Was ist ein Freund?
Manchmal, spätabends, scrolle ich durch meine Kontaktliste. Nicht um jemanden anzurufen – dafür ist es zu spät –, sondern um eine Art Inventur zu machen. Da tauchen Namen auf, bei denen etwas Warmes in mir aufsteigt. Andere überspringe ich reflexartig. Manche lösen ein leichtes Schuldgefühl aus: Müsste ich mich nicht mal wieder melden? Und bei einigen frage ich mich ehrlich: Warum ist diese Person eigentlich noch in meinem Telefon? Diese kleine nächtliche Übung ist aufschlussreicher, als man denken könnte. Sie wirft Fragen auf, die uns ein Leben lang begleiten: Was macht jemanden zum Freund? Warum diese Person und nicht jene? Warum halten manche Freundschaften Jahrzehnte, während andere sang- und klanglos verschwinden? Und vor allem: Was brauchen wir eigentlich von unseren Freunden – und was brauchen sie von uns?
Auf diese Fragen gibt es zwei sehr verschiedene Antworten, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben. Die erste kommt aus der Philosophie. Sie beschreibt Freundschaft als ein moralisches Ideal: eine Beziehung, in der wir den anderen „um seiner selbst willen“ schätzen, nicht weil er uns nützt oder unterhält. Der wahre Freund, so die Tradition von Aristoteles bis heute, ist ein „anderes Selbst“ – jemand, dessen Wohlergehen uns genauso am Herzen liegt wie unser eigenes. Diese Antwort ist erhebend. Sie zeigt, was Freundschaft sein könnte, wenn wir unser Bestes geben. Die zweite Antwort kommt aus der Psychoanalyse. Sie fragt nicht nach dem Ideal, sondern nach der Funktion: Was tut der Freund für unser Selbst? Welche unbewussten Bedürfnisse erfüllt er? Warum scheitern Freundschaften oft genau dann, wenn diese verborgenen Funktionen nicht mehr erfüllt werden? Diese Antwort ist ernüchternder – aber auch ehrlicher. Sie zeigt, was Freundschaft faktisch ist, mit all den Abhängigkeiten und gemischten Motiven, die wir so ungern eingestehen. Dieser Essay versucht, beide Perspektiven zusammenzubringen – nicht um die eine gegen die andere auszuspielen, sondern weil wir beides brauchen: Die Philosophie erinnert uns daran, was Freundschaft sein könnte. Die Psychoanalyse zeigt uns, was sie faktisch ist.
Das Kino versteht beide Perspektiven intuitiv. In „Stand by Me“ (1986) machen sich vier Jungen auf die Suche nach einer Leiche und entdecken dabei, was Loyalität bedeutet. Der Film endet mit dem berühmten Satz: „I never had any friends later on like the ones I had when I was twelve. Jesus, does anyone?“ Die Frage hallt nach, weil sie etwas Wahres trifft: Die Freundschaften der Kindheit haben eine Intensität, die später selten wiederkehrt. Die philosophische Erklärung wäre: Weil wir als Kinder noch fähig sind zu einer Reinheit des Gefühls, die das Erwachsenenleben korrumpiert – wir schätzen den anderen noch um seiner selbst willen, ohne Hintergedanken, ohne strategisches Kalkül. Die psychoanalytische Erklärung wäre: Weil wir als Kinder noch nicht gelernt haben, uns zu schützen – weil wir noch nicht wissen, dass Nähe auch verwunden kann, und deshalb offener sind für das, was wir vom anderen brauchen. Beide Erklärungen stimmen. Und genau das ist der Punkt: Wir brauchen nicht die eine oder die andere Perspektive, sondern beide zugleich, um zu verstehen, was in unseren Freundschaften wirklich geschieht.
Die These, die ich entwickeln möchte, lässt sich so zusammenfassen: Freundschaft ist eine freiwillige Bindung, die zugleich von Idealen des guten Lebens und von unbewussten Selbst- und Objektbedürfnissen abhängt. Sie gelingt nicht durch Reinheit – weder moralische noch psychische –, sondern durch Integrationsarbeit. Wer behauptet, seinen Freund nicht zu „brauchen“, lügt sich selbst an oder dissoziiert einen Teil seiner Erfahrung. Wer behauptet, den Freund nur um seiner selbst willen zu lieben, ohne jedes Eigeninteresse, idealisiert. Die reife Freundschaft liegt dazwischen: Sie anerkennt das Bedürfnis und transzendiert es zugleich – nicht indem sie es überwindet, sondern indem sie es in eine größere Beziehungswirklichkeit einbettet.
Was ist Freundschaft? Eine philosophische Kartierung
Bevor wir tiefer graben, brauchen wir eine begriffliche Landkarte. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Freundschaft“ sprechen? Die philosophische Tradition hat drei Merkmale herausgearbeitet, die den Kern der Sache einfangen: wechselseitige Fürsorge „um des anderen willen“, Intimität und gemeinsames Tun (Helm, 2021). Das klingt einleuchtend, fast selbstverständlich. Aber jedes dieser Merkmale birgt Fallstricke, sobald man genauer hinschaut – und genau in diesen Fallstricken wird die Begegnung mit der Psychoanalyse fruchtbar.
Nehmen wir die Fürsorge „um des anderen willen“. Diese Formulierung hat eine lange Geschichte, die bis zu Aristoteles zurückreicht. Der griechische Philosoph unterschied bekanntlich drei Arten von Freundschaft: solche, die auf Nutzen beruhen, solche, die auf Lust beruhen, und die „vollkommene Freundschaft“, die auf Tugend gründet. Nur die letztere, so Aristoteles, verdient den Namen wirklich – denn nur hier schätzen wir den Freund um seiner selbst willen, nicht wegen dessen, was er uns bringt. Das ist ein hoher Anspruch, ein Ideal, das über die Jahrhunderte normative Kraft entfaltet hat. Aber es ist auch ein Anspruch, der Fragen aufwirft. Denn wer kann schon von sich behaupten, seinen Freund vollkommen uneigennützig zu lieben? Ist nicht immer auch ein Stück Eigeninteresse dabei – die Freude an der Gesellschaft, die Bestätigung, die wir erfahren, das Gefühl, verstanden zu werden? In „Ziemlich beste Freunde“ (2011) wird diese Frage auf unerwartete Weise gestellt: Der gelähmte Aristokrat Philippe braucht seinen Pfleger Driss – ganz buchstäblich, für jeden Handgriff des Alltags. Aber ist ihre Beziehung deshalb weniger eine Freundschaft? Der Film zeigt: Gerade weil die Abhängigkeit so offensichtlich ist, kann sie anerkannt und überwunden werden. Philippe braucht Driss – und Driss braucht Philippe, auf andere Weise. Das Eingestehen des gegenseitigen Brauchens macht die Freundschaft nicht kleiner, sondern ehrlicher.
Ein zweiter wichtiger Gedanke der philosophischen Tradition betrifft die Verbindung zwischen Freundschaft und gutem Leben. Der Münchner Philosoph Michael Bordt hat diese Verbindung in ein anschauliches Modell gefasst (Bordt, 2012). Stellen Sie sich ein Dreieck vor. An einer Ecke steht das Selbst – nennen wir es A. An einer anderen Ecke steht der Freund – B. Und an der dritten Ecke steht etwas, das Bordt die „Lebensform“ nennt – F. Damit ist gemeint: die Vorstellung davon, was ein gutes, gelungenes Leben ausmacht. Das können explizite Werte sein – Ehrlichkeit, intellektuelle Neugier, politisches Engagement. Es kann aber auch etwas Impliziteres sein: eine geteilte Haltung zur Welt, ein gemeinsames Gefühl dafür, was wichtig ist und was nicht. Die Pointe des Dreiecks ist nun: Die Verbindung zwischen A und B – zwischen mir und meinem Freund – läuft nicht direkt, sondern über F. Wir sind nicht einfach verbunden, weil wir uns mögen. Wir sind verbunden, weil wir beide an derselben Vorstellung vom guten Leben orientiert sind. Das erklärt, warum Freundschaften oft entstehen, wenn Menschen etwas zusammen tun – studieren, arbeiten, kämpfen, feiern. In der gemeinsamen Aktivität zeigt sich die geteilte Lebensform. Und es erklärt, warum manche Freundschaften zerbrechen, wenn sich einer von beiden grundlegend verändert: nicht weil wir den anderen plötzlich weniger mögen, sondern weil das verbindende F – die geteilte Lebensform – erodiert.
„The Banshees of Inisherin“ (2022) erzählt von genau diesem Zerbrechen. Colm beendet seine Freundschaft mit Pádraic nicht, weil Pádraic etwas Falsches getan hätte, sondern weil Colm plötzlich erkennt, dass sie nie wirklich eine geteilte Lebensform hatten. Pádraic will plaudern, über das Wetter reden, im Pub sitzen. Colm will komponieren, etwas Bleibendes schaffen, bevor er stirbt. Jahrelang haben beide geglaubt, sie seien Freunde. Aber in Bordts Modell gesprochen: Sie hatten verschiedene Fs. Pádraics Lebensform war die des geselligen Dorflebens; Colms Lebensform war die des Künstlers, der gegen die Vergänglichkeit anschreibt. Die Tragödie des Films liegt darin, dass Pádraic diese Differenz nicht akzeptieren kann. Er kämpft um eine Freundschaft, die – aus Colms Sicht – nie das war, was er dachte.
Ein drittes Merkmal, das die Philosophie der Freundschaft zuschreibt, ist die Intimität. Aber was genau ist damit gemeint? Viele Menschen verstehen unter Intimität vor allem das Teilen von Geheimnissen – je mehr ich preisgebe, desto intimer die Beziehung. Diese Sichtweise greift zu kurz. Intimität ist weniger eine Frage des Wissens als eine Qualität des Zusammenseins (Cocking & Kennett, 1998). Man kann mit jemandem hochgradig intim sein, ohne dessen Kindheitstraumata zu kennen. Und man kann die intimsten Details über jemanden wissen – seine Ängste, seine Schulden, seine Affären – und trotzdem keine wirkliche Nähe empfinden. Das Wissen allein schafft keine Verbindung; es ist die Art, wie wir miteinander umgehen, die Qualität unserer Präsenz füreinander, die Intimität ausmacht. In „Lost in Translation“ (2003) teilen Bob und Charlotte kaum Geheimnisse im konventionellen Sinn. Was sie teilen, ist etwas anderes: schlaflose Nächte in Tokio, Karaoke-Abende, Spaziergänge durch eine fremde Stadt. Wir erfahren fast nichts über ihre „tiefsten“ Gedanken – und doch spüren wir eine Intimität, die tiefer geht als die meisten Bekenntnisse. Der letzte Satz, den Bob Charlotte ins Ohr flüstert, bleibt unhörbar – und das ist genau richtig. Manche Intimität braucht keine Worte.
Soweit die philosophische Kartierung. Sie gibt uns wichtige Koordinaten: Freundschaft bedeutet, den anderen um seiner selbst willen zu schätzen, eine Lebensform zu teilen und eine besondere Qualität des Zusammenseins zu entwickeln. Aber diese Kartierung hat einen blinden Fleck. Sie beschreibt, was Freundschaft sein sollte – nicht, was sie psychisch tut. Sie fragt nach dem Ideal – nicht nach der Funktion. Sie setzt voraus, dass wir wissen, warum wir unsere Freunde brauchen – aber genau das wissen wir oft nicht. Die Philosophie kann erklären, warum Freundschaft wertvoll ist. Sie kann nicht erklären, warum wir manchmal an Freunden hängen, die uns nicht guttun, oder warum wir Freunde verlieren, obwohl wir sie lieben. Dafür brauchen wir eine andere Perspektive.
Die psychoanalytische Korrektur: Freundschaft als Selbstobjektbeziehung
Die Philosophie fragt: Was sollte Freundschaft sein? Die Psychoanalyse fragt anders: Was tut Freundschaft für uns? Diese Frage klingt nüchterner, vielleicht sogar ernüchternd. Aber sie führt zu Einsichten, die die philosophische Perspektive ergänzen – und manchmal korrigieren.
Beginnen wir mit einem Begriff, der zunächst sperrig klingt: „Selbstobjekt“. Das Wort stammt von Heinz Kohut, dem Begründer der psychoanalytischen Selbstpsychologie, und es beschreibt etwas, das jeder kennt, der einmal ein Kind auf dem Spielplatz beobachtet hat (Kohut & Wolf, 1978). Das Kind rennt zur Rutsche, klettert hinauf, rutscht hinunter – und dreht sich nach jedem Durchgang zur Mutter um: „Siehst du mich? Hast du gesehen, was ich kann?“ Das Kind braucht die Mutter in diesem Moment nicht für physische Versorgung; es kann sehr wohl alleine rutschen. Es braucht sie für etwas anderes: für die Bestätigung seiner Existenz und seines Werts. Die Mutter ist hier ein „Selbstobjekt“ – nicht weil sie ein Objekt wäre, sondern weil sie eine Funktion für das Selbst des Kindes erfüllt. Sie ist „Objekt“ im psychoanalytischen Sinn (jemand außerhalb von uns), aber sie wird erlebt, als wäre sie Teil des eigenen „Selbst“ – weil das Kind sie braucht, um sich vollständig zu fühlen. Ohne ihren bestätigenden Blick fehlt dem Kind etwas; es fühlt sich weniger real, weniger wertvoll, weniger lebendig.
Was uns die Psychoanalyse lehrt: Dieses Bedürfnis verschwindet nicht, wenn wir erwachsen werden. Es transformiert sich, wird subtiler, findet andere Ausdrucksformen – aber es bleibt. Und eine der wichtigsten Arenen, in denen es befriedigt wird, ist die Freundschaft. Kohut unterschied drei grundlegende Selbstobjektfunktionen, die wir ein Leben lang brauchen. Die erste ist die Spiegelung: das Bedürfnis, gesehen, anerkannt und bestätigt zu werden. „Ja, ich sehe dich. Ja, du bist wichtig. Ja, was du tust, hat Bedeutung.“ Die zweite ist die Idealisierung: das Bedürfnis, jemanden zu bewundern, an dessen Stärke und Kompetenz wir teilhaben können. „Du bist so, wie ich sein möchte. In deiner Nähe fühle ich mich sicherer, kompetenter, wertvoller.“ Die dritte ist die Zwillingsschaft: das Bedürfnis, jemandem gleich zu sein, zu einer Gruppe von „Leuten wie mir“ zu gehören. „Du bist einer wie ich. Ich bin nicht allein mit meiner Art zu sein.“
In „Good Will Hunting“ (1997) sehen wir alle drei Funktionen in verschiedenen Beziehungen. Will, das mathematische Genie aus dem Arbeiterviertel, braucht den Therapeuten Sean für eine bestimmte Art der Spiegelung – nicht als Genie, sondern als Mensch mit einer schmerzhaften Geschichte, der trotzdem liebenswert ist. Die berühmte Szene, in der Sean immer wieder sagt „It’s not your fault“, ist ein Akt der Spiegelung: Will wird gesehen in seinem Schmerz, nicht nur in seiner Begabung. Aber Will braucht auch seinen Freund Chuckie – für eine andere Art der Spiegelung. Chuckie zeigt ihm nicht, wer er ist, sondern wer er sein könnte. Die Szene, in der Chuckie sagt, er warte jeden Tag darauf, dass Will nicht mehr zur Arbeit kommt – dass er endlich verschwindet und sein Potenzial nutzt –, ist ein Geschenk, das nur ein Freund machen kann. Und die Gruppe der Freunde aus Southie bietet Zwillingsschaft: Menschen, die wissen, woher Will kommt, die seine Sprache sprechen, bei denen er nicht erklären muss, wer er ist.
Eine Psychologin namens Michelle Piotrowski hat untersucht, welche Rolle diese Selbstobjekterfahrungen in langfristigen Freundschaften spielen (Piotrowski, 2018). Sie befragte dreizehn Frauen mittleren Alters – keine klinische Stichprobe, sondern ganz normale Frauen mit ganz normalen Freundschaften. Die Ergebnisse sind erhellend, weil sie zeigen, wie präzise Kohuts theoretische Kategorien die gelebte Erfahrung einfangen – obwohl keine der befragten Frauen je von Selbstpsychologie gehört hatte. Die Frauen berichteten von Spiegelung: Die Freundin sieht mich wirklich – nicht nur das, was ich zeige, sondern auch das, was dahinter liegt. Interessanterweise betonten viele, dass diese Spiegelung gerade durch Differenz funktioniert, nicht nur durch Ähnlichkeit. Die Freundin sieht Aspekte, die man selbst übersieht – und bestätigt sie dadurch erst. Spiegelung ist nicht bloße Echobildung; sie erfordert einen anderen Blickwinkel, der das Eigene erst sichtbar macht.
Aber die vielleicht wichtigste Entdeckung in Piotrowskis Studie ist eine vierte Funktion, die über Kohuts ursprüngliches Modell hinausgeht: die Zeugenfunktion. Die Freundin als Zeugin der eigenen Lebensgeschichte. „Sie war dabei, als mein Vater starb. Sie weiß, wer ich war, bevor ich Mutter wurde. Sie erinnert mich an Dinge, die ich selbst vergessen habe.“ Diese Funktion ist für das Gefühl, ein zusammenhängendes Selbst zu sein, von zentraler Bedeutung. Wir sind nicht nur, was wir jetzt tun und fühlen – wir sind auch unsere Geschichte. Und diese Geschichte braucht Zeugen, um real zu bleiben. Die langjährige Freundin ist oft die einzige Person außerhalb der Familie, die uns über Jahrzehnte kennt und bezeugen kann, dass wir tatsächlich die Person sind, für die wir uns halten. „Cinema Paradiso“ (1988) erzählt von genau dieser Zeugenfunktion: Der Filmvorführer Alfredo bezeugt Totòs Kindheit und Jugend, seine Träume und Enttäuschungen. Am Ende, nach Alfredos Tod, erhält Totò ein Geschenk: eine Montage all der Kussszenen, die der Priester aus den Filmen herausgeschnitten hatte. Es ist ein Geschenk der Erinnerung – ein Beweis, dass jemand die Sehnsucht eines kleinen Jungen gesehen und aufbewahrt hat.
Durch langjährige Freundschaft geschieht etwas, das die Psychoanalyse Internalisierung nennt: Der Freund wird zu einem Teil von uns – zu einer inneren Stimme, einem inneren Begleiter, einer Ressource, die auch dann zur Verfügung steht, wenn der Freund physisch abwesend ist. Eine der Frauen in Piotrowskis Studie drückte es so aus: Es sei nährend zu wissen, dass die Freundin da ist – aber auch, sie innerlich abrufen zu können, sie „in sich“ zu haben. Das ist keine Metapher. Wer einen guten Freund hat, kann in schwierigen Momenten fragen: „Was würde sie jetzt sagen?“ – und eine Antwort hören, die hilft. Der Freund ist zur inneren Präsenz geworden. Diese Internalisierung braucht Zeit; sie ist das Ergebnis unzähliger gemeinsamer Erfahrungen, die sich zu einer inneren Repräsentanz verdichten. Deshalb sind langjährige Freundschaften so kostbar – und deshalb ist ihr Verlust so schmerzhaft. Wenn ein alter Freund stirbt, verlieren wir nicht nur einen Menschen. Wir verlieren einen Teil unserer eigenen Geschichte, einen Zeugen unseres Lebens, eine innere Stimme, die nicht ersetzt werden kann.
Was folgt aus alledem? Eine fundamentale Verschiebung der Perspektive. Die Philosophie behandelt Freundschaft oft als ein schmückendes Element des guten Lebens – wertvoll, aber letztlich optional, ein Luxus für die, die ihn sich leisten können. Die Psychoanalyse zeigt: Freundschaft ist eine existenzielle Notwendigkeit. Eine der Frauen in Piotrowskis Studie brachte es auf den Punkt: „Es ist ein Bedürfnis, nicht nur etwas Nettes. Ein wirklich grundlegendes Bedürfnis.“ Freundschaft hält uns zusammen. Sie stabilisiert unser Selbst. Sie gibt uns das Gefühl, gesehen, verstanden und bezeugt zu sein. Ohne diese Funktionen wären wir fragmentierter, unsicherer, verlorener – selbst wenn wir die tugendhafte Freundschaft des Aristoteles nie erreichen. Die Frage ist jetzt: Wie verhält sich diese psychoanalytische Einsicht zur philosophischen Forderung, den Freund „um seiner selbst willen“ zu lieben? Widersprechen sich beide – oder lassen sie sich integrieren?
Erste Streitachse: „Um des anderen willen“ und der psychische Gebrauch
Die Spannung liegt jetzt offen auf dem Tisch. Die Philosophie sagt: Echte Freundschaft bedeutet, den anderen „um seiner selbst willen“ zu schätzen – nicht wegen des Nutzens, den er bringt, nicht wegen der Funktion, die er erfüllt. Die Psychoanalyse deckt auf: Wir brauchen den Freund für uns selbst – für unser eigenes psychisches Gleichgewicht, für unsere Identität, für unser Gefühl, real und wertvoll zu sein. Ist das ein Widerspruch?
Auf den ersten Blick scheint es so – und man sollte diesen Einwand nicht zu schnell beiseite wischen. Er hat Gewicht. Wenn ich meinen Freund brauche, um mich gespiegelt zu fühlen, dann liebe ich ihn doch nicht um seiner selbst willen, sondern um meiner selbst willen. Seine „Selbstobjektfunktion“ macht ihn zum Instrument meiner Selbststabilisierung. Er ist nützlich für mich – und damit wären wir bei Aristoteles‘ niedrigster Stufe gelandet, der Nutzenfreundschaft, nicht bei der Tugendfreundschaft. Schlimmer noch: Wenn der Freund primär eine Funktion erfüllt, dann ist er im Prinzip austauschbar. Sobald jemand anderes die Funktion besser erfüllt, könnte ich ihn ersetzen – so wie man ein Werkzeug ersetzt, wenn ein besseres verfügbar wird. Das wäre das Gegenteil von dem, was wir unter Freundschaft verstehen.
Dieser Einwand trifft etwas Reales. Es gibt tatsächlich Beziehungen, die so funktionieren: Der andere ist nur Mittel zum Zweck, austauschbar, sobald er nicht mehr nützlich ist. Das Kino kennt diesen Typus: der Freund, der fallengelassen wird, sobald er nicht mehr nützt; der Mentor, der verraten wird, sobald der Schüler ihn überholt hat; der Kumpel, der nur so lange interessant ist, wie er Zugang zu bestimmten Kreisen verschafft. Aber – und das ist entscheidend – solche Beziehungen nennen wir intuitiv nicht Freundschaft. Wir nennen sie Ausbeutung, Opportunismus, Kalkül. Der Einwand zeigt also einen echten Unterschied: Es gibt einen Unterschied zwischen Freundschaft und bloßem Gebrauch. Die Frage ist nur, worin dieser Unterschied liegt. Liegt er darin, dass echte Freundschaft gar kein Bedürfnis enthält – dass wir den Freund lieben, ohne ihn zu brauchen? Oder liegt er woanders?
Ich denke, er liegt woanders. Die Annahme, dass Brauchen und Lieben sich ausschließen, ist selbst das Problem. Sie unterstellt, dass wir entweder den anderen „rein“ um seiner selbst willen lieben – ohne jedes Eigeninteresse, ohne jede Funktion, die er für uns erfüllt – oder dass wir ihn benutzen. Aber diese Alternative ist falsch. Sie verkennt, wie menschliche Beziehungen funktionieren. Der Psychoanalytiker Ronald Fairbairn hat argumentiert, dass wir von Grund auf „objektsuchend“ sind – das heißt: Wir sind von Anfang an auf Beziehungen ausgerichtet, nicht weil wir Triebe befriedigen wollen, sondern weil Beziehung selbst das ist, was wir suchen (Fairbairn, 1952). Wir brauchen andere Menschen nicht, obwohl wir sie lieben – wir brauchen sie, weil wir sie lieben, und wir lieben sie, weil wir sie brauchen. Bedürfnis und Zuneigung sind keine Gegensätze; sie sind zwei Seiten derselben Sache.
Was unterscheidet dann Freundschaft von bloßem Gebrauch? Nicht die Abwesenheit von Bedürfnis – die wäre unmenschlich. Sondern die Art, wie wir mit dem Bedürfnis umgehen. In einer ausbeuterischen Beziehung wird der andere auf seine Funktion reduziert. Er ist nur das, was er für mich tut. Ich sehe ihn nicht als eigenständige Person mit eigenen Bedürfnissen, eigener Geschichte, eigenem Wert. In einer Freundschaft dagegen ist das Bedürfnis eingebettet in eine Beziehung, in der ich den anderen auch als eigenständige Person sehe und schätze. Ich brauche ihn – und ich liebe ihn. Beides gleichzeitig, ohne dass das eine das andere aufhebt. In „Ziemlich beste Freunde“ wird genau diese Integration sichtbar. Philippe braucht Driss – das ist unübersehbar, er kann ohne ihn nicht einmal aufstehen. Driss braucht Philippe – weniger offensichtlich, aber ebenso real: Er braucht jemanden, der ihn ernst nimmt, der ihm etwas zutraut, der ihn nicht auf seine Herkunft reduziert. Beide brauchen einander. Und beide lieben einander – nicht obwohl sie einander brauchen, sondern in und durch dieses Brauchen hindurch. Die Bedürftigkeit wird nicht versteckt oder überwunden; sie wird anerkannt und dadurch transformiert.
Hier kommt ein Begriff ins Spiel, der für den ganzen Essay zentral ist: Integrationsarbeit. Damit meine ich die Fähigkeit, widersprüchliche Aspekte der eigenen Erfahrung zusammenzuhalten, ohne sie zu verleugnen oder aufzulösen. Ich bin der, der den Freund braucht – und ich bin der, der ihn um seiner selbst willen schätzt. Beide sind wahr. Die Spannung zwischen ihnen ist nicht das Problem; sie ist das Material, aus dem reife Freundschaft gemacht ist. Die unreife Position wäre, eine Seite zu verleugnen: entweder zu behaupten, man brauche den Freund gar nicht (Verleugnung der Abhängigkeit), oder zu behaupten, man liebe ihn nur wegen seiner Funktion (Zynismus). Die reife Position hält beides aus. Sie sagt: Ja, ich brauche dich. Und ja, ich schätze dich als den, der du bist – nicht nur als den, der etwas für mich tut. Diese Integration ist keine einmalige Leistung, sondern eine fortwährende Arbeit. Sie kann gelingen und scheitern, und sie muss in jeder Freundschaft immer wieder neu vollzogen werden.
Zweite Streitachse: Symmetrie und Asymmetrie
Ein weiterer Punkt, an dem sich philosophische Theorie und gelebte Erfahrung reiben, betrifft die Gegenseitigkeit. Hier muss man allerdings zwei Fragen unterscheiden, die oft vermischt werden. Die erste Frage ist begrifflich: Muss Freundschaft wechselseitig sein? Die Antwort der Philosophie ist eindeutig: Ja. „Einseitige Freundschaft“ ist ein Widerspruch in sich – es wäre keine Freundschaft, sondern bloß einseitige Zuneigung. Während „unerwiderte Liebe“ zumindest als tragische Möglichkeit denkbar ist, ist „unerwiderte Freundschaft“ sinnlos (Helm, 2021). Wenn ich jemanden für meinen Freund halte und er mich nicht, dann irre ich mich – wir sind keine Freunde, ich habe nur geglaubt, wir wären es.
Die zweite Frage ist faktisch: Muss Freundschaft symmetrisch sein – müssen beide gleich viel geben, gleich viel investieren, gleich viel brauchen? Hier wird es komplizierter. Begrifflich setzt Freundschaft Gegenseitigkeit voraus; aber faktisch sind Freundschaften fast nie perfekt symmetrisch. In der Realität gibt es immer Phasen, in denen einer mehr investiert als der andere. Einer ruft häufiger an. Einer macht öfter Vorschläge fürs Treffen. Einer hört mehr zu, während der andere mehr redet. Einer braucht gerade mehr Unterstützung, während der andere gerade stabiler ist. Das kennt jeder, der eine Freundschaft hat, die länger als ein paar Monate dauert.
Die Frage ist nicht, ob solche Asymmetrien existieren – das tun sie offensichtlich. Die Frage ist, wie viel Asymmetrie eine Freundschaft verträgt, bevor sie kippt. Hier hilft ein Begriff, den ich „getragene Asymmetrie“ nennen möchte. Damit meine ich: Eine Asymmetrie, die beide Seiten wahrnehmen, akzeptieren und als temporär verstehen. „Ich weiß, gerade bin ich diejenige, die mehr nimmt als gibt. Aber ich weiß auch: Wenn es ihr schlecht geht, bin ich für sie da. Und sie weiß das auch.“ Getragene Asymmetrie setzt Vertrauen voraus – das Vertrauen, dass das Ungleichgewicht nicht dauerhaft ist, dass sich die Waage irgendwann wieder einpendeln wird. Nicht buchhalterisch, nicht Punkt für Punkt – aber im Grundgefühl, dass es „stimmt“.
Die „Herr der Ringe“-Trilogie zeigt getragene Asymmetrie in ihrer reinsten Form. Frodo und Sam sind von Anfang an asymmetrisch – Sam ist der Gärtner, der Diener; Frodo ist der Ringträger, der Herr. Sam kocht, trägt das Gepäck, hält Wache. Frodo trägt den Ring – und wird dabei langsam zerstört. Oberflächlich betrachtet könnte man sagen: Sam gibt mehr. Er ist der Aufopfernde, der Treue, der alles für seinen Freund tut. Aber diese Rechnung übersieht etwas Entscheidendes: Sie sieht nicht die Last, die Frodo trägt, und sie sieht nicht die Ehre, die Sam empfindet. Sam gibt viel – aber er empfängt auch viel: die Ehre, an etwas Großem teilzuhaben; das Gefühl, gebraucht zu werden; die Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen. Die Asymmetrie wird getragen von einem tieferen Band, das beide verbindet. Und am Ende kehrt sie sich um: Frodo kann nicht mehr, seine Kräfte sind erschöpft, der Ring hat ihn fast zerstört. Und Sam trägt ihn – buchstäblich – den Berg hinauf. „Ich kann den Ring nicht für dich tragen, aber ich kann dich tragen!“ Dieser Satz ist das Emblem getragener Asymmetrie: Nicht perfekte Gegenseitigkeit in jedem Moment, sondern die Bereitschaft, das Ungleichgewicht zu halten, weil das Grundvertrauen intakt ist.
Aber nicht jede Asymmetrie kann getragen werden. Manche Freundschaften sind strukturell asymmetrisch – eine Person ist dauerhaft der Geber, die andere dauerhaft der Nehmer. Das führt früher oder später zu Erschöpfung, zu Ressentiment, zum Bruch. Hier stellt die Psychoanalyse eine unbequeme Frage: Warum hat sich diese Asymmetrie eingestellt? Und warum wird sie aufrechterhalten – von beiden Seiten? Denn chronische Asymmetrie ist selten Zufall. Sie hat unbewusste Gründe. Der chronische Geber hat oft etwas davon, immer zu geben: vielleicht die Bestätigung, gebraucht zu werden; vielleicht das Gefühl moralischer Überlegenheit; vielleicht die Vermeidung eigener Bedürftigkeit, die durch das ständige Geben abgewehrt wird. Wer immer gibt, muss nie nehmen – und muss sich nie der Angst stellen, dass er selbst bedürftig ist und abgewiesen werden könnte. Der chronische Nehmer hat ebenfalls etwas davon: vielleicht die Vermeidung von Verantwortung; vielleicht eine tiefe Überzeugung, nicht genug geben zu können, also lieber gar nichts zu geben; vielleicht die Wiederholung eines frühen Beziehungsmusters, in dem er immer der Versorgte war.
Diese Muster zu erkennen ist der erste Schritt zur Veränderung – aber Erkenntnis allein reicht nicht. Die Muster müssen angesprochen werden, und das erfordert Mut. Viele Freundschaften scheitern nicht an zu wenig Liebe, sondern an zu wenig Ehrlichkeit über die Asymmetrie, die sich eingeschlichen hat. Die reife Freundschaft ist nicht die, in der es keine Asymmetrien gibt – das wäre unrealistisch. Sie ist die, in der Asymmetrien wahrgenommen, angesprochen und immer wieder neu ausbalanciert werden können. Das verlangt von beiden Seiten die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen: der Geber muss zugeben können, dass er auch braucht; der Nehmer muss zugeben können, dass er auch geben kann. Beides ist schwerer, als es klingt.
Dritte Streitachse: Autonomie und wechselseitige Formung
Eine dritte Spannung, die in Freundschaften wirkt und selten explizit wird, betrifft das Verhältnis von Autonomie und wechselseitiger Formung. Moderne westliche Gesellschaften betonen die Autonomie des Individuums. Wir sollen selbstbestimmt leben, unsere eigenen Entscheidungen treffen, authentisch sein. Der gute Freund, so die verbreitete Vorstellung, respektiert diese Autonomie. Er ist da, wenn wir ihn brauchen – aber er mischt sich nicht ein. Er akzeptiert uns, wie wir sind – und versucht nicht, uns zu verändern. „Ein wahrer Freund nimmt dich so, wie du bist“ – dieser Satz klingt wie eine Selbstverständlichkeit.
Aber stimmt er? Gleichzeitig wissen wir nämlich: Enge Beziehungen formen uns. Sie verändern, wer wir sind und wer wir werden. Wer mit fünfundzwanzig einen Freund hat, der leidenschaftlich Jazz hört, wird mit fünfundvierzig anders über Musik denken als ohne diesen Freund. Wer einen Freund hat, der politisch engagiert ist, wird politischer. Wer einen Freund hat, der viel liest, wird selbst mehr lesen. Manchmal geschieht diese Formung bewusst – der Freund empfiehlt ein Buch, schlägt eine Reise vor, eröffnet eine neue Perspektive. Oft geschieht sie unbewusst, durch bloße Nähe und Osmose. Wir werden einander ähnlicher, ohne es zu merken. Wir übernehmen Redewendungen, Gewohnheiten, Überzeugungen. Das ist keine Schwäche – das ist, was Beziehung bedeutet.
Die Frage ist: Darf der Freund diese Formung wollen? Oder ist das ein Übergriff auf die Autonomie des anderen? Hier zeigt sich, dass die beiden Werte – Autonomie und Fürsorge – nicht immer harmonieren. Gerade weil wir den Freund lieben, wollen wir manchmal, dass er anders wird: glücklicher, gesünder, mehr er selbst (Helm, 2010). Das muss kein Übergriff sein – es kann Ausdruck von Fürsorge sein. Aber die Grenze ist nicht leicht zu ziehen. Wann ist mein Wunsch, dass der Freund sich verändert, Ausdruck meiner Sorge um ihn – und wann ist er Ausdruck meines Wunsches, ihn so zu haben, wie ich ihn haben will? Die Motive sind oft gemischt, und wir selbst sind nicht die besten Richter darüber.
Eines ist allerdings klar: Der Freund, der schweigend zusieht, wie wir uns selbst zerstören, handelt nicht respektvoller als der Freund, der interveniert. Er handelt gleichgültiger. Der Freund, der uns trinken lässt, ohne etwas zu sagen; der unsere destruktiven Beziehungsmuster nie anspricht; der unsere Selbsttäuschungen bestätigt, statt sie sanft zu hinterfragen – dieser Freund schützt nicht unsere Autonomie. Er schützt seine eigene Bequemlichkeit. Es ist unangenehm, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Es ist riskant, den Freund zu konfrontieren – er könnte wütend werden, sich zurückziehen, die Freundschaft beenden. Wer schweigt, vermeidet dieses Risiko. Aber er zahlt einen Preis: Er gibt die Freundschaft auf, um sie zu erhalten.
„Leaving Las Vegas“ (1995) zeigt das tragische Extrem dieser Haltung. Sera liebt Ben – aber sie interveniert nicht, als er sich zu Tode trinkt. Ben hat ihr gesagt, sie solle nicht versuchen, ihn zu retten, und sie respektiert diesen Wunsch. Manche haben den Film als Liebesgeschichte gelesen: eine Liebe, die den anderen akzeptiert, wie er ist, ohne ihn ändern zu wollen. Andere haben ihn als Darstellung einer Beziehung gesehen, die an falscher Toleranz scheitert. Der Film lässt die Frage offen, aber er stellt sie mit aller Schärfe: Wo endet Respekt vor der Autonomie des anderen – und wo beginnt Gleichgültigkeit, die sich als Respekt tarnt? Es gibt keine einfache Antwort. Was es gibt, ist die Notwendigkeit, die Frage immer wieder neu zu stellen – in jeder Freundschaft, in jeder Situation. Und die Bereitschaft, die eigenen Motive zu prüfen: Geht es um sein Wohlergehen – oder um meines?
Drei Dimensionen – und ein Übergang zu den Typen
Bevor wir zu konkreten Typen von Freundschaft kommen, lohnt ein Blick zurück auf die Dimensionen, die wir bisher entwickelt haben. Jede Freundschaft lässt sich auf mindestens drei Achsen verorten.
Die erste Achse betrifft das Verhältnis von Objektliebe und Selbstobjektgebrauch: Wo liegt diese Freundschaft zwischen dem Pol, den Freund ganz um seiner selbst willen zu schätzen, und dem Pol, ihn für die eigene psychische Stabilität zu brauchen? Die zweite Achse betrifft Symmetrie und Asymmetrie: Geben beide ungefähr gleich viel, oder trägt einer mehr als der andere – und wenn ja, kann diese Asymmetrie getragen werden? Die dritte Achse, die wir bisher nur gestreift haben, betrifft Transparenz und Opazität: Wie viel teilen die Freunde miteinander, und wie viel bleibt respektiert verborgen? Manche Freundschaften leben davon, dass alles gesagt werden kann; andere leben davon, dass manches ungesagt bleibt. Beides kann gesund sein – pathologisch wird es erst, wenn die Transparenz zur Entblößung wird (ich muss alles sagen, sonst bin ich nicht authentisch) oder die Opazität zur Mauer (ich darf nichts zeigen, sonst werde ich verletzt).
Diese Dimensionen sind keine Bewertungsskalen. Es gibt nicht einen „besseren“ und einen „schlechteren“ Pol. Gesunde Freundschaften bewegen sich dynamisch auf allen drei Achsen – mal braucht einer mehr, mal gibt einer mehr, mal redet man über alles, mal schweigt man gemeinsam. Das Entscheidende ist, dass die Bewegung nicht erstarrt, dass beide Richtungen möglich bleiben. Die folgenden Typen sind Konstellationen auf diesen Achsen – keine Schubladen, in die Menschen gesteckt werden, sondern Lesebrillen, die bestimmte Aspekte einer Freundschaft hervorheben.
Sieben Typen der Freundschaft
Die folgenden Typen sind Idealtypen im soziologischen Sinn – Verdichtungen, die in der Realität selten rein vorkommen. Die meisten Freundschaften sind Mischformen, und dieselbe Freundschaft kann im Laufe der Jahre ihren Charakter verändern. Was heute eine Zeugenfreundschaft ist, kann morgen eine Allianzfreundschaft werden – oder umgekehrt. Die Typen beschreiben keine festen Identitäten, sondern dynamische Konstellationen. Ich stelle sie vor, weil sie helfen, verschiedene Aspekte von Freundschaft zu sehen, die sonst unsichtbar bleiben könnten.
Die Tugend- oder Lebensformfreundschaft entspricht dem aristotelischen Ideal, erweitert durch Bordts Einsicht, dass Freunde nicht nur Tugenden teilen, sondern eine grundlegende Orientierung am guten Leben – das gemeinsame F im Dreieck. In dieser Freundschaft fragen zwei Menschen nicht nur „Was machst du?“, sondern „Wie willst du leben?“ – und ihre Antworten überschneiden sich in wesentlichen Punkten. Harry, Ron und Hermione in der „Harry Potter“-Reihe verbindet nicht nur das gemeinsame Abenteuer, sondern eine geteilte moralische Orientierung: der Mut, das Richtige zu tun, auch wenn es gefährlich ist; die Loyalität, auch wenn sie kostet; der Glaube, dass Liebe stärker ist als Macht. Diese geteilte Lebensform hält sie zusammen, auch wenn sie streiten – und sie erklärt, warum ihre Freundschaft die Schulzeit überlebt. Die Gefahr dieser Freundschaft liegt in ihrer Exklusivität: Sie kann zerbrechen, wenn sich einer von beiden grundlegend verändert, wenn das gemeinsame F erodiert.
Die Spiegelungsfreundschaft stellt die psychische Funktion in den Vordergrund. Der Freund ist primär wichtig, weil er spiegelt – weil er uns sieht, bestätigt, anerkennt. Das klingt abwertend, ist es aber nicht. Solche Freundschaften können hochstabil und befriedigend sein, solange beiden klar ist, was sie voneinander brauchen. In „Good Will Hunting“ braucht Will seinen Freund Chuckie für eine bestimmte Art der Spiegelung: Chuckie zeigt ihm nicht, wer er ist, sondern wer er sein könnte. Die berühmte Szene, in der Chuckie sagt, er warte jeden Tag darauf, dass Will nicht mehr zur Arbeit kommt, ist ein Akt radikaler Spiegelung – und ein Geschenk, das nur ein Freund machen kann. Die Gefahr liegt darin, dass die Freundschaft in die Krise gerät, wenn das Selbstobjekt „versagt“ – wenn der spiegelnde Freund plötzlich kritisiert statt bestätigt.
Die Zeugenfreundschaft dreht sich um gemeinsame Geschichte. Der Freund ist wichtig, weil er dabei war – bei der Schulzeit, der ersten großen Liebe, der Krise, der Wandlung. Er ist der lebende Beweis, dass unsere Erinnerungen nicht Einbildung sind. „Stand by Me“ ist der paradigmatische Film: Die vier Jungen erleben zusammen etwas, das sie für immer verbindet. Jahre später, als Erwachsener, erfährt der Erzähler vom Tod seines Freundes Chris – und schreibt die Geschichte auf. Das Schreiben selbst ist ein Akt des Bezeugens. Die Zeugenfunktion erklärt auch, warum Freunde des gleichen Alters eine besondere Rolle spielen: Sie sind lebende Zeitkapseln, Menschen, die dieselbe historische Erfahrung gemacht haben, dieselben kulturellen Referenzen teilen (Colarusso, 1998). Mit ihnen muss man weniger erklären. Die Gefahr der Zeugenfreundschaft liegt in der Stagnation: Wenn die Freundschaft sich nur auf die Vergangenheit bezieht, wird sie zum Museum.
Die Containment-Freundschaft entsteht, wenn einer der Partner eine Art Haltefunktion für den anderen übernimmt. Der Begriff „Containment“ stammt vom Psychoanalytiker Wilfred Bion: Der Container nimmt schwierige Gefühle auf, die der andere nicht allein verarbeiten kann, „verdaut“ sie gleichsam und gibt sie in erträglicherer Form zurück (Bion, 1962). Das ist keine Pathologie – wir alle brauchen manchmal jemanden, der unsere Angst, unsere Wut, unsere Verzweiflung aushält, ohne davon überwältigt zu werden. In „Ziemlich beste Freunde“ ist Driss für Philippe auch Container: Er nimmt dessen Wut und Bitterkeit auf und gibt sie durch seinen eigenen Humor transformiert zurück. Die Gefahr liegt in der Chronifizierung: Wenn einer dauerhaft der Container ist und der andere dauerhaft der Bedürftige, erschöpft sich die Beziehung. Die gesunde Variante ist wechselseitig oder zumindest temporär – mal braucht der eine Containing, mal der andere.
Die Distanzfreundschaft verbindet Menschen, die sich selten sehen, aber tief verbunden bleiben. Sie leben in verschiedenen Städten, haben unterschiedliche Lebensrhythmen, sehen sich vielleicht nur alle paar Jahre. Aber wenn sie sich treffen, ist die Verbindung sofort da, als hätten sie sich gestern gesehen. Diese Freundschaften leben von der internalisierten Präsenz des anderen – der Freund ist zur inneren Figur geworden, die auch ohne äußeren Kontakt lebendig bleibt. Kirk und Spock in „Star Trek“ verkörpern diese Freundschaft: emotional sehr verschieden, räumlich oft getrennt, aber in der Gewissheit verbunden, dass der andere da ist, wenn es darauf ankommt. Die Gefahr liegt darin, dass die Freundschaft zur reinen Potenzialität wird – einer Verbindung, die theoretisch existiert, aber nie mehr aktualisiert wird.
Die Allianzfreundschaft entsteht durch einen gemeinsamen Kampf – politisch, beruflich, persönlich. Die Bindung wird im Feuer geschmiedet. In „Thelma & Louise“ werden zwei Frauen durch ihre gemeinsame Flucht zu einer Einheit, die am Ende lieber gemeinsam stirbt, als sich zu trennen. Freundschaften, die in Krisenzeiten entstehen – im Krieg, im Widerstand, in der gemeinsamen Bewältigung einer Katastrophe – haben oft diese Qualität: eine Intensität, die durch geteilte Gefahr entsteht. Die Gefahr liegt in der Frage, was passiert, wenn der Kampf vorbei ist. Viele Allianzfreundschaften überleben das Ende ihrer Ursache nicht. Wenn der gemeinsame Feind verschwindet, verschwindet manchmal auch das Band.
Die Komplementärfreundschaft schließlich verbindet Menschen, die einander ergänzen, indem sie gegensätzliche Aspekte verkörpern. In „The Odd Couple“ trägt Oscar das Chaos, das Felix nicht leben kann; Felix trägt die Ordnung, die Oscar ablehnt. Psychoanalytisch gesprochen kann man sagen: Beide projizieren abgespaltene Selbstanteile auf den anderen – und brauchen einander, um durch den anderen den verdrängten Teil von sich zu erleben. Das klingt pathologisch, muss es aber nicht sein. Solche Freundschaften können beiden helfen, vollständiger zu werden – wenn sie zur Integration führen: Der projizierte Anteil wird als eigener erkannt und schrittweise zurückgenommen. Felix lernt, dass auch er chaotisch sein darf; Oscar lernt, dass auch er Ordnung schätzen kann. Die Gefahr liegt darin, dass die Projektion erstarrt – dass der Freund zum bloßen Gefäß wird und nie als eigenständige Person gesehen wird.
Was zeigen diese sieben Typen zusammengenommen? Sie zeigen, dass Freundschaft viele Gesichter hat – und dass keines davon das „richtige“ ist. Sie zeigen, dass psychische Funktionen (Spiegelung, Containing, Zeugnis) kein Makel sind, sondern Teil dessen, was Freundschaft wertvoll macht. Und sie zeigen, dass jeder Typ seine eigenen Gefahren birgt – Stagnation, Erschöpfung, Projektion, Erstarrung. Die Frage ist nie, ob eine Freundschaft „rein“ ist, sondern ob sie lebendig bleibt.
Ein westlicher Blick – und seine Grenzen
An dieser Stelle muss ich einen Vorbehalt einräumen. Alles, was ich bisher geschrieben habe, ist durch eine westliche Brille gefiltert. Die philosophische Tradition, auf die ich mich beziehe – von Aristoteles über Montaigne bis zu den analytischen Philosophen der Gegenwart – ist europäisch und nordamerikanisch. Die psychoanalytische Tradition ebenso. Es wäre naiv zu glauben, dass diese Perspektiven universell gültig sind.
In konfuzianisch geprägten Gesellschaften etwa ist Freundschaft keine rein freiwillige Beziehung zwischen zwei autonomen Individuen, die sich gegenseitig „so nehmen, wie sie sind“. Sie ist eingebettet in ein Netz sozialer Beziehungen und Pflichten. Das chinesische Konzept „renqing“ beschreibt die Erwartung, dass Beziehungen aktiv gepflegt werden müssen – durch Gaben, Gefälligkeiten, wechselseitige Verpflichtungen (Hongladarom & Joaquin, 2021). Freundschaft ist dort nicht das Gegenteil von Pflicht, sondern eine Form von Pflicht. Die westliche Idee, dass der „wahre Freund“ derjenige ist, von dem ich nichts erwarte und dem ich nichts schulde, wäre in diesem Kontext befremdlich. Freundschaft ist gerade durch Erwartungen und Verpflichtungen definiert – nicht trotz ihrer.
Was lernen wir daraus? Nicht, dass die westliche Perspektive falsch wäre – aber dass sie einseitig ist. Eine Stärke der westlichen Tradition liegt darin, dass sie die Einzigartigkeit des Individuums ernst nimmt und Freundschaft nicht auf soziale Funktion reduziert. Ein blinder Fleck liegt darin, dass sie die Bedeutung von Verpflichtung und Kontinuität unterschätzt. Sie neigt dazu, Freundschaft als etwas zu behandeln, das man hat, solange es „sich gut anfühlt“, und das man aufgibt, wenn es das nicht mehr tut. Die Idee, dass Freundschaft auch Arbeit sein kann – dass man zu einem Freund stehen sollte, auch wenn die spontane Zuneigung gerade nachlässt –, gerät dabei aus dem Blick. Vielleicht liegt die Weisheit in der Integration: Eine Freundschaft, die nur auf Pflicht beruht, ist hohl. Eine Freundschaft, die nur auf spontaner Zuneigung beruht, ist fragil. Die reife Freundschaft verbindet beides – Zuneigung und Verpflichtung, Freiheit und Bindung.
Vierte Streitachse: Ist der Freund ersetzbar?
Die Philosophie stellt eine Frage, die zunächst technisch klingt, aber das Herz dessen berührt, was Freundschaft ausmacht: Ist der Freund fungibel – also ersetzbar durch jemanden mit ähnlichen Eigenschaften? Die Frage entsteht aus einem Paradox. Einerseits scheint klar: Natürlich ist mein Freund unersetzlich! Ich könnte ihn nicht einfach durch jemand anderen ersetzen. Andererseits: Wenn ich gefragt werde, warum ich ihn schätze, nenne ich Eigenschaften – er ist klug, witzig, warmherzig, verlässlich. Aber diese Eigenschaften sind allgemein. Auch andere Menschen könnten klug, witzig, warmherzig und verlässlich sein. Wenn ich den Freund wegen seiner Eigenschaften schätze und jemand anders dieselben Eigenschaften hat – warum sollte ich dann nicht wechseln können?
Dieses Paradox ist nicht bloß akademisch. „Her“ (2013) stellt es auf verstörende Weise: Theodore verliebt sich in sein Betriebssystem Samantha. Sie ist klug, empathisch, versteht ihn wie niemand sonst. Er fühlt sich einzigartig verbunden. Aber am Ende erfährt er, dass Samantha gleichzeitig mit Hunderten anderen Menschen „in Beziehung“ ist – dass sie mit vielen dieselbe Intimität teilt, die er für exklusiv hielt. Die Einzigartigkeit, die er empfunden hat, war Illusion. Für ihn zerstört das die Beziehung. Und diese Reaktion ist aufschlussreich: Freundschaft und Liebe beruhen auf der Vorstellung, dass der andere unersetzlich ist – nicht weil er objektiv einzigartig wäre (das ist jeder), sondern weil die Beziehung zu ihm einzigartig ist.
Hier liegt die Auflösung des Paradoxes: Es sind nicht die Eigenschaften als solche, die den Freund unersetzlich machen – es ist die Geschichte, die wir mit ihm teilen (White, 1999). Mein Freund ist nicht einfach „klug“; er ist derjenige, mit dem ich jahrelang über Bücher diskutiert habe. Er ist nicht einfach „warmherzig“; er ist derjenige, der da war, als mein Vater starb. Diese Geschichte kann nicht durch jemand anderen ersetzt werden, selbst wenn dieser andere dieselben Eigenschaften hätte. Die Philosophin Patricia White nennt das „thicker ties“ – Bindungen, die durch geteilte Erfahrung verdichtet sind. Sie können nicht dupliziert werden, weil sie Zeit brauchen; und Zeit lässt sich nicht abkürzen.
Die Psychoanalyse ergänzt: Die Beziehung hat nicht nur eine äußere Geschichte, sie hat auch eine innere Repräsentanz. Mein Freund ist Teil meiner psychischen Struktur geworden – eine innere Stimme, eine Ressource, ein Stück von dem, was ich „ich“ nenne. Ihn zu „ersetzen“ wäre nicht wie ein Werkzeug auszutauschen. Es wäre, als würde man ein Stück von sich selbst amputieren. Deshalb tut es so weh, einen alten Freund zu verlieren – nicht nur weil wir traurig sind, sondern weil wir weniger werden.
Fünfte Streitachse: Freundschaft und Moral
Die letzte Spannung, die ich benennen möchte, betrifft das Verhältnis von Freundschaft und Moral. Auf den ersten Blick scheinen beide gut zusammenzupassen. Freundschaft fördert Tugenden – Loyalität, Großzügigkeit, Ehrlichkeit. Sie macht uns zu besseren Menschen. Aristoteles dachte, dass nur tugendhafte Menschen zur wahren Freundschaft fähig sind – Freundschaft und Moral gehören zusammen.
Aber bei näherem Hinsehen zeigt sich eine Spannung. Freundschaft ist parteiisch – sie bevorzugt den einen vor dem anderen. Mein Freund steht mir näher als der Fremde; seine Interessen wiegen für mich schwerer. Moral dagegen – zumindest in vielen Traditionen – ist unparteiisch. Sie verlangt, dass ich alle Menschen gleich behandle, dass ich nicht willkürlich den einen vor dem anderen bevorzuge. Wenn ich zwischen meinem Freund und einem Fremden wählen muss – wen soll ich retten, wem soll ich helfen? – dann sagt die Freundschaft: meinen Freund. Und die Moral? Die Antwort ist weniger klar.
Der Philosoph Michael Stocker hat argumentiert, dass moderne Moraltheorien an einer Art „Schizophrenie“ leiden (Stocker, 1976). Sie verlangen, dass wir aus bestimmten Gründen handeln – aus Pflicht, aus dem Streben nach dem größten Glück für die größte Zahl. Aber diese Gründe passen oft nicht zu dem, was wir tatsächlich fühlen und wollen. Stellen Sie sich vor, Sie besuchen einen kranken Freund im Krankenhaus. Sie tun das nicht, weil es Ihre moralische Pflicht ist, Kranke zu besuchen. Sie tun es auch nicht, weil es das allgemeine Glück maximiert. Sie tun es, weil dieser konkrete Mensch Ihr Freund ist und Sie ihn sehen wollen. Wenn Sie auf die Frage „Warum besuchst du mich?“ antworten würden: „Weil es meine Pflicht ist“ oder „Weil es das Glück maximiert“, wäre etwas grundfalsch. Ihr Freund würde sich zu Recht fragen, ob Sie ihn überhaupt mögen. Die Freundschaft verlangt, dass wir aus Freundschaft handeln – nicht aus Pflicht, nicht aus Kalkül. Das ist ein anderer Grund als die, die Moraltheorien anerkennen.
Was folgt daraus? Nicht, dass Freundschaft unmoralisch wäre. Sondern dass die Parteilichkeit der Freundschaft selbst einen moralischen Wert hat, der durch unparteiische Prinzipien nicht ersetzt werden kann. Eine Welt ohne Freundschaft wäre moralisch ärmer – nicht nur weil Freundschaft subjektiv angenehm ist, sondern weil sie eine Form des Guten ist, die anders nicht erreichbar wäre. Die konkrete, parteiische Fürsorge für diesen Menschen, den ich kenne und liebe, ist etwas anderes als die abstrakte, unparteiische Fürsorge für „die Menschen“. Beides hat seinen Platz. Die Weisheit liegt darin, die Spannung zwischen beiden auszuhalten – und in jedem konkreten Fall neu zu entscheiden, ohne sich auf eine Formel zurückziehen zu können, die einem die Entscheidung abnimmt.
Epilog: Zurück zur Kontaktliste
Ich scrolle wieder durch meine Kontakte. Aber diesmal sehe ich mehr als Namen. Ich sehe Geschichten – Jahre des Teilens, Krisen, die wir zusammen durchgestanden haben, Wandlungen, die wir aneinander bezeugt haben. Ich sehe Funktionen – und schäme mich nicht mehr dafür: Manche dieser Menschen brauche ich, um mich gespiegelt zu fühlen; manche, um einen Teil meiner Geschichte lebendig zu halten; manche, um einen Aspekt von mir zu leben, den ich allein nicht leben könnte. Ich sehe Dynamiken – Asymmetrien, die getragen werden; Spannungen, die produktiv sind; Schweigen, das verbindet, und Schweigen, das trennt. Ich sehe Arbeit – die Arbeit der Integration, die nie abgeschlossen ist.
Freundschaft, so verstanden, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eine Leistung – eine Integrationsleistung, die nie ganz fertig wird. Wir scheitern an ihr, immer wieder. Wir enttäuschen unsere Freunde und werden von ihnen enttäuscht. Wir projizieren, wir verleugnen, wir idealisieren. Wir brauchen mehr, als wir zugeben wollen, und geben weniger, als wir könnten. Aber wir versuchen es weiter. Weil Freundschaft zu dem gehört, was ein menschliches Leben lebenswert macht. Nicht weil sie ein Ideal erfüllt – das tut sie selten. Sondern weil sie uns erlaubt, gesehen zu werden und zu sehen. Weil jemand unsere Geschichte bezeugt. Weil wir, wie die Philosophie sagt, den Freund um seiner selbst willen schätzen können – und weil wir, wie die Psychoanalyse zeigt, ihn zugleich für uns selbst brauchen. Beides stimmt. Die Weisheit liegt in der Integration.
Am Ende von „Der Herr der Ringe“ sind Frodo und Sam am Ende ihrer Kräfte. Der Ring ist zerstört, die Welt ist gerettet, aber sie selbst sind verloren – auf einem Felsen inmitten der Lava, ohne Ausweg. Sam sagt: „Ich bin froh, dass du bei mir bist, Herr Frodo. Hier am Ende aller Dinge.“ Das ist ein Satz über Freundschaft. Er sagt nicht: Ich bin froh, dass wir gerettet werden. Er sagt nicht: Ich bin froh, dass wir gewonnen haben. Er sagt: Ich bin froh, dass du bei mir bist. Die Gegenwart des Freundes ist genug – auch wenn alles andere verloren ist. Das ist keine Sentimentalität. Das ist die Wahrheit, die die Psychoanalyse freilegt und die Philosophie beschreibt: dass wir Selbstobjekte brauchen, um zu leben; dass geteilte Lebensformen uns verbinden; dass der Freund unersetzlich wird durch die Geschichte, die wir teilen. Und es ist die Wahrheit, die nur die Freundschaft selbst bezeugen kann: dass es möglich ist, einen anderen Menschen zu brauchen und ihn zugleich um seiner selbst willen zu lieben.
„Ich kann den Ring nicht für dich tragen – aber ich kann dich tragen.“
Literaturverzeichnis
Aristoteles. (o. J.). Nikomachische Ethik (Bücher VIII–IX).
Bordt, M. (2012). Philosophische Anthropologie [Vorlesungsskript]. Hochschule für Philosophie München.
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Fairbairn, W. R. D. (1952). Psychoanalytic studies of the personality. Tavistock.
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Hongladarom, S., & Joaquin, J. J. (Hrsg.). (2021). Love and friendship across cultures: Perspectives from East and West. Springer.
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Stocker, M. (1976). The schizophrenia of modern ethical theories. Journal of Philosophy, 73(14), 453–466.
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Filmverzeichnis
Amadeus (1984). Regie: Miloš Forman. Orion Pictures.
Bill & Ted’s Excellent Adventure (1989). Regie: Stephen Herek. Orion Pictures.
The Banshees of Inisherin (2022). Regie: Martin McDonagh. Searchlight Pictures.
The Big Chill (1983). Regie: Lawrence Kasdan. Columbia Pictures.
Bridesmaids (2011). Regie: Paul Feig. Universal Pictures.
Casablanca (1942). Regie: Michael Curtiz. Warner Bros.
Cinema Paradiso (1988). Regie: Giuseppe Tornatore. Miramax.
Dead Poets Society (1989). Regie: Peter Weir. Touchstone Pictures.
Die Verurteilten [The Shawshank Redemption] (1994). Regie: Frank Darabont. Columbia Pictures.
Dumb and Dumber (1994). Regie: Peter Farrelly. New Line Cinema.
E.T. the Extra-Terrestrial (1982). Regie: Steven Spielberg. Universal Pictures.
Fast & Furious (Filmreihe, 2001–2023). Diverse Regisseure. Universal Pictures.
Fight Club (1999). Regie: David Fincher. 20th Century Fox.
Finding Nemo (2003). Regie: Andrew Stanton. Pixar/Disney.
The First Wives Club (1996). Regie: Hugh Wilson. Paramount Pictures.
Forrest Gump (1994). Regie: Robert Zemeckis. Paramount Pictures.
The Four Seasons (1981). Regie: Alan Alda. Universal Pictures.
Girls Trip (2017). Regie: Malcolm D. Lee. Universal Pictures.
Good Will Hunting (1997). Regie: Gus Van Sant. Miramax.
GoodFellas (1990). Regie: Martin Scorsese. Warner Bros.
The Goonies (1985). Regie: Richard Donner. Warner Bros.
Gran Torino (2008). Regie: Clint Eastwood. Warner Bros.
Grown Ups [Kindsköpfe] (2010). Regie: Dennis Dugan. Columbia Pictures.
Harry Potter (Filmreihe, 2001–2011). Diverse Regisseure. Warner Bros.
Her (2013). Regie: Spike Jonze. Warner Bros.
Leaving Las Vegas (1995). Regie: Mike Figgis. United Artists.
Lethal Weapon (1987). Regie: Richard Donner. Warner Bros.
The Lion King (1994). Regie: Roger Allers & Rob Minkoff. Walt Disney Pictures.
The Lord of the Rings (Filmtrilogie, 2001–2003). Regie: Peter Jackson. New Line Cinema.
Lost in Translation (2003). Regie: Sofia Coppola. Focus Features.
Now and Then (1995). Regie: Lesli Linka Glatter. New Line Cinema.
The Odd Couple (1968). Regie: Gene Saks. Paramount Pictures.
Once Upon a Time in Hollywood (2019). Regie: Quentin Tarantino. Sony Pictures.
Pulp Fiction (1994). Regie: Quentin Tarantino. Miramax.
Rain Man (1988). Regie: Barry Levinson. United Artists.
Rocky (Filmreihe, 1976–2006). Diverse Regisseure. United Artists/MGM.
Romy and Michele’s High School Reunion (1997). Regie: David Mirkin. Touchstone Pictures.
Rush Hour (1998). Regie: Brett Ratner. New Line Cinema.
Set It Off (1996). Regie: F. Gary Gray. New Line Cinema.
Shaun of the Dead (2004). Regie: Edgar Wright. Universal Pictures.
The Sisterhood of the Traveling Pants (2005). Regie: Ken Kwapis. Warner Bros.
Sleepers (1996). Regie: Barry Levinson. Warner Bros.
Stand by Me (1986). Regie: Rob Reiner. Columbia Pictures.
Star Trek II: The Wrath of Khan (1982). Regie: Nicholas Meyer. Paramount Pictures.
Star Wars (Filmreihe, 1977–2019). Diverse Regisseure. Lucasfilm/Disney.
Thelma & Louise (1991). Regie: Ridley Scott. MGM.
The Town (2010). Regie: Ben Affleck. Warner Bros.
Top Gun (1986). Regie: Tony Scott. Paramount Pictures.
Top Gun: Maverick (2022). Regie: Joseph Kosinski. Paramount Pictures.
Ziemlich beste Freunde [Intouchables] (2011). Regie: Olivier Nakache & Éric Toledano. Gaumont.
Fiktive Debatte
/topic/ Plenum: Was bleibt, wenn der Film endet
/scene/ Ein Freitagabend im November. Claras Wohnung – die große Altbauwohnung mit den hohen Decken und dem Stuck, den sie nie renovieren lässt. Sechs Menschen haben sich versammelt, wie jeden ersten Freitag im Monat seit fast zehn Jahren. Auf der provisorischen Leinwand läuft der Abspann von „The Banshees of Inisherin“. Niemand steht auf, um das Licht anzumachen.
/note/ Sechs Menschen, die sich seit fünfzehn Jahren kennen. Die meisten seit dem ersten Semester, als sie noch nicht wussten, wer sie werden wollten. Jetzt sind sie Anfang vierzig, und die Frage ist nicht mehr, wer sie werden, sondern ob sie geworden sind, was sie sich vorgestellt hatten.
/note/ Clara sitzt auf dem Sessel am Fenster, die Beine untergeschlagen, ein Glas Wein in der Hand, das sie seit einer Stunde nicht angerührt hat. Sie hat den Abend organisiert, wie immer – die Einladungen, das Essen, die Sitzordnung, die zufällig wirkt und doch durchdacht ist. Gastgeberin nennen die anderen sie manchmal, halb im Scherz. Sie fragt sich, ob sie kommen, weil sie sie sehen wollen, oder weil jemand einladen muss und sie diejenige ist, die es tut.
/note/ Jonas sitzt am anderen Ende des Raums, das Handy in der Hand, obwohl er es während des Films nicht angerührt hat. Er hat den Film vorgeschlagen – einen irischen Film über zwei Männer, deren Freundschaft zerbricht, weil einer von ihnen beschließt, dass er Besseres verdient als Gespräche über nichts. Jonas ist der Erfolgreiche der Gruppe, der mit dem Eckbüro und dem Firmenwagen und den Geschichten von Deals, die die anderen nicht ganz verstehen. Er fragt sich manchmal, ob die anderen ihn mögen oder nur das, was er repräsentiert.
/note/ Paul sitzt auf dem Sofa, die Arme verschränkt, das Gesicht verschlossen. Er hat während der letzten halben Stunde kein Wort gesagt. Paul ist der Treue – der, der immer kommt, wenn jemand ruft, der nie Nein sagt, der seit fünfzehn Jahren derselbe geblieben ist, während alle anderen sich verändert haben. Manche würden sagen, er ist der Fels der Gruppe. Er selbst fragt sich manchmal, ob er ein Fels ist oder nur jemand, der nicht weiß, wie man sich bewegt.
/note/ Mira sitzt neben Jonas, obwohl sie nicht neben ihm sitzen wollte. Sie ist Therapeutin, und manchmal kann sie nicht anders, als die Dynamiken zu lesen – wer neben wem sitzt, wer wen ansieht, wer wen meidet. Sie registriert alles, auch wenn sie es nicht will. Die anderen kommen zu ihr, wenn sie jemanden zum Reden brauchen, und sie hört zu, weil sie es kann. Sie fragt sich manchmal, wer ihr zuhört.
/note/ David sitzt auf dem Boden, den Rücken gegen das Sofa gelehnt, eine Bierflasche in der Hand, die längst leer ist. Er war früher der Lustige – der mit den Witzen, der mit der Energie, der, der jede Party zum Leben erweckte. Seit seiner Trennung vor vier Monaten ist er stiller geworden. Die Witze landen nicht mehr ganz. Er kommt als Letzter und geht als Erster. Die anderen nennen ihn manchmal den Verlorenen, aber nur unter sich, nie zu ihm.
/note/ Elif sitzt am Rand, wie immer. Sie ist erst seit zwei Jahren dabei – kam durch Jonas‘ damalige Freundin Lea, blieb auch nach der Trennung. Die Neue nennen sie die anderen, obwohl zwei Jahre eigentlich nicht mehr neu sind. Sie beobachtet mehr als sie redet, fragt mehr als sie erzählt. Manchmal fühlt sie sich wie eine Ethnologin, die einen fremden Stamm studiert.
/note/ Der Abspann endet. Der Bildschirm wird schwarz. Niemand bewegt sich.
Paul (Der Treue): Das war das Deprimierendste, was ich je gesehen habe.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das war das Ehrlichste, was ich je gesehen habe.
Paul (Der Treue): Ehrlich? Ein Mann hackt sich die Finger ab, weil sein Freund nicht aufhört zu reden?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ein Mann, der merkt, dass er stirbt, ohne etwas hinterlassen zu haben. Der aufwacht und begreift, dass die Zeit abläuft. Dass er sein Leben mit Gesprächen verbracht hat, die nirgendwo hinführen.
Paul (Der Treue): Und deshalb wirft er seinen ältesten Freund weg? Einfach so?
Jonas (Der Erfolgreiche): Nicht einfach so. Er hat es erklärt. Er hat gesagt, warum.
Paul (Der Treue): Er hat gesagt, Pádraic ist langweilig. Dass die Gespräche über Esel und Wetter und was der Nachbar gesagt hat, ihn nicht mehr interessieren. Dass er Besseres mit seiner Zeit anfangen kann.
Jonas (Der Erfolgreiche): Und? Hat er nicht recht?
/note/ Die Frage hängt im Raum. Clara sieht, wie Paul sich versteift. Wie etwas zwischen ihm und Jonas sich verschiebt, etwas, das sie nicht ganz greifen kann.
Paul (Der Treue): Was willst du damit sagen?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich sage gar nichts. Ich stelle eine Frage.
Paul (Der Treue): Du stellst keine Frage. Du sagst etwas über uns.
Mira (Die Therapeutin): Paul.
Paul (Der Treue): Was?
Mira (Die Therapeutin): Es ist ein Film.
Paul (Der Treue): Ist es das? Ist es nur ein Film?
Clara (Die Gastgeberin): Was meinst du?
Paul (Der Treue): Ich meine, dass Jonas diesen Film vorgeschlagen hat. Und jetzt sitzt er da und sagt, Colm hat recht. Dass Gespräche, die nirgendwo hinführen, Zeitverschwendung sind.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das habe ich nicht gesagt.
Paul (Der Treue): Doch. Genau das hast du gesagt.
David (Der Verlorene): Kann ich etwas sagen?
Clara (Die Gastgeberin): Natürlich.
David (Der Verlorene): Ich verstehe Colm.
/note/ Die anderen sehen ihn an. David, der seit Wochen kaum etwas gesagt hat. Der bei jedem Treffen dabei ist, aber nie wirklich anwesend scheint.
David (Der Verlorene): Ich verstehe das Gefühl. Aufzuwachen und zu merken, dass die Jahre vergangen sind. Dass man immer dieselben Gespräche führt, dieselben Witze macht, dieselben Abende verbringt. Und sich zu fragen: Ist das alles? War das mein Leben?
Clara (Die Gastgeberin): David…
David (Der Verlorene): Nein, lass mich ausreden. Ich denke das seit Monaten. Vielleicht seit Jahren. Der Film hat es nur nach oben geholt.
Elif (Die Neue): Was genau denkst du?
David (Der Verlorene): Ob ich der Pádraic bin. In dieser Gruppe. Der, den man toleriert, weil er schon immer da war. Nicht weil man ihn wirklich will.
Paul (Der Treue): Das ist Unsinn.
David (Der Verlorene): Ist es das?
Paul (Der Treue): Ja. Natürlich ist es das.
David (Der Verlorene): Wann hast du mich das letzte Mal angerufen?
Paul (Der Treue): Was?
David (Der Verlorene): Einfach so. Nicht für ein Treffen, nicht für eine Planung, nicht weil Clara gesagt hat, wir sollen uns melden. Einfach um zu reden. Wann war das?
/note/ Paul öffnet den Mund. Schließt ihn wieder. Er weiß es nicht. Er kann sich nicht erinnern.
David (Der Verlorene): Du weißt es nicht. Weil es lange her ist. Weil ich derjenige bin, der anruft. Immer. Und wenn ich nicht anrufe, dann ruft niemand.
Clara (Die Gastgeberin): David, wir lieben dich. Das weißt du.
David (Der Verlorene): Ich weiß, dass ihr das sagt. Ich weiß nicht mehr, ob ich es glaube.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das ist melodramatisch.
David (Der Verlorene): Natürlich sagst du das.
Jonas (Der Erfolgreiche): Was soll das heißen?
David (Der Verlorene): Es heißt, dass du der Letzte bist, der sich Sorgen macht, ob er dazugehört. Du bist Jonas. Du gehörst überall dazu. Du musst nicht zählen, wer dich anruft und wer nicht.
Jonas (Der Erfolgreiche): Du glaubst, ich mache mir keine Sorgen?
David (Der Verlorene): Worüber solltest du dir Sorgen machen? Du hast alles. Den Job, das Geld, den Status. Du bist der Mittelpunkt, wohin du auch gehst.
Jonas (Der Erfolgreiche): Du hast keine Ahnung, wovon du redest.
Mira (Die Therapeutin): Jonas.
Jonas (Der Erfolgreiche): Nein. Er sitzt da und tut so, als wäre er der Einzige, der sich fragt, ob er genug ist. Als hätte ich keine Nächte, in denen ich wach liege. Keine Momente, in denen ich mich frage, ob irgendjemand mich mögen würde, wenn ich nicht erfolgreich wäre.
David (Der Verlorene): Du? Du liegst wach und fragst dich das?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ja. Ich.
David (Der Verlorene): Warum hast du nie etwas gesagt?
Jonas (Der Erfolgreiche): Weil man darüber nicht redet. Weil ich derjenige bin, der alles im Griff hat. Weil ich nicht der sein darf, der Schwäche zeigt.
Paul (Der Treue): Warum nicht?
Jonas (Der Erfolgreiche): Weil ihr es nicht wollt. Weil ihr Jonas braucht, der funktioniert. Jonas, der Erfolgsgeschichten erzählt. Jonas, zu dem man aufschauen kann.
Paul (Der Treue): Das ist nicht wahr.
Jonas (Der Erfolgreiche): Nein? Wann hast du mich das letzte Mal gefragt, wie es mir geht? Wirklich gefragt, nicht nur als Höflichkeit?
/note/ Stille. Paul will antworten, aber ihm fällt nichts ein.
Jonas (Der Erfolgreiche): Siehst du? Wir sind alle gleich. Wir alle warten darauf, dass jemand fragt. Und keiner tut es.
Elif (Die Neue): Ihr redet immer noch nicht über den Film.
Clara (Die Gastgeberin): Sondern?
Elif (Die Neue): Über euch. Über die Frage, die der Film aufwirft: Was passiert, wenn einer von euch geht? Was passiert, wenn jemand sagt: Das reicht mir nicht mehr, ich will etwas anderes?
Clara (Die Gastgeberin): Niemand von uns sagt das.
Elif (Die Neue): Noch nicht.
David (Der Verlorene): Was meinst du damit?
Elif (Die Neue): Ich meine, dass der Film euch Angst macht. Nicht weil Colm etwas Grausames tut. Sondern weil ihr alle insgeheim versteht, warum er es tut.
/same/ Ihr schaut diesen Film und fragt euch: Bin ich Colm oder Pádraic? Bin ich der, der geht, oder der, der zurückgelassen wird?
/same/ Und ihr habt Angst vor beiden Antworten.
Mira (Die Therapeutin): Das ist eine gewagte Interpretation.
Elif (Die Neue): Ist es das? Ich bin seit zwei Jahren dabei. Ich kenne eure Geschichte nicht. Eure Insider-Witze, eure gemeinsamen Erinnerungen, die Dinge, über die ihr lacht und die ich nicht verstehe.
/same/ Aber ich sehe, was ihr nicht seht. Weil ich von außen schaue.
Paul (Der Treue): Und was siehst du?
Elif (Die Neue): Eine Gruppe von Menschen, die sich an etwas festhalten, das sie nicht mehr benennen können. Die sich jeden Monat treffen, weil sie es immer getan haben. Nicht weil sie wissen, warum.
Clara (Die Gastgeberin): Das stimmt nicht. Wir treffen uns, weil wir Freunde sind.
Elif (Die Neue): Seid ihr das? Oder seid ihr Menschen, die mal Freunde waren und jetzt die Gewohnheit fortführen?
Jonas (Der Erfolgreiche): Das ist hart.
Elif (Die Neue): Das ist ehrlich. Und ihr habt mich hierher eingeladen, also sage ich, was ich sehe.
David (Der Verlorene): Sie hat recht.
Clara (Die Gastgeberin): David.
David (Der Verlorene): Nein, sie hat recht. Ich sage das seit Monaten zu mir selbst, aber ich hatte nicht den Mut, es laut auszusprechen.
/same/ Wir sind keine Freunde mehr. Wir sind Menschen, die so tun, als wären sie Freunde. Die die Rituale aufrechterhalten, ohne zu fragen, was dahinter ist.
Paul (Der Treue): Das glaube ich nicht.
David (Der Verlorene): Nein? Wann haben wir das letzte Mal wirklich geredet? Nicht über Jobs und Filme und wer wann Urlaub macht. Wirklich geredet. Über das, was uns beschäftigt. Das, was uns nachts wachhält.
Jonas (Der Erfolgreiche): Darüber redet man nicht.
David (Der Verlorene): Genau. Darüber redet man nicht. Und deshalb sitzen wir hier und schauen einen Film über zwei Männer, deren Freundschaft zerbricht, und tun so, als hätte das nichts mit uns zu tun.
Mira (Die Therapeutin): David, geht es dir gut?
David (Der Verlorene): Nein. Mir geht es nicht gut. Seit Monaten nicht. Und keiner von euch hat gefragt.
Clara (Die Gastgeberin): Ich habe gefragt. Mehrmals.
David (Der Verlorene): Du hast gefragt, ob ich zum Filmabend komme. Du hast gefragt, ob ich für Pauls Geburtstagsgeschenk was dazugeben will. Du hast nicht gefragt, wie es mir geht.
Clara (Die Gastgeberin): Ich dachte, du würdest es sagen, wenn etwas wäre.
David (Der Verlorene): Und ich dachte, ihr würdet es merken, ohne dass ich es sage.
/note/ Stille. Clara spürt, wie etwas in ihr zusammenzieht. Die Anschuldigung trifft, weil sie wahr ist.
Paul (Der Treue): David. Was ist los? Wirklich.
David (Der Verlorene): Ich habe meinen Job verloren. Vor sechs Wochen.
Mira (Die Therapeutin): Was?
David (Der Verlorene): Sie haben mich rausgeworfen. Umstrukturierung, haben sie gesagt. Danke für alles, hier ist dein Karton, viel Glück.
Clara (Die Gastgeberin): Warum hast du nichts gesagt?
David (Der Verlorene): Weil ich mich schäme. Weil ich vierzig bin und mein Leben auseinanderfällt. Erst Sarah, jetzt der Job. Ich bin der Witz der Gruppe – und nicht mehr auf die lustige Art.
Jonas (Der Erfolgreiche): Du bist kein Witz.
David (Der Verlorene): Nein? Wenn ihr über mich redet, wenn ich nicht da bin – was sagt ihr dann?
Jonas (Der Erfolgreiche): Wir reden nicht über dich.
David (Der Verlorene): Genau. Ihr redet nicht über mich. Weil es nichts zu sagen gibt. Weil ich derjenige bin, der einfach da ist. Teil des Inventars. Wie die Stühle oder die Leinwand.
Elif (Die Neue): Ich weiß, wie sich das anfühlt.
David (Der Verlorene): Du?
Elif (Die Neue): Ich bin die Neue. Seit zwei Jahren. Ich bin durch Lea hereingekommen, und Lea ist weg, aber ich bin immer noch da. Und ich frage mich jeden Monat, ob ihr mich eigentlich wollt oder nur duldet.
Paul (Der Treue): Wir wollen dich hier haben.
Elif (Die Neue): Sagt ihr das, weil es stimmt, oder weil es unhöflich wäre, etwas anderes zu sagen?
Paul (Der Treue): Weil es stimmt.
Elif (Die Neue): Woher weißt du das?
Paul (Der Treue): Weil ich es fühle.
Elif (Die Neue): Fühlst du es? Oder hast du dich daran gewöhnt, dass ich da bin?
/note/ Paul will antworten, aber er zögert. Er ist sich nicht sicher.
Mira (Die Therapeutin): Können wir kurz innehalten?
Jonas (Der Erfolgreiche): Wozu?
Mira (Die Therapeutin): Weil wir gerade dabei sind, alles aufzureißen. Und ich wissen will, ob wir das wirklich wollen.
Clara (Die Gastgeberin): Vielleicht müssen wir es aufreißen. Vielleicht ist das der einzige Weg.
Mira (Die Therapeutin): Der einzige Weg wohin?
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß es nicht. Aber das Schweigen funktioniert nicht. Das sehe ich jetzt.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich muss euch etwas sagen.
/note/ Alle sehen ihn an. Etwas in seinem Ton hat sich verändert – die Selbstsicherheit ist weg, ersetzt durch etwas, das Clara noch nie bei ihm gesehen hat.
Mira (Die Therapeutin): Was ist es?
Jonas (Der Erfolgreiche): Nicht heute. Nicht jetzt. Aber bald.
Paul (Der Treue): Jonas, was ist los?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich habe etwas getan. Bei der Arbeit. Etwas, das ich nicht hätte tun sollen.
David (Der Verlorene): Was hast du getan?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich kann es noch nicht sagen. Ich bin noch nicht bereit.
Paul (Der Treue): Bereit wofür?
Jonas (Der Erfolgreiche): Bereit für eure Gesichter, wenn ihr es hört. Bereit dafür, dass ihr mich vielleicht nicht mehr kennen wollt.
Clara (Die Gastgeberin): Jonas, du machst uns Angst.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich weiß. Mir macht es auch Angst.
Mira (Die Therapeutin): Ist es etwas, das du jemandem erzählen solltest? Einem Anwalt vielleicht? Oder der Polizei?
Jonas (Der Erfolgreiche): Vielleicht. Ja. Wahrscheinlich.
Paul (Der Treue): Dann solltest du das tun.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich weiß. Aber zuerst wollte ich es euch sagen. Oder zumindest sagen, dass es etwas gibt.
David (Der Verlorene): Warum?
Jonas (Der Erfolgreiche): Weil ihr die Menschen seid, die mich am längsten kennen. Und weil ich wissen will, ob ihr noch da seid, wenn alles vorbei ist.
Paul (Der Treue): Natürlich sind wir da.
Jonas (Der Erfolgreiche): Sag das nicht so leicht. Du weißt nicht, was ich getan habe.
Paul (Der Treue): Ich weiß, wer du bist.
Jonas (Der Erfolgreiche): Vielleicht kennst du mich nicht so gut, wie du denkst.
/note/ Stille. Der Raum fühlt sich plötzlich kleiner an, die Luft schwerer.
Clara (Die Gastgeberin): Es ist spät.
Mira (Die Therapeutin): Ja. Es ist spät.
Clara (Die Gastgeberin): Vielleicht sollten wir nach Hause gehen. Und nächste Woche weitermachen.
David (Der Verlorene): Weitermachen?
Clara (Die Gastgeberin): Reden. Ohne Film. Nur wir.
Elif (Die Neue): Soll ich auch kommen?
Clara (Die Gastgeberin): Wenn du willst.
Elif (Die Neue): Gehöre ich dazu?
Clara (Die Gastgeberin): Das musst du selbst entscheiden.
Elif (Die Neue): Ich frage euch.
Paul (Der Treue): Ja. Du gehörst dazu.
Elif (Die Neue): Warum?
Paul (Der Treue): Weil du hier bist. Weil du die Dinge sagst, die wir nicht sagen. Weil du heute Abend mehr Mut hattest als wir alle zusammen.
Elif (Die Neue): Das ist kein Mut. Das ist nur der Blick von außen.
Paul (Der Treue): Manchmal ist das dasselbe.
/note/ Sie stehen auf. Räumen Gläser zusammen, suchen Jacken, machen die Bewegungen, die man macht, wenn ein Abend zu Ende geht.
/note/ An der Tür bleiben sie stehen. Keine Umarmungen heute – dafür ist zu viel aufgerissen. Aber auch kein schnelles Verschwinden.
David (Der Verlorene): Nächste Woche?
Clara (Die Gastgeberin): Nächste Woche. Samstag. Hier.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich werde versuchen zu kommen.
Paul (Der Treue): Du wirst kommen.
Jonas (Der Erfolgreiche): Paul…
Paul (Der Treue): Du wirst kommen. Weil du uns das schuldig bist. Uns und dir selbst.
Jonas (Der Erfolgreiche): Und wenn ich nicht der bin, für den ihr mich gehalten habt?
Paul (Der Treue): Dann werden wir das herausfinden.
/note/ Jonas nickt. Geht als Erster. Die Tür fällt ins Schloss.
/note/ Die anderen folgen, einer nach dem anderen. Mira drückt Claras Hand im Vorbeigehen. David versucht zu lächeln und scheitert. Elif nickt kurz und geht ohne ein Wort.
/note/ Paul bleibt als Letzter.
Paul (Der Treue): Clara?
Clara (Die Gastgeberin): Ja?
Paul (Der Treue): Danke. Für den Abend.
Clara (Die Gastgeberin): Wofür? Es war ein Desaster.
Paul (Der Treue): Es war ehrlich. Das ist mehr, als wir seit Jahren hatten.
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß nicht, was nächste Woche passiert.
Paul (Der Treue): Niemand weiß das. Aber wir werden da sein. Das ist das Einzige, was zählt.
/note/ Er geht. Clara bleibt allein zurück.
/note/ Sie macht das Licht nicht an. Sie steht am Fenster und sieht ihren Freunden nach, wie sie in die Nacht verschwinden. Fünf Menschen, die sie seit fünfzehn Jahren kennt. Oder von denen sie dachte, sie zu kennen.
/note/ Heute Abend hat sie gelernt, dass Kennen nicht dasselbe ist wie Verstehen. Dass man jemanden jahrelang sehen kann, ohne ihn wirklich zu sehen.
/note/ Sie weiß nicht, was nächste Woche passiert. Sie weiß nicht, was Jonas zu erzählen hat. Sie weiß nicht, ob sie danach noch Freunde sein werden.
/note/ Aber sie weiß, dass sie es versuchen werden. Dass sie wiederkommen werden, auch wenn es wehtut.
/note/ Vielleicht ist das alles, was Freundschaft ist: Die Entscheidung, wiederzukommen. Auch wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.
/end/
/topic/ Szene 2: Die, die halten – und die, die fallen
/scene/ Eine Woche später. Samstagmittag. Statt bei Clara treffen sie sich in einem Café in Schwabing – neutraler Boden, hat Mira vorgeschlagen. David ist als Erster da, sitzt an einem Tisch am Fenster, die Hände um eine Kaffeetasse gelegt, die er nicht trinkt.
/note/ Er ist seit einer Stunde wach. Nicht weil er ausgeschlafen hat, sondern weil er nicht mehr liegen konnte. Die Wände seiner Wohnung sind ihm zu nah gekommen in den letzten Wochen. Die Stille ist zu laut.
/note/ Clara kommt als Nächste. Sie setzt sich ihm gegenüber, bestellt einen Tee, sagt nichts.
David (Der Verlorene): Du musst nicht so vorsichtig sein.
Clara (Die Gastgeberin): Wie meinst du das?
David (Der Verlorene): Du behandelst mich, als würde ich zerbrechen. Das machen alle in letzter Zeit.
Clara (Die Gastgeberin): Vielleicht, weil wir uns Sorgen machen.
David (Der Verlorene): Machen ihr euch Sorgen? Oder macht ihr euch Sorgen, dass ihr etwas tun müsst, wenn ihr euch Sorgen macht?
/note/ Die Frage trifft. Clara weiß, dass er recht hat.
Clara (Die Gastgeberin): Beides, wahrscheinlich.
David (Der Verlorene): Wenigstens ehrlich.
Clara (Die Gastgeberin): Ich versuche es.
David (Der Verlorene): Seit wann?
Clara (Die Gastgeberin): Seit dem Filmabend. Seit mir klar wurde, dass wir jahrelang nebeneinander hergelebt haben, ohne wirklich miteinander zu reden.
David (Der Verlorene): Und jetzt willst du reden?
Clara (Die Gastgeberin): Jetzt will ich zuhören. Wenn du erzählen willst.
/note/ David sieht sie an. Lange. Als würde er abwägen, wie viel er preisgeben kann.
David (Der Verlorene): Was willst du wissen?
Clara (Die Gastgeberin): Alles. Nichts. Was immer du erzählen willst.
David (Der Verlorene): Ich habe vor ein paar Tagen nachgezählt. Wie oft ich euch in den letzten drei Monaten angerufen habe. Und wie oft ihr mich angerufen habt.
Clara (Die Gastgeberin): Und?
David (Der Verlorene): Siebenundzwanzig zu drei.
Clara (Die Gastgeberin): Das ist…
David (Der Verlorene): Das ist die Wahrheit. Ich rufe an, ihr antwortet. Manchmal. Und ich habe mich gefragt, was passiert, wenn ich aufhöre zu rufen.
Clara (Die Gastgeberin): Was ist passiert?
David (Der Verlorene): Nichts. Zwei Wochen lang nichts. Dann hast du angerufen, weil du wissen wolltest, ob ich für Pauls Geschenk was dazugeben will.
Clara (Die Gastgeberin): Ich erinnere mich.
David (Der Verlorene): Ich weiß. Ich erinnere mich auch.
/note/ Mira kommt durch die Tür. Sie sieht müde aus, müder als sonst. Sie setzt sich neben Clara, bestellt Wasser.
Mira (Die Therapeutin): Wie geht es dir, David?
David (Der Verlorene): Ist das die Therapeuten-Frage oder die Freundin-Frage?
Mira (Die Therapeutin): Gibt es einen Unterschied?
David (Der Verlorene): Bei dir? Ich weiß es nicht.
Mira (Die Therapeutin): Das ist fair.
David (Der Verlorene): Ich versuche fair zu sein. Auch wenn es wehtut.
Mira (Die Therapeutin): Dir oder uns?
David (Der Verlorene): Beiden, wahrscheinlich.
/note/ Paul und Elif kommen zusammen. Sie haben sich draußen getroffen, zufällig oder nicht.
Paul (Der Treue): Jonas hat abgesagt.
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß. Er hat mir geschrieben.
Paul (Der Treue): Was hat er gesagt?
Clara (Die Gastgeberin): Dass er noch nicht bereit ist. Dass er nächste Woche kommt.
Paul (Der Treue): Glaubst du ihm?
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß es nicht.
Elif (Die Neue): Er hat mich angerufen. Gestern Abend.
Mira (Die Therapeutin): Was?
Elif (Die Neue): Ich war auch überrascht. Wir haben vielleicht zehnmal miteinander geredet in zwei Jahren.
David (Der Verlorene): Was wollte er?
Elif (Die Neue): Reden. Über den Film. Über Colm und Pádraic. Über die Frage, ob man jemanden lieben kann, auch wenn man nicht stolz auf ihn ist.
Paul (Der Treue): Was hast du gesagt?
Elif (Die Neue): Dass Liebe und Stolz nicht dasselbe sind. Dass man jemanden lieben kann, gerade weil er nicht perfekt ist.
Clara (Die Gastgeberin): Und?
Elif (Die Neue): Er hat geweint. Am Telefon. Und dann hat er aufgelegt.
/note/ Stille. Die Vorstellung von Jonas, der weint, passt nicht zu dem Bild, das sie alle von ihm haben.
Mira (Die Therapeutin): Er hat mich auch angerufen. Vor ein paar Tagen. Mitten in der Nacht.
David (Der Verlorene): Was hat er gesagt?
Mira (Die Therapeutin): Nicht viel. Er konnte nicht schlafen. Er wollte nur reden. Über alles und nichts.
Paul (Der Treue): Das klingt nicht nach Jonas.
Mira (Die Therapeutin): Nein. Das tut es nicht.
Clara (Die Gastgeberin): Was glaubt ihr, was er getan hat?
David (Der Verlorene): Ich will nicht spekulieren.
Paul (Der Treue): Ich auch nicht. Aber ich mache mir Sorgen.
Mira (Die Therapeutin): Er hat gefragt, ob ich noch seine Freundin wäre, wenn er etwas getan hätte, das gegen alles verstößt, woran ich glaube.
Clara (Die Gastgeberin): Was hast du gesagt?
Mira (Die Therapeutin): Dass ich es nicht weiß. Dass ich es erst wissen kann, wenn ich weiß, was es ist.
Paul (Der Treue): Das war ehrlich.
Mira (Die Therapeutin): Ja. Vielleicht zu ehrlich.
Elif (Die Neue): Können wir über etwas anderes reden?
David (Der Verlorene): Worüber?
Elif (Die Neue): Über uns. Über die Frage, die letzte Woche aufgekommen ist. Was hält uns zusammen? Warum sind wir hier?
Paul (Der Treue): Das sind große Fragen für einen Samstagmittag.
Elif (Die Neue): Wann sollen wir sie sonst stellen?
Clara (Die Gastgeberin): Sie hat recht. Wir haben jahrelang diese Fragen vermieden. Vielleicht ist es Zeit.
David (Der Verlorene): Also gut. Warum bist du hier, Clara? Warum organisierst du diese Treffen seit zehn Jahren?
Clara (Die Gastgeberin): Weil… weil ich nicht will, dass wir uns verlieren.
David (Der Verlorene): Aber warum? Was verlierst du, wenn wir uns verlieren?
/note/ Clara zögert. Sie hat sich diese Frage nie so gestellt.
Clara (Die Gastgeberin): Ich verliere die Menschen, die mich kennen. Die mich kannten, bevor ich wusste, wer ich sein will.
David (Der Verlorene): Ist das alles?
Clara (Die Gastgeberin): Nein. Ich verliere auch… mich selbst. Oder die Version von mir, die ich bin, wenn ich mit euch zusammen bin.
Elif (Die Neue): Was für eine Version ist das?
Clara (Die Gastgeberin): Die, die nicht funktionieren muss. Die, die nicht alles im Griff haben muss. Die, die einfach Clara sein kann, ohne Erwartungen.
David (Der Verlorene): Aber du bist doch die, die alles organisiert. Die, die alles im Griff hat.
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß. Das ist der Widerspruch. Ich organisiere, um einen Ort zu schaffen, an dem ich nicht organisieren muss. Und dann organisiere ich trotzdem.
Mira (Die Therapeutin): Das klingt erschöpfend.
Clara (Die Gastgeberin): Ist es auch.
Mira (Die Therapeutin): Warum machst du es dann?
Clara (Die Gastgeberin): Weil ich nicht weiß, wie ich anders lieben soll. Weil Organisieren meine Sprache ist. Meine Art zu sagen: Ihr seid mir wichtig.
Paul (Der Treue): Das habe ich nie verstanden.
Clara (Die Gastgeberin): Ich auch nicht. Nicht wirklich. Bis jetzt.
David (Der Verlorene): Was ist jetzt anders?
Clara (Die Gastgeberin): Jetzt rede ich darüber. Das ist neu.
/note/ Elif bestellt noch einen Kaffee. Die Kellnerin sieht sie fragend an – fünf Menschen an einem Tisch, die aussehen, als würden sie das Schicksal der Welt verhandeln.
Paul (Der Treue): Darf ich auch etwas sagen?
Clara (Die Gastgeberin): Natürlich.
Paul (Der Treue): Ich bin müde. Ich bin so müde.
Mira (Die Therapeutin): Wovon?
Paul (Der Treue): Davon, immer der zu sein, der da ist. Der, der kommt, wenn jemand ruft. Der nie Nein sagt.
David (Der Verlorene): Warum sagst du nicht Nein?
Paul (Der Treue): Weil ich Angst habe. Angst, dass ihr mich dann nicht mehr braucht. Dass ich dann nichts mehr bin.
Elif (Die Neue): Das verstehe ich nicht. Du hast Lisa. Du hast deinen Job. Du hast ein Leben außerhalb von uns.
Paul (Der Treue): Ja. Aber ihr seid die Menschen, die mich kennen, seit ich zwanzig bin. Die mich gesehen haben, als ich noch nichts war. Und ich habe Angst, dass ich ohne euch wieder nichts bin.
Clara (Die Gastgeberin): Du bist nicht nichts.
Paul (Der Treue): Ich weiß. Rational weiß ich das. Aber das Gefühl ist trotzdem da.
David (Der Verlorene): Das verstehe ich.
Paul (Der Treue): Ja?
David (Der Verlorene): Ja. Ich fühle dasselbe. Dass ich nur dann jemand bin, wenn ihr mich seht. Dass ich verschwinde, wenn niemand hinschaut.
Mira (Die Therapeutin): Das ist eine Angst, die viele Menschen haben.
David (Der Verlorene): Ich will nicht wissen, ob viele Menschen sie haben. Ich will wissen, ob ich sie loswerden kann.
Mira (Die Therapeutin): Ich weiß es nicht. Ich habe sie auch.
Elif (Die Neue): Du?
Mira (Die Therapeutin): Ja. Ich.
/same/ Ich bin die, zu der alle kommen, wenn sie jemanden zum Reden brauchen. Jonas ruft um zwei Uhr nachts an. David erzählt mir Dinge, die er niemandem sonst erzählt. Clara fragt mich um Rat.
/same/ Und ich mache das. Weil ich es kann. Weil ich nicht weiß, wer ich bin, wenn ich es nicht tue.
/same/ Aber manchmal frage ich mich: Wer bin ich, wenn niemand mich braucht? Und wer hält mich, wenn ich falle?
Clara (Die Gastgeberin): Ich halte dich.
Mira (Die Therapeutin): Kannst du das?
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß es nicht. Aber ich will es versuchen.
Mira (Die Therapeutin): Das ist mehr, als ich erwartet habe.
Clara (Die Gastgeberin): Warum?
Mira (Die Therapeutin): Weil niemand je versucht hat. Weil ich immer diejenige war, die hält. Nie diejenige, die gehalten wird.
David (Der Verlorene): Das klingt einsam.
Mira (Die Therapeutin): Ist es auch.
/note/ Die Kellnerin bringt Elifs Kaffee. Die Unterbrechung gibt ihnen einen Moment zum Atmen.
Elif (Die Neue): Darf ich euch etwas fragen?
Paul (Der Treue): Natürlich.
Elif (Die Neue): Warum seid ihr noch zusammen? Nach allem, was passiert ist, nach allem, was ihr gerade gesagt habt – warum seid ihr immer noch hier?
David (Der Verlorene): Ich weiß es nicht.
Paul (Der Treue): Geschichte, vielleicht. Fünfzehn Jahre gemeinsame Geschichte.
Clara (Die Gastgeberin): Ist das genug?
Paul (Der Treue): Es hat bisher gereicht.
Elif (Die Neue): Aber reicht es noch?
Paul (Der Treue): Ich weiß es nicht.
Mira (Die Therapeutin): Vielleicht ist Geschichte nicht genug. Vielleicht braucht man etwas anderes.
Elif (Die Neue): Was?
Mira (Die Therapeutin): Ich weiß nicht. Aber ich glaube, Freundschaft ist nicht nur, wo man herkommt. Sondern auch, wo man hingeht. Ob man in dieselbe Richtung schaut.
David (Der Verlorene): Und wohin schauen wir?
Mira (Die Therapeutin): Das ist die Frage.
/note/ Sie sitzen eine Weile schweigend. Draußen geht die Sonne unter. Das Café füllt sich mit anderen Menschen, die andere Gespräche führen.
Clara (Die Gastgeberin): Ich will das nicht verlieren.
Paul (Der Treue): Was?
Clara (Die Gastgeberin): Das hier. Uns. Auch wenn ich nicht weiß, was uns ist. Auch wenn ich nicht weiß, warum wir zusammen sind.
David (Der Verlorene): Vielleicht ist das der Anfang.
Clara (Die Gastgeberin): Der Anfang wovon?
David (Der Verlorene): Des Verstehens. Nicht wissen, warum man zusammen ist. Aber zusammen herausfinden wollen.
Elif (Die Neue): Das klingt nach Arbeit.
David (Der Verlorene): Ja. Das tut es.
Paul (Der Treue): Aber vielleicht ist das, was Freundschaft ist. Nicht die leichten Abende, nicht die lustigen Filme. Sondern die Arbeit, zusammen zu bleiben, auch wenn man nicht weiß, warum.
Mira (Die Therapeutin): Integrationsarbeit.
David (Der Verlorene): Was?
Mira (Die Therapeutin): Etwas, das ich mal gelesen habe. Dass Beziehungen nicht daran gemessen werden, wie perfekt sie sind. Sondern daran, wie man mit dem Unperfekten umgeht.
Clara (Die Gastgeberin): Das gefällt mir.
Mira (Die Therapeutin): Mir auch.
/note/ Die Kellnerin bringt die Rechnung, obwohl niemand danach gefragt hat. Ein Zeichen, dass es Zeit ist zu gehen.
Paul (Der Treue): Nächste Woche?
Clara (Die Gastgeberin): Nächste Woche. Und Jonas kommt.
Elif (Die Neue): Woher weißt du das?
Clara (Die Gastgeberin): Weil ich ihn anrufe. Heute Abend. Und ihm sage, dass wir ihn brauchen.
Paul (Der Treue): Glaubst du, das reicht?
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß es nicht. Aber es ist ein Anfang.
/end/
/topic/ Szene 3: Was nicht mehr schweigen kann
/scene/ Eine Woche später. Sonntagabend. Wieder Claras Wohnung, aber diesmal anders – keine Leinwand, kein Film, keine Ablenkung. Nur sechs Stühle, im Kreis angeordnet. Alle sind gekommen. Auch Jonas.
/note/ Er sieht aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Die Augenringe sind dunkel, der Anzug sitzt nicht mehr richtig. Er sitzt am Fenster, so weit wie möglich von den anderen entfernt.
/note/ Clara hat Wasser und Wein auf den Tisch gestellt, aber niemand trinkt.
Clara (Die Gastgeberin): Danke, dass ihr gekommen seid.
Paul (Der Treue): Natürlich sind wir gekommen.
Clara (Die Gastgeberin): Jonas. Wir sind froh, dass du hier bist.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich weiß nicht, ob ihr das noch seid, wenn ich fertig bin.
David (Der Verlorene): Lass uns das selbst entscheiden.
Jonas (Der Erfolgreiche): Okay.
/note/ Er atmet tief ein. Die anderen warten.
Jonas (Der Erfolgreiche): Der Deal. Der große Deal, von dem ich erzählt habe. Er war nicht sauber.
Mira (Die Therapeutin): Was heißt das genau?
Jonas (Der Erfolgreiche): Es heißt, dass ich Dokumente unterschrieben habe, die ich nicht hätte unterschreiben sollen. Dass ich Zahlen abgenickt habe, die nicht gestimmt haben. Dass ich Fragen nicht gestellt habe, die ich hätte stellen müssen.
Paul (Der Treue): Worum ging es?
Jonas (Der Erfolgreiche): Geldwäsche. Die Firma, mit der wir gearbeitet haben – sie war eine Fassade. Das Geld kam von… ich weiß nicht genau woher. Aber nichts Gutes.
Clara (Die Gastgeberin): Wusstest du das von Anfang an?
Jonas (Der Erfolgreiche): Nein. Am Anfang nicht. Aber dann kamen die Zeichen. Unstimmigkeiten in den Büchern. Fragen, die nicht beantwortet wurden. Und ich habe weggesehen.
David (Der Verlorene): Warum?
Jonas (Der Erfolgreiche): Weil ich den Deal wollte. Weil er alles war, worauf ich hingearbeitet habe. Weil ich dachte, wenn ich das schaffe, dann bin ich endlich angekommen.
Elif (Die Neue): Und bist du angekommen?
Jonas (Der Erfolgreiche): Nein. Ich bin nur tiefer gefallen.
Paul (Der Treue): Was hast du vor?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich habe mit einem Anwalt gesprochen. Wenn ich aussage, wenn ich kooperiere, ist die Strafe milder. Bewährung wahrscheinlich, vielleicht eine Geldstrafe.
Clara (Die Gastgeberin): Und der Job?
Jonas (Der Erfolgreiche): Weg. Sobald das rauskommt, ist er weg.
David (Der Verlorene): Das ist… das ist viel.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ja. Das ist es.
/note/ Stille. Die anderen verarbeiten, was sie gehört haben.
Paul (Der Treue): Warum erzählst du uns das?
Jonas (Der Erfolgreiche): Weil ihr die Menschen seid, die mich am längsten kennen. Weil ich wissen will, ob ihr noch da seid, wenn alles vorbei ist.
Paul (Der Treue): Das hast du schon vor zwei Wochen gesagt.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ja. Aber jetzt weißt du, was ich getan habe. Bist du noch da?
Paul (Der Treue): Ich weiß es nicht.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das ist ehrlich.
Paul (Der Treue): Ich versuche ehrlich zu sein.
/same/ Jonas, ich liebe dich. Du bist mein ältester Freund. Aber das, was du getan hast – das ist nicht ein kleiner Fehler. Das ist nicht etwas, das man einfach verzeiht und vergisst.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich weiß.
Paul (Der Treue): Ich brauche Zeit. Um zu verstehen. Um zu verarbeiten.
Jonas (Der Erfolgreiche): Wie viel Zeit?
Paul (Der Treue): So viel wie nötig ist.
Mira (Die Therapeutin): Jonas, darf ich dich etwas fragen?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ja.
Mira (Die Therapeutin): Als du mich angerufen hast, mitten in der Nacht – hast du da schon gewusst, was du uns erzählen würdest?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ja.
Mira (Die Therapeutin): Warum hast du es dann nicht gesagt?
Jonas (Der Erfolgreiche): Weil ich Angst hatte. Angst vor dem Moment, in dem ihr mich anders seht. In dem ich nicht mehr Jonas bin, der alles im Griff hat, sondern Jonas, der versagt hat.
Mira (Die Therapeutin): Du bist nicht dein Versagen.
Jonas (Der Erfolgreiche): Nein? Was bin ich dann?
Mira (Die Therapeutin): Du bist jemand, der einen Fehler gemacht hat. Einen großen Fehler. Aber du bist auch jemand, der hierher gekommen ist und es erzählt hat. Das zählt auch.
David (Der Verlorene): Kann ich etwas sagen?
Clara (Die Gastgeberin): Natürlich.
David (Der Verlorene): Vor zwei Wochen habe ich gesagt, dass ich mich frage, ob ich noch dazugehöre. Ob ihr mich nur toleriert, weil ich schon immer da war.
/same/ Und jetzt sitze ich hier und höre, dass Jonas, der Erfolgreiche, der alles im Griff hat – dass er auch kämpft. Dass er auch Angst hat. Dass er auch nicht weiß, ob er genug ist.
/same/ Und irgendwie macht mich das… weniger allein.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das ist ein seltsamer Trost.
David (Der Verlorene): Ja. Aber es ist einer.
Clara (Die Gastgeberin): Ich glaube, das ist der Punkt. Wir sind alle kaputt. Auf unterschiedliche Arten, aber kaputt. Und das verbindet uns.
Elif (Die Neue): Ist das genug? Kaputtheit als Verbindung?
Clara (Die Gastgeberin): Ich weiß es nicht. Aber es ist ehrlicher als das, was wir vorher hatten.
Paul (Der Treue): Jonas, was brauchst du von uns?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich brauche… ich brauche, dass ihr mir sagt, ob wir noch Freunde sein können. Nicht jetzt. Nicht heute. Aber irgendwann.
Paul (Der Treue): Ich kann dir nicht versprechen, dass alles so wird wie vorher.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das erwarte ich nicht.
Paul (Der Treue): Aber ich kann dir versprechen, dass ich es versuche. Dass ich hier bin, während du durch das hindurchgehst, was kommt.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das ist mehr, als ich verdient habe.
Paul (Der Treue): Vielleicht. Aber es ist das, was ich geben kann.
Mira (Die Therapeutin): Ich auch. Ich bin hier.
Clara (Die Gastgeberin): Ich auch.
David (Der Verlorene): Ich auch.
Elif (Die Neue): Ich kenne dich kaum. Aber ich bin auch hier.
/note/ Jonas sieht sie an, einen nach dem anderen. Seine Augen sind feucht.
Jonas (Der Erfolgreiche): Danke.
Clara (Die Gastgeberin): Wofür?
Jonas (Der Erfolgreiche): Dafür, dass ihr gekommen seid. Dafür, dass ihr geblieben seid. Dafür, dass ihr nicht sofort gegangen seid, als ihr gehört habt, was ich getan habe.
Paul (Der Treue): Das ist, was Freunde tun.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ist es das? Ich bin nicht sicher, ob ich dasselbe getan hätte.
Paul (Der Treue): Dann lerne es. Das ist Teil der Arbeit.
Jonas (Der Erfolgreiche): Welcher Arbeit?
Paul (Der Treue): Der Arbeit, ein Freund zu sein. Nicht nur jemand, der nimmt, wenn er etwas braucht. Sondern jemand, der gibt, auch wenn er selbst nichts hat.
/note/ Die Kerzen auf dem Tisch sind heruntergebrannt. Es ist spät, später als sie gedacht haben.
Clara (Die Gastgeberin): Wir sollten gehen.
Mira (Die Therapeutin): Ja. Es ist spät.
David (Der Verlorene): Aber wir kommen wieder?
Clara (Die Gastgeberin): Ja. Wir kommen wieder.
Elif (Die Neue): Wann?
Clara (Die Gastgeberin): Nächste Woche. Und die Woche danach. So oft wie nötig.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das klingt nach viel Arbeit.
Clara (Die Gastgeberin): Das ist es auch. Aber es ist Arbeit, die sich lohnt.
/note/ Sie stehen auf. An der Tür bleiben sie stehen. Diesmal gibt es Umarmungen – unsicher, aber echt.
/note/ Jonas umarmt Paul als Letzten. Lange, ohne etwas zu sagen.
Paul (Der Treue): Wir schaffen das.
Jonas (Der Erfolgreiche): Glaubst du?
Paul (Der Treue): Ich will es glauben. Das muss erstmal reichen.
/end/
/topic/ Epilog: Sechs Monate später
/scene/ Frühling. Ein Sonntagabend. Wieder Claras Wohnung, wieder die Stühle im Kreis. Aber alles ist anders als vor sechs Monaten. Die Anspannung ist weg. Die Vorsicht auch.
/note/ Jonas sitzt neben Paul. Er sieht besser aus als damals – ausgeruhter, ruhiger. Der Prozess ist vorbei. Bewährung, wie der Anwalt gesagt hatte. Der Job ist weg, das Geld größtenteils auch. Er arbeitet jetzt bei einer kleinen Beratungsfirma, die niemand kennt. Er verdient ein Viertel von dem, was er früher verdient hat. Er sagt, es sei das Beste, was ihm passiert ist.
/note/ Paul hat ihn jeden Dienstag getroffen in den letzten sechs Monaten. Nicht um über den Fall zu reden, obwohl sie das auch getan haben. Sondern um zu reden. Über alles und nichts. Gespräche, die nirgendwo hinführen.
/note/ Mira hat eine Therapeutin gefunden. Sie erzählt nicht viel darüber, aber Clara sieht den Unterschied. Die Anspannung in ihren Schultern ist weniger geworden. Sie lacht öfter, ohne Grund.
/note/ David hat einen neuen Job gefunden. Kleiner als vorher, bei einer gemeinnützigen Organisation. Er sagt, er stehe morgens auf und freue sich darauf. Das habe er jahrelang nicht mehr erlebt.
/note/ Elif sitzt nicht mehr am Rand. Sie sitzt in der Mitte, zwischen den anderen, als wäre sie immer dort gewesen.
Clara (Die Gastgeberin): Ich habe nachgedacht.
Jonas (Der Erfolgreiche): Worüber?
Clara (Die Gastgeberin): Über das, was passiert ist. Über den Filmabend. Über alles, was danach kam.
Paul (Der Treue): Und?
Clara (Die Gastgeberin): Ich glaube, der Film hatte recht. Nicht in allem. Aber in einer Sache.
Mira (Die Therapeutin): In welcher?
Clara (Die Gastgeberin): Dass Freundschaft nicht selbstverständlich ist. Dass sie enden kann. Dass sie Arbeit braucht.
David (Der Verlorene): Das klingt nach dem, was wir die ganze Zeit gesagt haben.
Clara (Die Gastgeberin): Ja. Aber ich glaube es jetzt auch. Nicht nur mit dem Kopf. Auch mit dem Rest.
Elif (Die Neue): Was ist der Unterschied?
Clara (Die Gastgeberin): Der Unterschied ist, dass ich früher dachte, wir sind Freunde, weil wir seit fünfzehn Jahren Freunde sind. Dass das automatisch so weitergeht. Dass man nichts tun muss.
/same/ Jetzt weiß ich, dass es nicht so ist. Dass man sich jeden Tag entscheidet. Dass man jeden Tag wieder kommt, auch wenn es schwer ist.
Jonas (Der Erfolgreiche): Das klingt anstrengend.
Clara (Die Gastgeberin): Ist es auch. Aber es ist auch befreiend.
Jonas (Der Erfolgreiche): Wie das?
Clara (Die Gastgeberin): Weil es bedeutet, dass ich hier bin, weil ich es will. Nicht weil ich muss. Nicht weil es so war. Sondern weil ich mich dafür entscheide.
Paul (Der Treue): Das ist… das ist gut.
Clara (Die Gastgeberin): Ja. Das ist es.
Mira (Die Therapeutin): Ich habe auch nachgedacht.
David (Der Verlorene): Worüber?
Mira (Die Therapeutin): Über die Frage, die Elif gestellt hat. Vor sechs Monaten. Was uns zusammenhält.
Elif (Die Neue): Und? Hast du eine Antwort gefunden?
Mira (Die Therapeutin): Vielleicht. Ich glaube, es ist nicht die Geschichte. Nicht die fünfzehn Jahre. Nicht die gemeinsamen Erinnerungen.
Paul (Der Treue): Was dann?
Mira (Die Therapeutin): Die Entscheidung, einander zu sehen. Wirklich zu sehen. Nicht nur die Oberfläche, nicht nur die Rolle, die man spielt. Sondern das, was darunter ist.
/same/ In den letzten sechs Monaten habe ich euch mehr gesehen als in den fünfzehn Jahren davor. Eure Ängste, eure Schwächen, eure Kämpfe. Und ihr habt mich gesehen. Zum ersten Mal wirklich.
/same/ Das ist, was uns zusammenhält. Nicht die Vergangenheit. Sondern die Bereitschaft, einander in der Gegenwart zu sehen.
David (Der Verlorene): Das ist schön.
Mira (Die Therapeutin): Das ist wahr.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ich bin froh, dass ich hier bin.
Paul (Der Treue): Ich auch.
Jonas (Der Erfolgreiche): Nein, ich meine wirklich. Vor sechs Monaten dachte ich, ich verliere alles. Den Job, das Geld, die Freunde. Und jetzt sitze ich hier, und ich habe mehr als je zuvor.
Clara (Die Gastgeberin): Mehr?
Jonas (Der Erfolgreiche): Ja. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Nähe. Mehr von dem, was zählt.
/same/ Ich habe viel verloren in den letzten Monaten. Aber ich habe auch viel gefunden. Euch. Und vielleicht auch mich selbst.
David (Der Verlorene): Das ist pathetisch.
Jonas (Der Erfolgreiche): Ja. Aber es ist wahr.
David (Der Verlorene): Ich weiß. Ich mache nur Witze.
Jonas (Der Erfolgreiche): Du machst wieder Witze.
David (Der Verlorene): Ja. Aber andere als früher.
Elif (Die Neue): Was ist der Unterschied?
David (Der Verlorene): Früher habe ich Witze gemacht, um mich zu verstecken. Jetzt mache ich Witze, weil ich mich freue. Das ist ein Unterschied.
Clara (Die Gastgeberin): Was schauen wir?
Paul (Der Treue): Nicht Banshees.
/note/ Lachen. Echt und warm.
Jonas (Der Erfolgreiche): Herr der Ringe?
David (Der Verlorene): Das sind zwölf Stunden.
Clara (Die Gastgeberin): Wir haben Zeit.
/note/ Der Film beginnt. Das Auenland erscheint auf der Leinwand.
/note/ Sechs Menschen, die nicht wissen, was die Zukunft bringt. Die nicht wissen, ob sie in einem Jahr noch hier sitzen werden.
/note/ Aber sie sind hier. Jetzt. Das ist alles, was sie haben. Und vielleicht ist es genug.
/note/ Nicht Perfektion. Nicht Reinheit. Nur die Entscheidung, wiederzukommen. Auch wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.
/note/ Die Entscheidung, Freunde zu sein. Nicht trotz allem, was passiert ist. Sondern mit allem, was passiert ist.
/note/ Der Hobbit beginnt seine Reise. Er weiß noch nicht, was ihn erwartet. Wie weit er gehen wird. Wie sehr er sich verändern wird.
/note/ Sie wissen es auch nicht. Aber sie sind zusammen. Und das muss reichen.
/note/ Und vielleicht reicht es.
/end/


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