Industrien hervorbringt? Vielleicht dies: dass wir, kollektiv, noch nicht gelernt haben, sterblich zu sein. Dass die Errungenschaften der Moderne – die Verlängerung der Lebenserwartung, die Reduktion der Kindersterblichkeit, die Kontrolle von Seuchen – uns schlecht darauf vorbereitet haben, was sich nicht kontrollieren lässt. Dass wir, im Angesicht der Endlichkeit, lieber nach technischen Lösungen greifen als nach existenzieller Weisheit.
Die Longevity-Industrie ist das Symptom dieser Verlegenheit. Sie zeigt, wie schwer es einer Kultur fällt, die Grenzen zu akzeptieren, die das Menschsein definieren. Aber sie ist auch eine Einladung – die Einladung, diese Verlegenheit zu überwinden. Nicht durch Verleugnung, nicht durch technische Fixes, nicht durch Konsum, sondern durch das, was die Psychoanalyse seit Freud zu lehren versucht: durch die Arbeit am eigenen Unbewussten, durch die Konfrontation mit dem, was wir nicht wissen wollen, durch die mühsame, schmerzhafte, letztlich befreiende Anerkennung dessen, was wir sind. Sterbliche Wesen, die lieben können, weil sie wissen, dass sie verlieren werden; die schaffen können, weil sie wissen, dass sie vergehen werden; die leben können, weil sie wissen, dass sie sterben werden.
Die Kunst, sterblich zu bleiben, ist keine Kunst des Verzichts – sie ist die höchste Form der Lebenskunst.
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Fiktive Debatte
/topic/ Ewig jung im Spätkapitalismus: Ein Streitgespräch über Longevity, Sterblichkeit und die Frage, wie wir leben wollen
/scene/ Ein Podium in einem Universitätshörsaal, neun Stühle im Halbkreis, ein zehnter etwas abseits für die Moderation. Das Publikum ist gemischt: Medizinstudierende, Pflegekräfte, einige ältere Menschen, vereinzelt Gesichter, die man von Longevity-Konferenzen kennt. Die Teilnehmenden haben Platz genommen, sortieren ihre Unterlagen, werfen sich Blicke zu. Man spürt eine gewisse Spannung – hier treffen Welten aufeinander. Die Moderatorin erhebt sich.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Guten Abend und herzlich willkommen zu diesem Streitgespräch, das wir – etwas großspurig vielleicht, aber nicht ohne Grund – „Ewig jung im Spätkapitalismus“ genannt haben. Ich bin Helena Brandt, ich arbeite als Wissenschaftsjournalistin, und ich werde versuchen, die nächsten zwei Stunden so zu moderieren, dass möglichst viele unbequeme Fragen gestellt werden – auch und gerade die, auf die niemand eine gute Antwort hat.
/same/ Lassen Sie mich mit einer Szene beginnen, die mich zu diesem Thema gebracht hat. Vor drei Monaten war ich zu einer Recherche in einer Longevity-Klinik in der Schweiz eingeladen. Sie kennen die Bilder: viel Glas, viel Weiß, Architektur, die Reinheit und Kontrolle signalisiert. Die Gäste – man nennt sie dort nicht Patienten – trugen weiße Bademäntel und bewegten sich durch Räume, die aussahen wie die Kulisse eines Science-Fiction-Films. Alles war auf Verjüngung ausgerichtet, auf Optimierung, auf die Vermessung des Körpers bis in die letzte Zelle. Und dann, am zweiten Tag, saß ich beim Frühstück neben einem Mann – Mitte sechzig, erfolgreicher Unternehmer, der mir erzählte, er komme jedes Jahr für zwei Wochen, er investiere etwa 40.000 Euro pro Aufenthalt, und er sei überzeugt, dass er dadurch mindestens zehn Jahre gewinne. Ich fragte ihn, was er mit diesen zehn Jahren anfangen wolle. Er schaute mich an, als hätte ich eine seltsame Frage gestellt. Dann sagte er: „Mehr Zeit.“ – „Mehr Zeit wofür?“ – Lange Pause. „Einfach mehr Zeit.“
/same/ Dieses Gespräch hat mich nicht mehr losgelassen. Nicht weil der Mann dumm war – er war es nicht. Sondern weil in seiner Antwort etwas fehlte. Eine Idee davon, wofür die Zeit sein soll. Ein Sinn, der über die bloße Verlängerung hinausgeht. Und ich begann mich zu fragen: Ist das symptomatisch? Erleben wir gerade die Entstehung einer Industrie, die uns mehr Lebenszeit verkauft, ohne zu fragen, was wir damit anfangen? Oder ist das unfair – ist der Wunsch nach einem längeren, gesünderen Leben nicht das Selbstverständlichste der Welt?
/same/ Wir haben heute Abend neun Gäste eingeladen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf diese Fragen blicken. Erlauben Sie mir, sie kurz vorzustellen: Dr. Marcus Vance ist Unternehmer und Investor im Longevity-Bereich. Prof. Dr. Esther Sommer ist Psychoanalytikerin und hat sich kritisch mit der Longevity-Kultur beschäftigt. Dr. Katharina Vogt ist Internistin – sie hat zwölf Jahre in einer Präventionspraxis gearbeitet, bevor diese vor zwei Jahren von einer Klinikgruppe übernommen wurde und sich seither auf Longevity-Medizin spezialisiert. Prof. Dr. Amara Okonkwo ist Bioethikerin. Dr. Thomas Lindner ist Palliativmediziner. Nora Bergström arbeitet seit fünfzehn Jahren als Pflegekraft in einem Altenpflegeheim. Prof. Dr. Julian Hesse ist Philosoph mit transhumanistischer Ausrichtung. Dr. Lisa Chang ist Soziologin und Kulturkritikerin. Und Hildegard Meister, 82 Jahre alt, ehemalige Lehrerin – sie ist hier als jemand, der das Alter lebt, nicht nur darüber spricht.
/same/ Ich möchte beginnen mit der grundlegendsten Frage: Was ist eigentlich das Problem – oder gibt es keines? Herr Vance, Sie vertreten eine Branche, die von manchen als Hoffnung, von anderen als Symptom einer kranken Kultur beschrieben wird. Übernehmen Sie das Eröffnungsstatement?
/note/ Dr. Vance nickt, rückt sein Mikrofon zurecht und beginnt ohne Manuskript.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Frau Brandt, ich danke Ihnen für die Einladung – und für die Geschichte, mit der Sie begonnen haben. Sie ist aufschlussreich, aber vielleicht nicht so, wie Sie denken. Der Mann, der nicht wusste, wofür er die Zeit will – ist das ein Problem der Longevity-Medizin? Oder ist es ein Problem, das er mitgebracht hat? Ich kenne viele Menschen, die auch ohne Longevity-Programm nicht wissen, wofür sie leben. Das ist keine medizinische Frage, das ist eine existenzielle. Und ich würde behaupten: Die Longevity-Medizin schafft dieses Problem nicht – sie macht es nur sichtbar.
/same/ Aber lassen Sie mich grundsätzlicher antworten. Sie haben gefragt, ob es ein Problem gibt. Ich würde sagen: Ja, es gibt ein Problem – aber es ist nicht das, was die Kritiker meinen. Das Problem ist, dass wir jedes Jahr Millionen Menschen an Krankheiten verlieren, die mit dem Altern zusammenhängen. Krebs, Herzinfarkt, Demenz, Diabetes – das sind keine separaten Krankheiten, das sind Manifestationen eines einzigen zugrundeliegenden Prozesses: des biologischen Alterns. Wenn wir diesen Prozess verlangsamen könnten, würden wir nicht eine Krankheit verhindern, sondern das gesamte Spektrum. Das ist keine Science-Fiction, das ist Biologie. Wir verstehen heute die Mechanismen – zelluläre Seneszenz, mitochondriale Dysfunktion, epigenetische Drift, chronische Inflammation. Und wir entwickeln Interventionen, die an diesen Mechanismen ansetzen. Sind wir am Ziel? Nein. Ist vieles noch experimentell? Ja. Aber die Richtung ist klar.
/same/ Was mich an der Kritik irritiert, ist der Unterton von Fatalismus. Als wäre es edel, das Leiden zu akzeptieren. Als wäre der Wunsch, gesund und vital zu bleiben, irgendwie verdächtig. Ich erinnere daran: Vor hundertfünfzig Jahren lag die Lebenserwartung bei vierzig Jahren. Kinder starben an Masern, Frauen im Kindbett, Männer an Infektionen. Niemand würde heute sagen, es war falsch, diese Zustände zu bekämpfen. Warum ist es plötzlich problematisch, den nächsten Schritt zu gehen? Die Kritik an der Klassengebundenheit verstehe ich, aber sie überzeugt mich nicht. Jede medizinische Innovation beginnt teuer. Penicillin war einmal unbezahlbar, MRTs waren Forschungsgeräte, heute sind sie Standard. Der Weg von der Elite zur Masse ist möglich – er erfordert politischen Willen, nicht Technologieverzicht.
/same/ Und zur psychoanalytischen Kritik, die ich hier erwarte: Mit Verlaub, aber wenn jeder Wunsch nach Gesundheit als Todesverleugnung gedeutet wird, dann hat die Deutung ein Problem, nicht der Wunsch. Ich leugne den Tod nicht. Ich arbeite daran, ihn hinauszuschieben. Das ist ein Unterschied. Ich will nicht ewig leben – ich will nicht mit siebzig an Alzheimer sterben, wenn es vermeidbar ist. Ist das pathologisch? Oder ist es einfach menschlich?
/note/ Vereinzeltes Nicken, aber auch skeptische Blicke. Prof. Dr. Sommer hat während des gesamten Statements Notizen gemacht.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Frau Sommer, Sie wurden gerade direkt adressiert. Bevor Sie antworten: Ich möchte die Frage etwas zuspitzen. Herr Vance hat gesagt, der Wunsch nach Gesundheit sei menschlich, nicht pathologisch. Wo genau verläuft für Sie die Grenze zwischen vernünftiger Vorsorge und dem, was Sie ein „Symptom“ nennen würden?
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Das ist die richtige Frage, und ich danke Ihnen dafür. Denn die Kritik, die ich formuliere, wird oft missverstanden – als Plädoyer für Krankheit, als Todesromantik, als Ablehnung der Medizin. Das ist sie nicht. Ich bin keine Gegnerin der Prävention. Ich bin Analytikerin. Mein Geschäft ist es, auf das zu achten, was unter der Oberfläche liegt – auf die Bedeutungen, die sich hinter manifesten Handlungen verbergen. Und was ich in der Longevity-Kultur beobachte, ist eine spezifische Transformation: Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird ersetzt durch die Frage nach seiner Verlängerung. Das ist keine Antwort – das ist eine Verschiebung.
/same/ Herr Vance hat ein interessantes Argument gemacht: Der Mann in der Klinik, der nicht wusste, wofür er die Zeit will – das sei kein Problem der Longevity-Medizin, das sei ein Problem, das er mitgebracht habe. Aber genau hier beginnt meine Kritik. Was wäre, wenn die Longevity-Kultur dieses Problem nicht nur sichtbar macht, sondern es verstärkt? Was wäre, wenn sie eine Struktur anbietet, in der man die Frage nach dem Sinn endlos aufschieben kann – weil immer noch mehr Zeit kommt, weil immer noch ein weiteres Protokoll wartet, weil der nächste Biomarker optimiert werden muss? Das Symptom – um Ihre Frage direkt zu beantworten – liegt nicht im Wunsch nach Gesundheit. Der ist, wie Herr Vance sagt, menschlich. Das Symptom liegt in der Struktur der Beschäftigung, in der Art, wie dieser Wunsch organisiert wird. Schauen Sie sich die Protokolle an. 111 Pillen am Tag. Lückenlose Überwachung. Strenge Diäten, die keinen Spielraum lassen. Das sind keine Zeichen von Gesundheit – das sind Zeichen von Angst, die durch Ritual bearbeitet wird. Freud hat 1907 die Struktur der Zwangshandlung beschrieben: der Versuch, durch rigide Kontrolle eine diffuse Bedrohung zu bannen. Was ich in der extremen Longevity-Szene sehe, entspricht dieser Struktur.
/same/ Aber ich will nicht bei den Extremen stehenbleiben, denn das wäre zu billig. Die Frage ist ja, ob auch die gemäßigteren Formen – das jährliche Check-up, das Supplement-Protokoll, die Wearables am Handgelenk – etwas von dieser Dynamik tragen. Und ich denke: manchmal ja. Nicht immer. Es gibt Menschen, die ihre Gesundheit vernünftig pflegen und dabei ein erfülltes Leben führen. Aber es gibt auch eine wachsende Zahl von Menschen, für die die Selbstoptimierung zum Lebensinhalt wird – die ihre Vitalwerte häufiger checken als ihre Beziehungen, die mehr über ihre Telomere wissen als über ihre Gefühle, die das Leben vermessen, statt es zu leben. Und ich frage mich: Was fehlt diesen Menschen? Was suchen sie in den Zahlen, das sie anderswo nicht finden?
/same/ Freud hat 1915 geschrieben, dass das Unbewusste den eigenen Tod nicht vorstellen kann. Das ist keine Schwäche, das ist eine Grundbedingung. Aber es erzeugt einen Konflikt mit dem bewussten Wissen um die Sterblichkeit. Dieser Konflikt verlangt nach Bearbeitung. Die Religionen hatten ihre Antworten, die Philosophie hatte ihre, die Psychoanalyse hat ihre – die Arbeit der Trauer, die Integration der Endlichkeit. Was bietet die Longevity-Industrie? Eine Vermeidung. Sie sagt: Du musst dich nicht mit dem Tod auseinandersetzen, wenn du das richtige Protokoll befolgst. Das ist keine Lösung – das ist Verdrängung. Und verdrängte Konflikte kehren zurück.
/note/ Kurze Stille. Dr. Vogt hat mehrfach genickt, aber auch den Kopf geschüttelt – als führe sie ein inneres Gespräch mit sich selbst. Die Moderatorin wendet sich ihr zu.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Frau Dr. Vogt, Sie sitzen hier in einer besonderen Position. Sie arbeiten in einer Klinik, die genau das anbietet, was Frau Sommer gerade kritisiert hat. Gleichzeitig habe ich in unserem Vorgespräch den Eindruck gewonnen, dass Sie selbst nicht frei von Zweifeln sind. Wie erleben Sie das, was wir hier diskutieren, aus der Innenperspektive?
Dr. Katharina Vogt (Longevityklinik-Ärztin): Ich sitze zwischen den Stühlen, und ich glaube, das ist genau der richtige Platz für das, was ich zu sagen habe. Lassen Sie mich kurz erklären, wie ich hierher gekommen bin, weil das etwas über die Branche erzählt. Ich habe zwölf Jahre in einer internistischen Praxis mit Präventionsschwerpunkt gearbeitet – solide Medizin, Check-ups, Früherkennung, Lebensstilberatung. Vor zwei Jahren wurde die Praxis von einer Klinikgruppe übernommen, und seither hat sich vieles verändert. Die Geräte wurden teurer, die Programme exklusiver, die Preise höher. Was früher „Gesundheitsvorsorge“ hieß, heißt jetzt „Longevity Medicine“. Die Patienten sind dieselben geblieben – oder nein, das stimmt nicht. Die Patienten sind wohlhabender geworden. Die anderen können sich das nicht mehr leisten.
/same/ Ich erzähle das, weil ich nicht als Ideologin hier sitze. Ich bin keine Longevity-Enthusiastin, die von der Revolution schwärmt, und ich bin keine Zynikerin, die das Ganze für Betrug hält. Ich bin eine Ärztin, die versucht, innerhalb eines Systems, das sie nicht gewählt hat, gute Arbeit zu machen. Und ich sehe beides: das, was funktioniert, und das, was problematisch ist. Herr Vance hat recht, wenn er sagt, dass Prävention Leben rettet. Ich habe im letzten Jahr bei drei Patienten Tumore im Frühstadium gefunden – Zufallsbefunde beim Ganzkörper-MRT, die ohne unser Screening erst Jahre später aufgefallen wären, wahrscheinlich zu spät. Das ist keine Wellness, das ist Medizin. Ich habe Menschen gesehen, die durch Lebensstilinterventionen ihren Bluthochdruck normalisiert haben, ohne Medikamente. Die besser schlafen, weniger Schmerzen haben, sich vitaler fühlen. Das ist real. Das ist wertvoll. Dafür bin ich Ärztin geworden.
/same/ Und Frau Sommer hat recht, wenn sie sagt, dass etwas anderes auch real ist. Meine Patienten haben Angst. Alle. Aber wir reden nie darüber. Wir reden über Telomere. Wir reden über biologisches Alter. Wir übersetzen existenzielle Fragen in Zahlen – und die Zahlen beruhigen für einen Moment, bis der nächste Test kommt, bis der nächste Wert sich verschlechtert, bis die Angst zurückkehrt. Ich habe Patienten, die jede Woche ihre Blutwerte checken lassen und in Panik geraten, wenn ihr CRP um 0,2 steigt. Denen helfe ich nicht – denen gebe ich eine neue Obsession. Ich bin nicht sicher, ob wir heilen oder ob wir manchmal eine neue Form der Krankheit erzeugen.
/same/ Was mich nachts wach hält, ist die Klassenfrage. Ich behandle Menschen, die sich Gesundheit leisten können – Menschen, die ohnehin schon privilegiert sind, die sich gesund ernähren, die wenig existenziellen Stress haben, die Zeit für Sport und Erholung haben. Die, die es am nötigsten hätten – die Pflegerin mit zwei Jobs, der Lagerarbeiter mit kaputtem Rücken, die alleinerziehende Mutter im Burnout –, die sehe ich nie. Wir betreiben wahnsinnig aufwändige Diagnostik bei den Privilegierten und nennen es Prävention. Aber Prävention, die nur den Reichen nützt, ist keine Public Health – sie ist ein Luxusprodukt mit medizinischem Anstrich. Und ich bin Teil davon. Das ist nicht leicht auszuhalten.
/same/ Und dann ist da noch etwas, das ich ungern ausspreche, weil es mein eigenes Tun in Frage stellt. Ich bin Internistin. Ich wurde ausgebildet, Krankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln. Aber in der Longevity-Medizin behandle ich oft keine Krankheiten – ich behandle Risiken, Wahrscheinlichkeiten, Abweichungen von Normwerten, die vielleicht nie klinisch relevant werden. Ich mache aus gesunden Menschen Patienten. Ich erzeuge ein Bewusstsein für Gefährdungen, die vorher nicht existierten – zumindest nicht im Erleben meiner Patienten. Ist das gut? Manchmal ja. Manchmal rettet es Leben. Aber manchmal frage ich mich, ob ich nicht vor allem Angst verkaufe – und dann die Linderung der Angst gleich mit.
/note/ Prof. Dr. Okonkwo hat aufmerksam zugehört und macht sich nun bemerkbar.
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Frau Dr. Vogt hat die entscheidende Frage gestellt, ohne sie ganz auszusprechen. Lassen Sie mich sie formulieren: Wem nützt die Longevity-Medizin – und wem schadet sie? Nicht abstrakt, nicht philosophisch, sondern ganz konkret: Wer lebt länger, und wer stirbt früher, und warum?
/same/ Die Daten sind eindeutig und erschreckend. In den USA leben die reichsten ein Prozent der Bevölkerung im Durchschnitt fünfzehn Jahre länger als die ärmsten ein Prozent. Fünfzehn Jahre – das ist nicht ein statistischer Unterschied, das ist ein Klassenschicksal. In Deutschland sind es acht Jahre. Das ist kein Naturgesetz – das ist das Ergebnis von Politik, von Ökonomie, von Entscheidungen, die wir als Gesellschaft treffen. Wer arm ist, arbeitet härter, isst schlechter, wohnt ungesünder, hat weniger Zugang zu Versorgung, stirbt früher. Das ist keine Neuigkeit. Aber jetzt kommt eine Industrie, die verspricht, das Leben zu verlängern – und zwar für jene, die sich fünfstellige Jahresgebühren leisten können. Was wird das mit der bestehenden Ungleichheit machen?
/same/ Herr Vance hat das Argument gemacht, das ich erwartet habe: Jede Technologie beginnt teuer und wird dann demokratisiert. Penicillin, MRTs, Smartphones. Aber dieses Argument hat einen blinden Fleck. Es stimmt für manche Technologien, aber nicht für alle. Es stimmt für Technologien, bei denen es ein öffentliches Interesse an Demokratisierung gibt – und politischen Willen, sie durchzusetzen. Aber wo ist dieser Wille bei der Longevity-Medizin? Die Entwicklung wird von Privatkapital finanziert, von Tech-Milliardären, die explizit sagen, dass sie für sich selbst forschen. Die Patente werden von Unternehmen gehalten, die Rendite erwarten. Die Kliniken, die diese Interventionen anbieten, sind gewinnorientiert. Wo in dieser Struktur ist der Mechanismus, der zur Demokratisierung führt?
/same/ Ich will nicht zynisch sein. Es ist möglich, dass manche Interventionen irgendwann billiger werden. Aber schauen Sie sich an, was gerade passiert: Die Schere geht auf, nicht zu. Die Reichen investieren in ihre Langlebigkeit, während die Armen nicht einmal eine ausreichende Grundversorgung haben. In den USA sterben Menschen, weil sie sich Insulin nicht leisten können – und gleichzeitig investieren Milliardäre Hunderte Millionen in Start-ups, die das Altern aufhalten wollen. Das ist keine Übergangsphase zur Demokratisierung – das ist eine Zwei-Klassen-Medizin, die sich gerade verfestigt. Und es geht nicht nur um Geld. Es geht um Macht. Wer länger lebt, akkumuliert länger – Vermögen, Einfluss, Positionen. Wenn die Reichen systematisch länger leben als die Armen, dann zementiert das bestehende Hierarchien über Generationen hinweg. Ein Tech-Milliardär hat das offen ausgesprochen: „Wir werden 160 und Teil einer Klasse unsterblicher Overlords sein.“ Er meinte es ironisch – aber Ironie ist manchmal die Wahrheit in Verkleidung.
/same/ Meine Position ist nicht, dass Lebensverlängerung schlecht ist. Meine Position ist, dass Lebensverlängerung als Klassenprivileg eine Ungerechtigkeit ist, die wir nicht hinnehmen sollten. Wenn wir als Gesellschaft entscheiden, dass ein längeres Leben erstrebenswert ist, dann muss es für alle erstrebenswert sein – nicht nur für die, die es sich leisten können. Das bedeutet: öffentliche Forschung statt privater, Zugang für alle statt Exklusivität, Gesundheitspolitik statt Luxusmedizin. Solange das nicht passiert, ist die Longevity-Industrie kein medizinischer Fortschritt – sie ist ein weiteres Instrument der Ungleichheit.
/note/ Nora Bergström, die bisher schweigend zugehört hat, meldet sich mit einer knappen Handbewegung.
Nora Bergström (Altenpflegerin): Entschuldigung, dass ich unterbreche. Aber ich höre jetzt seit einer halben Stunde zu, und ich muss etwas loswerden. Sie reden über Longevity-Kliniken und Biomarker und epigenetische Uhren. Sie reden über Milliardäre, die 160 werden wollen. Und ich sitze hier und denke: Von welchem Planeten reden Sie eigentlich?
/same/ Ich arbeite seit fünfzehn Jahren in einem Altenpflegeheim. Nicht in einer Luxusklinik, nicht in der Schweiz. In einem ganz normalen Heim, in einer ganz normalen Stadt. Und ich sage Ihnen, was ich dort sehe: Ich sehe Menschen, die vergessen haben, wie ihre Kinder heißen. Ich sehe Menschen, die seit Monaten keinen Besuch hatten. Ich sehe Menschen, die weinen, weil sie nicht mehr alleine auf die Toilette können. Ich sehe Menschen, die sterben wollen, aber nicht dürfen, weil wir sie am Leben halten. Das ist das Alter, über das niemand spricht. Das ist das Alter, das in Ihren Hochglanzbroschüren nicht vorkommt.
/same/ Frau Okonkwo hat von der Klassenfrage gesprochen, und sie hat recht. Aber es geht nicht nur darum, wer sich Longevity leisten kann. Es geht darum, wer die Arbeit macht, wenn die Menschen dann doch alt werden. Wer pflegt die 120-Jährigen, die Herr Vance uns verspricht? Wir haben jetzt schon nicht genug Pflegekräfte. Wir arbeiten am Limit. Wir verdienen einen Bruchteil von dem, was Ihre Ärzte in den Longevity-Kliniken verdienen. Und während Sie hier über die Verlängerung des Lebens diskutieren, sterben bei uns Menschen, weil wir nicht genug Zeit haben, uns um sie zu kümmern. Das ist die Realität. Das ist das, was Ihre Revolution ausblendet.
/note/ Stille im Raum. Dr. Vance will antworten, aber Prof. Dr. Hesse kommt ihm zuvor.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Frau Bergström, ich verstehe Ihre Frustration. Aber mit Verlaub – Sie argumentieren gegen die Lösung, indem Sie auf das Problem zeigen. Ja, das Alter, wie wir es kennen, ist oft elend. Ja, die Pflege ist unterfinanziert. Ja, Menschen leiden. Aber ist das ein Argument dafür, den Status quo zu akzeptieren? Oder ist es ein Argument dafür, ihn zu überwinden?
/same/ Ich höre hier viel Kritik an der Longevity-Industrie, und manches davon ist berechtigt. Die Klassengebundenheit, die Kommerzialisierung, der Hype – geschenkt. Aber unter all der Kritik liegt eine Annahme, die niemand ausspricht: dass der Tod irgendwie in Ordnung ist. Dass wir ihn akzeptieren sollten. Dass die Endlichkeit zum Menschsein gehört. Und diese Annahme möchte ich in Frage stellen.
/same/ Warum eigentlich? Warum sollten wir akzeptieren, dass Menschen leiden und sterben, wenn wir die Möglichkeit haben, das zu ändern? Sie werden sagen: Der Tod gibt dem Leben Sinn. Aber das ist eine Rationalisierung, eine Anpassung an etwas, das wir nicht ändern konnten. Sklaven haben auch Sinn in ihrer Knechtschaft gefunden. Frauen haben jahrhundertelang ihre Unterdrückung als natürlich akzeptiert. Wir nennen das heute nicht Weisheit – wir nennen es Ideologie. Warum sollte es beim Tod anders sein?
/same/ Frau Sommer hat Freud zitiert. Lassen Sie mich einen anderen Denker zitieren: Simone de Beauvoir. Sie schrieb über ihre sterbende Mutter: „Es gibt kein natürliches Sterben. Nichts, was einem Menschen zustößt, ist je natürlich, denn seine Anwesenheit stellt die Welt in Frage. Alle Menschen sind sterblich: aber für jeden Menschen ist sein Tod ein Unfall, und selbst wenn er ihn kennt und akzeptiert, ein ungebührlicher Eingriff.“ Das ist die Wahrheit, die wir verdrängen. Der Tod ist kein Freund, den wir umarmen sollten. Er ist ein Skandal, gegen den wir rebellieren sollten.
/note/ Prof. Dr. Sommer schüttelt den Kopf.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Herr Hesse, Sie zitieren Beauvoir, aber Sie missverstehen sie. Beauvoir beschreibt den Schmerz des Verlusts – die Ungeheuerlichkeit des Todes aus der Perspektive der Trauernden. Das ist etwas völlig anderes als die Behauptung, der Tod sei ein technisches Problem, das wir lösen sollten. Beauvoir war keine Transhumanistin. Sie war eine Existenzialistin. Und der Existenzialismus sagt nicht: Überwinde die Bedingungen des Menschseins. Er sagt: Lebe authentisch angesichts dieser Bedingungen.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Und woher wissen Sie, was die Bedingungen des Menschseins sind? Vor zweihundert Jahren war es eine Bedingung des Menschseins, dass die Hälfte aller Kinder vor dem fünften Lebensjahr starb. Wir haben diese Bedingung geändert. Vor hundert Jahren war es eine Bedingung des Menschseins, dass Frauen nicht wählen durften. Wir haben diese Bedingung geändert. Die Bedingungen des Menschseins sind nicht gegeben – sie sind gemacht. Und was gemacht ist, kann umgemacht werden.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Es gibt einen Unterschied zwischen sozialen Bedingungen und ontologischen. Die Kindersterblichkeit zu senken, verändert nicht, was es heißt, ein Mensch zu sein. Das Wahlrecht für Frauen verändert nicht die Grundstruktur der menschlichen Existenz. Aber die Abschaffung des Todes – wenn sie möglich wäre – würde genau das tun. Sie würde ein anderes Wesen schaffen. Vielleicht ein besseres, vielleicht ein schlechteres – aber kein menschliches mehr im Sinne dessen, was wir bisher darunter verstanden haben.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Und was wäre so schlimm daran?
/note/ Die Frage hängt im Raum. Dr. Lindner, der Palliativmediziner, meldet sich zum ersten Mal.
Dr. Thomas Lindner (Palliativmediziner): Ich möchte etwas sagen, das vielleicht seltsam klingt, aus dem Mund eines Arztes. Aber ich habe in den letzten zwanzig Jahren mehrere hundert Menschen beim Sterben begleitet. Und was ich dabei gelernt habe, ist: Der Tod ist nicht das Schlimmste.
/same/ Das klingt zynisch, ich weiß. Aber lassen Sie mich erklären. In der Palliativmedizin sehen wir Menschen am Ende ihres Lebens. Manche sind verzweifelt, manche haben Angst, manche kämpfen bis zum letzten Atemzug. Aber viele – mehr, als Sie vielleicht denken – finden so etwas wie Frieden. Nicht weil der Tod schön wäre, nicht weil das Sterben angenehm wäre. Sondern weil sie etwas durchgearbeitet haben, das ihr ganzes Leben lang im Hintergrund lauerte.
/same/ Ich habe einen Mann begleitet, ein Unternehmer, sehr erfolgreich, sehr kontrolliert. Er hat sein ganzes Leben lang vermieden, über den Tod nachzudenken. Als die Diagnose kam – Bauchspeicheldrüsenkrebs, inoperabel –, ist er zusammengebrochen. Drei Monate lang war er in der Hölle. Aber dann, in den letzten Wochen, ist etwas passiert. Er hat mit seiner Tochter gesprochen, zum ersten Mal wirklich gesprochen. Er hat Briefe geschrieben. Er hat mir gesagt: „Ich habe siebzig Jahre gebraucht, um zu verstehen, was wichtig ist. Schade, dass ich so lange gewartet habe.“ Er ist nicht friedlich gestorben – so etwas gibt es selten. Aber er ist versöhnt gestorben. Das ist mehr, als viele Menschen im Leben erreichen.
/same/ Mein Punkt ist nicht, dass wir den Tod herbeisehnen sollten. Mein Punkt ist, dass die Konfrontation mit der Endlichkeit etwas ermöglicht, das die Flucht vor ihr verhindert. Herr Hesse nennt den Tod einen Skandal. Ich nenne ihn einen Lehrer – einen brutalen, unerbittlichen, aber manchmal auch heilsamen Lehrer. Und ich frage mich: Wenn wir diesen Lehrer abschaffen – was verlieren wir dann?
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Mit Verlaub, Herr Lindner, aber das ist genau die Romantisierung, die ich meine. Sie haben einen Patienten, der am Ende Frieden gefunden hat. Wunderbar. Aber wie viele haben Sie, die in Angst und Schmerz sterben? Wie viele sterben an Krankheiten, die wir hätten verhindern können? Sie selektieren die Fälle, die Ihre These stützen, und ignorieren die anderen.
Dr. Thomas Lindner (Palliativmediziner): Das ist nicht fair. Ich selektiere nicht –
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Doch, das tun Sie. Sie erzählen mir von dem Unternehmer, der versöhnt gestorben ist. Aber Sie erzählen mir nicht von der Mutter, die mit fünfzig an Brustkrebs stirbt und ihre Kinder zurücklässt. Sie erzählen mir nicht von dem Forscher, der kurz vor dem Durchbruch seiner Lebensarbeit einen Schlaganfall bekommt. Sie erzählen mir nicht von den Millionen Menschen, die langsam an Demenz zerfallen, deren letztes Geschenk an ihre Familien die Erinnerung daran ist, wie sie aufgehört haben, sie zu erkennen. Das ist die Realität des Todes, Herr Lindner. Nicht Ihr versöhnter Unternehmer.
Dr. Thomas Lindner (Palliativmediziner): Ich kenne diese Realität besser als Sie. Ich lebe sie jeden Tag.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Dann verstehe ich nicht, wie Sie sie akzeptieren können.
/note/ Dr. Lisa Chang, die bisher geschwiegen hat, schaltet sich ein.
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Darf ich? Ich glaube, wir reden aneinander vorbei, und ich möchte versuchen zu erklären, warum.
/same/ Herr Vance, Sie argumentieren auf der Ebene des individuellen Leids. Und auf dieser Ebene haben Sie recht: Jeder einzelne Tod ist ein Verlust, jede Krankheit ein Unglück, jedes vermeidbare Leiden eine Tragödie. Wer wollte das bestreiten? Aber die Kritik, die hier formuliert wird, operiert auf einer anderen Ebene – auf der Ebene der kulturellen Bedeutung, der gesellschaftlichen Strukturen, der kollektiven Psychodynamiken. Und auf dieser Ebene geht es nicht um die Frage, ob der Tod schlecht ist. Es geht um die Frage, was es bedeutet, wenn eine Gesellschaft den Tod nur noch als technisches Problem behandelt.
/same/ Adorno und Horkheimer haben in den 1940er Jahren den Begriff der „Kulturindustrie“ geprägt. Sie meinten damit nicht einfach die Unterhaltungsindustrie, sondern eine bestimmte Logik: die Verwandlung von allem – auch von Sehnsüchten, Ängsten, Hoffnungen – in verkäufliche Waren. Die Kulturindustrie verspricht Erfüllung und liefert Ersatz. Sie bedient Bedürfnisse, die sie selbst erzeugt hat. Sie standardisiert, während sie Individualität vortäuscht.
/same/ Die Longevity-Industrie funktioniert nach genau dieser Logik. Sie nimmt eine existenzielle Angst – die Angst vor dem Tod – und verwandelt sie in einen Markt. Sie bietet Produkte an, die diese Angst lindern sollen, aber tatsächlich perpetuieren. Denn ein befriedigter Kunde ist ein verlorener Kunde. Die Industrie braucht die Angst, um zu überleben. Sie wird sie nicht heilen – sie wird sie bewirtschaften.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Das ist Verschwörungstheorie. Sie unterstellen mir und meinen Kollegen, dass wir absichtlich keine Lösung finden wollen, um weiter Geld zu verdienen. Das ist absurd.
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Das habe ich nicht gesagt. Ich unterstelle Ihnen keine bösen Absichten. Ich beschreibe eine Struktur. Sie müssen nicht absichtlich handeln, damit die Struktur funktioniert. Sie müssen nur innerhalb ihrer Logik operieren. Und diese Logik ist: Verkaufe Hoffnung, nicht Erfüllung. Verkaufe den nächsten Schritt, nicht das Ziel. Halten Sie Ihre Kunden in einem Zustand der optimistischen Unruhe, in dem sie immer mehr kaufen, weil sie nie ankommen.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Das ist eine Karikatur. Wir verkaufen keine Hoffnung – wir verkaufen Interventionen, die auf wissenschaftlicher Forschung basieren.
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Manche davon. Andere nicht. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Was passiert mit einer Kultur, die das Verhältnis zur Endlichkeit an einen Markt delegiert? Was passiert, wenn die Frage, wie wir mit dem Sterben umgehen, beantwortet wird von einer Industrie, die ein finanzielles Interesse daran hat, dass wir nie aufhören, uns Sorgen zu machen?
/note/ Hildegard Meister, die 82-jährige ehemalige Lehrerin, hat bisher still zugehört. Jetzt hebt sie die Hand.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Frau Meister, bitte.
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt etwas sagen soll. Ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich bin keine Ärztin. Ich bin nur eine alte Frau, die zugehört hat. Aber ich glaube, ich habe etwas zu sagen, das hier vielleicht fehlt.
/same/ Sie reden alle über den Tod. Über die Angst vor dem Tod. Über die Verleugnung des Todes. Über die Industrie, die vom Tod lebt. Aber keiner von Ihnen – verzeihen Sie – scheint mir wirklich alt zu sein. Keiner von Ihnen scheint zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn das Ende nicht mehr abstrakt ist. Wenn es in Ihren Knochen sitzt. Wenn Sie morgens aufwachen und sich fragen, wie viele Morgen noch kommen.
/same/ Ich bin 82. Mein Mann ist vor vier Jahren gestorben. Meine beste Freundin letztes Jahr. Ich habe Arthritis in beiden Knien, ich höre schlecht, ich vergesse manchmal Wörter. Ich bin nicht krank, nicht wirklich. Aber ich bin alt. Und ich kann Ihnen sagen: Das ist nicht dasselbe wie Sterben. Es ist etwas Eigenes. Etwas, das Sie nicht verstehen, bis Sie es erleben.
/same/ Herr Vance, Sie wollen den Tod hinauszögern. Ich verstehe das. Niemand will sterben. Aber ich frage mich, ob Sie verstehen, was Sie damit sagen. Sie sagen: Mehr Zeit. Aber mehr Zeit wofür? Ich hatte Zeit, viel Zeit. Ich hatte Zeit für meine Kinder, für meine Enkel, für meine Arbeit, für meine Freunde. Ich hatte Zeit, Fehler zu machen und sie zu bereuen. Ich hatte Zeit, Menschen zu lieben und sie zu verlieren. Was ich jetzt habe, ist nicht der Wunsch nach mehr Zeit. Es ist der Wunsch, dass die Zeit, die ich hatte, nicht umsonst war. Das ist etwas anderes.
/same/ Frau Sommer hat von Todesverleugnung gesprochen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Was ich weiß, ist, dass ich den Tod nicht verleugne. Ich denke jeden Tag an ihn. Aber ich habe keine Angst vor ihm – nicht mehr. Ich habe Angst vor dem Sterben, ja. Ich habe Angst vor Schmerzen, vor Abhängigkeit, vor dem Verlust meiner selbst. Aber vor dem Tod? Nein. Der Tod ist das Ende meiner Geschichte. Und eine Geschichte braucht ein Ende. Sonst ist sie keine Geschichte.
/note/ Stille. Mehrere der Diskutanten schauen auf ihre Hände.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Frau Meister, ich respektiere Ihre Haltung. Aufrichtig. Aber darf ich fragen: Wenn Sie die Wahl hätten – wenn Sie gesund und vital bleiben könnten, ohne Arthritis, ohne Verluste, mit der Möglichkeit, noch Jahrzehnte zu leben – würden Sie das nicht wollen?
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Sie verstehen meine Frage nicht, Herr Professor. Sie fragen: Willst du mehr Leben? Ich frage: Was ist Leben? Ist Leben die Abwesenheit von Tod? Oder ist es etwas anderes – etwas, das mit dem Tod zu tun hat, nicht gegen ihn?
/same/ Ich habe am meisten gelebt in den Momenten, in denen ich wusste, dass alles enden würde. Als mein Mann krank wurde, waren unsere letzten Monate die intensivsten unserer Ehe. Nicht weil das Sterben schön war – es war furchtbar. Sondern weil wir endlich aufgehört haben, Zeit zu verschwenden. Weil jeder Tag zählte. Weil wir sagten, was wir sagen wollten, weil wir aufhörten, die wichtigen Dinge aufzuschieben.
/same/ Sie wollen mir die Arthritis nehmen – bitte, gerne. Sie wollen, dass ich besser höre – wunderbar. Aber wenn Sie mir die Endlichkeit nehmen wollen, dann nehmen Sie mir etwas, das ich nicht missen möchte. Dann nehmen Sie mir den Grund, warum irgendetwas wichtig ist.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Mit Respekt, Frau Meister, aber das ist leicht gesagt für jemanden, der 82 ist und ein erfülltes Leben hatte. Was ist mit den Menschen, die mit dreißig sterben? Mit vierzig? Die nie die Chance hatten, ein erfülltes Leben zu haben?
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Dann sollten wir dafür kämpfen, dass sie diese Chance haben. Aber nicht, indem wir ihnen sagen, dass das Leben unendlich sein muss, um wertvoll zu sein. Sondern indem wir ihnen helfen, das Leben zu leben, das sie haben. Das ist etwas anderes.
/note/ Dr. Vogt meldet sich wieder.
Dr. Katharina Vogt (Longevityklinik-Ärztin): Ich möchte etwas sagen, das mich schon die ganze Zeit beschäftigt. Wir reden hier, als gäbe es zwei Seiten: die, die das Leben verlängern wollen, und die, die die Endlichkeit akzeptieren. Aber in meiner Praxis sehe ich, dass es so einfach nicht ist. Die Menschen, die zu mir kommen, wollen beides. Sie wollen länger leben – und sie wollen wissen, wozu. Sie wollen gesund bleiben – und sie haben Angst, dass Gesundheit nicht genug ist. Sie kaufen unsere Programme – und sie sind nicht glücklich.
/same/ Ich hatte letzte Woche einen Patienten, Ende fünfzig, sehr wohlhabend, der seit drei Jahren unser Komplett-Paket bucht. Er hat das biologische Alter eines Vierzigjährigen, wenn man unseren Tests glaubt. Seine Werte sind exzellent. Er tut alles richtig. Und er hat mir gesagt – zum ersten Mal, nach drei Jahren –, dass er keine Ahnung hat, warum er das tut. Er hat gesagt: „Ich verlängere ein Leben, das ich nicht lebe.“ Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Das ist traurig, aber es ist kein Argument gegen die Longevity-Medizin. Es ist ein Argument dafür, dass Menschen auch Therapie brauchen, nicht nur Check-ups. Wir können nicht für den Sinn verantwortlich sein. Wir können nur die Voraussetzungen schaffen.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Aber genau das ist der Punkt, Herr Vance. Sie sagen, Sie schaffen die Voraussetzungen für ein gutes Leben. Aber was, wenn Ihre Industrie die Voraussetzungen zerstört? Was, wenn die permanente Beschäftigung mit der Verlängerung des Lebens genau das verhindert, was ein gutes Leben ausmacht – die Fähigkeit, im Moment zu sein, zu lieben ohne Kalkül, zu akzeptieren ohne Ausflucht?
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Das ist eine Behauptung, kein Beweis. Sie können nicht zeigen, dass unsere Programme Menschen unglücklicher machen.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Und Sie können nicht zeigen, dass sie sie glücklicher machen. Die Studien, die Sie zitieren, messen Biomarker, nicht Lebenszufriedenheit. Sie messen biologisches Alter, nicht existenzielle Erfüllung. Das sind verschiedene Dinge.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Natürlich sind das verschiedene Dinge. Aber wollen Sie ernsthaft behaupten, dass Gesundheit nichts mit Lebenszufriedenheit zu tun hat? Dass Menschen, die chronisch krank sind, genauso zufrieden sind wie Gesunde?
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Nein, das behaupte ich nicht. Aber ich behaupte, dass der Zusammenhang komplizierter ist, als Sie suggerieren. Menschen passen sich an Krankheit an. Menschen finden Sinn im Leiden. Menschen sind manchmal glücklicher mit weniger Gesundheit und mehr Beziehungen als mit mehr Gesundheit und weniger Beziehungen. Die Psychologie nennt das das „Zufriedenheitsparadox“. Und Ihre Industrie ignoriert es systematisch.
/note/ Nora Bergström meldet sich wieder.
Nora Bergström (Altenpflegerin): Darf ich noch etwas sagen? Ich höre hier viel über Lebenszufriedenheit und existenzielle Erfüllung. Aber ich glaube, es gibt etwas, das noch grundlegender ist, und das niemand anspricht.
/same/ Die Menschen in meinem Heim – die meisten von ihnen haben kein Longevity-Programm gemacht. Sie haben einfach gelebt. Sie haben gearbeitet, Kinder großgezogen, Kriege überlebt, Krisen gemeistert. Und jetzt, am Ende, wissen Sie, was sie am meisten bereuen? Nicht, dass sie zu wenig Supplements genommen haben. Nicht, dass sie ihre Telomere nicht verlängert haben. Sie bereuen, dass sie nicht mehr Zeit mit ihren Kindern verbracht haben. Dass sie Streit nicht beigelegt haben. Dass sie nicht gesagt haben, was sie fühlten. Das sind die Dinge, die zählen. Das sind die Dinge, über die niemand auf dem Sterbebett sagt: Ach, hätte ich doch mehr optimiert.
/same/ Und ich frage mich: Was macht Ihre Industrie mit diesen Dingen? Gibt sie den Menschen mehr Zeit für Beziehungen? Oder gibt sie ihnen eine Ausrede, die Beziehungen aufzuschieben – weil ja noch so viel Zeit ist, weil es ja noch so viele Biomarker gibt, die optimiert werden müssen?
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Das ist kein fairer Vergleich. Sie stellen unsere Patienten als isolierte Optimierer dar, die ihre Familien vernachlässigen. Das ist eine Karikatur. Die meisten Menschen, die sich um ihre Gesundheit kümmern, tun das gerade, weil sie für ihre Familien da sein wollen. Sie wollen ihre Enkel aufwachsen sehen. Sie wollen nicht zur Last fallen. Sie wollen präsent sein, nicht abwesend.
Nora Bergström (Altenpflegerin): Und wie viele Stunden pro Woche verbringen sie damit, ihre Gesundheit zu optimieren? Wie viele Stunden mit ihren Enkeln?
/note/ Dr. Vance schweigt für einen Moment.
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Ich möchte einen anderen Punkt machen, weil ich glaube, dass wir hier etwas Wichtiges übersehen. Wir diskutieren, als wäre das eine philosophische Frage – ob die Endlichkeit gut oder schlecht ist, ob der Tod Sinn stiftet oder Sinn zerstört. Aber für die meisten Menschen auf der Welt ist das keine philosophische Frage. Es ist eine materielle.
/same/ Die meisten Menschen sterben nicht an existenzieller Leere. Sie sterben an vermeidbaren Krankheiten, an verschmutztem Wasser, an fehlender medizinischer Versorgung, an Armut. Und während wir hier debattieren, ob Milliardäre das Recht haben, 150 zu werden, sterben Kinder an Durchfall. Das ist die Obszönität, über die wir sprechen sollten. Nicht die Frage, ob Langlebigkeit den Sinn des Lebens zerstört – sondern die Frage, warum Langlebigkeit ein Privileg ist.
/same/ Herr Vance sagt, Technologie wird demokratisiert. Aber schauen Sie sich die globale Gesundheitsverteilung an. Die Lebenserwartung in den ärmsten Ländern liegt bei sechzig Jahren, in den reichsten bei über achtzig. Dieser Unterschied schrumpft nicht – er wächst. Die Technologien, die wir entwickeln, fließen zu denen, die sie am wenigsten brauchen. Das ist nicht ein Nebenwirkung des Systems – das ist das System.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Ich bestreite das nicht. Aber was ist die Alternative? Sollen wir aufhören zu forschen, weil die Ergebnisse ungleich verteilt werden? Sollen wir den Fortschritt stoppen, weil nicht alle gleichzeitig profitieren?
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Nein. Die Alternative ist, anders zu forschen. Öffentlich statt privat. Für alle statt für wenige. Mit dem Ziel der Gerechtigkeit, nicht der Rendite. Aber das würde bedeuten, dass Ihre Investoren weniger verdienen. Und das ist der Punkt, an dem das Gespräch immer endet.
/note/ Prof. Dr. Hesse lehnt sich vor.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Darf ich etwas sagen, das vielleicht unpopulär ist? Ich höre hier viel Kritik an der Longevity-Industrie – und vieles davon teile ich. Die Kommerzialisierung, die Ungleichheit, der Hype. Aber ich höre auch etwas anderes, das mich beunruhigt: eine unterschwellige Feindseligkeit gegen die Idee der Lebensverlängerung selbst. Als wäre es verdächtig, länger leben zu wollen. Als wäre die richtige Haltung, den Tod zu akzeptieren und sich mit der Endlichkeit abzufinden.
/same/ Frau Meister hat sehr berührend gesprochen. Aber ich frage mich: Ist ihre Haltung wirklich Weisheit – oder ist sie eine Anpassung an das Unvermeidliche? Menschen sind gut darin, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Wir nennen es Resilienz, Reife, Weisheit. Aber manchmal ist es auch einfach Kapitulation. Manchmal ist es die Rationalisierung einer Niederlage, die wir nicht als Niederlage bezeichnen wollen.
/same/ Ich sage nicht, dass Frau Meister kapituliert hat. Ich sage nur: Wir sollten vorsichtig sein, ihre Haltung zu verallgemeinern. Nicht jeder, der den Tod akzeptiert, ist weise. Manche sind nur müde. Manche haben aufgegeben. Und ich frage mich, ob eine Kultur, die die Akzeptanz des Todes zur Tugend erklärt, nicht auch eine Kultur ist, die das Aufgeben zur Tugend erklärt.
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Junger Mann, ich bin nicht müde. Ich bin alt. Das ist nicht dasselbe.
/note/ Kurzes Lachen im Publikum, aber auch Spannung.
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Sie nennen das, was ich sage, Kapitulation. Aber ich nenne das, was Sie sagen, Flucht. Sie fliehen vor etwas, das Sie nicht kontrollieren können, und nennen es Rebellion. Aber echte Rebellion wäre, stehenzubleiben. Hinzuschauen. Auszuhalten. Das ist schwerer als noch eine Pille zu schlucken.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Mit Verlaub, Frau Meister –
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Lassen Sie mich ausreden. Sie haben mir gesagt, meine Haltung sei vielleicht nur Anpassung an das Unvermeidliche. Mag sein. Aber Ihre Haltung ist auch Anpassung – Anpassung an eine Kultur, die nicht mehr weiß, wie man loslässt. Die glaubt, alles kontrollieren zu müssen. Die Schwäche für Versagen hält und Abhängigkeit für Schande. Das ist keine Rebellion gegen den Tod. Das ist Angst vor dem Leben – vor dem Leben, wie es wirklich ist, mit allem, was dazugehört.
/note/ Stille. Prof. Dr. Hesse will antworten, setzt an, hält inne.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Ich glaube, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es gut wäre, kurz innezuhalten.
/note/ Die Moderatorin lässt die Stille einen Moment wirken, bevor sie fortsetzt.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Ich möchte die Pause nutzen, um eine andere Frage zu stellen. Wir haben viel über Positionen gesprochen – über Argumente, Theorien, Strukturen. Aber ich frage mich: Was steht für jeden von Ihnen persönlich auf dem Spiel? Was hat Sie zu diesem Thema gebracht – nicht als Wissenschaftler, nicht als Unternehmer, nicht als Pflegerin, sondern als Mensch?
/note/ Längeres Schweigen. Dann, überraschend, meldet sich Dr. Vance.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Ich kann anfangen. Weil Frau Meister etwas gesagt hat, das mich getroffen hat. Sie sagte, ich hätte Angst vor dem Leben. Und ich habe zuerst gedacht: Das ist unfair. Ich habe keine Angst vor dem Leben. Ich feiere das Leben. Deshalb will ich mehr davon.
/same/ Aber dann habe ich an etwas gedacht, das ich normalerweise nicht erzähle. Vor drei Jahren habe ich einen Knoten in der Brust gefunden. Männer bekommen auch Brustkrebs, das wissen die wenigsten. Ich habe alle Tests gemacht, die ich sonst meinen Kunden empfehle. Ganzkörper-MRT, Biopsie, genetische Analyse. Es war gutartig. Aber die zwei Wochen zwischen dem Fund und dem Ergebnis – das waren die längsten zwei Wochen meines Lebens.
/same/ Und wissen Sie, was ich in diesen zwei Wochen getan habe? Ich habe nicht meine Protokolle intensiviert. Ich habe nicht nach neuen Interventionen gesucht. Ich habe meine Frau angerufen. Ich habe meinen Sohn angerufen, mit dem ich seit Monaten nicht richtig gesprochen hatte. Ich habe in meinem Garten gesessen und den Vögeln zugehört. Ich habe Dinge getan, die ich seit Jahren aufgeschoben hatte, weil ich dachte, ich hätte noch Zeit.
/same/ Und dann kam das Ergebnis, und es war gutartig, und ich war erleichtert. Und wissen Sie, was ich dann getan habe? Ich bin zurück zu meinen Protokollen. Zurück zu meinen hundert Pillen. Zurück zu meinem Unternehmen. Als wäre nichts gewesen. Als hätte ich nichts gelernt.
/note/ Stille. Vance schaut auf seine Hände.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich weiß nicht, ob Frau Meister recht hat. Aber ich weiß, dass ich in diesen zwei Wochen mehr gelebt habe als in den zwei Jahren davor. Und ich weiß, dass ich das vergessen habe, sobald die Gefahr vorbei war. Das ist – das ist vielleicht das, was Sie meinen, Frau Sommer. Die Verdrängung, die zurückkehrt.
/note/ Prof. Dr. Sommer nickt langsam.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Das ist mutig, Herr Vance. Und ja – das ist genau das, was ich meine. Aber ich sollte fair sein. Ich sollte auch etwas über mich sagen.
/same/ Ich sitze hier und rede über Todesverleugnung und manische Abwehr und die Psychopathologie der Longevity-Kultur. Und das alles ist richtig, glaube ich. Aber es ist auch eine Art, mich zu schützen. Weil die Wahrheit ist: Ich habe Angst. Ich bin 61 Jahre alt. Meine Mutter ist an Alzheimer gestorben. Ich habe gesehen, wie sie verschwunden ist, Stück für Stück, über Jahre. Und ich habe Angst, dass mir dasselbe passiert.
/same/ Und wenn ich ehrlich bin – wenn ich ganz ehrlich bin –, dann denke ich manchmal: Wenn es eine Pille gäbe, die das verhindert, würde ich sie nehmen. Sofort. Ohne zu zögern. Ich würde alle meine Vorbehalte über Bord werfen. Ich würde Teil dieser Industrie werden, die ich kritisiere.
/same/ Das macht meine Kritik nicht falsch. Aber es macht sie komplizierter. Weil ich nicht von außen spreche, als jemand, der das alles durchschaut hat. Ich spreche als jemand, der dieselben Ängste hat wie alle anderen. Und vielleicht – vielleicht ist das der Grund, warum mich das Thema so beschäftigt. Nicht weil ich die Antwort kenne. Sondern weil ich sie suche.
/note/ Dr. Lindner beugt sich vor.
Dr. Thomas Lindner (Palliativmediziner): Darf ich etwas hinzufügen? Weil ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt, an dem Ehrlichkeit angebracht ist.
/same/ Ich arbeite seit zwanzig Jahren mit Sterbenden. Ich habe vorhin von dem Unternehmer erzählt, der versöhnt gestorben ist. Das ist wahr. Aber es ist auch – wie Herr Vance gesagt hat – eine Auswahl. Die Wahrheit ist: Für jeden, der Frieden findet, gibt es fünf, die keinen finden. Die sterben in Angst, in Schmerz, in Verwirrung. Die ihre Familien nicht erkennen. Die schreien in der Nacht.
/same/ Ich erzähle die Geschichten von denen, die Frieden finden, weil sie mich am Leben halten. Weil sie mir erlauben, weiterzumachen. Weil ich sonst verrückt werden würde. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob der Frieden, den ich sehe, echt ist – oder ob er nur die Erschöpfung ist, die sich als Frieden tarnt. Ich weiß nicht, ob meine Patienten die Endlichkeit akzeptieren – oder ob sie einfach aufgehört haben, zu kämpfen, weil sie nicht mehr können.
/same/ Und ich weiß nicht, ob ich – wenn ich selbst an der Reihe bin – diesen Frieden finden werde. Oder ob ich kämpfen werde bis zum letzten Atemzug, wie die meisten. Das ist die Wahrheit, die ich normalerweise nicht ausspreche.
/note/ Prof. Dr. Hesse sitzt still, anders als zuvor. Dann spricht er, leiser als vorher.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Ich sollte auch etwas sagen. Weil Sie sich fragen werden, warum jemand Transhumanist wird. Warum jemand sein Berufsleben damit verbringt, für die Abschaffung des Todes zu argumentieren.
/same/ Mein Bruder ist gestorben, als ich fünfzehn war. Leukämie. Er war dreizehn. Es hat zwei Jahre gedauert. Ich habe alles gesehen. Die Chemotherapie, die Hoffnung, den Rückfall, das Ende. Ich habe gesehen, wie meine Eltern zerbrochen sind. Meine Mutter hat sich nie davon erholt. Sie lebt noch, aber sie ist nicht mehr dieselbe. Sie ist – abwesend. Seit dreißig Jahren.
/same/ Und ich habe mir damals geschworen: Das darf nicht sein. Das darf nicht das letzte Wort sein. Es muss einen Weg geben, das zu verhindern. Nicht für meinen Bruder – für ihn ist es zu spät. Aber für andere. Für die nächsten Dreizehnjährigen, die nicht sterben müssen.
/same/ Frau Meister hat gesagt, ich hätte Angst vor dem Leben. Vielleicht hat sie recht. Aber ich habe auch etwas anderes: Wut. Wut auf einen Zustand, der nicht sein muss. Wut auf eine Welt, die den Tod als natürlich akzeptiert, obwohl er es nicht ist. Obwohl er grausam ist und sinnlos und falsch.
/same/ Ich weiß nicht, ob meine Wut produktiv ist. Ich weiß nicht, ob sie mich klüger macht oder dümmer. Aber ich weiß, dass ich ohne sie nicht hier wäre. Dass ich ohne sie wahrscheinlich auch – abwesend wäre. Wie meine Mutter.
/note/ Hildegard Meister streckt ihre Hand aus und legt sie kurz auf Hesses Arm. Er schaut überrascht, dann dankbar.
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Ich habe auch jemanden verloren. Meinen ersten Sohn. Er war vier. Lungenentzündung. Das war 1968, wir lebten auf dem Land, der Arzt kam zu spät. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Keinen einzigen Tag seit sechsundfünfzig Jahren.
/same/ Ich verstehe Ihre Wut, Herr Hesse. Ich habe sie auch gefühlt. Jahrelang. Ich habe Gott angeklagt, die Ärzte, das Schicksal, mich selbst. Ich habe gedacht: Das darf nicht sein. Genau wie Sie.
/same/ Aber irgendwann – und ich weiß nicht, wann, es war kein Moment, es war ein langsamer Prozess – habe ich angefangen, anders zu fühlen. Nicht weniger traurig. Nicht weniger wütend. Aber – wie soll ich sagen – die Wut ist Teil von etwas Größerem geworden. Teil der Liebe. Weil ich nur so wütend sein kann, weil ich so sehr geliebt habe. Und diese Liebe – die bleibt. Die stirbt nicht mit dem Tod. Die ist das, was vom Leben übrigbleibt.
/same/ Ich will nicht, dass Sie Ihre Wut aufgeben. Sie gehört zu Ihnen. Aber ich frage mich, ob sie Sie gefangen hält. Ob Sie, um frei zu sein, nicht nur gegen den Tod kämpfen müssen – sondern auch mit ihm leben lernen.
/note/ Dr. Lisa Chang, die die persönlichen Bekenntnisse schweigend verfolgt hat, räuspert sich.
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Ich will nicht die Stimmung brechen. Aber ich muss etwas sagen, das mir keine Ruhe lässt.
/same/ Wir haben gerade einen sehr berührenden Moment gehabt. Menschen haben sich geöffnet, Verluste geteilt, Verletzlichkeit gezeigt. Und ich will das nicht kleinreden – es ist echt, es ist menschlich. Aber mir fällt auf, dass genau das passiert, was die Kulturindustrie immer tut: Sie verwandelt strukturelle Fragen in persönliche Geschichten. Sie sagt: Schau, wir sind alle nur Menschen, wir haben alle Angst, wir sitzen alle im selben Boot.
/same/ Aber wir sitzen nicht im selben Boot. Herr Vance hat Angst vor dem Tod – und er hat ein Unternehmen, das Milliarden wert ist. Frau Bergström hat Angst vor dem Tod – und sie verdient 2.400 Euro im Monat. Die Angst mag dieselbe sein. Die Möglichkeiten, mit ihr umzugehen, sind es nicht.
/same/ Ich sage das nicht, um die Bekenntnisse zu entwerten. Ich sage es, weil ich beobachte, wie leicht wir von der Strukturkritik zur Empathie gleiten – und wie diese Empathie manchmal die Kritik ersetzt, statt sie zu vertiefen. Adorno hat das die „Wärme“ genannt, die in der verwalteten Welt als Ersatz für Gerechtigkeit angeboten wird. Wir fühlen miteinander – und vergessen zu fragen, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Frau Chang, mit Verlaub – das ist zynisch. Ich habe gerade etwas sehr Persönliches erzählt, und Sie verwandeln es in eine Fußnote zu Adorno?
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Nein. Ich nehme es ernst. Gerade weil ich es ernst nehme, frage ich: Was folgt daraus? Sie haben erzählt, dass Sie in Ihrer Krise nicht optimiert haben, sondern gelebt. Und dann sind Sie zurückgekehrt zu Ihren Protokollen. Was sagt uns das über die Struktur, in der Sie arbeiten? Dass sie so gebaut ist, dass selbst die Menschen, die ihre Hohlheit erkennen, nicht aussteigen können. Dass sie Sie zurückzieht. Dass Ihre Einsicht folgenlos bleibt.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Oder es sagt uns, dass Menschen kompliziert sind. Dass wir widersprüchlich leben können. Dass Einsicht und Handeln nicht dasselbe sind.
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Das ist die individualistische Lesart. Die Lesart der Kulturindustrie. Der einzelne Mensch ist tragisch zerrissen – aber die Maschine läuft weiter. Die Frage ist: Wem nützt diese Lesart?
/note/ Prof. Dr. Hesse, noch sichtlich bewegt von dem Moment mit Frau Meister, schaltet sich ein – aber sein Ton hat sich verändert, nachdenklicher.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Frau Chang, ich verstehe Ihre Kritik an der Struktur. Aber Sie machen denselben Fehler, den Sie uns vorwerfen – nur in die andere Richtung. Sie reduzieren alles auf Ökonomie, auf Klasse, auf Macht. Als wäre die Angst vor dem Tod nur ein Produkt des Kapitalismus. Als würden Menschen in einer gerechteren Gesellschaft fröhlich sterben.
/same/ Frau Meister hat mir gerade etwas gesagt, das mich getroffen hat. Aber – und das sage ich mit Respekt – es hat mich nicht überzeugt. Der Tod ihres Sohnes war nicht weniger schlimm, weil sie irgendwann Frieden damit gefunden hat. Er war ein Skandal. Er ist ein Skandal. Und dass sie gelernt hat, mit ihm zu leben, ändert daran nichts.
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Das habe ich auch nicht behauptet, Herr Professor.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Nein. Aber die Implikation ist da. Die Implikation ist: Akzeptiere. Lerne, mit dem Tod zu leben. Finde Frieden. Und ich sage: Warum? Warum sollte ich Frieden finden mit etwas, das falsch ist? Sie würden mir nicht raten, Frieden zu finden mit Ungerechtigkeit. Mit Unterdrückung. Warum dann mit dem Tod?
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Weil der Tod keine Ungerechtigkeit ist. Er ist eine Bedingung.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Das sagen die, die keine Alternative sehen. Die Sklaverei war auch eine „Bedingung“ – bis sie es nicht mehr war.
/note/ Prof. Dr. Sommer schüttelt den Kopf.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Herr Hesse, dieser Vergleich ist unzulässig. Die Sklaverei war ein soziales Verhältnis, von Menschen gemacht und von Menschen beendet. Der Tod ist keine Institution. Er ist – ob wir es mögen oder nicht – Teil dessen, was es heißt, ein biologisches Wesen zu sein.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Noch. Er ist es noch. Aber warum sollte das so bleiben?
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Weil die Frage nicht ist, ob wir den Tod technisch überwinden können – vielleicht können wir das irgendwann. Die Frage ist, was wir dabei verlieren. Ich habe vorhin gestanden, dass ich Angst habe. Dass ich eine Pille nehmen würde, die Alzheimer verhindert. Das ist wahr. Aber ich habe auch etwas anderes gesagt: Dass meine Kritik dadurch komplizierter wird, nicht falsch.
/same/ Und die Kritik ist: Wenn wir die Endlichkeit abschaffen – wenn das je möglich wäre –, dann schaffen wir auch alles ab, was mit ihr zusammenhängt. Die Dringlichkeit. Die Kostbarkeit. Die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, weil die Zeit begrenzt ist. Herr Vance hat es selbst erzählt: In den zwei Wochen, als er dachte, er könnte sterben, hat er mehr gelebt als in den zwei Jahren davor. Das ist kein Zufall. Das ist die Struktur des menschlichen Erlebens. Wir brauchen die Grenze, um das Begrenzte zu schätzen.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Oder wir glauben das nur, weil wir es nie anders erlebt haben.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Möglich. Aber das ist eine Spekulation. Und auf Spekulationen sollten wir keine Gesellschaft bauen.
/note/ Dr. Vogt meldet sich.
Dr. Katharina Vogt (Longevityklinik-Ärztin): Ich möchte etwas sagen, das mir während der letzten Minuten aufgefallen ist. Wir haben alle sehr persönliche Dinge geteilt. Herr Vance seine Angst, Frau Sommer ihre Mutter, Herr Hesse seinen Bruder. Und einen Moment lang hatte ich das Gefühl, wir verstehen uns. Wir sind nicht so verschieden.
/same/ Aber jetzt, zehn Minuten später, sind wir wieder bei denselben Positionen. Herr Hesse will den Tod abschaffen. Frau Sommer will ihn integrieren. Frau Chang will die Strukturen kritisieren. Herr Vance will weitermachen wie bisher – nur mit schlechtem Gewissen.
/same/ Was sagt uns das? Dass die persönlichen Geschichten nichts ändern? Oder dass die Positionen tiefer liegen als die Geschichten – dass sie irgendwie vor den Geschichten da sind, und die Geschichten nur Material liefern, das wir in die Positionen einfügen?
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Das ist eine gute Frage. Und ich glaube, die Antwort ist: beides. Die Positionen sind nicht zufällig. Sie hängen zusammen mit dem, wer wir sind, wo wir stehen, was wir erlebt haben. Aber sie sind auch nicht einfach Ausdruck dieser Erfahrungen. Sie sind – Entscheidungen. Deutungsmuster, die wir gewählt haben, bewusst oder unbewusst.
/same/ Herr Hesse hat seinen Bruder verloren. Frau Meister hat ihren Sohn verloren. Beide haben furchtbar gelitten. Aber der eine wurde Transhumanist, die andere fand das, was sie „Frieden“ nennt. Derselbe Schmerz, zwei verschiedene Antworten. Das zeigt, dass der Schmerz nicht determiniert, was wir daraus machen. Wir entscheiden. Und wir sind verantwortlich für unsere Entscheidungen.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Dann lassen Sie mich meine Entscheidung verteidigen. Ich habe mich entschieden, nicht zu akzeptieren. Ich habe mich entschieden, zu kämpfen. Nicht weil ich glaube, dass ich gewinnen werde – vielleicht werde ich es nicht. Aber weil die Alternative, für mich, unerträglich ist. Die Alternative ist: zusehen, wie Menschen sterben, und sagen, es ist natürlich. Die Alternative ist: Frieden finden mit dem Unerträglichen. Das kann ich nicht. Das will ich nicht.
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Und ich habe mich entschieden, nicht zu kämpfen. Nicht weil ich aufgegeben habe – sondern weil der Kampf mich zerstört hat. Jahrelang. Ich habe gegen den Tod meines Sohnes gekämpft, obwohl er längst gestorben war. Ich habe gegen etwas gekämpft, das nicht mehr zu ändern war. Und dieser Kampf hat mich beinahe umgebracht.
/same/ Irgendwann habe ich verstanden: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Kampf gegen vermeidbares Leid und dem Kampf gegen die Bedingungen des Lebens selbst. Den ersten Kampf sollten wir kämpfen. Den zweiten können wir nicht gewinnen – und er kostet uns das Leben, das wir haben.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Aber woher wissen Sie, welcher Kampf welcher ist? Woher wissen Sie, dass der Tod eine unvermeidliche Bedingung ist – und nicht ein vermeidbares Leid, das wir nur noch nicht zu vermeiden gelernt haben?
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Ich weiß es nicht. Aber ich bin 82. Ich habe nicht mehr die Zeit, auf Ihre Forschung zu warten.
/note/ Nora Bergström, die lange geschwiegen hat, spricht leise aber bestimmt.
Nora Bergström (Altenpflegerin): Ich höre Ihnen zu, und ich verstehe beide Seiten. Aber ich muss etwas sagen, das hier noch nicht gesagt wurde.
/same/ Sie reden über den Tod, als wäre er ein Ereignis. Ein Punkt am Ende des Lebens. Aber für die Menschen, die ich pflege, ist der Tod kein Punkt. Er ist ein Prozess. Ein langer, langsamer Prozess, der Jahre dauern kann. Jahre, in denen sie nicht mehr wissen, wer sie sind. Jahre, in denen sie auf andere angewiesen sind für alles – essen, trinken, sich waschen, auf die Toilette gehen. Jahre, in denen ihre Familien zuschauen und langsam zerbrechen.
/same/ Herr Hesse, Sie wollen den Tod abschaffen. Aber was ist mit diesem Prozess? Was ist mit dem Altwerden, das kein Ende hat? Was ist mit der Demenz, die nicht tötet, aber das Selbst zerstört? Ihre Longevity-Medizin verspricht mehr Jahre. Aber was für Jahre? Jahre wie die, die ich jeden Tag sehe?
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Das ist genau der Punkt. Wir wollen nicht nur mehr Jahre – wir wollen bessere Jahre. Healthspan, nicht nur Lifespan. Die Vision ist nicht, dass Menschen hundert Jahre im Pflegeheim verbringen. Die Vision ist, dass sie hundert Jahre gesund und vital bleiben.
Nora Bergström (Altenpflegerin): Das ist eine schöne Vision. Aber sie hat nichts mit der Realität zu tun, die ich kenne. Die Menschen, die ich pflege, haben keine Longevity-Programme gemacht. Sie sind einfach alt geworden. Und Ihre Industrie wird daran nichts ändern – nicht für sie, nicht für die meisten Menschen. Sie wird vielleicht ein paar Reichen helfen, ein paar Jahre länger fit zu bleiben. Aber die anderen – die große Mehrheit – werden weiter so altern, wie sie immer gealtert sind. Und es wird weiter nicht genug Pflegekräfte geben, die sich um sie kümmern.
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Das ist der Punkt, auf den ich die ganze Zeit hinauswill. Wir können über Todesangst und Todesverleugnung und die Psychologie der Longevity-Kultur reden, so viel wir wollen. Aber am Ende ist es eine Frage der Verteilung. Wer bekommt die Technologie, und wer nicht? Wer lebt länger, und wer stirbt früher?
/same/ Die Daten sind eindeutig: Die Reichen leben heute schon fünfzehn Jahre länger als die Armen. Und die Longevity-Industrie wird diese Kluft vergrößern, nicht verkleinern. Weil sie ein Geschäftsmodell ist, das auf zahlungskräftige Kunden angewiesen ist. Weil sie keine öffentliche Gesundheit produziert, sondern private Langlebigkeit verkauft.
/same/ Herr Vance sagt, Technologie wird demokratisiert. Aber ich sehe keine Demokratisierung. Ich sehe eine Zwei-Klassen-Medizin, die sich gerade verfestigt. Und ich frage mich, wie wir hier über die Philosophie des Todes diskutieren können, während draußen Menschen sterben, weil sie sich keine Grundversorgung leisten können.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Frau Okonkwo, ich bestreite die Ungleichheit nicht. Aber was ist Ihre Alternative? Sollen wir aufhören zu forschen, weil nicht alle gleichzeitig profitieren? Sollen wir medizinischen Fortschritt stoppen, weil er zuerst den Reichen nützt?
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Nein. Die Alternative ist, anders zu forschen. Öffentlich statt privat. Für alle statt für wenige. Mit dem Ziel der Gerechtigkeit, nicht der Rendite.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Das ist eine schöne Forderung. Aber wer setzt sie um? Die öffentliche Forschung ist unterfinanziert, bürokratisch, langsam. Die Durchbrüche kommen aus der Privatwirtschaft – ob wir das mögen oder nicht.
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Und warum ist das so? Weil wir als Gesellschaft entschieden haben, dass es so sein soll. Das ist keine Naturgewalt – das ist Politik. Und Politik kann geändert werden.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): In der Theorie ja. In der Praxis – schauen Sie sich um. Die Welt bewegt sich nicht in Richtung mehr öffentlicher Forschung. Sie bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung.
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Dann sollten wir das ändern.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Viel Glück dabei.
/note/ Die Moderatorin greift ein.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Ich spüre, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem sich die Linien nicht auflösen lassen. Und vielleicht ist das richtig so. Vielleicht ist das die Wahrheit dieses Abends: dass es keine Synthese gibt. Dass die Positionen, die hier vertreten werden, einander ausschließen – nicht aus Bösartigkeit, nicht aus Unverständnis, sondern weil sie auf verschiedenen Grundannahmen beruhen, die nicht miteinander vereinbar sind.
/same/ Herr Hesse glaubt, der Tod ist ein Übel, das bekämpft werden muss. Frau Meister glaubt, er ist eine Bedingung, mit der wir leben lernen müssen. Beide haben Gründe für ihre Überzeugung. Beide haben Erfahrungen, die sie stützen. Und beide werden heute Abend nicht die Meinung des anderen übernehmen.
/same/ Ich möchte Sie daher bitten, ein letztes Statement zu formulieren. Nicht eine Zusammenfassung, nicht ein Kompromiss – sondern das, was für Sie am Ende stehenbleibt. Das, worüber Sie nicht verhandeln können.
/note/ Kurze Stille. Dann beginnt Dr. Vance.
Dr. Marcus Vance (Longevity-Unternehmer): Was für mich bleibt: Ich glaube weiterhin, dass wir das Recht haben, das Altern zu bekämpfen. Dass es nicht edel ist, Leiden zu akzeptieren. Dass die Kritik, die ich heute gehört habe, in Teilen berechtigt ist – aber mich nicht überzeugt hat, aufzuhören. Was mich beschäftigen wird, ist das, was ich über mich selbst gesagt habe. Die zwei Wochen, in denen ich gelebt habe. Die Frage, warum ich das vergessen habe. Darauf habe ich keine Antwort. Aber ich werde sie suchen.
Prof. Dr. Esther Sommer (Psychoanalytikerin): Was für mich bleibt: Die Longevity-Kultur ist ein Symptom – ein Symptom einer Gesellschaft, die nicht mehr weiß, wie sie mit dem Tod umgehen soll. Aber Symptome sind kompliziert. Sie drücken etwas aus, das anders nicht ausgedrückt werden kann. Und die Menschen, die in diesem Symptom leben, sind keine Karikaturen. Sie sind Menschen mit Ängsten, die ich teile. Das macht die Kritik schwieriger – aber nicht weniger notwendig.
Dr. Katharina Vogt (Longevityklinik-Ärztin): Was für mich bleibt: Ich weiß nicht, ob ich morgen anders arbeiten werde als heute. Aber ich werde anders denken. Über die Angst, die ich verkaufe. Über die Fragen, die ich nicht stelle. Über die Menschen, die ich nie sehe, weil sie sich meine Klinik nicht leisten können. Das ist keine Lösung. Aber es ist ein Anfang.
Prof. Dr. Amara Okonkwo (Bioethikerin): Was für mich bleibt: Die Klassenfrage ist nicht eine Frage unter vielen. Sie ist die Frage. Solange Langlebigkeit ein Privileg ist, ist sie keine Errungenschaft – sie ist eine Ungerechtigkeit. Und an dieser Ungerechtigkeit ändert kein persönliches Bekenntnis etwas.
Dr. Thomas Lindner (Palliativmediziner): Was für mich bleibt: Ich habe heute Abend zugegeben, dass ich nicht weiß, ob der Frieden, den ich bei meinen Patienten sehe, echt ist. Das ist eine Erschütterung. Aber es ist auch eine Befreiung. Weil ich aufhören kann, so zu tun, als hätte ich die Antwort. Ich habe sie nicht. Niemand hat sie.
Nora Bergström (Altenpflegerin): Was für mich bleibt: Sie alle hier haben kluge Dinge gesagt. Aber keiner von Ihnen weiß, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu waschen, der vergessen hat, dass er ein Mensch ist. Das ist keine Kritik. Es ist nur eine Feststellung. Es gibt ein Wissen, das nicht in Büchern steht.
Prof. Dr. Julian Hesse (Transhumanist): Was für mich bleibt: Ich wurde nicht überzeugt. Ich werde weiter für das kämpfen, wofür ich immer gekämpft habe. Aber ich werde heute Nacht an Frau Meister denken. An ihre Hand auf meinem Arm. An die Möglichkeit, dass sie etwas versteht, das ich nicht verstehe. Das ändert nichts an meiner Position. Aber es ändert etwas an mir.
Dr. Lisa Chang (Kulturkritikerin): Was für mich bleibt: Die Kritik muss weitergehen. Nicht weil sie Lösungen produziert – das tut sie nicht. Sondern weil sie verhindert, dass wir vergessen, was auf dem Spiel steht. Die Kulturindustrie will, dass wir konsumieren und nicht fragen. Die Kritik ist das Fragen, das nicht aufhört.
Hildegard Meister (82, Rentnerin): Was für mich bleibt: Ich bin froh, dass ich hier war. Nicht weil ich etwas gelernt hätte – mit 82 lernt man nicht mehr viel. Sondern weil ich gesehen habe, dass junge Menschen ringen. Dass sie keine Antworten haben, aber nicht aufhören zu fragen. Das ist mehr, als meine Generation konnte. Ob es genug ist, weiß ich nicht. Das werden Sie herausfinden müssen. Ohne mich.
/note/ Stille. Die Moderatorin nickt langsam.
Dr. Helena Brandt (Moderatorin): Ich danke Ihnen allen.
/same/ Wir haben heute Abend keine Einigung erzielt. Wir haben nicht entschieden, ob die Longevity-Industrie ein Segen ist oder ein Symptom. Ob der Tod bekämpft oder akzeptiert werden sollte. Ob die Endlichkeit uns begrenzt oder befreit.
/same/ Aber wir haben etwas anderes getan: Wir haben die Fragen offengelegt. Die Bruchlinien gezeigt. Die Unvereinbarkeiten benannt, die sonst unter der Oberfläche bleiben. Vielleicht ist das alles, was ein Gespräch leisten kann. Nicht Antworten geben – sondern die richtigen Fragen stellen. Und dann aushalten, dass es keine Antwort gibt, die alle zufriedenstellt.
/same/ Eine Geschichte braucht ein Ende, hat Frau Meister gesagt. Unser Gespräch endet hier. Aber die Fragen, die wir aufgeworfen haben, enden nicht. Sie gehen weiter – in jedem von Ihnen, in jedem, der zugehört hat. Und vielleicht ist das das Beste, was wir hoffen können: nicht Gewissheit, sondern Unruhe. Nicht Antworten, sondern bessere Fragen.
/same/ Guten Abend.
/note/ Verhaltener Applaus. Die Diskutanten erheben sich. Manche schütteln Hände, manche vermeiden Blickkontakt. Prof. Dr. Hesse und Frau Meister stehen einen Moment nebeneinander, ohne zu sprechen. Dr. Vance scrollt durch sein Handy. Frau Bergström packt ihre Tasche und geht als Erste – sie hat Frühschicht. Das Licht im Saal geht an.
/end/


Resonanz & Reflexion