Vom Leben ohne lebendig zu sein. Psychoanalytische Perspektiven auf Vitalität und ihre Störungen


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Einleitung

Es gibt eine Form des Leidens, die keinen rechten Namen hat. Man ist nicht krank, nicht gestört, nicht einmal unglücklich im engeren Sinn. Man funktioniert. Man erledigt, was zu erledigen ist: Arbeit, Beziehungen, Termine, das ganze Repertoire eines gelingenden Lebens. Und doch fehlt etwas – etwas, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass es schwer zu benennen ist. In der klinischen Praxis begegnet einem dieses Phänomen ständig, und zwar nicht nur bei jenen, die von „Burnout“ oder „Erschöpfung“ sprechen, sondern oft gerade bei Menschen, die äußerlich erfolgreich, angepasst, kompetent wirken. Sie beschreiben ein Leben, das „läuft“, aber nicht „trägt“. Ein Dasein im Konjunktiv: als könnte es jederzeit auch anders sein, ohne dass sich etwas ändern würde. Man spürt bei ihnen keine dramatische Verzweiflung, eher eine Art atmosphärische Abwesenheit – als säße man mit jemandem im Raum, der zugleich woanders ist. Man lacht sogar, sagen manche, und hört sich selbst lachen wie aus einem anderen Zimmer.

Die Psychopathologie hat für diese Konstellation kein direktes etabliertes diagnostisches Etikett. Depression greift oft zu kurz, weil der Affekt nicht eigentlich gedrückt ist, sondern eher abwesend. Dissoziation trifft es manchmal, aber ohne die spektakulären Phänomene, die das Wort suggeriert. Am ehesten kreist die Beschreibung um Begriffe wie „Entfremdung“, „innere Leere“, „falsches Selbst“ – Begriffe, die auf etwas zeigen, ohne es ganz zu fassen. Dieser Essay ist ein Versuch, dem Phänomen einen Rahmen zu geben. Nicht um es zu pathologisieren – das wäre ein Missverständnis –, sondern um es zu verstehen: als eine spezifische psychische Konstellation, die ihre Geschichte hat, ihre Logik, ihre Funktion. Die Leitfrage ist dabei weniger „Was ist Vitalität?“ (eine Frage, die schnell in Definitionen mündet), sondern: Was verhindert sie? Was ermöglicht sie? Und kann man sie wiederfinden, wenn sie verloren scheint?

Die psychoanalytische Tradition bietet dafür ein reiches, wenn auch verstreutes Instrumentarium. Freud hat mit seinem ökonomischen Modell der Besetzung (Besetzung) eine Sprache entwickelt, in der sich beschreiben lässt, wie psychische Energie an Objekte gebunden wird – oder eben nicht (Freud, 1914/1946). Winnicott hat die Unterscheidung von wahrem und falschem Selbst eingeführt, die präzise erfasst, wie ein Mensch sozial funktionieren kann, ohne sich dabei „real“ zu fühlen (Winnicott, 1960/1965). Bion hat mit der Alpha-Funktion einen Begriff für jene psychische Arbeit geprägt, die rohes Erleben in denkbare, träumbare, verknüpfbare Form verwandelt – und deren Ausfall das Subjekt entweder überflutet oder erstarren lässt (Bion, 1962). Stern hat mit den „Vitalitätsformen“ eine Sprache für die dynamische Gestalt des Erlebens entwickelt: nicht was wir fühlen, sondern wie es sich in der Zeit bewegt – ansteigend, stockend, verebbend, drängend (Stern, 2010). Green schließlich hat mit dem „Komplex der toten Mutter“ eine der prägnantesten Figuren für jene Entlebendigung geliefert, die nicht aus Abwesenheit, sondern aus der Internalisierung einer psychisch abwesenden Bezugsperson entsteht (Green, 1983/2004). Im Folgenden versuche ich, diese Stimmen nicht als Autoritäten zu zitieren, sondern als Werkzeuge zu nutzen – für eine Erkundung, die phänomenologisch beginnt, theoretisch schärft und klinisch erdet.

Annäherungen: Was meinen wir, wenn wir „lebendig“ sagen?

Lebendigkeit hat eine eigentümliche Eigenschaft: Solange sie da ist, gilt sie als selbstverständlich. Sie sitzt in den kleinen Dingen, die niemand eigens notiert – im Tonfall, mit dem man „Guten Morgen“ sagt; in der Art, wie man die Treppe hochgeht; im Rhythmus eines Vormittags; im kaum merklichen Impuls, jemanden anzurufen oder etwas zu beginnen. Man bemerkt sie nicht, so wie man den eigenen Atem nicht bemerkt, solange er fließt. Erst wenn sie dünn wird, wird sie zur Frage. Dann sucht die Sprache nach Bildern: „wie hinter Glas“, sagen manche; „wie unter Watte“; „als wäre ich nicht richtig da“. Eine Patientin beschreibt es so: „Ich sehe alles, ich höre alles, ich verstehe alles – aber es kommt nicht an. Als würde jemand das Signal abfangen, bevor es mich erreicht.“ Ein anderer sagt: „Ich funktioniere tadellos. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich lebe – ich wüsste nicht, was ich antworten soll.“

Man kann das an ganz alltäglichen Szenen studieren. Jemand sitzt morgens am Fenster, der Kaffee ist heiß, die Stadt erwacht, und doch fehlt der Geschmack nicht nur im Mund, sondern im gesamten Erleben. Die Szene ist da, aber sie hat keine Ladung. Man weiß, dass der Morgen schön sein könnte – das Licht, die Ruhe vor dem Tag –, aber das Wissen bleibt Information, es wird nicht Erfahrung. Oder jemand erledigt, was zu erledigen ist: E-Mails, Telefonate, Meetings, ein funktionierendes Berufsleben. Die Bewegungen sind korrekt, aber nicht „bewohnt“. Die Worte passen, aber sie tragen nicht. Es ist, als würde man eine Rolle spielen, die man technisch beherrscht, ohne sie innerlich zu meinen. Das Publikum applaudiert, aber man selbst sitzt irgendwo im Hinterzimmer und fragt sich, wer da eigentlich auf der Bühne steht. Abends dann, wenn die Anforderungen nachlassen, bleibt nicht Erleichterung, sondern eine unbestimmte Leere – nicht schmerzhaft genug, um sie Trauer zu nennen, aber leer genug, um den Fernseher einzuschalten, nur damit etwas läuft.

Und dann gibt es die Gegenbilder, ebenso unspektakulär. Man geht aus der U-Bahn, und plötzlich hat die Luft ein Gewicht, eine Temperatur, eine Art Gegenwart. Man sieht eine Frau mit einem roten Schal, und dieses Rot ist nicht bloß Farbe, sondern Ereignis – es springt einen an, es bedeutet etwas, auch wenn man nicht sagen könnte, was. Oder man hört einen Satz in einem Gespräch, in einem Film, in einem Lied, und merkt, wie etwas „andockt“. Nicht als intellektuelles Verstehen, sondern als kleine innere Resonanz: Ja, das hat mit mir zu tun. Lebendigkeit ist dann nicht unbedingt Glück, nicht Euphorie, nicht „Flow“ im inflationären Sinn. Oft ist sie eher die Rückkehr einer organischen Selbstverständlichkeit: dass etwas Bedeutung haben darf, dass Zeit nicht nur vergeht, sondern verläuft – mit Richtung, mit Kontur, mit der Möglichkeit, dass etwas geschieht.

Wer klinisch arbeitet, kennt beide Zustände – und vor allem ihre Mischformen. Es gibt Menschen, die äußerlich schnell und erfolgreich wirken, voller Aktivität, Projekte, Sport, Reisen, Dates, Geschäftsideen. Aber wenn man ihnen zuhört, spürt man, dass das Tempo nicht aus Lust kommt, sondern aus Flucht. Der Körper wird benutzt wie ein Generator, der ständig laufen muss, damit es nicht still wird. Sobald Stille eintritt, fällt die Spannung ab – und darunter liegt nicht Ruhe, sondern Leere. Man könnte sagen: Der Motor läuft, damit der Fahrer nicht merkt, dass er längst ausgestiegen ist. Diese „Pseudo-Vitalität“ – Stern (2010) würde von einer Bewegung ohne Modulation sprechen – ist diagnostisch tückisch, weil sie Lebendigkeit imitiert, während sie deren Gegenteil organisiert: eine rastlose Abwehr gegen das Risiko, etwas zu fühlen.

Vitalität ist also nicht identisch mit Aktivierung, nicht mit Intensität, nicht mit dem, was Wellness-Rhetorik als „Energie“ verkauft. Sie ist eine Qualität von Erfahrung, nicht deren Pegel. Der Entwicklungsforscher Daniel Stern hat für diese Dimension ein nüchternes, sehr brauchbares Konzept vorgeschlagen: Es geht um das Wie eines inneren Geschehens – um Tempo, Rhythmus, Kontur, Richtung – nicht primär um das Was (Stern, 2010). Nicht nur: „Bin ich traurig oder froh?“, sondern: Wie steigt etwas in mir auf, wie klingt es ab, wie bewegt es sich in der Zeit? Diese scheinbar kleine Verschiebung ist entscheidend, weil sie uns wegführt von der Frage nach dem Emotionslabel hin zur Frage: Ist da überhaupt ein lebendiger Verlauf, eine innere Beweglichkeit, eine zeitliche Gestalt – oder ist da nur Stillstand, nur Flachheit, nur Betrieb?

Wenn man dieses Phänomen ernst nimmt, muss man Vitalität als Grundbegriff präziser behandeln, als es in Alltagspsychologie und Selbstoptimierungsdiskursen üblich ist. Für die Zwecke dieses Essays lässt sich eine Arbeitsdefinition wagen, die offen genug bleibt, aber unterscheidungsfähig wird: Vitalität bezeichnet das subjektive Gefühl, in der eigenen Erfahrung anwesend zu sein – innerlich bewegt, zeitlich konturiert, leiblich bewohnt und in einem sinnhaften Bezug zur Welt stehend. Diese Definition erlaubt es, typische Gegenspieler zu benennen, ohne sie vorschnell zu pathologisieren: die Entbesetzung (die Welt verliert Farbe), die Erstarrung (Affekt wird festgehalten, Atem wird eng), die Automatisierung (das Selbst wird zum Vollzugsorgan einer erwarteten Ordnung), die Pseudo-Vitalität (Intensität ohne innere Beteiligung), die dissoziative Entwirklichung (anwesend sein, ohne „da“ zu sein).

Warum Unlebendigkeit oft eine Lösung ist

Hier lauert eine Vereinfachung, die man vermeiden muss: Der Vitalitätsverlust ist nicht einfach ein Defekt, den man reparieren müsste. Er ist häufig eine Lösung. Wenn man Menschen genauer zuhört, merkt man, dass „Nicht-lebendig-sein“ oft eine Art psychischer Vertrag ist, der einmal unter schwierigen Bedingungen geschlossen wurde – und der seine Gründe überlebt hat.

Lebendigkeit bedeutet Nähe. Sie bedeutet Risiko, Verlustfähigkeit, Verletzbarkeit. Lebendig zu sein heißt, etwas zu wollen – und damit die Möglichkeit zu erleben, es nicht zu bekommen. Es heißt, sich zu zeigen – und damit die Gefahr einzugehen, gesehen und nicht gemocht, nicht verstanden, nicht gehalten zu werden. Nicht selten ist das „Abschalten“ eine Form von Selbstschutz, die einmal sinnvoll war: weniger Begehren bedeutet weniger Enttäuschung; weniger Gefühl bedeutet weniger Überschwemmung; weniger Lebendigkeit bedeutet weniger Angriffsfläche. Man könnte sagen: Die Psyche hat gelernt, dass es sicherer ist, das Licht zu dimmen, als es brennen zu lassen und zu riskieren, dass jemand es ausbläst. Diese Ökonomie ist nicht dumm. Sie ist tragisch, weil sie das Problem löst, indem sie das Subjekt selbst reduziert – aber sie ist nicht dumm.

Wilhelm Reich hat diese Dynamik in einer drastischen, körpernahen Sprache beschrieben. Der „Charakterpanzer“ ist für ihn keine Metapher, sondern eine somatische Realität: eine chronische Muskelspannung, eine Drosselung des Atems, ein Zurückhalten von Erregung, das den Organismus vor überwältigenden Affekten schützt (Reich, 1933/1945). Ob man Reichs theoretischen Überbau teilt oder nicht – die klinische Beobachtung ist robust: Menschen, die sich innerlich „tot“ fühlen, beschreiben häufig zugleich eine körperliche Enge, als wäre der Brustkorb kleiner geworden, als stünde der Atem unter Aufsicht. Die Panzerung begann einmal als Antwort auf etwas Unaushaltbares. Dass sie bleibt, wenn das Unaushaltbare längst vorbei ist, gehört zur Tragik neurotischer Organisation.

Noch radikaler wird die Idee, dass Leblosigkeit eine Lösung sein kann, wenn man Trauma ernst nimmt. Sándor Ferenczi beschreibt in seinem Text über die „Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind“ eine Dynamik, die weit über das historische Setting hinausweist: Unter dem Druck eines mächtigen, übergriffigen Anderen kann das Kind zu einer Art Automat werden – nicht aus Charakter, sondern aus Not (Ferenczi, 1933/1984). Das Kind gibt seine eigene Wahrnehmung auf, identifiziert sich mit dem Aggressor, wird „überklug“ und pseudoreif, während sein spontanes Selbst in den Untergrund geht. „Die Angst, wenn sie einen Höhepunkt erreicht“, schreibt Ferenczi, „zwingt sie [die Kinder] automatisch, sich dem Willen des Angreifers unterzuordnen, jeden seiner Wünsche zu erraten und zu befolgen, sich selbst ganz vergessend, sich völlig mit dem Angreifer zu identifizieren“ (Ferenczi, 1933/1984, S. 308). Der Preis dieser Anpassung ist hoch: Spontaneität wird riskant, Eigenimpuls wird gefährlich, Lebendigkeit selbst wird als Auslöser von Strafe oder Verlust gespeichert. Später erscheint dann nicht selten ein erwachsenes Leben, das „funktioniert“, aber die innere Zustimmung verweigert – ein Leben, das der Überlebenslogik treu blieb, obwohl der Notfall längst vorbei ist.

Donald Winnicott hat diesen Mechanismus nicht als moralische Forderung formuliert („Sei authentisch!“), sondern als Entwicklungsdiagnostik. Wenn das Umfeld frühe spontane Regungen des Kindes nicht aufnehmen kann – wenn es sie übersieht, bestraft, vereinnahmt oder mit Angst beantwortet –, entwickelt das Kind eine Art Ersatz-Organisation: ein Selbst, das reagiert statt initiiert, das passt statt spielt, das „sich benimmt“ statt ist (Winnicott, 1960/1965). Dieses „falsche Selbst“ ist nicht bloß Fassade oder Heuchelei. Es ist eine hochentwickelte Schutzstruktur, die das verletzliche Innere vor einer Umwelt bewahrt, die sich als nicht hinreichend sicher erwiesen hat. Das Problem ist nur: Die Struktur kann ihre Gründe überleben. Man trägt den Panzer weiter, auch wenn kein Krieg mehr ist. Man spielt die Rolle weiter, auch wenn niemand mehr zuschaut. Winnicott schreibt: „Das falsche Selbst hat eine positive und eine sehr wichtige Funktion: Es verbirgt das wahre Selbst, was es tut, indem es sich den Anforderungen der Umwelt fügt“ (Winnicott, 1960/1965, S. 147). In der Praxis erkennt man das oft an kleinen Signalen: einem Erzählen, das makellos ist, aber nichts berührt; einem Leben in korrekten Sätzen, denen die Innenfärbung fehlt; einer Kompetenz, die nie ins Stolpern kommt, weil sie nie etwas riskiert.

André Green hat eine der prägnantesten Figuren für die Entstehung innerer Entlebendigung geliefert. Der „Komplex der toten Mutter“ beschreibt nicht den realen Tod einer Bezugsperson, sondern deren psychische Abwesenheit – eine Mutter, die körperlich da war, aber innerlich fortgegangen ist, vielleicht durch Depression, Trauma, Trauer, Überforderung (Green, 1983/2004). Das Kind, konfrontiert mit einer Mutter, die plötzlich „nicht mehr da“ ist, ohne dass es verstehen könnte warum, reagiert mit einer paradoxen Identifikation: Es internalisiert nicht ein lebendiges Objekt, sondern eine Leerstelle. Es wird selbst zur Abwesenheit, die es nicht verstehen kann. Green beschreibt die Folge als eine Gefangenschaft in einer psychischen Schmerzlage, in der „es ebenso unmöglich ist zu lieben wie zu hassen – ebenso unmöglich sich zu vergnügen wie zu weinen“ (Green, 1983/2004, S. 222). Die Folgen zeigen sich später oft in einer diffusen Beziehungsproblematik: Man kann sich nähern, aber es „haftet“ nicht; man kann lieben, aber es wärmt nicht; man kann arbeiten, aber es erfüllt nicht. Der „tote Kern“ entleert die Erfahrung von innen her.

Die entscheidende Pointe, die sich durch diese verschiedenen theoretischen Figuren zieht: Diese Konstellationen sind keine Defekte, die man „wegmachen“ müsste. Sie sind Antworten auf frühe Erfahrungen, die damals die bestmögliche Lösung darstellten. Die Abwehr erscheint hier nicht als moralisches Versagen, sondern als Technik des Überlebens. Das zu verstehen, ist klinisch entscheidend. Wer einem Menschen, der sich nicht lebendig fühlt, mit dem Imperativ „Fühle mehr! Sei spontaner! Lebe endlich!“ begegnet, wiederholt möglicherweise genau das, was das Problem einst erzeugt hat: einen Zugriff von außen, der die eigene Regung nicht respektiert, sondern überschreibt. Damit zeichnet sich eine erste, für das gesamte Argument tragende Linie ab: Vitalität ist kein bloßer Zustand, sondern eine Beziehungskategorie. Nicht nur Beziehung zu anderen, auch Beziehung zu sich selbst, zum Körper, zur Zeit, zur eigenen Begehrensbewegung. Lebendig fühlen wir uns dort, wo etwas in uns entstehen darf, ohne sofort korrigiert, bestraft oder entwertet zu werden. Und wir verlieren Lebendigkeit dort, wo unser innerer Impuls zu früh lernen musste, dass er „zu viel“ ist, „zu gefährlich“, „zu schwierig für die anderen“.

Die Architektur der Lebendigkeit: Vier Koordinaten

Wenn Vitalität nicht einfach „da“ oder „weg“ ist, sondern ein Prozess – was sind dann die Bedingungen, unter denen sie gelingt oder scheitert? Im Folgenden schlage ich vor, Lebendigkeit als Zusammenspiel von vier Koordinaten zu verstehen. Keine davon ist „die“ Ursache; jede kann zeitweilig die anderen kompensieren – allerdings meist auf Kosten von Stabilität und Dauer. Das Modell erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; es ist ein Werkzeug, um klinische Phänomene zu sortieren und therapeutische Ansatzpunkte zu identifizieren.

Besetzung: Dass etwas wichtig werden darf

Freuds frühe Ökonomie hat – jenseits aller historischen Patina – eine erstaunlich schlichte Beobachtung bewahrt: Die Welt fühlt sich dort real und belebt an, wo wir sie besetzen, das heißt, wo psychische Energie an Objekte, Tätigkeiten, Personen, Vorstellungen gebunden wird (Freud, 1914/1946). Besetzung (Besetzung) ist Freuds Wort für das, was wir alltagssprachlich „Interesse“ nennen könnten – aber mit einer wichtigen Erweiterung: Es geht nicht nur um bewusste Aufmerksamkeit, sondern um eine libidinöse Bindung, die etwas in der Welt „aufladen“ lässt, sodass es Bedeutung gewinnt, sodass es uns etwas angeht. Vitalität ist in diesem Sinn keine bloße Erregung, sondern gebundene Erregung: ein Interesse, das „haften“ kann.

Man kann das alltagsnah spüren. Ein Nachmittag kann objektiv frei sein – keine Termine, keine Pflichten, alle Möglichkeiten offen – und sich subjektiv leer anfühlen, weil nichts „anzieht“. Die Dinge sind da, aber sie haben keine Gravitation. Und umgekehrt kann eine kurze Szene – ein Satz, ein Blick, ein Gedanke, ein Geruch – innerlich leuchten, weil sich etwas bindet. Nicht unbedingt angenehm, aber real. Ein Patient beschreibt diesen Unterschied präzise: „Es gibt Tage, da ist alles grau. Nicht traurig, nicht schlecht – grau. Und dann gibt es Momente, da sehe ich dasselbe, aber es hat plötzlich Gewicht. Als hätte jemand die Welt wieder eingestöpselt.“

Der entscheidende Punkt, den Freud in seiner Narzissmusarbeit herausarbeitet: Besetzung ist nie nur „Energie“, sondern immer auch Risikobewertung (Freud, 1914/1946). Wer besetzt, macht sich verletzbar. Wer etwas wichtig nimmt, kann es verlieren. Wer sich an jemanden bindet, kann verlassen werden. Die Frage lautet daher nicht nur „Habe ich Energie?“, sondern: „Wohin darf sie gehen? Woran darf sie haften? Was passiert, wenn sie haftet – und wer oder was antwortet darauf?“ In der Melancholie, so Freuds berühmte Analyse, schlägt diese Ökonomie fehl: Die Libido zieht sich von der Welt zurück und wendet sich gegen das Ich selbst. Das Ergebnis ist nicht Trauer (die schmerzt, aber lebendig bleibt), sondern jene eigentümliche Verarmung, in der die Welt und das Selbst grau werden (Freud, 1917/1946). Die melancholische Entleerung ist gleichsam das Paradigma gestörter Besetzungsfähigkeit – nicht zu wenig Energie, sondern eine Energie, die keinen Ort mehr findet.

Melanie Klein hat diese Perspektive um eine entscheidende Dimension erweitert: Die Fähigkeit, die äußere Welt zu besetzen, hängt von der inneren Objektwelt ab (Klein, 1935/1975). Wer innerlich von verfolgenden, zerstörten oder toten Objekten bevölkert ist, kann auch außen nichts lebendig halten. Die projektive Identifikation färbt die Welt mit dem, was innen nicht integriert werden kann. Klinisch heißt das: Manche Menschen können nicht besetzen, weil ihr Inneres zu unsicher, zu feindselig, zu leer ist, um von dort aus Brücken in die Welt zu bauen. Heinz Kohut hat diesen Zusammenhang später selbstpsychologisch reformuliert: Vitalität setzt ein Mindestmaß an Selbstkohäsion voraus – wer innerlich fragmentiert, entleert oder chronisch beschämt ist, hat keine Basis, von der aus Interesse ausgehen könnte (Kohut, 1971). Das Selbst muss hinreichend „beisammen“ sein, um sich riskieren zu können.

Form: Dass es einen Rhythmus gibt, der sich modulieren lässt

Wer Vitalität allein über „Interesse“ oder „Besetzung“ fasst, übersieht ihren ästhetischen Kern. Lebendigkeit ist nicht nur, dass etwas wichtig ist, sondern wie es sich bewegt. Daniel Stern hat dafür den Begriff der „Vitalitätsformen“ geprägt, der bewusst die traditionelle Affektpsychologie übersteigt (Stern, 2010). Es geht ihm nicht um diskrete Emotionen – Freude, Trauer, Angst –, sondern um die dynamische Gestalt des Erlebens: Tempo, Intensität, Kontur, Richtung. Eine Bewegung kann ansteigend sein, stockenddrängendverebbendexplosivschwebend – und diese Qualitäten sind oft wichtiger als die Frage, welches Emotionslabel man ihnen gibt.

Sterns Perspektive erlaubt, Vitalität als Zeitgestalt zu denken. Das ist klinisch unmittelbar relevant, weil es verständlich macht, warum „falsche Lebendigkeit“ so leicht täuscht. Ein Patient, der ständig in Bewegung ist – Projekte, Reisen, wechselnde Partner, sportliche Höchstleistungen –, kann wirken, als wäre er vital. Aber wenn man genauer hinhört, merkt man: Das Tempo ist nicht frei gewählt, sondern getrieben. Es gibt kein Verlangsamen, kein Ausklingen, keine Pausen, in denen etwas entstehen könnte. Der Rhythmus ist wie in einem engen Tunnel: nur vorwärts, immer schneller, Stillstand ist Bedrohung. Manische Betriebsamkeit, grelle Witzigkeit, sexualisierte Dauerspannung können wie Vitalität aussehen, während sie in Wahrheit die Angst vor lebendiger Begegnung abwehren. Der Unterschied liegt weniger im Pegel als in der Bewegungsqualität: Ist das Erregte frei moduliert – kann es zarter werden, lauter, langsamer, schneller, je nach Situation? Oder ist es wie ein Motor, der läuft, weil er nicht stehen darf?

Reich hat diesen Punkt körpertherapeutisch zugespitzt: Der „Charakterpanzer“ ist nicht nur psychische Rigidität, sondern auch somatische – eine chronische Organisation von Muskelspannung, Atemtiefe, Haltung, die den Affektfluss drosselt (Reich, 1933/1945). Menschen mit starker Panzerung können oft nur in einem engen Erregungskorridor leben: nicht zu viel (dann droht Überflutung), nicht zu wenig (dann droht Depression), sondern in einer mittleren Zone, die Sicherheit bietet, aber Lebendigkeit kostet. Der Atem wird flach, die Schultern hochgezogen, der Bauch eingezogen – und mit dieser körperlichen Organisation verengt sich auch das affektive Spektrum. Was Stern (2010) als „Vitalitätsdynamik“ beschreibt, ist dann nur noch in gedämpfter Form verfügbar: ein Leben in Pastelltönen, wo Primärfarben möglich wären.

Klinisch zeigt sich gestörte Formgebung oft daran, dass ein Patient inhaltlich viel erzählt, aber alles gleich klingt. Die Sätze sind korrekt, die Geschichten sind interessant, aber es fehlt die affektive Kurve – das Ansteigen der Spannung, das Innehalten, das Lösen. Alles hat dasselbe Gewicht, dieselbe Temperatur, dieselbe Geschwindigkeit. Oder umgekehrt: Jemand erzählt von banalen Dingen, aber der Rhythmus ist lebendig – man spürt, wie etwas aufsteigt, stockt, sich wendet. Dann ist oft weniger wichtig, was gesagt wird, als wie es im Raum steht. Vitalität ist in diesem Sinn auch eine rhythmische Kompetenz: die Fähigkeit, die eigene innere Bewegung zu spüren, zu variieren, mit der Situation abzustimmen.

Resonanz: Dass ein Gegenüber antwortet

Dass Vitalität ein Prozess ist, wird besonders deutlich, wenn man sie nicht im Individuum, sondern im Zwischenraum verortet. Winnicott hat diesen Gedanken am weitesten entwickelt. Lebendigkeit, so seine These, entsteht im „Übergangsraum“ – jenem intermediären Bereich zwischen Innen und Außen, in dem Erfahrung probeweise werden darf, ohne sofort festgelegt zu sein (Winnicott, 1971). Das Kind, das mit einem Übergangsobjekt spielt, befindet sich weder ganz in der inneren Phantasie noch ganz in der äußeren Realität, sondern in einem Bereich, der beiden angehört und keinem ganz. Dieser Bereich, so Winnicott, ist „der Ort, an dem wir leben“ – der Ort der Kreativität, des Spiels, der kulturellen Erfahrung. Und er ist der Ort, an dem Lebendigkeit entsteht oder erstickt wird.

Der Übergangsraum braucht ein Gegenüber, das ihn ermöglicht. „Es gibt so etwas wie ein Baby nicht“, schreibt Winnicott in einem berühmten Satz – „immer wenn man ein Baby sieht, sieht man auch mütterliche Fürsorge“ (Winnicott, 1960/1965, S. 39). Das Subjekt konstituiert sich in Beziehung, und die Qualität dieser Beziehung bestimmt, ob spontane Regung sich entfalten oder ob sie erstickt werden. Lebendigkeit zeigt sich dort, wo der spontane Gestus auftauchen darf und eine Umwelt ihn „aufnimmt“, statt ihn zu bestrafen, zu ignorieren oder zu vereinnahmen. Das muss nicht heißen: Die Umwelt sagt immer Ja. Es heißt: Die Umwelt antwortet. Sie ist da, sie reagiert, sie gibt etwas zurück, das dem Kind (oder dem Erwachsenen) zeigt: Deine Regung ist angekommen. Diese Erfahrung – dass der eigene Impuls ein Echo findet – ist die Urszene des Lebendigseins.

Michael Balint hat den relationalen Kern von Vitalität in einer besonders körpernahen Formel beschrieben: „Die Fähigkeit zu einem unverdächtigen Neuanfang“ – das heißt zu einer Objektbeziehung, die nicht von vornherein durch Misstrauen, Kontrolle oder Angst vergiftet ist (Balint, 1968/1987, S. 137). Diese Fähigkeit, so Balint, ist dort gestört, wo die frühesten Beziehungserfahrungen traumatisch waren – nicht unbedingt im Sinn dramatischer Ereignisse, sondern im Sinn eines chronischen „Grundfehlers“ (basic fault): einer Passung zwischen Kind und Umwelt, die nie ganz gelang. Die Folge ist ein Selbst, das Beziehung sucht, aber sich nie ganz einlassen kann; das Nähe braucht, aber Nähe als Bedrohung erlebt; das lebendig sein will, aber Lebendigkeit als Risiko verbucht.

Heinz Kohut hat diese relationale Dimension selbstpsychologisch reformuliert: Vitalität entsteht dort, wo das Selbst Selbstobjekterfahrungen machen kann – Spiegelung (jemand sieht mich und zeigt mir, dass ich wertvoll bin), Idealisierung (jemand ist größer als ich und lässt mich teilhaben an seiner Stärke), Zugehörigkeit (jemand ist wie ich und lässt mich nicht allein) (Kohut, 1971). Diese Erfahrungen sind nicht Luxus, sondern konstitutiv: Sie ermöglichen überhaupt erst jene Selbstkohäsion, von der aus Interesse, Begehren, Lebendigkeit ausgehen können. Wo sie chronisch fehlen, bleibt das Selbst fragmentiert, leer oder chronisch beschämt – und Lebendigkeit wird unmöglich, weil es kein Zentrum gibt, von dem aus sie ausgehen könnte. Das Paradox ist: Man braucht ein hinreichend stabiles Selbst, um lebendig sein zu können – aber dieses Selbst entsteht nur in Beziehungen, die lebendig genug sind, um es zu nähren. Die Spirale kann in beide Richtungen laufen: aufwärts, wenn Resonanz gelingt; abwärts, wenn sie ausbleibt.

Übersetzung: Dass Rohes in Bedeutung verwandelt werden kann

Die vierte Koordinate betrifft die Fähigkeit zur psychischen Transformation. Wilfred Bion hat dafür den Begriff der „Alpha-Funktion“ geprägt: jene psychische Operation, die rohe Sinneseindrücke und emotionale Erfahrungen („Beta-Elemente“) in eine Form verwandelt, die gedacht, geträumt, erinnert, verknüpft werden kann („Alpha-Elemente“) (Bion, 1962). Ohne diese Transformation bleibt Erleben unverdaute Materie – es kann nicht gespeichert, nicht bearbeitet, nicht kommuniziert werden. Es bleibt „Ding“, nicht „Gedanke“; es kann nur ausagiert, ausgeschieden, projiziert werden, aber nicht verstanden.

Klinisch zeigt sich ein Ausfall der Alpha-Funktion oft in einer paradoxen Doppelgestalt: Entweder Überflutung oder Erstarrung. Der Affekt ist entweder „zu viel“ – unkontrollierbar, fragmentierend, bedrohlich – oder „weg“ – nicht spürbar, nicht zugänglich, wie abgeschaltet. Beide Zustände sind Varianten desselben Grundproblems: Die psychische Verdauung funktioniert nicht. Was aufgenommen wird, kann nicht assimiliert werden. Bion beschreibt eine Patientin, die „in einem Zustand zu sein scheint, der dem sehr nahe kommt, was normalerweise als affektiv gilt“, aber bei der sich herausstellt, dass ihre „emotionalen Erlebnisse Beta-Elemente bleiben, die unassimiliert sind und für die Projektionen bereit“ (Bion, 1962, S. 98). Das heißt: Es sieht aus wie Fühlen, aber es ist kein Fühlen im eigentlichen Sinn – es ist Rohmaterial, das nicht verarbeitet wurde und deshalb auch nicht integriert werden kann.

Bion hat zudem einen Begriff für eine destruktive Operation geprägt, die noch radikaler ist: „Angriffe auf Verknüpfungen“ (attacks on linking). Hier geht es nicht um das Scheitern von Transformation, sondern um deren aktive Zerstörung – um einen Hass auf Verbindung selbst, der die Fähigkeit zur Symbolisierung systematisch untergräbt (Bion, 1959). „Das Verbindende ist der Neid“, schreibt Bion – ein Neid, der nicht nur das Objekt angreift, sondern die Beziehung zum Objekt, die Fähigkeit zu denken, zu verknüpfen, zu verstehen (Bion, 1959, S. 312). Das Ergebnis ist eine „schwere Störung des Impulses zur Neugier, von dem alles Lernen abhängt“ (Bion, 1959, S. 314). In einem Essay über Vitalität ist das zentral: Neugier ist selbst eine Form von Libido. Wo Neugier erlischt – wo das Interesse am Verstehen, am Verknüpfen, am Entdecken abgetötet wird –, erlischt ein Grundton des Lebendigen.

Jean Laplanche hat eine verwandte, aber anders akzentuierte Perspektive entwickelt: Das Psychische ist von Anfang an durch „rätselhafte Botschaften“ (énigmatiques signifiants) des Anderen konstituiert – Botschaften, die mehr enthalten, als das Kind verstehen kann, und die deshalb eine dauernde Übersetzungsarbeit in Gang setzen (Laplanche, 1987). Das Unbewusste entsteht als Rest dieser Übersetzung: das, was nicht übersetzt werden konnte, aber weiter wirkt. Lebendigkeit wäre dann dort, wo noch Übersetzungsspielraum ist – wo das Fremde im Inneren nicht nur als tyrannisch oder stumm erlebt wird, sondern bearbeitet, verwandelt, in neue Bedeutungen überführt werden kann. Entlebendigung wäre entsprechend dort, wo die Übersetzung blockiert ist – wo das Unübersetzte sich zwanghaft wiederholt, statt sich zu verwandeln.

Die Kopplung

Aus diesen vier Koordinaten lässt sich eine pragmatische Arbeitshypothese gewinnen: Vitalität korreliert mit der Fähigkeit zu besetzen (Interesse und Libido an etwas zu binden) und mit der inneren Erlaubnis, dies zu tun. Sie zeigt sich in der Modulierbarkeit der affektiven Zeitgestalt – im Wie des Erlebens, in Rhythmus und Kontur. Sie entsteht im Zwischenraum der Beziehung, wo spontane Regung auf Antwort trifft, statt ignoriert, bestraft oder vereinnahmt zu werden. Und sie braucht Übersetzung: die Fähigkeit, rohes Erleben in Form zu bringen, es denkbar, träumbar, erzählbar zu machen.

Diese vier Funktionen sind nicht unabhängig voneinander. Sie bilden ein gekoppeltes System, in dem jede die anderen stützt oder untergräbt. Wer nicht besetzen kann – weil das Selbst zu fragil, die inneren Objekte zu bedrohlich sind –, kann auch keine Resonanz suchen, weil Beziehung zu riskant wird. Wer keine Resonanz findet, kann Affekte nicht regulieren und nicht übersetzen, weil die containende Funktion des Anderen fehlt. Wer nicht übersetzen kann, bleibt im Rohmaterial stecken: entweder überflutet oder erstarrt, aber in beiden Fällen ohne Zugang zu einer lebendigen Erfahrung. Und wer keinen Rhythmus, keine Modulation entwickeln konnte, bleibt entweder im Dauerbetrieb (Pseudo-Vitalität) oder in der Erstarrung (Panzerung) stecken. Die Spirale kann in beide Richtungen laufen: Wenn eine Funktion wieder in Gang kommt, kann sie die anderen mitziehen. Aber auch umgekehrt: Wenn eine kollabiert, geraten die anderen unter Druck.

Klinische Landkarte: Formen gestörter Vitalität

Wenn man Vitalität als gekoppelten Prozess versteht, lässt sich auch ihr Verlust präziser beschreiben. „Unlebendigkeit“ ist selten einfach „zu wenig Energie“. Häufig ist sie ein hochorganisiertes Ergebnis: ein seelisches Arrangement, das den Kontakt mit etwas Gefährlichem – Schmerz, Abhängigkeit, Neid, Begehren, Wut, Scham – reguliert, indem es die Bedingungen des Erlebens selbst verändert. Im Folgenden skizziere ich vier Hauptformen gestörter Vitalität – nicht als Diagnosen, sondern als dynamische Muster, die sich über verschiedene Störungsbilder legen können und die oft ineinander übergehen.

Entbelebung: Die Welt verliert ihre Ladung

Eine Patientin, Mitte dreißig, beruflich erfolgreich, sozial eingebunden, beschreibt ihren Zustand mit einer präzisen Metapher: „Es ist nicht traurig. Es ist, als hätte jemand die Sättigung runtergedreht. Alles ist da, aber in Grautönen.“ Dinge sind erkennbar – Arbeit, Menschen, Musik, selbst Körperempfindungen –, aber sie „kleben“ nicht, sie greifen nicht. Es ist, als liefe die Wahrnehmung ins Leere, als fehlte der Widerhaken, an dem Erfahrung sich festmachen könnte. Morgens aufzustehen ist nicht schwer im Sinn einer depressiven Bleischwere, aber es ist auch nicht leicht im Sinn eines Aufbruchs. Es ist neutral. Es ist nichts.

Freud hat diesen Mechanismus in der Konstellation von Verlust beschrieben: In der Trauer ist die Welt „arm und leer geworden“, weil die Libido an einem Objekt hing, das nun fehlt (Freud, 1917/1946, S. 431). Die psychische Arbeit der Trauer besteht darin, die Bindung Stück für Stück zu lösen und die frei werdende Libido neuen Objekten zuzuführen. Das ist schmerzhaft, aber lebendig – ein Prozess, kein Zustand. Die Melancholie hingegen zeigt die Pathologie der Besetzung: Der Verlust schlägt gegen das Selbst zurück; das Ich selbst verarmt, entleert sich, wird zum Schauplatz jener Vorwürfe, die eigentlich dem verlorenen Objekt gelten (Freud, 1917/1946). Der melancholische Mensch hat nicht nur etwas verloren, er hat sich selbst verloren – oder genauer: Er hat sich an das verlorene Objekt verloren und kann sich nicht mehr zurückholen.

Der vitalitätsbezogene Kern dieser Unterscheidung: Schmerz ist nicht gleich Unlebendigkeit. Man kann in Trauer hoch lebendig sein – jeder, der einen echten Verlust erlitten hat, kennt die merkwürdige Intensität dieser Zeit, die Schärfe der Wahrnehmung, die Tiefe der Erinnerung. Die „leere Depression“ hingegen erschreckt gerade dadurch, dass nichts mehr wehtut, weil kaum noch etwas erreicht. Eine Patientin, die beide Zustände kannte, formulierte den Unterschied so: „Als mein Vater starb, war ich am Boden zerstört. Aber ich habe gefühlt. Jetzt ist niemand gestorben, und ich fühle gar nichts. Das ist schlimmer.“

Totstellung: Lebendigkeit wird gefährlich

Ein Patient, Ende zwanzig, erzählt von massiven Grenzverletzungen in der Kindheit. Er erzählt sachlich, chronologisch, fast wie eine Aktennotiz. Jahreszahlen, Orte, beteiligte Personen – alles wird korrekt benannt. Während er spricht, ist sein Gesicht ruhig, fast ausdruckslos. Aber als eine Frage nach dem damaligen Gefühl kommt, passiert etwas Merkwürdiges: Die Augen werden starr, der Atem flach, die Schultern gehen hoch. Er ist immer noch im Raum, aber er ist nicht mehr „da“. Später sagt er: „Ich weiß, dass das schlimm war. Aber wenn ich daran denke, ist da nichts. Wie ein Film, den jemand anderes gesehen hat.“

Hier handelt es sich nicht um Entbelebung durch Libidorückzug, sondern um etwas anderes: Totstellung. Das Nervensystem hat gelernt, bei Gefahr nicht zu kämpfen und nicht zu fliehen, sondern zu erstarren – eine phylogenetisch alte Reaktion, die Beute „tot“ erscheinen lässt, um dem Fressfeind zu entgehen. In psychologischen Begriffen: Lebendigkeit – als affektive Bewegung, als spontaner Impuls – ist in diesem System ein Risiko geworden. Die Psyche hat gelernt: Lebendige Regung findet keinen haltenden Anderen; im Gegenteil, sie provoziert Übergriff, Strafe, Verlassenwerden. Also muss Regung aus dem System.

Ferenczi hat diese Dynamik als „Identifikation mit dem Aggressor“ beschrieben: Das Kind, überwältigt durch einen Erwachsenen, dessen Macht es nicht in Frage stellen kann und auf dessen Liebe es angewiesen ist, gibt seine eigene Perspektive auf und übernimmt die des Täters (Ferenczi, 1933/1984). Es wird gehorsam, überangepasst, „vernünftig“ – ein kleiner Erwachsener, dessen kindliche Lebendigkeit in den Untergrund gegangen ist. Entsprechend ist „Wiederbelebung“ hier nicht primär Deutung, nicht Einsicht, nicht kognitive Umstrukturierung, sondern die allmähliche Erfahrung, dass Affekt gehalten und übersetzt werden kann, ohne dass die Beziehung zerbricht. Oft zeigt sich Fortschritt zunächst paradox: Der Patient wird konflikthafter, „schwieriger“, wütender – was in Wahrheit bedeutet, dass der Totstellreflex nachlässt und lebendige Regung wieder riskiert werden kann.

Ersatzvitalität: Intensität statt Lebendigkeit

Die dritte Konstellation ist die verführerischste – auch für Therapeuten, weil sie wie Leben aussieht. Eine Patientin kommt in jede Stunde mit neuen Geschichten: Das letzte Date, das nächste Projekt, der Streit mit der Freundin, der spontane Wochenendtrip. Ihr Leben scheint ereignisreich, aufregend, „lebendig“ im oberflächlichen Sinn des Wortes. Sie lacht viel, gestikuliert viel, erzählt schnell. Und doch hat die Stunde einen paradoxen Grundton: Man wird mitgerissen, aber nicht berührt. Sobald es still werden könnte, zieht die Patientin weiter – neues Thema, neue Wendung, neues Drama. Im Nachhinein bleibt wenig hängen, weder bei ihr noch beim Therapeuten.

Das ist Ersatzvitalität: Intensität als Schutz gegen Erfahrung. Der Körper wird unter Strom gehalten, damit kein Vakuum entsteht. Der Rhythmus ist nicht moduliert, sondern wie in einem engen Tunnel: nur schnell, nur vorwärts, kein Innehalten, kein Ausklingen. Jacques Lacan würde hier von Jouissance sprechen – einem Genießen jenseits des Lustprinzips, das nicht befreit, sondern bindet; das nicht lebendig macht, sondern fixiert (Lacan, 1966/1973). Jouissance ist Erregung, die sich nicht transformiert, sondern wiederholt; die keine Bedeutung erzeugt, sondern sie vermeidet. Sie hält das Subjekt „unter Strom“, aber nicht in Bewegung. Christopher Bollas hat für eine Variante dieser Konstellation den Begriff „normotic“ geprägt: Menschen, die „abnorm normal“ sind – perfekt angepasst, handlungsorientiert, materialistisch, aber ohne innere Subjektivität (Bollas, 1987). Sie sind nicht krank im üblichen Sinn, aber sie sind auch nicht lebendig im Sinn einer resonanten, offenen, suchenden Existenz.

Die entscheidende Unterscheidung: Vitalität ist Modulation, nicht Pegel. Ein Mensch kann sehr leise lebendig sein – in einer stillen Aufmerksamkeit, einem zärtlichen Blick, einem nachdenklichen Zögern. Und jemand kann sehr laut tot sein – in einer Rastlosigkeit, die genau das abwehrt, was Lebendigkeit ausmacht: die Möglichkeit, innezuhalten, zu spüren, sich von etwas berühren zu lassen.

Das funktionierende Selbst: Mechanische Lebendigkeit

Die vierte Form ist die subtilste und vielleicht die häufigste. Sie ist nicht dramatisch, nicht depressiv, nicht manisch. Sie ist funktional. Ein Patient, Anfang vierzig, kommt wegen unspezifischer Beschwerden: Schlafprobleme, diffuse Gereiztheit, ein Gefühl, „irgendwie nicht richtig da zu sein“. Im Gespräch wirkt er freundlich, reflektiert, kooperativ. Er erzählt von seiner Arbeit, seinen Beziehungen, seinen Plänen – alles plausibel, angemessen, ohne offensichtliche Pathologie. Und doch: Etwas im Raum ist wie hinter Glas. Die Worte sind richtig, aber sie wirken einstudiert. Das Lächeln ist korrekt, aber es erreicht die Augen nicht. Man hat das Gefühl, mit jemandem zu sprechen, der sehr genau weiß, wie man ein Gespräch führt – aber nicht weiß, ob er selbst darin vorkommt.

Das ist Winnicotts False Self in seiner sozial angepassten Variante: nicht „Falschheit“ im moralischen Sinn, sondern eine Selbstorganisation, die Anpassung perfektioniert hat, wo spontane Regung gefährlich war (Winnicott, 1960/1965). Das False Self kann hochkompetent sein, beruflich erfolgreich, sozial gewandt. Aber es entleert das Leben, weil es die Person von ihrem eigenen Erleben trennt. Es ist, als würde jemand permanent in einem fremden Film mitspielen, dessen Drehbuch er sehr gut kennt, aber dessen Rolle nie zu ihm wird. Der Patient formuliert es so: „Ich tue die richtigen Dinge, sage die richtigen Sätze, erreiche die richtigen Ziele. Aber wenn Sie mich fragen, wer da eigentlich lebt – ich habe keine Ahnung.“

Der Lackmustest ist das Spiel. Wo kein Spielraum entsteht – jener Zwischenraum, in dem Innen und Außen sich probeweise begegnen, in dem etwas sein darf, ohne endgültig sein zu müssen –, bleibt Erfahrung entweder zu riskant (dann wird kontrolliert) oder zu bedeutungslos (dann ist alles egal). Die Therapie mit solchen Patienten ist oft irritierend angenehm: keine Krisen, keine Widerstände, viel Reflexionsfähigkeit. Und doch passiert nichts – oder das, was passiert, bleibt ohne Folgen. Die Stunden „laufen“, aber sie „leben“ nicht. Das Risiko für den Therapeuten ist, in eine komplementäre Position zu geraten: selbst zum funktionierenden Gegenüber zu werden, das die Rolle spielt, statt den Raum für etwas Ungeplantes zu öffnen.

Übergänge

Diese vier Formen sind keine Schubladen, sondern Pole eines Feldes, zwischen denen sich viele Menschen bewegen. Ein Patient kann depressiv entleert sein und dann plötzlich in Aktionismus flüchten; traumatische Totstellung kann durch riskante Intensität „überspielt“ werden; False-Self-Organisationen können in leere Depressionen kippen, wenn die äußere Maschinerie nicht mehr trägt. Was bleibt, ist eine klinische Arbeitshypothese: Vitalitätsverlust hat Struktur. Er ist nicht einfach „Mangel“, sondern eine organisierte Form von Abwehr, die ihre Geschichte hat und verstanden werden will, bevor sie sich verändern kann.

Bedingungen der Wiederbelebung

Wenn Unlebendigkeit kein Defekt ist, sondern eine Lösung – was folgt daraus für die Frage, wie Lebendigkeit wiederkehren kann? Die naheliegende Antwort wäre: Man muss die Lösung aufgeben, die Abwehr überwinden, das wahre Selbst „befreien“. Aber so einfach ist es nicht. Wer einem Menschen, dessen Psyche gelernt hat, dass Lebendigkeit gefährlich ist, mit dem Imperativ begegnet, er solle „mehr fühlen“ oder „authentischer sein“, wiederholt möglicherweise genau jenen Übergriff, der das Problem einst erzeugte. Die therapeutische Aufgabe ist subtiler: nicht Lebendigkeit herstellen, sondern Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird. Nicht animieren, sondern Raum öffnen. Nicht füllen, sondern halten.

Vitalität als Feldphänomen

Thomas Ogden hat darauf hingewiesen, dass „Lebendigkeit“ und „Totheit“ in der analytischen Situation nicht primär Eigenschaften des Patienten sind, sondern Qualitäten des Feldes – jenes gemeinsamen psychischen Raums, der zwischen Analytiker und Patient entsteht und den Ogden als „analytischen Dritten“ bezeichnet (Ogden, 1994). Wenn eine Stunde „tot“ ist, betrifft das nicht nur den Patienten; es betrifft das Paar, das gemeinsam in dieser Stunde steckt. Der Analytiker merkt es an sich selbst: eine Müdigkeit, die nicht zur Tageszeit passt; ein Wegdriften der Aufmerksamkeit; das Gefühl, hinter einer Glasscheibe zu sitzen; eine subtile Langeweile, die keine inhaltlichen Gründe hat. Diese Gegenübertragungsphänomene sind nicht Störungen der Analyse, sondern ihr Material. Sie zeigen an, was im Feld gerade nicht symbolisiert werden kann – und sie sind oft der erste Hinweis darauf, wo Arbeit möglich wird.

Ogden beschreibt eine Analyse, in der über lange Zeit „nichts passierte“ – korrekte Stunden, kooperativer Patient, aber eine pervasive Leblosigkeit, die beide erfasste. Der Wendepunkt kam nicht durch eine brillante Deutung, sondern durch die allmähliche Fähigkeit, die Totheit selbst als Phänomen zu erleben – nicht als Faktum, das man beseitigen müsste, sondern als Gefühl, das gehalten und benannt werden konnte: „Deadness had become a feeling as opposed to a fact“ (Ogden, 1995, S. 699). Das klingt paradox, ist aber zentral: Solange Totheit nur ist – ein Zustand, ein Hintergrund, eine Selbstverständlichkeit –, kann sie nicht bearbeitet werden. Erst wenn sie erlebtwird – als etwas, das da ist, das einen Namen haben könnte, das eine Geschichte haben könnte –, entsteht Spielraum. Lebendigkeit beginnt manchmal damit, dass man die eigene Unlebendigkeit zum ersten Mal wirklich spürt.

Die Deadness halten, statt sie wegzumachen

Es lohnt, den therapeutischen Impuls zu misstrauen, Totheit sofort „reparieren“ zu wollen. Der Impuls ist verständlich: Leblosigkeit ist unangenehm, für den Patienten wie für den Analytiker. Man möchte etwas tun – mehr fragen, mehr deuten, mehr strukturieren, die Stunde „interessanter“ machen. Aber dieser Impuls kann genau das wiederholen, was das Problem erzeugt hat. Viele Menschen, die sich nicht lebendig fühlen, haben früh gelernt, dass ihre innere Leere für andere unerträglich ist. Die Mutter konnte die Langeweile des Kindes nicht aushalten; der Vater brauchte ein fröhliches Kind, um sich selbst lebendig zu fühlen; die Familie verlangte „gute Laune“ als Eintrittspreis für Zugehörigkeit. Das Kind lernte: Meine Leere ist zu viel für die anderen. Ich muss sie verstecken, überspielen, wegmachen.

Wenn der Analytiker nun seinerseits die Leere nicht aushalten kann – wenn er anfängt zu „animieren“, zu stimulieren, die Stunde „produktiv“ zu machen –, bestätigt er die alte Erfahrung. Er wird zum weiteren Anderen, für den das Selbst so, wie es ist, nicht genügt. Die Alternative ist schwieriger: die Totheit mit dem Patienten aushalten, sie als gemeinsame Erfahrung würdigen, ihr Zeit geben. Das bedeutet nicht Passivität, nicht Schweigen um jeden Preis. Es bedeutet eine Haltung, die sagt: Ich halte das aus. Ich bin hier, auch wenn nichts passiert. Deine Leere vertreibt mich nicht. Bion hat dafür den Begriff des „Containments“ geprägt: Die Fähigkeit des Analytikers, die unverarbeiteten, unverdauten Erfahrungen des Patienten aufzunehmen, sie zu „halten“, bis sie symbolisiert werden können – ohne sie zurückzuwerfen, ohne selbst davon überwältigt zu werden (Bion, 1962). Containment ist keine Technik; es ist eine Kapazität, die der Analytiker entwickeln muss und die er in jeder Stunde neu zur Verfügung stellt.

Resonanz statt Animation

Viele Patienten, die über Unlebendigkeit klagen, kennen eine merkwürdige Variante von Beziehung: Sie können sich gut anpassen, gut erklären, gut „liefern“ – aber in ihnen bleibt ein Gefühl, als würden sie nicht wirklich gemeint sein. Sie wissen, was der andere hören will, und sie geben es ihm. Sie sind exzellente Beobachter fremder Erwartungen und präzise Erfüller derselben. Was fehlt, ist die Erfahrung, dass jemand auf sie reagiert – nicht auf ihre Performance, nicht auf ihre Anpassungsleistung, sondern auf sie, auf ihre spontane Regung, auf das, was auftaucht, bevor es zurechtgemacht wird.

Die Gefahr für den Analytiker besteht darin, das False Self unbeabsichtigt zu verstärken: durch zu schnelle Einsichten, die der Patient „lernen“ kann; durch „intelligente“ Interpretationen, die brillant klingen, aber nicht berühren; durch einen subtilen Leistungsdruck, der die Stunde „produktiv“ macht, aber leer lässt. Der Patient liefert Material, der Analytiker liefert Bedeutung, und beide spielen ein Spiel, das Analyse heißt, aber keine ist. Winnicott hat das prägnant formuliert: „Es ist ein Merkmal von Deutungen, die ich für den Patienten nützlich fand, dass sie fast gleichzeitig von mir und vom Patienten gegeben werden konnten. Ich denke, dies bedeutet, dass eine Deutung, die gegeben wird, bevor das Material soweit ist, Indoktrination ist“ (Winnicott, 1971, S. 117). Vitalisierung geschieht nicht durch Input von außen, sondern durch Resonanz auf das, was von innen kommt – durch eine Antwort, die zeigt, dass der spontane Gestus angekommen ist.

Technisch heißt das: Vitalisierung geschieht oft nicht durch die große Deutung, sondern durch präzise Mikroresonanzen. Ein minimaler Satz im richtigen Tonfall, ein Timing, das nicht überfährt, ein Schweigen, das nicht verlässt, ein „Mhm“, das nicht routiniert klingt, sondern echt interessiert. Manchmal ist es ein einziges „Ja, genau so“ – nicht als Zustimmung zum Inhalt, sondern als Markierung: Ich bin hier, und ich nehme wahr, wie das gerade ist. Das klingt banal, ist aber in vielen Biografien radikal, weil es dem Patienten eine Erfahrung ermöglicht, die er nicht kannte: dass sein inneres Geschehen einen Anderen affiziert, ohne dass dieser ihn dafür bestrafen, vereinnahmen oder verlassen muss. Stern hat diese Form der Resonanz als „Affektabstimmung“ (affect attunement) beschrieben: nicht Imitation des Affekts, sondern ein Aufnehmen seiner Vitalitätsform – seines Tempos, seiner Intensität, seiner Kontur – in einer anderen Modalität (Stern, 1985). Das Kind lacht, die Mutter antwortet nicht mit demselben Lachen, sondern mit einem Wiegen, einer Melodie, einem Blick, der dieselbe dynamische Form hat. Der Inhalt ist verschieden, aber das Wie ist abgestimmt. Diese scheinbar kleine Operation – „Ich sehe, wie es sich in dir bewegt“ – ist eine der Grundlagen dafür, dass Lebendigkeit entstehen und bestehen kann.

Übersetzung ermöglichen, nicht erklären

Lebendigkeit braucht Transformation: die Fähigkeit, rohes Erleben in eine Form zu bringen, die gedacht, geteilt, erinnert werden kann. Aber Transformation ist nicht dasselbe wie Erklärung. Es ist verführerisch, psychoanalytische Arbeit mit Einsicht gleichzusetzen: Der Patient versteht, warum er so ist, wie er ist, und dieses Verstehen befreit ihn. Für manche Patienten stimmt das. Für viele andere nicht. Es gibt hochintelligente, psychologisch gebildete Menschen, die alles „verstehen“ – ihre Kindheit, ihre Muster, ihre Übertragungen – und trotzdem nicht lebendig sind. Ihre Einsichten sind korrekt, aber sie bleiben Kopfsache. Sie erreichen nicht den Ort, an dem Veränderung stattfinden müsste.

Bion hat diesen Unterschied prägnant formuliert: Denken ist nicht Wissen, sondern Verdauung (Bion, 1962). Die Alpha-Funktion transformiert nicht Informationen in andere Informationen, sondern Erfahrung in eine Form, die psychisch genutzt werden kann – die geträumt, verknüpft, kreativ weiterverarbeitet werden kann. Laplanche hat diesen Gedanken verschärft: Übersetzung ist nie endgültig, sie schließt nie ab (Laplanche, 1987). Das „Rätselhafte“ im Inneren – das Unverstandene, das von den frühen Anderen kam und nie ganz entschlüsselt wurde – bleibt in Bewegung, wenn die Analyse gelingt. Es wird nicht aufgelöst, sondern anders bewohnbar. Es tyrannisiert nicht mehr, aber es inspiriert noch. Die Arbeit der Übersetzung ist selbst eine Form von Lebendigkeit.

Klinisch heißt das: Manchmal ist ein einfaches, gut getimtes Benennen vitalisierender als eine brillante genetische Deutung. Ein Satz wie „Das fühlt sich gerade leer an“ oder „Da ist etwas Schweres im Raum“ kann eine Brücke bauen, über die ein Gefühl zum ersten Mal in Form gelangt. Der Patient wusste vielleicht, dass etwas „nicht stimmt“, aber er hatte keine Sprache dafür. Die Sprache kommt von außen – vom Analytiker –, aber sie benennt etwas, das innen ist. In diesem Moment passiert Übersetzung: Ein diffuses Erleben wird zu einem Gefühl, das einen Namen hat und geteilt werden kann. Das ist oft der Beginn von Lebendigkeit – nicht die große Erkenntnis, sondern der kleine Moment, in dem etwas Unförmiges Form bekommt.

Den Körper nicht vergessen

Reich erinnert daran, dass Vitalität nicht nur in der Sprache lebt (Reich, 1933/1945). Der Charakterpanzer ist keine Metapher; er ist eine somatische Realität: chronische Muskelspannungen, die den Affektfluss drosseln; ein Atem, der nicht in den Bauch geht; Schultern, die hochgezogen bleiben; ein Kiefer, der sich nicht löst. Menschen mit starker Panzerung können über ihre Gefühle sprechen, ohne sie zu fühlen – die Worte sind da, aber der Körper bleibt unbeteiligt. In solchen Fällen geht Vitalisierung manchmal weniger über Sprache als über körperliche Mikrophänomene: ein tieferes Ausatmen, ein Seufzer, ein Lösen der Schultern, ein Zittern, das sich zeigen darf. Diese Veränderungen sind oft erste Zeichen, dass etwas „auftaut“ – bevor noch Worte dafür da sind.

Stern gibt für diese Phänomene eine Sprache, ohne in Biologismus zu kippen: Seine Vitalitätsformen sind nicht an bestimmte Körperregionen gebunden, aber sie sind inhärent dynamisch, inhärent leiblich (Stern, 2010). Der Analytiker arbeitet nicht „körpertherapeutisch“ im engeren Sinn, aber er hört und sieht, dass Affekt immer auch Rhythmus ist – dass eine Verlangsamung des Atems, eine Veränderung der Sitzhaltung, eine Pause in der Rede etwas bedeuten kann, das noch keine Worte hat. Manchmal ist der Körper schneller als die Einsicht. Ein Patient, dessen Schultern sich zum ersten Mal lösen, hat vielleicht etwas erfahren, das er erst später verstehen wird – oder nie verstehen muss, weil das Verstehen im Körper schon passiert ist.

Begehren respektieren, Mangel nicht füllen

Lacan hat eine Dimension in die Diskussion eingeführt, die leicht übersehen wird: Lebendigkeit hat mit Begehren zu tun, und Begehren hat mit Mangel zu tun (Lacan, 1966/1973). Das klingt düster, ist aber befreiend gedacht: Begehren ist nicht „Bedürfnis plus Objekt“, nicht etwas, das durch die richtige Befriedigung aufhört. Begehren ist eine Bewegung, die strukturell um eine Leerstelle kreist – um das, was nie ganz erfüllt werden kann, nie ganz gesagt werden kann, nie ganz verstanden werden kann. Diese Leerstelle ist kein Defekt; sie ist der Motor. Lebendigkeit ist dort, wo Mangel nicht als Katastrophe erlebt wird, sondern als Prinzip – als das, was in Bewegung hält, was offen hält, was Neugier nährt und Begehren ermöglicht.

Wo der Mangel „gefüllt“ wird – durch Zwangsbedeutung, durch moralische Ideale, durch die Illusion, man könnte „endlich verstehen“ –, erstarrt das Subjekt. Es wird zum Träger einer Antwort, die keine Fragen mehr zulässt. Viele Patienten kommen mit dem Wunsch, „endlich zu verstehen, warum ich so bin“ – und dieser Wunsch ist legitim, aber er kann auch eine Falle sein. Wenn das Verstehen zum Selbstzweck wird, zur Sammlung von Einsichten, die das Selbst stabilisieren sollen, dann wird Analyse zur Abwehr gegen genau die Ungewissheit, die sie ermöglichen sollte. Laplanche erinnert daran, dass das Psychische von Anfang an durch ein Rätselhaftes konstituiert ist – durch Botschaften, die mehr enthalten, als das Kind verstehen konnte, und die eine dauernde Übersetzungsarbeit in Gang setzen (Laplanche, 1987). Diese Arbeit hört nie auf. Lebendigkeit ist nicht „endlich alles verstanden haben“, sondern die Fähigkeit, mit dem Nicht-ganz-Verstehbaren zu leben – es nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als das, was uns am Leben hält.

Lebendigkeit ist kein Über-Ich-Gebot

An dieser Stelle muss eine Warnung stehen. Lacan hat provokant formuliert, dass das moderne Über-Ich nicht mehr primär verbietet, sondern befiehlt: „Genieße!“ (Lacan, 1966/1973). Das klingt paradox – wie kann Genuss ein Befehl sein? Aber man erkennt es sofort, wenn man die Gegenwart betrachtet: die allgegenwärtige Forderung nach Selbstverwirklichung, Authentizität, „Präsenz“; die Imperative des Wellness-Diskurses; die Moralisierung von Lebensfreude, als wäre Traurigkeit ein Versagen und Rückzug ein Defekt. In diesem Klima kann auch Therapie ungewollt zur Komplizin werden: Sie wird zum Ort, an dem „Lebendigkeit“ eingefordert wird, an dem der Patient lernen soll, „mehr zu fühlen“, „echter zu sein“, „das Leben zu umarmen“.

Der psychoanalytische Vitalitätsbegriff muss deshalb eine paradoxe Pointe enthalten: Zur Lebendigkeit gehört auch das Recht, nicht lebendig zu sein. Müdigkeit, Rückzug, Langeweile, Trauer – wenn sie erlebt und symbolisiert werden können – sind nicht das Gegenteil von Vitalität, sondern Teile ihres Spektrums. Ein Mensch kann sehr lebendig trauern, sehr lebendig müde sein, sehr lebendig sich zurückziehen. Pathologisch wird es dort, wo diese Zustände nicht mehr erlebt werden – wo nicht die Stimmung fehlt, sondern die Erlebnisfähigkeit selbst. Die Aufgabe der Therapie ist nicht, jemanden „lebendig zu machen“ im Sinn von fröhlich, aktiv, produktiv. Sie ist, Bedingungen zu schaffen, unter denen Erleben wieder möglich wird – welcher Art auch immer.

Was bleibt

Wenn man die verschiedenen Linien bündelt, lässt sich Vitalisierung als analytische Aufgabe in einigen Grundoperationen beschreiben – ohne sie zur Checkliste zu degradieren. Erstens: den Rahmen halten, nicht als Formalismus, sondern als Reizschutz – Verlässlichkeit, Wiederholung, die Möglichkeit von Langsamkeit, die Erfahrung, dass jemand da ist, auch wenn nichts passiert. Zweitens: resonant antworten, ohne zu animieren – spiegeln, markieren, affektiv abstimmen, so dass spontane Regung nicht verschwindet, sondern Beziehung erzeugt. Drittens: Übersetzen ermöglichen, statt zu erklären – Rohes in Form verwandeln, Denken, Träumen, Mentalisieren wiederherstellen, auch wenn das durch Schmerz geht. Viertens: den Körper nicht vergessen – Rhythmus, Atem, Haltung als Materialien der Arbeit verstehen, nicht nur als Beiwerk. Fünftens: Begehren respektieren, Mangel nicht füllen – das Rätselhafte im Inneren als Motor würdigen, nicht als Problem, das gelöst werden muss. Und sechstens: Lebendigkeit nicht zum Über-Ich-Gebot machen – das Recht auf Rückzug, Trauer, Langsamkeit verteidigen, gegen alle Imperative der optimierten Existenz.

Unter diesen Bedingungen kann das passieren, was man nicht herstellen kann: dass ein Patient plötzlich sagt, fast erstaunt: „Heute war es kurz… da.“ Und man versteht: Das war nicht „gute Stimmung“, nicht „positive Energie“, nicht „Flow“. Das war ein Moment von Realität – ein Wiederauftauchen von Subjektivität, wo vorher nur Funktion war. Vielleicht nur ein Funke. Aber Funken sind in der analytischen Arbeit keine Kleinigkeit. Aus ihnen kann, mit Zeit und Geduld und Glück, etwas werden, das nicht brennt, sondern wärmt.

Schluss: Eine Ethik der Lebendigkeit

Ein Essay über Vitalität muss mit einer unbequemen Reflexion enden: der Gefahr, Lebendigkeit selbst zum Imperativ zu erheben. In einer Gegenwart, die Selbstoptimierung predigt, Authentizität moralisiert und „Präsenz“ als Distinktionsmerkmal verkauft, kann auch die Psychoanalyse ungewollt zur Komplizin eines neuen Normdrucks werden. „Sei lebendig! Fühle! Sei ganz!“ – diese Forderungen können genauso tyrannisch sein wie die alten Verbote, gegen die die Psychoanalyse einst antrat. Es wäre eine Ironie, wenn ein Denken, das angetreten ist, um das Subjekt von seinen inneren Zwängen zu befreien, am Ende einen neuen Zwang installieren würde: den Zwang zur Lebendigkeit.

Die psychoanalytische Tradition bietet ein Gegenmittel gegen diese Gefahr, wenn man sie richtig liest. Freud hat nie behauptet, das Ziel der Analyse sei Glück; sein berühmter Satz, es gehe darum, „hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln“, ist auch eine Absage an therapeutischen Größenwahn (Freud, 1895/1952, S. 312). Winnicott hat das „wahre Selbst“ nie als Ideal präsentiert, das man „erreichen“ müsste; er hat beschrieben, unter welchen Bedingungen spontane Regung sich entfalten kann – und unter welchen sie sich verstecken muss, um zu überleben. Bion hat die Fähigkeit zu denken nicht als Errungenschaft gefeiert, sondern als prekäre Kapazität beschrieben, die ständig bedroht ist – durch Angst, durch Neid, durch den Hass auf Erkenntnis selbst. Und Lacan hat mit seinem Begriff der Jouissance darauf hingewiesen, dass auch „Genießen“ ein Gefängnis sein kann – eine Fixierung, die das Subjekt nicht befreit, sondern bindet.

Was folgt daraus für einen Begriff von Vitalität, der nicht selbst zum Über-Ich wird? Vielleicht dies: Lebendigkeit ist keine Errungenschaft, die man vorweisen müsste, und kein Ziel, das man „erreichen“ könnte. Sie ist eher eine Kapazität, die manchmal da ist und manchmal nicht – und die sich nicht erzwingen lässt. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird. Man kann Beziehungen ermöglichen, in denen spontane Regung auf Resonanz trifft statt auf Strafe oder Leere. Man kann lernen, das Unverstandene im Inneren nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als Motor. Aber man kann Lebendigkeit nicht „machen“ – nicht bei anderen und nicht bei sich selbst. Sie kommt, wenn sie kommt. Und manchmal kommt sie nicht, und auch das muss aushaltbar sein.

Zur Lebendigkeit gehört deshalb auch das Recht, nicht lebendig zu sein. Müdigkeit ist keine Pathologie; Rückzug ist keine Störung; Langeweile ist kein Defekt; Trauer ist keine Krankheit. Diese Zustände werden pathologisch erst dort, wo sie nicht mehr erlebt werden können – wo nicht die Stimmung fehlt, sondern die Erlebnisfähigkeit selbst; wo nicht Traurigkeit ist, sondern Leere; wo nicht Ruhe ist, sondern Erstarrung. Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie den Druck nimmt. Ein Mensch, der gerade nicht „lebendig“ ist, muss sich nicht zusätzlich dafür verurteilen. Die Psychoanalyse ist kein Fitnessstudio der Seele, in dem man an seiner Vitalität „arbeiten“ muss wie an seiner Ausdauer. Sie ist ein Raum, in dem Erleben möglich werden kann – welcher Art auch immer.

Die vielleicht nüchternste, aber auch tröstlichste Definition von Lebendigkeit, die sich aus dem Gesagten ergibt, lautet: Lebendig ist, wer noch übersetzen kann. Übersetzen heißt: affektiv reagieren, ohne zu zerfallen; begehren, ohne zu versteinern; sich binden, ohne sich zu verlieren; trauern, ohne zu veröden; genießen, ohne dem Genuss zu dienen. Es ist keine Romantik, sondern eine Arbeit – und doch ist diese Arbeit selbst das, was wir Leben nennen. Sie hört nie auf, sie ist nie fertig, sie hat kein Ziel außer sich selbst. Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: dass Lebendigkeit nicht etwas ist, das man hat, sondern etwas, das man tut – immer wieder, immer neu, immer vorläufig. Ein Prozess, kein Zustand. Eine Bewegung, kein Besitz.

Was die Psychoanalyse zu diesem Prozess beitragen kann, ist bescheiden und groß zugleich: Sie kann Räume öffnen, in denen Übersetzung möglich wird. Räume, in denen das Rohe sich in Form verwandeln darf. Räume, in denen Resonanz stattfindet – nicht als Zustimmung, sondern als Antwort. Räume, in denen jemand da ist, der aushält, was sich zeigt, und der nicht weggeht, wenn es schwierig wird. Diese Räume sind nicht exklusiv therapeutisch; sie können auch in Freundschaften entstehen, in Liebesbeziehungen, in Kunst, in der Begegnung mit einem Text oder einem Bild. Aber die Therapie kann sie exemplarisch herstellen – und manchmal ist das der erste Ort, an dem ein Mensch erfährt, dass seine Regung einen Anderen erreichen kann, ohne dass dieser ihn dafür bestraft.

Am Ende bleibt ein Bild, das verschiedene Fäden des Essays zusammenzieht: Lebendigkeit als ein System, das mehrere Bedingungen gleichzeitig braucht. Es braucht Licht – die libidinöse Energie, die die Welt beleuchtet, die Besetzung, das Interesse. Es braucht Rhythmus – die zeitliche Gestalt, die aus Erregung Bewegung macht, aus Spannung Verlauf. Es braucht einen Raum – ein Gegenüber, einen Zwischenraum, in dem Bilder auftauchen dürfen, ohne sofort zerstört zu werden. Und es braucht Übersetzung – die Fähigkeit, das, was auftaucht, in psychische Form zu bringen, es zu denken, zu träumen, zu erzählen. Wenn diese Bedingungen zusammenwirken, entsteht das, was wir lebendig nennen: ein Selbst, das sich bewegt, das Richtung hat, das Antwort findet, das Form gewinnen kann. Wenn eine dieser Bedingungen ausfällt, geraten die anderen unter Druck – und manchmal bricht das ganze System zusammen.

Aber Systeme können auch wieder in Gang kommen. Das ist vielleicht die wichtigste Einsicht, mit der ein Essay über Vitalität enden sollte: dass Lebendigkeit keine Veranlagung ist, die man hat oder nicht hat, sondern ein Prozess, der unterbrochen werden und wieder beginnen kann. Die Psyche ist plastischer, als man oft denkt. Alte Lösungen können ihre Notwendigkeit verlieren. Neue Erfahrungen können alte Muster lockern. Ein Mensch, der gelernt hat, dass Lebendigkeit gefährlich ist, kann unter günstigen Bedingungen erfahren, dass sie es nicht mehr ist – dass jemand da ist, der seine Regung aushält, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn er sich zeigt. Diese Erfahrungen sind nicht garantiert. Sie brauchen Glück, Zeit, Begegnung. Aber sie sind möglich. Und manchmal, unerwartet, passieren sie: Ein Funke springt, etwas bewegt sich, jemand sagt, fast erstaunt: „Heute war es kurz… da.“

Das ist keine Heilung. Das ist etwas Kleineres und etwas Größeres: ein Moment, in dem jemand wieder Subjekt wird. Ein Moment, in dem die Welt Kanten bekommt, Farben, Tiefe. Ein Moment, in dem das Übersetzen wieder gelingt. Mehr kann man nicht versprechen. Aber weniger sollte man sich nicht wünschen.

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Fiktive Debatte

/topic/ Neun am Tisch

/scene/ Ein Sonntagmorgen Ende Oktober. Miras Wohnung im dritten Stock eines Altbaus in Neukölln, hohe Decken, knarrendes Parkett, Fenster nach Südosten. Das Licht hat diese Qualität, die es nur im Herbst gibt: golden, aber schon mit einem Zug ins Kühle, als würde es sich selbst nicht mehr ganz trauen. Auf dem Tisch, der eigentlich zu klein ist für neun Leute, stehen Tassen, Teller, eine Cafetière, Croissants in einer Papiertüte, Butter, drei Sorten Marmelade. Eine Kerze brennt, obwohl es hell genug ist. Mira hat sie angezündet, weil sie Kerzen mag, weil der kleine Geruch von Wachs und Flamme für sie zu Sonntagen gehört. Die neun, die sich hier treffen, kennen sich seit Jahren – manche seit der Schulzeit, manche aus dem Studium, manche durch andere in der Gruppe. Sie sehen sich einmal im Monat, manchmal öfter. Es ist nichts Besonderes, dieses Treffen. Und vielleicht ist gerade deshalb interessant, was jeder daraus macht.

Mira (Grafikdesignerin, 34): Kommt rein, kommt rein. Schuhe könnt ihr anlassen, der Boden ist eh im Eimer. – Jonas, du siehst aus, als hättest du schon drei Meetings hinter dir. Setz dich. Kaffee ist fertig, ich hab extra die große Kanne gemacht.

/same/ Die Croissants sind von diesem neuen Laden an der Weserstraße, ihr wisst schon, der mit den hellblauen Kacheln und den Preisen, bei denen man kurz überlegt, ob man nicht doch einfach Toastbrot kauft. Aber ich hab mir gedacht, es ist Sonntag, wir sehen uns, dann dürfen es auch die absurden Croissants sein. Außerdem sind sie wirklich gut. Ich hab heute Morgen eins probiert, als ich zurückkam. Noch warm. Der Typ hinterm Tresen hat mir ein Lächeln geschenkt, einfach so, und ich dachte: Okay, der Tag fängt gut an.

/note/ Mira stellt die Kanne auf den Tisch, schiebt Tassen zurecht, macht Platz für Samuel, der mit seinem Mantel kämpft. Sie bewegt sich durch ihre Wohnung wie jemand, der genau weiß, wo alles steht, der mit den Dingen hier eine Geschichte hat. Die Tassen hat sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Marseille gekauft, sechs Stück, alle verschieden, keine passt zur anderen. Sie mag das. Sie mag, dass Dinge nicht zusammenpassen müssen, um zusammen zu funktionieren.

/note/ In ihr ist heute Morgen so etwas wie Wärme. Keine Aufregung, keine Euphorie, eher ein ruhiges Summen, das sagt: Das hier ist gut. Diese Leute, dieser Tisch, dieses Licht. Als sie vorhin die Croissants geholt hat, im Schlafanzug unter dem Mantel, die Straße noch fast leer, ist ihr aufgefallen, wie das Licht durch die Kastanien fiel. Gold auf dem Bürgersteig, Blätter, die sich im Wind nicht entscheiden konnten, ob sie fallen wollten oder noch nicht. Sie hat gedacht: Das ist schön. Nicht als Urteil, nicht als Instagram-Moment, sondern als kleines Aufleuchten innen, eine winzige Verschiebung, die sagt: Ich bin da, und das hier ist wirklich. Es ist dieser Unterschied, der schwer zu erklären ist – der Unterschied zwischen einer Szene, die man sieht, und einer Szene, die einen angeht. Mira wird angesehen von diesem Morgen. Er meint sie. Und sie meint ihn zurück.

Samuel (Tischler, 58): Lass mich dir mit der Kanne helfen. Die ist schwer, wenn sie voll ist. – Danke. Setz dich hin, ich mach das. Wer will Kaffee?

/note/ Samuel gießt ein, langsam, mit der Konzentration von jemandem, der Dinge gerne richtig macht. Seine Hände sind groß, die Fingernägel kurz geschnitten, ein paar Schwielen von der Arbeit. Er ist Tischler, seit über dreißig Jahren, und seine Hände wissen Dinge, die sein Kopf längst vergessen hat. Wie man ein Brett hält, damit es nicht splittert. Wie man Kraft dosiert, damit Präzision möglich wird. Wie man Kaffee eingießt, ohne zu kleckern.

Samuel (Tischler, 58): Die Croissants nehme ich gerne. An Helga hätte das gefallen, so ein Laden. Sie hat immer gesagt: Beim Gebäck darf man nicht sparen. Beim Brot schon, das schmeckt am nächsten Tag eh nicht mehr. Aber Gebäck, das isst man sofort, das muss sich lohnen. – Sie hätte auch gesagt, dass elf Euro für sechs Croissants Wahnsinn ist. Aber sie hätte sie trotzdem genommen.

/note/ Er sagt ihren Namen, und etwas in ihm zieht sich kurz zusammen. Nicht mehr dieser Riss, der am Anfang war, dieses Gefühl, als hätte jemand ihm mit einer stumpfen Klinge die Brust geöffnet. Jetzt ist es eher ein Druck, eine Verdichtung, die kommt und geht. Helga ist seit einem Jahr tot. Krebs, viel zu schnell, drei Monate zwischen Diagnose und Ende. Er hat ihr beim Sterben zugesehen, hat ihre Hand gehalten, als ihr Atem flacher wurde, und irgendwann war sie einfach nicht mehr da. Der Körper noch, aber sie nicht.

/note/ Das Seltsame ist: Er hatte erwartet, dass die Welt danach grau werden würde. Er hatte Geschichten gehört von Menschen, die nach dem Verlust nichts mehr schmecken, nichts mehr fühlen, für die alles Farbe verliert. Aber so ist es nicht. Die Welt ist nicht grau geworden, sie ist schwerer geworden. Als hätte jemand die Gravitation erhöht. Alles hat mehr Gewicht – die Trauer, ja, aber auch der Kaffee, das Croissant, das Licht durch Miras Fenster. Als Helga noch lebte, hat er diese Sonntagsfrühstücke oft als nette Routine gesehen, schön, aber nicht besonders. Jetzt sind sie besonders. Alles ist besonders, weil alles endlich ist, weil er jetzt weiß, wie schnell jemand nicht mehr da sein kann.

/note/ Er beißt in das Croissant, und es schmeckt nach Butter und nach Sonntag und ein bisschen nach Verlust. Der Geschmack ist nicht rein, nicht einfach. Er ist durchwirkt. Aber er ist da. Samuel kann noch schmecken. Er kann noch fühlen. Die Trauer hat ihn nicht entleert, sie hat ihn aufgerissen, und durch den Riss kommt jetzt mehr rein, nicht weniger. Manchmal denkt er, dass das Helgas letztes Geschenk war: dass er, weil er sie so sehr vermisst, jetzt so viel mehr spürt.

Ayla (Studentin, 23): Samuel, das mit Helga… ich denk manchmal an sie. Sie hat mir mal was gesagt, das ist hängengeblieben. Ich war, keine Ahnung, neunzehn, und ich wusste nicht, was ich studieren soll, und alle haben mich verrückt gemacht mit ihren Ratschlägen. Mach was Sicheres. Mach, was du liebst. Mach beides. Hör auf deinen Bauch. Sei vernünftig. Ich hab gar nichts mehr gespürt vor lauter Ratschlägen.

/same/ Und dann saß ich hier, an diesem Tisch, und Helga hat gefragt, was ich will, und ich hab gesagt: Ich weiß nicht. Und sie hat gelacht, nicht ausgelacht, sondern so ein warmes Lachen, und hat gesagt: „Das musst du auch nicht wissen. Manchmal findet einen das Richtige, wenn man aufhört, es zu suchen.“

/same/ Ich hab keine Ahnung, ob das stimmt. Wahrscheinlich ist es auch so ein Ratschlag. Aber er hat sich anders angefühlt. Als ob es okay wäre, nicht zu wissen. Als ob das Nicht-Wissen auch eine Position sein darf, nicht nur ein Mangel.

/note/ Ayla sitzt mit angezogenen Beinen auf dem Stuhl, die Knie unterm Kinn, eine Haltung, die sie seit der Schulzeit hat und von der ihre Mutter immer sagt, sie sehe aus wie ein zusammengerollter Igel. Sie studiert jetzt Kulturwissenschaften, im fünften Semester, und sie weiß immer noch nicht, was sie damit machen will. Aber das fühlt sich nicht mehr an wie ein Problem. Es fühlt sich an wie ein Raum, der noch nicht möbliert ist. Leer, ja. Aber nicht bedrohlich leer. Eher: offen.

/note/ In ihr ist heute Morgen eine Art Kribbeln, nicht Nervosität, eher Wachheit. Sie hat gestern Abend lange mit ihrer Mitbewohnerin geredet, über Beziehungen, über Zukunft, über die Frage, ob man sein Leben planen kann oder ob das sowieso Illusion ist. Sie sind zu keinem Ergebnis gekommen, aber das Gespräch war gut. Es hat etwas bewegt. Und jetzt, hier am Tisch, mit dem Herbstlicht und dem Kaffee und Samuels Croissant-Geschichte, fühlt sie dieses Bewegte noch. Als würde etwas in ihr suchen, ohne schon zu wissen, wonach. Aber das Suchen selbst fühlt sich lebendig an. Es ist kein Vakuum, kein Loch. Es ist eine Richtung, die noch keine Adresse hat.

/note/ Sie schaut zu Samuel, der in sein Croissant beißt, und denkt daran, wie es sein muss, jemanden zu verlieren, den man so lange geliebt hat. Sie hatte noch nie so eine Liebe, noch nie so einen Verlust. Aber sie kann sich vorstellen, dass es wehtut. Was sie sich weniger vorstellen kann: dass man danach noch hier sitzt, noch Croissants isst, noch von der Toten spricht, als wäre sie nur kurz im Nebenzimmer. Samuel macht das. Er trägt Helga mit sich, nicht wie eine Last, sondern wie etwas, das zu ihm gehört. Ayla findet das schön und traurig und irgendwie ermutigend. Als gäbe es eine Art zu trauern, die einen nicht auslöscht.

Jonas (Unternehmensberater, 38): Schöne Geschichte, Ayla. Helga war wirklich besonders. – Samuel, wie geht’s dir eigentlich? Also wirklich. Wir fragen das ja immer so, und dann sagt man „gut“ oder „geht so“, und dann ist es vorbei. Aber wie geht’s dir wirklich?

/note/ Jonas hat die Frage gestellt, und sie klang richtig. Einfühlsam. Aufmerksam. Er hat sogar eine kleine Pause gemacht, bevor er „wirklich“ gesagt hat, damit es nicht wie eine Floskel klingt. Er weiß, wie man solche Momente baut. Er hat es gelernt, nicht bewusst, nicht auf einem Seminar, sondern durch Beobachtung, durch Anpassung, durch das ständige Monitoring dessen, was andere von ihm erwarten. Jonas ist sehr gut darin, der zu sein, den die Situation verlangt. Freundlich, wenn Freundlichkeit gefragt ist. Charmant, wenn es um Charme geht. Nachdenklich, wenn jemand Nachdenklichkeit braucht.

/note/ Das Problem ist nur: Er weiß nicht, wer er ist, wenn niemand etwas von ihm verlangt. Nein, das stimmt nicht ganz. Es ist nicht, dass er es nicht weiß – es ist, dass die Frage keinen Sinn ergibt. Wer ist man schon „wirklich“? Das ist eine Frage für Leute, die Zeit haben für solche Fragen. Jonas hat keine Zeit. Er hat Projekte, Deadlines, einen Kalender, der aussieht wie ein Tetris-Spiel im Endstadium. Er hat Funktionen, Rollen, Erwartungen. Dazwischen ist nicht viel Platz.

/note/ Er sitzt jetzt hier, am Tisch, Kaffeetasse in der Hand, und hört Samuel zu, der anfängt zu antworten. Samuels Stimme ist ruhig, ein bisschen rau, die Stimme von jemandem, der viel nachgedacht hat und es nicht nötig hat, schnell zu reden. Jonas hört zu, nickt an den richtigen Stellen, macht ein mitfühlendes Gesicht. Und während er das tut, bemerkt er, wie vertraut das alles ist, dieses Zuhören-Spielen, dieses Am-Gespräch-Teilnehmen, ohne wirklich drin zu sein. Es ist, als säße er in einem Auto, das jemand anderes fährt. Er sieht die Landschaft vorbeiziehen, er weiß, wohin es geht, aber er hat die Hände nicht am Steuer. Er hat sie eigentlich nie am Steuer. Er weiß nicht einmal, wo das Steuer ist.

/note/ Manchmal, in seltenen Momenten, bricht etwas durch. Eine Irritation, eine Unruhe, ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber dann ist es schnell wieder weg. Die nächste Aufgabe, der nächste Termin, die nächste Rolle. Jonas ist ein Meister darin, sich selbst nicht zu begegnen. Nicht aus Angst – er hat keine Angst, es gibt nichts Bedrohliches da drinnen, nichts Monströses. Es ist eher, als wäre da einfach niemand. Ein leeres Büro, in dem das Licht brennt und der Computer läuft, aber niemand sitzt am Schreibtisch. Manchmal fragt er sich, ob andere das auch so erleben. Wahrscheinlich schon, denkt er. Wahrscheinlich tun nur alle so, als wäre da jemand. Vielleicht ist das Erwachsensein: so tun, als wäre da jemand.

Samuel (Tischler, 58): Wie es mir geht? – Ehrlich, Jonas, ich weiß es nicht immer. Manche Tage sind schwer. Ich wach auf, und das Bett ist zu groß. Das klingt banal, aber es ist so konkret, dieses Zu-Groß-Sein. Vierzig Jahre lang hat jemand neben mir gelegen, und jetzt ist da Platz, und der Platz ist falsch.

/same/ Aber dann steh ich auf, und ich mach mir einen Kaffee, und ich geh in die Werkstatt, und ich arbeite. Und im Arbeiten ist es besser. Nicht gut, aber besser. Die Hände wissen, was zu tun ist. Das Holz antwortet, wenn man es richtig angeht. Und abends bin ich müde, richtig müde, und dann kann ich schlafen.

/same/ Ich glaube, das Schlimmste wäre, wenn ich nichts mehr spüren würde. Wenn die Trauer einfach aufhören würde und danach nichts käme. Das wäre, als hätte Helga nicht existiert. Die Trauer ist der Beweis, dass sie da war. Also lass ich sie da sein.

/note/ Während Samuel spricht, ist der Tisch still geworden. Nicht peinlich still, sondern aufmerksam. Mira hat aufgehört, mit der Kaffeekanne zu hantieren. Ayla hat ihr Croissant abgelegt. Selbst Tarek, der gerade reingekommen ist und noch seinen Rucksack in der Ecke abstellt, hält kurz inne. Es sind diese Momente, in denen ein Gespräch plötzlich tiefer geht, als man erwartet hat, in denen jemand etwas Echtes sagt und alle anderen kurz den Atem anhalten, weil sie spüren, dass das hier wichtig ist.

Carla (Ärztin, 41): Das ist… schön, Samuel. Dass du das so sagen kannst.

/note/ Carla hat den Satz gesagt, und er klang dünn. Sie weiß nicht, warum. Die Worte waren richtig, glaubt sie. Schön. Dass du das so sagen kannst. Das sagt man in solchen Momenten. Aber in ihr war, während sie es sagte, fast nichts. Ein kleines Zucken, ein Erkennen, dass hier etwas Wichtiges passiert, aber dann gleich wieder diese Mattigkeit, diese Schicht aus Watte, die zwischen ihr und der Welt liegt.

/note/ Sie nimmt einen Schluck Kaffee. Er ist heiß, bitter, die Sorte, die Mira immer kauft, irgendein Fair-Trade-Ding aus Guatemala. Früher hat sie das gemocht. Jetzt schmeckt sie es, registriert es, aber es löst nichts aus. Es ist Information, keine Erfahrung. Heiß. Bitter. Kaffee. Die Worte in ihrem Kopf klingen wie die Beschriftung in einem Katalog.

/note/ Carla hat sich oft gefragt, wann das angefangen hat. Es gab keinen klaren Beginn, keinen Auslöser, den sie benennen könnte. Kein Trauma, kein Verlust, keine Krise. Eher ein langsames Ausbleichen, wie ein Foto, das zu lange in der Sonne liegt. Irgendwann hat sie gemerkt, dass die Wochenenden sich anfühlten wie die Wochentage. Dass Urlaub sich anfühlte wie Arbeit, nur woanders. Dass Menschen, die sie mochte, sie nicht mehr erreichten, nicht weil sie sich verändert hatten, sondern weil sie selbst irgendwie weiter weg gerückt war.

/note/ Jetzt sitzt sie hier, am Tisch, und schaut Samuel an, der gerade von seiner Frau erzählt hat, von seiner Trauer, von seinem Schmerz. Und sie denkt: Das ist traurig. Das ist berührend. So sollte ich mich fühlen. Aber sie fühlt es nicht, sie denkt es nur. Wie jemand, der einen Film schaut und weiß, dass die Szene rührend sein soll, und die Musik hört und die Gesichter sieht, aber innerlich unbeteiligt bleibt. Sie hat manchmal das Gefühl, dass ihr Leben ein Film ist, den sie nicht selbst ausgesucht hat, und dass sie im falschen Kino sitzt, und dass draußen, vor der Tür, ihr echtes Leben wartet, wenn sie nur wüsste, wie man aufsteht.

/note/ Sie wüsste nicht, wie sie das erklären sollte. Niemandem hier, nicht einmal sich selbst. Es ist nicht so, dass sie unglücklich wäre. Unglück wäre immerhin etwas. Es ist eher, dass die Kategorie nicht greift. Glücklich, unglücklich – das setzt voraus, dass da etwas ist, das bewertet werden kann. Bei ihr ist da hauptsächlich Leere. Nicht bedrohliche Leere, nicht schmerzhafte Leere. Einfach: wenig. Wie ein Zimmer, in dem früher Möbel standen, und jetzt stehen sie nicht mehr da, und man weiß nicht, wann sie abgeholt wurden, und es ist einem fast egal.

Tarek (Fotograf, 29): Sorry nochmal für die Verspätung! – Oh, Samuel, ich hab nur den Schluss mitbekommen, aber das klang… ja. Stark. Dass du so darüber reden kannst. – Ich hab mir auch ein Jahr Zeit genommen nach… naja, egal. Anders. Andere Geschichte.

/same/ Jedenfalls, Lissabon war der Wahnsinn. Drei Tage, aber vollgepackt. Ich hab bestimmt zweitausend Fotos gemacht. Das Licht da, Leute, das ist nicht normal. Dieses Atlantik-Licht, das hat so eine Klarheit, und gleichzeitig ist es weich, und abends, wenn die Sonne runtergeht über dem Tejo, dann wird alles rosa und gold und du denkst, das kann nicht echt sein, das ist ein Filter, aber es ist echt.

/same/ Und die Leute! Die sind so entspannt da. Die sitzen stundenlang in diesen kleinen Bars, trinken ihren Ginjinha, diesen Kirschlikör, und reden. Einfach nur reden. Ich hab versucht, das zu fotografieren, diese Langsamkeit, aber das ist schwer, weil sobald du die Kamera rausholst, ändert sich was. Also hab ich viel einfach nur geguckt. Na gut, und Ginjinha getrunken.

/note/ Tarek lacht, und sein Lachen ist ansteckend, schnell, ein Lachen, das weiterwill. Er hat sich auf den freien Stuhl fallen lassen, den Rucksack in die Ecke geworfen, die Beine unter den Tisch geschoben. Er nimmt sofort Raum ein, nicht aggressiv, aber selbstverständlich. Er ist jemand, der in einen Raum kommt und ihn verändert.

/note/ Während er von Lissabon erzählt, fliegen seine Hände durch die Luft, zeichnen das Licht nach, deuten Straßen an, formen das Bild eines Sonnenuntergangs. Er ist gut im Erzählen, er macht die Dinge lebendig, er nimmt einen mit. Ayla hört fasziniert zu, Martin nickt anerkennend, selbst Carla schaut auf, kurz, bevor ihr Blick wieder ins Ungefähre gleitet.

/note/ Was niemand sieht, weil Tarek selbst es nicht wirklich sieht: dass das Erzählen auch eine Flucht ist. Nicht vor etwas Konkretem, nicht vor einem bestimmten Schmerz. Eher vor der Stille. Im Flugzeug, irgendwann über dem Golf von Biskaya, als er nicht schlafen konnte, war sie kurz da, diese Stille. Diese Lücke, die sich auftut, wenn nichts passiert. Er lag da, Kopfhörer im Ohr, aber keine Musik, und plötzlich war es, als würde der Boden wegsacken. Nicht Angst genau, nicht Panik, eher ein tiefes Unbehagen, ein Gefühl, als wäre unter all den Projekten und Reisen und Geschichten gar nichts.

/note/ Er hat dann sein Handy rausgeholt und drei Stunden Instagram gescrollt. Andere Leute, andere Fotos, andere Leben. Es hat geholfen. Es hilft immer. Die Lücke verschwindet, wenn man sie schnell genug mit Eindrücken füllt. Und Tarek ist schnell. Er ist sehr schnell. Er weiß nicht mehr, wann er aufgehört hat, langsam zu sein. Vielleicht war er nie langsam. Vielleicht ist er so geboren, mit diesem Motor, der immer läuft. Vielleicht hat er sich diesen Motor auch nur sehr früh angewöhnt, weil Langsamkeit irgendwann einmal gefährlich war. Er erinnert sich nicht. Er erinnert sich an vieles nicht. Die Vergangenheit ist für ihn wie ein Land, in dem er mal war und aus dem er weggezogen ist, ohne Rückreiseticket.

Martin (Sozialarbeiter, 45): Tarek, du machst mich müde, nur wenn ich dir zuhör. Im guten Sinn. Also im neidischen Sinn. – Ich war diese Woche so platt, ich hätte den Flug nach Lissabon wahrscheinlich verschlafen.

/same/ Es war eine von diesen Wochen. Ein Jugendlicher, sechzehn, den ich seit zwei Jahren betreue, ist wieder abgestürzt. Drogen, diesmal härtere. Ich hab ihn am Donnerstag im Krankenhaus besucht. Er konnte kaum reden, aber er hat meine Hand genommen und gehalten, und in dem Moment hab ich gedacht: Das hier ist so verdammt schwer, und ich hab keine Ahnung, ob irgendwas hilft, und trotzdem würde ich es wieder machen.

/note/ Martin lehnt sich zurück, reibt sich die Augen. Er sieht müde aus, nicht erschöpft-müde, eher durchlebt-müde. Falten um die Augen, die nicht vom Alter kommen, sondern vom vielen Hinschauen. Graue Strähnen im Bart, die er nicht färbt, weil ihm egal ist, ob er älter aussieht. Er hat Wichtigeres zu tun, als sich um sein Aussehen zu kümmern.

Martin (Sozialarbeiter, 45): Das Croissant ist gut. Mira, du hast recht, beim Gebäck spart man nicht. – Ich brauch das heute. Dieses Sitzen, dieses Nichtstun. Ich merk, wie mein Körper langsamer wird. Die ganze Woche war ich auf Adrenalin, und jetzt kommt der Absturz, aber ein guter Absturz. Ein Landen.

/note/ Martin nimmt einen Bissen, kaut langsam, schließt kurz die Augen. Er spürt die Butter, das Salz, die Süße, die sich mischen. Er spürt, wie sein Körper schwer wird, wie die Anspannung sich löst, nicht ganz, nie ganz, aber ein bisschen. Die Woche war hart, die Wochen sind oft hart. Er arbeitet mit Jugendlichen, die niemand haben will, die durch alle Raster gefallen sind, die manchmal gefährlich sind, für andere und für sich selbst. Er hat gelernt, dass man nicht alle retten kann. Er hat gelernt, dass manche sterben, trotz allem, was man tut. Er hat nicht gelernt, wie man damit umgeht. Er macht es einfach. Jeden Tag neu.

/note/ Das Seltsame ist: Er fühlt sich lebendig. Nicht trotz der Schwere, sondern irgendwie mit ihr. Die Müdigkeit ist echt, sie gehört ihm, sie ist der Preis für etwas, das er tut und das er meint. Am Donnerstag, im Krankenhaus, als dieser Junge seine Hand genommen hat, war da ein Moment von solcher Intensität, dass Martin fast geweint hätte. Nicht vor Trauer nur, auch vor einer Art Schönheit, die schwer zu erklären ist. Dass ein Mensch, der fast gestorben wäre, seine Hand nimmt. Dass es diese Geste gibt, dieses Sich-Halten über dem Abgrund. Das ist schrecklich und wunderbar zugleich. Das ist das, wofür er den Job macht.

/note/ Er schaut in die Runde. Samuel, der von Helga erzählt hat. Tarek, der von Lissabon erzählt. Ayla, die irgendwie suchend wirkt, aber auf eine gute Art. Jonas, der die richtigen Dinge sagt und irgendwie trotzdem nicht ganz da ist. Carla, die still dasitzt und in ihren Kaffee schaut. Lena, die noch nicht gesprochen hat, aber deren Blick alles registriert. Noemi, die gerade reinkommt, die Haare noch nass, offenbar direkt aus der Dusche. Und Mira, die das alles zusammenhält, einfach indem sie da ist und Croissants besorgt und Kerzen anzündet. Er mag diese Menschen. Er mag, dass sie verschieden sind. Er mag, dass an diesem Tisch Platz ist für Trauer und für Lissabon und für Müdigkeit und für Stille.

/scene/ Jetzt kommen Lena und Noemi.

Noemi (Musikerin, 31): Entschuldigt, ich weiß, ich bin spät. Ich war noch unter der Dusche, als mir eingefallen ist, dass heute Sonntag ist. – Gibt’s noch Kaffee? Ich bin noch nicht ganz wach. Also, mein Körper ist wach, mein Kopf debattiert noch.

/note/ Noemi lässt sich auf den letzten freien Stuhl fallen, zwischen Martin und Lena, und ihr nasses Haar hinterlässt einen dunklen Fleck auf ihrer Jacke. Sie trägt ein altes Band-Shirt, das sie vermutlich seit zehn Jahren hat, und Ringe an fast jedem Finger – Silber, dünn, manche mit kleinen Steinen. Sie sieht aus wie jemand, der nicht viel Zeit vor dem Spiegel verbringt, aber trotzdem einen Stil hat, der funktioniert.

Noemi (Musikerin, 31): Ich hab gestern mit meiner Schwester telefoniert. Zwei Stunden. Wir haben uns angeschrien. Also, nicht die ganze Zeit, aber genug. Es ging um unsere Mutter, um Weihnachten, um wer sich um was kümmert und wer sich immer rausredet. Die üblichen Sachen. Aber irgendwann hab ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr wütend auf sie bin, sondern auf… ich weiß nicht. Auf die Situation. Auf die Tatsache, dass wir das immer wieder durchkauen und nie weiterkommen.

/same/ Und dann, als wir aufgelegt haben, hab ich eine Stunde lang Klavier gespielt. Einfach improvisiert, ohne Ziel. Und irgendwann war die Wut nicht mehr Wut, sondern Musik. Das klingt kitschig, ich weiß. Aber so war es. Als hätte das Spielen die Wut übersetzt in etwas anderes. Nicht weg, aber anders. Tragbarer.

/note/ Noemi greift nach einem Croissant, reißt ein Stück ab, kaut. In ihr ist die Wut noch da, aber wie ein Echo, nicht mehr wie ein Schrei. Sie kennt das, dieses Gefühl, dass Emotionen durch sie hindurchgehen wie Wetter – manchmal stürmisch, manchmal still, aber immer in Bewegung. Als Kind hat sie das oft überfordert. Sie war „zu viel“, haben die Erwachsenen gesagt. Zu laut, zu intensiv, zu dramatisch. Sie hat Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass das nicht stimmt. Dass sie nicht zu viel ist, sondern dass die anderen manchmal zu wenig aushalten.

/note/ Das Klavier hat ihr dabei geholfen. Nicht als Therapie, nicht als Ventil im simplen Sinn, sondern als Sprache. Manche Dinge lassen sich nicht sagen, aber spielen. Die Wut von gestern Abend hat auf den Tasten eine Form gefunden, eine Kontur, einen Anfang und ein Ende. Heute Morgen, als sie aufgewacht ist, war sie immer noch ärgerlich auf ihre Schwester, aber es war ein sauberer Ärger, ein Ärger, der weiß, worum es geht. Nicht dieses diffuse Brodeln, das einen von innen auffrisst.

/note/ Sie schaut in die Runde, sieht Samuels ruhiges Gesicht, Tareks rastlose Energie, Carlas abwesenden Blick, Jonas‘ perfektes Lächeln. Und sie denkt: Wie seltsam, dass wir alle hier sitzen, alle dieselben Croissants essen, alle denselben Kaffee trinken, und trotzdem in so verschiedenen Welten leben. Bei ihr ist die Welt heute Morgen bunt, ein bisschen anstrengend, aber bunt. Sie fragt sich, wie es bei den anderen ist. Ob es bei allen so bunt ist. Oder ob manche in Grau leben und es niemandem sagen.

Lena (Lehrerin, 36): Noemi, das mit dem Klavier… das verstehe ich. Also, nicht das Klavier, ich kann kein Instrument. Aber das Übersetzen. Dass man etwas verarbeitet, indem man es in eine andere Form bringt.

/note/ Lena hat gesprochen, und ihre eigene Stimme kommt ihr fremd vor. Zu dünn, zu leise. Sie spricht selten in dieser Runde, hört lieber zu, beobachtet. Es ist nicht Schüchternheit genau – sie kann sprechen, wenn es sein muss, vor der Klasse zum Beispiel, da funktioniert sie tadellos. Es ist eher eine Art Zurückhaltung, die tiefer sitzt. Als wäre Sprechen ein Risiko, das man nur eingeht, wenn es sich wirklich lohnt.

Lena (Lehrerin, 36): Bei mir ist es Schreiben. Ich hab früher Tagebuch geschrieben, jeden Tag. Dann hab ich aufgehört, ich weiß nicht warum. Vielleicht weil ich nicht mehr wusste, was ich schreiben sollte. Oder weil es sich sinnlos angefühlt hat, Worte auf Papier, die niemand liest.

/same/ Aber manchmal vermisse ich es. Dieses Gefühl, dass man etwas rauslässt und es eine Form bekommt. Dass es nicht mehr nur drinnen rumschwirrt.

/note/ Während sie spricht, spürt Lena, wie sich etwas in ihr zusammenzieht. Es ist dieses Gefühl, das sie kennt, seit sie denken kann: Nicht zu viel sagen. Nicht zu viel zeigen. Nicht zu viel sein. Sie weiß nicht, woher es kommt. Es gibt keine dramatische Geschichte, kein offensichtliches Trauma, das sie erzählen könnte. Ihre Kindheit war okay, ihre Eltern waren okay, alles war okay. Und trotzdem hat sie irgendwann gelernt, dass es sicherer ist, klein zu bleiben. Dass Aufmerksamkeit gefährlich ist. Dass man besser unsichtbar bleibt.

/note/ Das Problem ist: Sie weiß nicht mehr, ob sie unsichtbar sein will oder ob sie es nur noch ist. Die Grenze ist irgendwann verschwommen. Manchmal sitzt sie in Gesprächen wie diesem und hat das Gefühl, hinter einer Glaswand zu sein. Sie sieht die anderen, hört sie, versteht sogar, was sie sagen. Aber sie ist nicht mit ihnen im Raum. Sie ist daneben, dahinter, irgendwo in der Nähe, aber nicht wirklich da.

/note/ Das Seltsame ist: Es fühlt sich nicht einmal schlecht an. Es fühlt sich sicher an. Dieses Nicht-ganz-da-Sein ist wie ein Schutzanzug, den sie irgendwann angezogen hat und nie wieder ausgezogen. Sie weiß nicht mehr, wie man ihn auszieht. Sie weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt, ohne ihn zu sein. Vielleicht hat sie es nie gewusst.

/note/ Sie schaut auf ihre Hände, die die Kaffeetasse umklammern. Ihre Finger sind weiß an den Knöcheln, zu fest, zu verkrampft. Sie lockert den Griff, bewusst, willentlich. Es hilft nichts. Die Anspannung ist nicht in den Händen, sie ist weiter innen, irgendwo, wo man nicht hinkommt mit bloßem Wollen.

Mira (Grafikdesignerin, 34): Lena, du solltest wieder anfangen zu schreiben. Ich mein das ernst. – Ich hab früher auch gedacht, dass Tagebuch schreiben Teenager-Kram ist. Aber dann hab ich vor zwei Jahren wieder angefangen, und es hat was verändert. Nicht dramatisch. Eher so ein… Abladen. Als würde man abends den Rucksack abstellen.

/note/ Mira schaut Lena an, und in ihrem Blick ist keine Forderung, nur ein Angebot. Sie kennt Lena seit Jahren, sie weiß, dass sie still ist, dass sie selten viel sagt. Früher hat Mira gedacht, Lena sei einfach introvertiert, einer dieser Menschen, die lieber zuhören als reden. Aber in letzter Zeit ist ihr aufgefallen, dass Lenas Stille manchmal eine andere Qualität hat. Nicht die Stille von jemandem, der nachdenkt. Eher die Stille von jemandem, der sich versteckt.

Lena (Lehrerin, 36): Vielleicht hast du recht. Ich sag immer, ich hab keine Zeit. Aber wahrscheinlich ist das eine Ausrede. Zeit hat man für das, was man sich nimmt.

/note/ Sie sagt den Satz, und er klingt wie ein Vorsatz, wie etwas, das man sagt und dann nicht tut. Sie weiß das, während sie es sagt. Es ist nicht gelogen genau, es ist eher… ein Versuch. Ein kleiner Versuch, sich an den Rand des Schutzanzugs zu stellen und hinauszuschauen. Ob sie springen wird, weiß sie nicht. Wahrscheinlich nicht. Aber dass sie hier steht, dass sie überhaupt daran denkt, dass sie diesen Satz sagt – das ist schon mehr als sonst.

Jonas (Unternehmensberater, 38): Das stimmt, Lena. Zeit ist eine Frage der Prioritäten. Ich sag das auch immer meinen Teams: Wenn etwas wichtig ist, findet man Zeit. Wenn man keine Zeit findet, ist es nicht wichtig genug.

/note/ Der Satz kommt automatisch, ein Reflex aus tausend Meetings. Jonas hört sich selbst reden und denkt: Das klingt gut. Überzeugend. Der erfolgreiche Mann, der weise Dinge über Zeitmanagement sagt. Er hat solche Sätze tausendfach gesagt, in Präsentationen, in Mitarbeitergesprächen, in Podcasts. Sie klingen immer richtig. Sie sind auch richtig, irgendwie. Aber während er sie sagt, spürt er diese kleine Distanz, die immer da ist – die Distanz zwischen dem, was er sagt, und dem, was er ist. Oder dem, was er wäre, wenn da jemand wäre.

/note/ Er fragt sich kurz, ob er das, was er gerade gesagt hat, selbst glaubt. Ob er Zeit findet für die Dinge, die ihm wichtig sind. Aber die Frage löst sich auf, bevor er sie zu Ende denken kann. Was ist ihm wichtig? Die Frage hat keinen Boden. Sie fällt ins Leere. Er trinkt einen Schluck Kaffee und lächelt, weil Lächeln das ist, was man tut, wenn man gerade einen klugen Satz gesagt hat.

Samuel (Tischler, 58): Ich weiß nicht, Jonas. Ich glaub, manchmal findet man für die wichtigen Dinge gerade keine Zeit. Weil sie zu nah sind. Zu groß. Man braucht Abstand, um sie zu sehen. Und wenn man mittendrin steckt, sieht man gar nichts.

/same/ Als Helga krank wurde, hab ich weitergearbeitet. Jeden Tag in der Werkstatt, obwohl ich bei ihr sein wollte. Ich hab mir gesagt, ich brauch das Geld, ich brauch die Ablenkung, ich brauch die Routine. Aber eigentlich konnte ich einfach nicht. Konnte nicht bei ihr sitzen und zusehen, wie sie schwächer wird. Die Werkstatt war mein Versteck.

/same/ Jetzt, wo sie nicht mehr da ist, versteh ich das. Aber damals hab ich es mir schöngeredet. Prioritäten, ja. Die wichtigen Dinge. Manchmal sind die wichtigen Dinge genau die, vor denen man davonläuft.

/note/ Samuels Stimme ist leise geworden, nicht traurig genau, eher nachdenklich. Er hat nie mit jemandem darüber gesprochen, über das Schuldgefühl, dass er in der Werkstatt war, während Helga in der Klinik lag. Dass er oft zu spät kam, dass er sich müde gearbeitet hat, um abends sofort einschlafen zu können, ohne nachzudenken. Es war seine Art, mit dem Unaushaltbaren umzugehen. Jetzt, im Nachhinein, sieht er es klarer. Nicht als Versagen, aber als… Begrenzung. Als das, was er damals konnte und was er nicht konnte.

/note/ Er schaut zu Jonas, der immer noch dieses glatte Lächeln trägt, und fragt sich, ob Jonas versteht, was er gerade gesagt hat. Ob es angekommen ist. Oder ob es abgeprallt ist an dieser Oberfläche, die Jonas vor sich herträgt wie einen Schild. Samuel kennt solche Schilde. Er hatte selbst einen, lange. Holz statt Glas, Arbeit statt Lächeln, aber ein Schild trotzdem. Manchmal erkennt man die eigenen Abwehrmechanismen besser bei anderen.

Ayla (Studentin, 23): Samuel, das ist… ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber ich glaub, das war mutig. Das zu erzählen.

/note/ Ayla schaut ihn an, und in ihrem Blick ist eine Mischung aus Respekt und Verwirrung. Sie kennt das nicht, dieses Davonlaufen vor dem Wichtigen. Bei ihr ist es eher umgekehrt: Sie hat Angst, dass es gar nichts Wichtiges gibt. Dass sie sucht und sucht und nichts findet, das groß genug wäre, um davor davonzulaufen. Manchmal beneidet sie Menschen, die wissen, was sie wollen, selbst wenn das, was sie wollen, schmerzhaft ist. Wenigstens haben sie eine Richtung.

Ayla (Studentin, 23): Ich frag mich manchmal, ob ich das überhaupt kann. So lieben, meine ich. So dass es wehtut, wenn es vorbei ist. Ich hatte Beziehungen, klar, aber nichts davon hat sich so angefühlt. Eher wie… Übung. Wie Probeläufe für etwas, das später kommt.

/same/ Ist das schlimm? Ist es schlimm, wenn man mit dreiundzwanzig noch nicht weiß, wie das geht?

/note/ Die Frage ist echt, kein rhetorischer Trick. Ayla fragt sich das wirklich. Sie hat Freundinnen, die seit Jahren in festen Beziehungen sind, die von Hochzeiten reden und Kindern und gemeinsamen Wohnungen. Und sie hat Freundinnen, die von Tinder-Dates erzählen, als wäre es ein Sport. Sie selbst ist irgendwo dazwischen, nicht festgelegt, nicht suchend, eher wartend auf etwas, das sie noch nicht beschreiben kann.

Samuel (Tischler, 58): Schlimm? Nein. Mit dreiundzwanzig wusste ich auch nicht, wie das geht. Ich hab Helga erst mit siebenundzwanzig getroffen. Davor war ich… ich weiß nicht. Unterwegs. Nicht so unterwegs wie Tarek, nicht so viele Länder, aber innerlich unterwegs. Unsicher. Suchend.

/same/ Und als ich sie dann getroffen hab, wusste ich es auch nicht sofort. Das kam langsam. Das wuchs. Liebe ist nicht, wenn’s dich umhaut. Liebe ist, wenn du merkst, dass du dir nicht mehr vorstellen kannst, ohne den anderen Menschen aufzuwachen.

/note/ Tarek hört zu, und etwas in ihm zuckt. Aufwachen, ohne jemanden. Er kennt das. Er kennt das so gut, dass er nicht mehr darüber nachdenkt. Er wacht immer alleine auf, in wechselnden Betten, in wechselnden Städten, in wechselnden Zeitzonen. Es ist normal geworden. Es ist sein Normal. Aber wenn Samuel so darüber redet, dieses Aufwachen neben jemandem, dieses Selbstverständliche, das Jahrzehnte hält – dann ist da kurz etwas. Ein kleines Ziehen. Er weiß nicht, wonach. Er will es auch nicht wissen. Er schiebt es weg, bevor es Wurzeln schlagen kann.

Tarek (Fotograf, 29): Bei mir ist das anders, glaub ich. Ich hab das ausprobiert, das Sesshafte. War nicht so meins. Ich brauch die Bewegung. Neue Orte, neue Gesichter, neue Geschichten. Sonst werd ich unruhig.

/same/ Aber ich versteh das, Samuel. Bei dir funktioniert das mit dem Ankommen. Bei mir nicht. Ist wohl einfach ein anderer Modus.

/note/ Der Satz klingt überzeugend, selbst für ihn. Er hat ihn oft gesagt, in verschiedenen Varianten, verschiedenen Kontexten. Der Rastlose, der das Reisen als Lebensform gewählt hat, nicht als Flucht, sondern als Ausdruck. Es ist ein gutes Narrativ. Es klingt nach Freiheit, nach Selbstbestimmung, nach bewusster Entscheidung. Nur manchmal, in sehr stillen Momenten, fragt er sich, ob es stimmt. Ob er wirklich so gebaut ist. Oder ob er sich so gebaut hat, weil die Alternative zu gefährlich war.

/note/ Die Alternative wäre: bleiben. Bleiben und riskieren, dass jemand ihn wirklich kennenlernt. Nicht den charmanten Tarek, nicht den Geschichtenerzähler, nicht den Fotografen mit dem aufregenden Leben. Sondern den, der darunter ist. Der, von dem er selbst nicht weiß, ob da jemand ist.

Carla (Ärztin, 41): Vielleicht liegt das gar nicht an der Bewegung, Tarek. Vielleicht liegt es daran, dass man… ich weiß nicht. Dass man sich selbst nicht genug interessant findet, um zu bleiben.

/note/ Der Satz ist raus, bevor sie ihn aufhalten kann. Sie hat nicht viel gesprochen heute, und jetzt, wo sie spricht, ist es das. Dieser Satz, der nicht wirklich über Tarek ist. Der über sie ist.

/note/ Die anderen schauen sie an, kurz, irritiert vielleicht. Carla spürt ihren Blick wie etwas Physisches, eine kleine Welle von Aufmerksamkeit, die über sie hinweggeht. Sie möchte sich zurückziehen, den Satz relativieren, sagen: War nur so ein Gedanke. Aber sie tut es nicht. Sie bleibt sitzen, hält die Tasse fest und wartet ab, was passiert.

Tarek (Fotograf, 29): Hm. Vielleicht. Ich weiß nicht. – Wie meinst du das genau?

/note/ Die Frage ist echt, nicht defensiv. Tarek schaut Carla an, und zum ersten Mal heute ist er wirklich aufmerksam. Nicht das oberflächliche Aufmerksam, das er sonst praktiziert, diese automatische Freundlichkeit, die nichts kostet. Sondern ein Aufmerksam, das fragt: Was hast du gerade gesagt? Und warum?

Carla (Ärztin, 41): Ich meine… wenn man sich selbst nicht genug ist. Wenn man in sich selbst keinen Grund findet, der das Bleiben lohnt. Dann muss man eben gehen. Immer weiter gehen. Weil das Bleiben einen mit sich selbst konfrontieren würde, und das ist… leer. Oder beängstigend. Oder beides.

/same/ Ich rede wahrscheinlich nicht von dir, Tarek. Ich rede von mir. Ich geh nicht weg, körperlich. Aber innerlich bin ich auch irgendwie immer unterwegs. Oder nirgendwo. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.

/note/ Die Stille am Tisch ist jetzt anders als vorher. Nicht die aufmerksame Stille, die war, als Samuel von Helga sprach. Eher eine unsichere Stille, eine Stille, die nicht weiß, was sie mit dem anfangen soll, was Carla gerade gesagt hat. Mira schaut sie an, besorgt vielleicht. Martin auch. Jonas nippt an seinem Kaffee, sein Lächeln ist einen halben Ton blasser geworden. Ayla hat den Kopf schief gelegt, wie sie es immer tut, wenn sie nachdenkt.

/note/ Carla selbst ist überrascht. Sie hat nicht geplant, das zu sagen. Es ist rausgerutscht, aus einer Öffnung, von der sie nicht wusste, dass sie existiert. Und jetzt ist es draußen, und sie kann es nicht zurücknehmen. Seltsamerweise fühlt sich das nicht schlecht an. Es fühlt sich an wie… etwas. Wie ein kleines Etwas in der großen Leere. Vielleicht ist das der erste Schritt. Oder vielleicht ist es nur ein Zufall, ein Ausrutscher, und morgen wird alles wieder sein wie immer.

Noemi (Musikerin, 31): Carla, ich… weiß nicht. Ich hab keine schlaue Antwort. Aber was du sagst, das klingt einsam. Ist es einsam?

/note/ Die Frage ist direkt, vielleicht zu direkt, aber Noemi kann nicht anders. Sie ist nicht gut im Drumherumreden. Wenn jemand etwas sagt, das sie berührt, antwortet sie darauf, manchmal ungeschickt, manchmal zu viel, aber immer echt. Das hat ihr schon Ärger eingebracht, mit Freunden, mit Liebhabern, mit ihrer Familie. Aber sie hat aufgehört, sich dafür zu entschuldigen.

Carla (Ärztin, 41): Einsam? – Ich glaub nicht. Einsamkeit würde ja voraussetzen, dass ich jemanden vermisse. Aber ich vermisse niemanden. Ich vermisse nicht mal mich selbst. Es ist eher wie… Abwesenheit. Ohne Sehnsucht.

/note/ Sie sagt es, und während sie es sagt, hört sie sich selbst zu, fast verwundert. So hat sie es noch nie formuliert. Abwesenheit ohne Sehnsucht. Das trifft es. Das trifft es besser als alles, was sie je einem Therapeuten gesagt hat, in den drei Anläufen, die sie genommen hat, bevor sie aufgegeben hat. Die Therapeuten wollten immer wissen, was ihr fehlt. Sie konnte es nicht sagen, weil ihr das Fehlen selbst fehlt.

Martin (Sozialarbeiter, 45): Carla, darf ich was fragen? Das ist vielleicht übergriffig, und du musst nicht antworten. Aber: War das immer so? Oder gab es eine Zeit, wo es anders war?

/note/ Martin stellt die Frage vorsichtig, mit der Behutsamkeit von jemandem, der beruflich gelernt hat, schwierige Fragen zu stellen. Er kennt Carla seit Jahren, aber er kennt sie nicht wirklich. Niemand hier kennt sie wirklich, fällt ihm auf. Sie ist immer dabei, aber immer am Rand. Immer freundlich, aber nie nah. Er hat das für Zurückhaltung gehalten. Jetzt fragt er sich, ob es etwas anderes ist.

Carla (Ärztin, 41): Ich weiß nicht mehr. Ich glaub schon. Als Kind vielleicht, da war es anders. Ich erinnere mich, dass ich mal stundenlang im Garten gespielt hab, alleine, mit Stöcken und Steinen und ausgedachten Geschichten. Und das hat sich echt angefühlt. Aber irgendwann… irgendwann hab ich damit aufgehört. Ich weiß nicht, wann. Es ist, als wäre es langsam ausgefadet, so langsam, dass ich es nicht gemerkt hab.

/same/ Vielleicht bin ich einfach so. Vielleicht sind manche Menschen eben so. Weniger… drin. Weniger beteiligt.

/note/ Sie zuckt die Schultern, eine kleine Geste, die Abschluss signalisieren soll. Genug geredet. Genug von mir. Sie nimmt einen Schluck Kaffee, der inzwischen lauwarm ist, und schaut aus dem Fenster. Das Herbstlicht liegt auf den Dächern gegenüber, golden und kühl, und für einen kurzen Moment – einen sehr kurzen – denkt sie: Das ist schön. Nicht als Feststellung, sondern als winziges Aufblitzen, ein Funke, der sofort wieder erlischt. Aber er war da. Sie hat ihn bemerkt.

Mira (Grafikdesignerin, 34): Carla, ich glaub nicht, dass manche Menschen einfach so sind. Ich glaub, das ist was, das passiert. Und wenn’s passiert ist, kann es auch wieder… nicht passieren. Oder anders passieren. Ich weiß nicht, ob das Sinn macht.

/note/ Mira spricht unsicher, was selten ist. Normalerweise weiß sie, was sie sagen will. Aber hier, bei Carla, trifft sie auf etwas, das sie nicht einordnen kann. Sie mag Carla. Sie hat sie immer gemocht, seit sie sich vor Jahren bei einem gemeinsamen Freund kennengelernt haben. Aber sie hat nie das Gefühl gehabt, Carla wirklich zu erreichen. Jetzt versteht sie vielleicht, warum.

Jonas (Unternehmensberater, 38): Vielleicht braucht man auch einfach… einen Anstoß. Einen Grund, wieder reinzukommen. Bei mir war das die Arbeit. Als ich angefangen hab, richtig Verantwortung zu übernehmen, da hatte ich plötzlich das Gefühl, dass es auf mich ankommt. Das hat mich… aktiviert, irgendwie.

/note/ Der Satz kommt automatisch, und Jonas merkt erst hinterher, dass er gelogen hat. Nicht absichtlich, nicht bewusst. Es ist eher, dass er einen Satz gesagt hat, der nach Wahrheit klingt, ohne zu prüfen, ob es eine ist. Die Arbeit hat ihn nicht aktiviert. Die Arbeit hat ihn beschäftigt. Das ist nicht dasselbe. Aber der Unterschied ist so subtil, dass er ihn meistens nicht bemerkt. Jetzt, für einen Moment, bemerkt er ihn. Es ist ein unangenehmes Gefühl, wie ein kleiner Splitter unter der Haut, den man nicht greifen kann.

Samuel (Tischler, 58): Jonas, das klingt, als hättest du einen Schalter gefunden. Einschalten und läuft. Aber ich glaub nicht, dass das so funktioniert. Zumindest nicht bei allen.

/same/ Bei mir war es nicht die Arbeit. Bei mir war es Helga. Sie hat mich nicht aktiviert, sie hat mich… gesehen, glaub ich. Und weil sie mich gesehen hat, konnte ich mich selbst sehen. Das klingt kitschig, ich weiß. Aber so war’s.

/note/ Jonas nickt, das professionelle Nicken, das Verständnis signalisiert. Aber innen ist er irritiert. Was heißt das, jemand sieht einen? Er wird ständig gesehen. In Meetings, auf Bühnen, auf LinkedIn. Tausende von Menschen sehen ihn, jeden Tag, in verschiedenen Versionen, je nach Kontext. Aber das meint Samuel offensichtlich nicht. Samuel meint etwas anderes, etwas, das Jonas nicht greifen kann. Etwas, das vielleicht nur möglich ist, wenn da jemand ist, der gesehen werden kann.

Ayla (Studentin, 23): Samuel, das mit dem Gesehen-Werden… ich glaub, das versteh ich. Meine Mitbewohnerin, die schaut mich manchmal an, wenn ich was erzähle, und dann hat ihr Blick so eine… Aufmerksamkeit. Nicht wertend, nicht fordernd. Einfach nur: Ich hör zu. Ich bin hier. Und dann fühle ich mich realer. Als würde ihr Blick mich ein bisschen mehr existieren lassen.

/note/ Ayla merkt, wie seltsam das klingt, während sie es sagt. Aber sie sagt es trotzdem, weil es stimmt. Sie hat das oft, dieses Gefühl, dass sie mehr sie selbst ist, wenn jemand sie sieht. Nicht anschaut – sieht. Der Unterschied ist riesig. Anschauen kann jeder. Sehen ist selten.

Tarek (Fotograf, 29): Das ist witzig, Ayla. Bei mir ist es umgekehrt. Ich fühl mich realer, wenn ich selbst schaue. Wenn ich durch die Kamera gucke und etwas einfange. Dann bin ich ganz da. Dann ist alles klar.

/same/ Aber wenn jemand mich anschaut… ich weiß nicht. Da wird’s komisch. Da will ich weglaufen. Oder eine Show abziehen. Irgendwas, nur nicht einfach dastehen und gesehen werden.

/note/ Er sagt es leichthin, mit einem halben Lachen, als wäre es ein Witz über sich selbst. Aber während er es sagt, spürt er, dass es keiner ist. Er hat Angst, gesehen zu werden. Nicht körperlich – körperlich ist er dauernd sichtbar, in Clubs, auf Partys, auf seinen eigenen Fotos. Aber das andere Sehen, das, von dem Samuel und Ayla reden – das ist etwas anderes. Das würde bedeuten, dass jemand hinter die Show schaut. Und was ist hinter der Show? Er weiß es nicht. Er will es nicht wissen.

Lena (Lehrerin, 36): Tarek, das kenn ich auch. Dieses Weglaufen-Wollen. Nur dass ich nicht weglaufe, ich… verschwinde. Ich mach mich klein, unsichtbar. So dass niemand mehr hinguckt.

/same/ In der Schule ist das praktisch. Da bin ich die Lehrerin, da hab ich eine Rolle. Aber hier… hier gibt es keine Rolle. Und dann weiß ich nicht, wer ich sein soll.

/note/ Sie hat mehr gesagt, als sie wollte. Schon wieder. Dieses Gespräch macht etwas mit ihr, löst etwas aus, das sie normalerweise unter Kontrolle hat. Sie fühlt sich exponiert, auf eine unangenehme Art, aber auch auf eine Art, die… nicht nur unangenehm ist. Als würde sie sich selbst von außen sehen, zum ersten Mal seit langem.

Martin (Sozialarbeiter, 45): Lena, du brauchst hier keine Rolle. Das ist doch der Punkt. Wir sind Freunde. Wir kennen uns seit Jahren. Du kannst sein, wer du bist.

/note/ Er sagt es freundlich, und er meint es freundlich. Aber Lena zuckt trotzdem zusammen, innerlich, an einem Ort, den niemand sieht. Sein, wer du bist. Das ist so leicht gesagt. Als wüsste man, wer man ist. Als wäre da jemand, der man sein könnte. Bei Lena ist da hauptsächlich diese Vorsicht, diese ständige Wachsamkeit, die sie nicht ablegen kann. Sei, wer du bist, heißt für sie: Sei diese Wachsamkeit. Und das ist erschöpfend.

Lena (Lehrerin, 36): Danke, Martin. Ich weiß, was du meinst. Es ist nur… nicht so einfach, glaube ich. Für manche von uns.

/note/ Ihre Stimme ist leise, fast entschuldigend. Sie schaut auf den Tisch, auf die Croissant-Krümel, auf ihre Hände, die schon wieder zu fest um die Tasse greifen. In ihrem Kopf ist ein Summen, ein ständiges Monitoring: Was denken die anderen? War das zu viel? Zu wenig? Zu seltsam? Das Summen ist immer da, seit sie denken kann. Sie weiß nicht, wie es ist, wenn es still ist.

Mira (Grafikdesignerin, 34): Wisst ihr, was ich gerade denke? Dass wir alle hier sitzen und irgendwie dasselbe Thema umkreisen. Nur aus verschiedenen Richtungen.

/same/ Samuel verliert jemanden und wird dadurch lebendiger. Carla ist mittendrin und spürt nichts. Tarek rennt, um nicht zu spüren. Jonas funktioniert, ohne zu wissen, wer funktioniert. Lena macht sich klein, um sicher zu sein. Und ich sitz hier und denk, wie seltsam das ist, dass wir alle so verschieden erleben, obwohl wir am selben Tisch sitzen.

/note/ Sie schaut in die Runde, und für einen Moment ist es, als würde der Raum enger werden, nicht bedrohlich, sondern intimer. Das Herbstlicht fällt durch die Fenster, die Kerze flackert, der Kaffee dampft in den Tassen. Neun Menschen, neun Welten. Mira denkt: Das ist es, was mich an diesen Treffen hält. Nicht die Croissants, nicht die Gewohnheit. Sondern das hier. Diese Momente, in denen die Oberfläche aufreißt und man kurz sieht, was darunter ist.

Noemi (Musikerin, 31): Mira, du hast mich vergessen in deiner Aufzählung.

/note/ Noemi grinst, aber es ist kein Ablenkungsgrinsen. Es ist ein echtes Grinsen, eins, das sagt: Ich bin hier, ich bin okay, ich kann das ab.

Noemi (Musikerin, 31): Ich bin die, die zu viel fühlt und es dann auf ein Klavier haut. Oder in einen Streit mit der Schwester. Oder in ein Croissant.

/same/ Manchmal denk ich, dass mein Problem das Gegenteil von Carlas ist. Bei mir ist alles zu laut. Zu bunt. Zu viel. Als Kind haben alle gesagt, ich soll mich beruhigen, runterkommen, nicht so dramatisch sein. Und ich hab’s versucht, jahrelang. Aber es hat nicht funktioniert. Also hab ich aufgehört, es zu versuchen.

/note/ Sie beißt in ihr Croissant, kaut, schluckt. In ihr ist heute Morgen tatsächlich viel. Die Wut von gestern, die immer noch nachhallt. Die Freude, hier zu sein. Die Trauer über Samuel, die sie angeflogen hat, als er von Helga sprach. Die Irritation über Jonas, der so glatt ist, dass sie ihn nicht greifen kann. Alles gleichzeitig, alles durcheinander, ein Gewitter von Empfindungen, das nie ganz aufhört.

/note/ Aber das Seltsame ist: Sie hat gelernt, damit zu leben. Mehr noch – sie hat gelernt, es zu mögen. Das Gewitter ist anstrengend, ja. Aber es ist auch lebendig. Es ist ihrs. Sie würde es nicht eintauschen gegen die Stille, die sie manchmal bei anderen sieht. Bei Carla, zum Beispiel. Oder bei Jonas. Diese Stille sieht nach Frieden aus, von außen. Aber Noemi glaubt nicht, dass es Frieden ist. Sie glaubt, dass es eine andere Art von Gefängnis ist.

Samuel (Tischler, 58): Noemi, ich mag das an dir. Dass du nicht versuchst, weniger zu sein.

/same/ Helga war auch so. Die hat einen Raum betreten, und alle haben es gemerkt. Nicht weil sie laut war, sondern weil sie… da war. Ganz da. Das ist selten.

/note/ Er schaut Noemi an, und für einen Moment sieht er Helga in ihr. Nicht äußerlich – die beiden sehen sich nicht ähnlich. Aber in der Art, wie sie Raum einnimmt, wie sie sich nicht entschuldigt für ihre Existenz. Das hat er geliebt, an Helga. Das vermisst er, jeden Tag.

Tarek (Fotograf, 29): Ich glaub, ich versteh, was du meinst, Samuel. Dieses Ganz-da-Sein. Das versuche ich zu fotografieren, manchmal. Diese Momente, wo jemand aufhört zu posieren und einfach… ist.

/same/ Das Problem ist, sobald du die Kamera draufhältst, ist der Moment vorbei. Die Leute fangen an zu performen. Ich auch. Wir alle, die ganze Zeit.

/note/ Er sagt es nachdenklich, nicht bitter. Es ist eine Beobachtung, keine Klage. Aber während er es sagt, fragt er sich, ob er selbst jemals aufgehört hat zu performen. Ob es einen Tarek gibt, der nicht für ein Publikum existiert. Er weiß es nicht. Die Frage macht ihm Angst, also schiebt er sie weg, wie immer.

Jonas (Unternehmensberater, 38): Performance ist doch nicht schlecht. Performance ist, wie man Dinge erreicht. Wie man weiterkommt. Ich mein, wir können ja nicht alle ständig authentisch sein. Das wäre… anstrengend.

/note/ Er sagt es, und es klingt defensiv, obwohl er das nicht beabsichtigt hat. Er merkt es selbst, merkt, wie die Worte im Raum hängen, ein bisschen zu scharf, ein bisschen zu schnell. Er hat sich ertappt gefühlt, bei Tareks Worten über Performance. Als wäre er gemeint gewesen. Vielleicht war er gemeint. Vielleicht hat Tarek ihn durchschaut. Der Gedanke ist unangenehm.

Martin (Sozialarbeiter, 45): Jonas, ich glaub, es geht nicht um Entweder-Oder. Man kann funktionieren und trotzdem echt sein. Die Frage ist eher: Weiß man noch, wo das eine aufhört und das andere anfängt?

/note/ Martin schaut Jonas an, nicht vorwurfsvoll, eher forschend. Er mag Jonas, er kennt ihn seit Jahren. Aber er hat sich oft gefragt, wer Jonas eigentlich ist, wenn er nicht gerade den kompetenten Berater spielt. Er hat es nie herausgefunden. Vielleicht gibt es nichts herauszufinden. Vielleicht ist Jonas so tief in seiner Rolle, dass es kein Dahinter mehr gibt.

Jonas (Unternehmensberater, 38): Ich… weiß nicht, ob ich das unterscheiden kann. Ehrlich gesagt.

/note/ Der Satz ist raus, bevor er ihn aufhalten kann. Er hat nicht geplant, das zu sagen. Es ist einfach passiert, ein Riss in der Oberfläche, durch den etwas gerutscht ist. Jetzt ist es draußen, und er kann es nicht zurücknehmen. Die anderen schauen ihn an, anders als sonst. Nicht bewundernd, nicht interessiert. Eher… aufmerksam. Als hätten sie etwas gesehen, das sie nicht erwartet haben.

/note/ In Jonas ist ein seltsames Gefühl. Nicht Panik, nicht Angst. Eher eine Art Schwindel, als wäre der Boden unter ihm weniger fest als gedacht. Er hat gerade zugegeben, dass er nicht weiß, wer er ist. Das hat er noch nie gesagt, niemandem, nicht einmal sich selbst. Es ist erschreckend. Und gleichzeitig ist da etwas anderes, etwas Leichteres. Als hätte er einen Stein abgelegt, von dem er nicht wusste, dass er ihn trug.

Samuel (Tischler, 58): Jonas. Das ist okay. Das nicht zu wissen. Das ist ehrlicher als so zu tun, als wüsste man es.

/note/ Samuel sagt es ruhig, ohne Urteil. Er kennt das. Er hat es selbst erlebt, in den Jahren, bevor er Helga traf. Dieses Gefühl, eine Hülle zu sein, die eine Rolle spielt, ohne zu wissen, was drin ist. Es hat lange gedauert, bis er das überwunden hat. Er ist nicht sicher, ob er es je ganz überwunden hat. Vielleicht ist das der Normalzustand, für die meisten Menschen, die meiste Zeit. Vielleicht sind die Momente der Echtheit die Ausnahme, nicht die Regel.

Ayla (Studentin, 23): Ich glaub, wir alle spielen Rollen. Die Frage ist nur, ob man manchmal die Rolle vergisst. Ob es Momente gibt, wo man nicht mehr spielt.

/same/ Bei mir ist das manchmal nachts, wenn ich nicht schlafen kann und aus dem Fenster schaue. Dann bin ich einfach da. Ohne Erwartungen, ohne Publikum. Nur ich und die Dunkelheit und die Stadt da draußen. Das fühlt sich echt an.

/note/ Sie sagt es leise, fast träumerisch. Sie mag diese Nächte, obwohl sie sie auch fürchtet. In der Stille kommen manchmal Gedanken, die sie tagsüber nicht zulässt. Zweifel, Ängste, Fragen ohne Antwort. Aber auch etwas anderes: eine Art Ruhe, die nichts mit Schlaf zu tun hat. Eine Ruhe, in der sie sich selbst begegnet, ohne die Ablenkung des Tages.

Lena (Lehrerin, 36): Bei mir sind es auch die Nächte. Aber anders. Bei mir ist es eher… Grübeln. Nicht echt sein, sondern sich fragen, ob man jemals echt sein kann.

/note/ Sie sagt es, und es klingt trauriger, als sie es meint. Oder vielleicht ist es so traurig, wie es klingt. Sie weiß es nicht. Die Grenze zwischen dem, was sie fühlt, und dem, was sie glaubt zu fühlen, ist verschwommen. Manchmal fragt sie sich, ob sie überhaupt noch fühlt oder nur noch über Fühlen nachdenkt.

Mira (Grafikdesignerin, 34): Lena, darf ich dir was sagen? Nicht als Ratschlag, nur als Beobachtung.

/note/ Lena nickt, zögernd.

Mira (Grafikdesignerin, 34): Du bist heute präsenter als sonst. Du hast mehr gesagt. Und was du gesagt hast, war echt. Ich konnte das spüren. Das Vorsichtige, aber auch das Wirkliche darunter. Das hab ich vorher nicht so gespürt, bei dir.

/note/ Lena nimmt das auf, wie einen unerwarteten Schlag, aber kein harter Schlag, eher ein Schubs. Präsenter. Echter. Sie hat nicht das Gefühl gehabt, präsenter zu sein. Sie hat sich exponiert gefühlt, verletzlich, unsicher. Aber vielleicht ist das dasselbe. Vielleicht ist Präsenz genau das: sich zeigen, auch wenn es wehtut.

Lena (Lehrerin, 36): Das ist… danke, Mira. Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll. Aber danke.

/note/ Sie spürt etwas, während sie das sagt. Ein kleines Wärmen, irgendwo in der Brust, dort, wo sonst nur Enge ist. Es ist nicht viel. Es ist fast nichts. Aber es ist da.

Carla (Ärztin, 41): Das Seltsame ist, dass ich euch alle beneide. Selbst Lena, die sagt, sie weiß nicht, ob sie fühlt. Wenigstens fragt sie sich das. Bei mir gibt es nicht mal die Frage. Da ist einfach… Stille.

/same/ Aber vorhin, als Noemi meinen Arm berührt hat, da war kurz was. Ganz kurz. Als würde jemand das Licht anknipsen und gleich wieder ausknipsen. Es war nicht viel. Aber es war mehr als sonst.

/note/ Sie sagt es faktisch, nicht dramatisch. Sie ist Ärztin, sie ist es gewohnt, Symptome zu beschreiben. Aber während sie es sagt, merkt sie, dass es stimmt. Die Berührung hat etwas ausgelöst. Nicht viel, aber etwas. Ein kleines Flackern in der Dunkelheit. Sie fragt sich, ob es wieder passieren könnte. Ob es öfter passieren könnte. Ob sie vielleicht nicht so verloren ist, wie sie gedacht hat.

Noemi (Musikerin, 31): Dann machen wir das öfter. Uns berühren. Reden. Hier sitzen. Vielleicht ist das der Trick. Nicht versuchen, das Gefühl zu erzwingen, sondern Bedingungen schaffen, wo es passieren kann.

/note/ Sie sagt es praktisch, wie jemand, der ein Problem lösen will. Aber sie meint es auch anders, meint es als Angebot, als Einladung. Sie mag Carla. Sie will, dass es Carla besser geht. Sie weiß nicht, ob sie helfen kann. Aber sie kann da sein. Sie kann Arme berühren und ehrliche Fragen stellen und nicht weglaufen, wenn es schwierig wird.

Samuel (Tischler, 58): Noemi hat recht. Wir können uns nicht gegenseitig reparieren. Aber wir können da sein. Das ist nicht nichts. Das ist vielleicht sogar das Wichtigste.

/note/ Er schaut in die Runde, diese Menschen, die er seit Jahren kennt, die er immer gemocht hat, ohne sie je ganz zu kennen. Heute hat er sie ein bisschen besser kennengelernt. Jonas, der zugegeben hat, dass er nicht weiß, wer er ist. Carla, die von ihrer Leere erzählt hat. Lena, die sich gezeigt hat, trotz ihrer Angst. Tarek, der für einen Moment aufgehört hat zu rennen. Alle zusammen, an diesem Tisch, in diesem Herbstlicht, mit diesen Croissants, die viel zu teuer waren und die trotzdem gut sind.

Mira (Grafikdesignerin, 34): Ich glaub, wir brauchen mehr Kaffee. Und vielleicht mehr Croissants. Der Laden hat bestimmt noch welche.

/note/ Sie steht auf, streckt sich, geht zur Kaffeemaschine. Die Sonne ist weitergewandert, das Licht im Raum ist jetzt wärmer, goldener. Die Kerze brennt immer noch, obwohl sie fast heruntergebrannt ist. Es ist immer noch Sonntagmorgen, immer noch Oktober, immer noch dieses Treffen, das einmal im Monat stattfindet und das meistens nett ist und manchmal mehr als nett.

/note/ Heute ist es mehr. Mira weiß nicht genau, warum. Vielleicht weil Samuel von Helga erzählt hat. Vielleicht weil Carla sich geöffnet hat. Vielleicht einfach, weil die Zeit reif war. Es gibt Gespräche, die passieren, und Gespräche, die nicht passieren, und manchmal weiß man vorher nicht, welche Sorte es wird.

Tarek (Fotograf, 29): Ich hol die Croissants. Ich brauch eh frische Luft.

/note/ Er steht auf, nimmt seine Jacke. Er braucht tatsächlich frische Luft. Nicht um wegzulaufen, zumindest nicht nur. Sondern um kurz allein zu sein, um das zu verarbeiten, was gerade passiert ist. Er hat Dinge gesagt, die er normalerweise nicht sagt. Er hat zugehört, wirklich zugehört. Er hat gespürt, dass unter seiner Bewegung etwas anderes ist, etwas Stilleres, etwas, das er nicht kennt.

Tarek (Fotograf, 29): Soll ich für alle mitbringen? Gleiche Sorte?

/note/ Verschiedene Stimmen antworten: Ja, gleiche Sorte, oder nein, lieber Schoko, oder bring Brot mit, wenn du schon dabei bist. Normales Geplänkel, oberflächlich, aber nicht leer. Tarek nickt, geht zur Tür, dreht sich noch mal um.

Tarek (Fotograf, 29): Hey. Ich bin froh, dass ich heute hier bin. Auch wenn ich zu spät kam.

/note/ Dann ist er weg, die Tür fällt ins Schloss, und es ist einen Moment still. Die Stille ist nicht unangenehm. Sie ist voll von allem, was gerade gesagt wurde. Voll von dem, was nicht gesagt wurde. Voll von dem Gefühl, dass etwas passiert ist, etwas Kleines vielleicht, aber Echtes.

Jonas (Unternehmensberater, 38): Ich sollte auch langsam… Aber vielleicht bleib ich noch. Noch eine Tasse.

/note/ Er sagt es, und er meint es. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise hat er um diese Zeit schon den nächsten Termin im Kopf, die nächste Aufgabe, den nächsten Punkt auf der Liste. Heute ist die Liste irgendwie unwichtig. Er will hierbleiben, in diesem Raum, mit diesen Menschen, noch ein bisschen länger. Er weiß nicht, warum. Er fragt nicht nach.

/note/ Mira gießt ihm Kaffee ein, und er nimmt die Tasse, und das Porzellan ist warm in seinen Händen, und für einen Moment ist er einfach da. Nicht Jonas der Berater, nicht Jonas der Performer. Einfach jemand, der Kaffee trinkt, an einem Sonntagmorgen, mit Leuten, die er mag. Es ist nicht viel. Aber es ist mehr als sonst.

/note/ Die Sonne scheint, die Kerze flackert, irgendwo hupt ein Auto. Carla schaut aus dem Fenster und sieht, wie die Kastanienblätter fallen. Lena atmet aus, bewusst, und merkt, dass ihr Körper weniger angespannt ist als sonst. Ayla lächelt vor sich hin, ohne Grund, nur weil der Moment sich gut anfühlt. Martin schließt kurz die Augen und denkt an den Jungen im Krankenhaus und daran, dass er morgen wieder hingehen wird. Samuel denkt an Helga und daran, dass sie das hier gemocht hätte. Noemi summt leise vor sich hin, eine Melodie, die sie gerade erfindet.

/note/ Neun Menschen, neun Welten. Aber für einen Moment, an diesem Tisch, in diesem Licht, überlappen sich die Welten ein bisschen. Nicht viel. Aber genug, um zu wissen, dass man nicht allein ist. Dass man nie ganz allein ist, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.

/scene/ So weit zur Szene, nun noch ein Wort vom Autor:

Florian Lampersberger (Psychoanalytiker): Wenn Sie bis hierher gelesen haben, haben Sie neun Menschen an einem Tisch beobachtet. Neun Menschen, die Croissants essen und Kaffee trinken und über ihr Leben sprechen – manchmal oberflächlich, manchmal überraschend tief. Sie haben gesehen, wie Samuel von seiner toten Frau erzählt und dabei lebendiger wirkt als Jonas, der alles richtig macht und innerlich abwesend ist. Sie haben gespürt, wie Carla versucht, ihre Leere in Worte zu fassen, und wie schwer das ist, weil die Leere selbst die Worte ausdünnt. Sie haben Tarek zugehört, der so schnell erzählt, dass man fast vergisst zu fragen, wovor er eigentlich rennt.

/same/ Was Sie beobachtet haben, ist kein Zufall. Es ist auch keine Fiktion im Sinne von: ausgedacht und deshalb unwahr. Es ist verdichtete Wirklichkeit. In jeder Praxis, in jedem Freundeskreis, an jedem Tisch sitzen diese Menschen. Manchmal sind wir selbst einer von ihnen – mal Mira, die den Morgen bewohnt, mal Jonas, der funktioniert ohne zu wohnen, mal Carla, für die die Welt ihre Haftung verloren hat. Die Frage, wer wir sind, lässt sich nicht ein für alle Mal beantworten. Sie stellt sich immer wieder neu, jeden Morgen, an jedem Tisch.

/same/ Was mich an dieser Szene interessiert – und was ich Ihnen mitgeben möchte, bevor Sie diesen Text verlassen – ist die Frage, die unter allem liegt: Was macht den Unterschied? Warum ist Samuel, der gerade das Schwerste erlebt hat, was man erleben kann, lebendiger als Jonas, dem äußerlich nichts fehlt? Warum kann Noemi ihre Wut in Musik verwandeln, während Lena ihre Angst nur in Rückzug verwandeln kann? Warum sitzt Carla mitten unter Freunden und ist trotzdem allein – nicht einsam, wie sie selbst sagt, sondern abwesend?

/note/ Die Antwort, die ich Ihnen anbieten kann, ist keine einfache. Sie lässt sich nicht in einen Satz packen, nicht in einen Ratschlag, nicht in eine Technik. Aber sie lässt sich umkreisen, annähern, von verschiedenen Seiten betrachten. Und vielleicht ist das Umkreisen selbst schon der Anfang einer Antwort.

/same/ Schauen wir uns Samuel an. Ein Mann, der seine Frau verloren hat, der jeden Morgen in einem Bett aufwacht, das zu groß ist, der die Abwesenheit als physischen Raum erlebt. Man würde erwarten, dass so ein Verlust einen Menschen aushöhlt, entleert, in jene Grauzone wirft, in der Carla lebt. Aber bei Samuel ist das Gegenteil passiert. Der Verlust hat ihn nicht entleert, er hat ihn aufgerissen. Und durch den Riss kommt mehr rein, nicht weniger.

/same/ Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist eine Fähigkeit – eine Fähigkeit, die Samuel hat und die nicht jeder hat. Die Fähigkeit, Schmerz zu fühlen, ohne daran zu zerbrechen. Die Fähigkeit, den Verlust zu betrauern, ohne sich selbst zu verlieren. Die Fähigkeit, das Croissant zu schmecken, obwohl – oder gerade weil – Helga nicht mehr da ist, um es mit ihm zu teilen. Trauer, wenn sie gelingt, ist ein Prozess. Sie hat eine Richtung, einen Rhythmus, einen Anfang und irgendwann, vielleicht, ein Ende. Sie ist schmerzhaft, aber sie ist lebendig. Sie ist das Gegenteil von dem, was Carla erlebt: jener Zustand, in dem nicht der Schmerz fehlt, sondern die Fähigkeit, überhaupt noch etwas zu fühlen.

/same/ Bei Carla ist etwas anderes passiert. Sie hat keinen Menschen verloren wie Samuel. Sie hat sich selbst verloren – schleichend, unmerklich, über Jahre. Es gab keinen Moment, keinen Auslöser, keine Katastrophe. Nur ein langsames Ausbleichen, wie ein Foto in der Sonne. Irgendwann hat sie bemerkt, dass die Welt keine Haftung mehr hat. Dass Menschen sie nicht mehr erreichen. Dass der Kaffee nach Information schmeckt, nicht nach Erfahrung. Das ist keine Depression im klassischen Sinn – sie ist nicht traurig, nicht hoffnungslos, nicht suizidal. Sie ist einfach nicht da. Anwesend, aber unbeteiligt. Wie jemand, der sein eigenes Leben durch eine Glasscheibe betrachtet.

/same/ Was ist mit Carla passiert? Ich weiß es nicht. Ich kenne ihre Geschichte nicht, ihre Kindheit, ihre Beziehungen, die kleinen und großen Entscheidungen, die sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Aber ich weiß, dass solche Zustände nicht vom Himmel fallen. Sie entstehen, über Zeit, in Beziehung – oder in Abwesenheit von Beziehung. Irgendwann hat Carla gelernt, dass es sicherer ist, nicht zu viel zu investieren. Dass Nähe gefährlich ist. Dass Lebendigkeit ein Risiko ist, das man besser vermeidet. Sie hat gelernt, das Licht zu dimmen. Und irgendwann hat sie vergessen, wie man es wieder aufdreht.

/same/ Das Tückische an solchen Zuständen ist, dass sie sich normal anfühlen. Carla leidet nicht offensichtlich. Sie funktioniert, sie arbeitet, sie hat Freunde. Von außen sieht ihr Leben aus wie ein gelingendes Leben. Nur von innen ist es leer. Nur von innen ist da diese Stille, die keine Ruhe ist, sondern Abwesenheit. Und das Schlimmste: Sie weiß nicht einmal, was ihr fehlt. Sie kann es nicht benennen, weil das Benennen selbst Teil dessen ist, was ihr fehlt.

/same/ Und dann passiert etwas Kleines. Noemi berührt ihren Arm, eine flüchtige Geste, vielleicht gar nicht bewusst. Und Carla spürt es. Nicht viel, nicht dramatisch, nur ein kurzes Aufflackern, ein Moment, in dem die Glasscheibe dünner wird. Das ist fast nichts. Und es ist alles. Es ist der Beweis, dass da noch jemand ist. Dass die Leitung nicht ganz tot ist. Dass Berührung noch ankommen kann, manchmal, unter bestimmten Bedingungen.

/same/ Das bringt mich zu einer Beobachtung, die vielleicht die wichtigste dieses ganzen Textes ist: Lebendigkeit ist keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Sie ist ein Geschehen, das zwischen Menschen passiert. Samuel ist lebendig, weil Helga ihn gesehen hat – jahrzehntelang, jeden Tag, in dem besonderen Sinn, in dem Sehen mehr ist als Anschauen. Und er ist immer noch lebendig, weil er sie in sich trägt, nicht als Last, sondern als Resonanzraum. Die Toten, die wir geliebt haben, sterben nicht ganz, solange wir noch für sie fühlen können. Sie leben weiter in unserer Fähigkeit, berührt zu werden.

/same/ Jonas dagegen ist von niemandem gesehen worden – oder er kann es nicht mehr erinnern. Er hat gelernt, die richtigen Dinge zu sagen, die richtigen Gesten zu machen, die Erwartungen zu erfüllen. Er ist ein Meister der Performance. Aber Performance ist nicht Leben. Performance ist eine Antwort auf die Frage: Was wollen die anderen von mir? Leben wäre eine Antwort auf die Frage: Was will ich? Und diese Frage kann Jonas nicht beantworten, weil er nicht weiß, ob da jemand ist, der etwas wollen könnte.

/same/ Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Beschreibung. Jonas hat aus guten Gründen gelernt, so zu sein. Irgendwann, irgendwo, war es die beste Lösung. Vielleicht die einzige. Das Problem ist, dass Lösungen ihre Ursachen überleben können. Man trägt den Panzer weiter, auch wenn der Krieg vorbei ist. Man spielt die Rolle weiter, auch wenn das Stück längst abgesetzt ist. Und irgendwann weiß man nicht mehr, wer man wäre ohne den Panzer, ohne die Rolle. Man weiß nicht einmal, ob man jemand wäre.

/same/ Jonas‘ Moment in dieser Szene – sein Eingeständnis, dass er nicht unterscheiden kann zwischen Funktion und Echtheit – ist vielleicht der wichtigste Moment des ganzen Gesprächs. Nicht weil es eine Lösung wäre, sondern weil es ein Anfang ist. Der erste Schritt aus einem Gefängnis ist zu merken, dass man in einem Gefängnis ist. Jonas hat zum ersten Mal gesagt, was er vielleicht immer gewusst, aber nie ausgesprochen hat: Da ist niemand. Und in dem Moment, wo er es sagt, ist da jemand. Jemand, der zugibt, dass niemand da ist. Das ist paradox, aber es ist wahr. Man kann sich nicht finden, ohne sich vorher verloren zu haben. Man kann nicht ankommen, ohne vorher zugegeben zu haben, dass man weg war.

/same/ Und dann ist da Lena, die Unsichtbare. Die Frau, die gelernt hat, keinen Raum einzunehmen, keine Aufmerksamkeit zu erregen, keine Angriffsfläche zu bieten. Bei ihr ist die Abwehr so total, dass sie selbst nicht mehr weiß, ob sie sich versteckt oder ob sie einfach so ist. Die Grenze zwischen Schutz und Identität ist verschwommen. Sie ist ihre Vorsicht geworden. Das ist erschöpfend. Und gleichzeitig ist es sicher. Das Unsichtbar-Sein hat sie vor etwas geschützt – wovor, das weiß sie vielleicht selbst nicht mehr. Aber der Schutz ist geblieben, auch wenn die Bedrohung längst vorbei ist.

/same/ Das Berührende an Lena in dieser Szene ist, dass sie sich trotzdem zeigt. Ein bisschen. Zögernd. Gegen ihre eigene Gewohnheit, gegen ihre eigene Angst. Sie spricht, obwohl Sprechen ein Risiko ist. Sie lässt sich sehen, obwohl Gesehen-Werden gefährlich ist. Und Mira sagt ihr: Du bist heute präsenter als sonst. Das ist echt. Das kann ich spüren. Für Lena ist das ein Schock. Sie hat sich exponiert gefühlt, nicht präsent. Aber vielleicht ist das dasselbe. Vielleicht ist Präsenz genau das: sich zeigen, auch wenn es wehtut.

/same/ Tarek dagegen zeigt sich ständig – und versteckt sich dabei. Er ist der Meister der Ersatzvitalität: immer in Bewegung, immer Geschichten, immer Lissabon oder Tokyo oder der nächste Ort. Er nimmt jeden Raum ein, den er betritt. Aber es ist eine bestimmte Art von Raum-Einnehmen: eine, die keine Lücken lässt, keine Stille, keine Möglichkeit, dass etwas anderes auftaucht. Tareks Tempo ist kein Zeichen von Lebendigkeit, es ist ein Schutz gegen sie. Solange er schnell genug ist, muss er nicht spüren, was unter der Geschwindigkeit liegt.

/same/ Und was liegt darunter? Das weiß er selbst nicht. Er erinnert sich nicht. Die Vergangenheit ist ein Land, aus dem er weggezogen ist, ohne Rückreiseticket. Das klingt nach Freiheit, aber es ist keine. Es ist eine andere Art von Gefängnis: das Gefängnis der ewigen Flucht. Man kann vor sich selbst nicht weglaufen, man kann nur immer schneller werden. Und irgendwann, in einem Flugzeug über dem Atlantik, in einer schlaflosen Nacht, holt einen das Unbeantwortete ein. Für einen Moment. Bevor man das Handy rausholt und weiterschrollt.

/same/ Noemi und Ayla und Mira und Martin – die Lebendigen in dieser Runde – haben eines gemeinsam: Sie können Erfahrung in Form bringen. Noemi haut ihre Wut auf ein Klavier und verwandelt sie in Musik. Ayla hält ihre Unsicherheit aus und lässt sie zur Suche werden. Mira bewohnt ihren Morgen und lässt das Licht sie meinen. Martin spürt seine Müdigkeit und lässt sie zum Landen werden. Sie alle haben etwas, das den anderen fehlt: die Fähigkeit, das Rohe in Bedeutung zu verwandeln. Das ist keine Technik, die man lernen kann. Es ist eine Kapazität, die in Beziehung entsteht – oder nicht entsteht.

/same/ Was ich Ihnen am Ende dieses Textes sagen möchte, ist vielleicht dies: Lebendigkeit ist nicht selbstverständlich. Sie ist keine Grundausstattung, die jeder bekommt. Sie ist etwas, das entstehen muss – in Beziehungen, in Resonanz, in der Erfahrung, dass der eigene Impuls einen Anderen erreicht und eine Antwort bekommt. Wo diese Erfahrung fehlt, wo der Impuls ins Leere läuft oder bestraft wird oder vereinnahmt, da lernt die Psyche, das Licht zu dimmen. Und manchmal vergisst sie, wie man es wieder aufdreht.

/same/ Aber – und das ist das Hoffnungsvolle – Psyche ist plastisch. Alte Muster können sich lösen. Neue Erfahrungen können neue Möglichkeiten öffnen. Carla spürt eine Berührung am Arm. Jonas gibt zu, dass er nicht weiß, wer er ist. Lena zeigt sich, trotz ihrer Angst. Das sind keine Heilungen. Das sind Funken. Kleine Momente, in denen die Glasscheibe dünner wird, der Panzer einen Riss bekommt, die Flucht für einen Augenblick aussetzt.

/same/ Solche Momente kann man nicht erzwingen. Man kann nur Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher werden. Einen Tisch, an dem Platz ist für Trauer und Lissabon und Stille. Ein Gespräch, das tiefer geht, als man erwartet hat. Einen Blick, der sieht, statt anzuschauen. Eine Berührung, die ankommt. Das ist nicht viel. Aber es ist nicht nichts. Es ist vielleicht sogar alles.

/same/ Sie haben jetzt neun Menschen kennengelernt. Vielleicht haben Sie sich in einem von ihnen wiedererkannt. Vielleicht in mehreren, zu verschiedenen Zeiten. Das ist normal. Wir sind nicht immer dieselben. Wir bewegen uns zwischen diesen Zuständen, mal lebendiger, mal weniger, je nach Tag, je nach Beziehung, je nachdem, was uns gerade widerfährt. Die Frage ist nicht: Bin ich Samuel oder Carla? Die Frage ist eher: Was brauche ich, um lebendiger zu werden? Und: Wer sieht mich so, dass ich mich selbst sehen kann?

/same/ Ich wünsche Ihnen, dass Sie solche Menschen finden. Oder dass sie Sie finden. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie manchmal, an einem Sonntagmorgen, mit Croissants und Kaffee und Herbstlicht, die Erfahrung machen, die Mira am Anfang dieser Szene macht: dass der Morgen Sie meint. Und dass Sie ihn zurückmeinen.

/end/

Anhang

/appendix#entstehung/ Zur Entstehung dieses Textes: Eine Reflexion im Lichte des Leitfadens zur KI-Ko-Produktion | Entstehungsprozess & KI-Transparenz

/lead/ Dieser Anhang dokumentiert den hybriden Entstehungsprozess des vorliegenden Werkes und rekonstruiert ihn entlang der vier Phasen und neun Schritte des Leitfadens für eine kritisch-reflexive Ko-Produktion mit KI.

/section#phase-vorbereitung/ Phase I: Die Vorbereitung – Sicherung des subjektiven Raums | Schritte 1–3

Der Prozess startete nicht mit einem beliebigen „Schreibe mir“-Auftrag, sondern mit einer klaren konzeptuellen Setzung: Vitalität/Lebendigkeit sollte als psychoanalytischer Grundbegriff entwickelt werden, der klinische Erfahrung und Theorie verschränkt.

Schritt 1: Intention formulieren

Ich setzte zuerst die Intention als Begriffsarbeit: Vitalität sollte nicht nur als Abwehrphänomen (Rigidi­tät/„Panzerung“) erscheinen, sondern bis zur libidinösen Weltbesetzung, zur Begehrenstruktur und zur Erfahrung von „Deadness“ durchdrungen werden. Diese Intention blieb über alle Iterationen mit der KI hinweg der Maßstab, an dem KI-Outputs verworfen oder neu gerahmt wurden.

Schritt 2: Materialsammlung

Die Materialsammlung erfolgte als zweistufiger Prozess: zunächst wurden Deep-Research-Prompts je Autor und Konzept erzeugt, danach arbeitete ich die recherchierten Ergebnisse Tranchen durch und erstellte eine Arbeitsgrundlage. Die KI wurde damit nicht zum ersetzenden Rechercheur, sondern zum Instrument der Ordnung, Extraktion von Claims und späteren Textzusammensetzung.

Schritt 3: Rollendefinition

Die KI-Rolle war implizit klar begrenzt: erst „Bibliothekar/Prompt-Architekt“, dann „Struktur- und Entwurfsassistent“, schließlich „Stil- und Argumentations-Redakteur“, der sich menschlichen Korrekturen unterordnet.

/section#phase-interaktion/ Phase II: Die Interaktion – Dialektik statt Delegation | Schritte 4–5

Die Interaktion war von einem wiederkehrenden Muster geprägt: Die KI lieferte Vorschläge in hoher Geschwindigkeit, der menschliche Autor setzte Negationen, Präzisierungen und Formvorgaben dagegen, bis eine passende Denkbewegung entstand. Zentral war dabei weniger „mehr Material“, sondern die wiederholte Korrektur der maschinellen Form.

Schritt 4: Dialektisches Prompten

Dialektik entstand vor allem durch antithetische Korrekturen des menschlichen Autors. Diese Negationen zwangen die KI, die eigene Default-Logik zu verlassen und stattdessen Argumentketten zu formulieren, in denen Konzepte funktional eingesetzt werden.

Schritt 5: Montage

Montage zeigte sich darin, dass Entwürfe nicht als Blöcke übernommen, sondern als Material behandelt wurden: Kapitel wurden mehrfach neu angesetzt und menschlich neue geschrieben, Konzepte verworfen, Übergänge umgeschnitten, Absätze verlängert und Vignetten als Träger der Begriffsarbeit nachgeschoben. Die entscheidende Montageleistung lag beim mir dadurch, dass durch wiederholte Eingriffe die tektonische Linie erzwang („gekoppelter Prozess“ statt Theorienkatalog).

/section#phase-autorisierung/ Phase III: Die Autorisierung – Rückeroberung der Subjektivität | Schritte 6–7

Die Autorisierung geschah im Projekt primär als iterative Rückeroberung der Stimme: Ich entschied, welche Tonlage, welche Anschaulichkeit und welche Argumentbewegung adaquat war.

Schritt 6: Inkubationsphase

Inkubation fand statt, wenn der menschliche Autor den Produktionsmodus stoppte und den Text auf tektonische Kohärenz statt auf Outputmenge prüfte. Diese Unterbrechungen erzeugten kritische Distanz zur KI-Glätte und ermöglichten Richtungswechsel (z. B. von „Konzeptvorstellung“ zu „Erfahrung → Begriff → System“).

Schritt 7: Menschlichung

Menschlichung wurde konsequent als Stil- und Szenenarbeit betrieben: Ich verlangte erlebnisnahe Einstiege, längere Absätze, bessere Prosodie und eine essayistische Denkbewegung, die nicht in Referatssprache verfällt.

/section#phase-publikation/ Phase IV: Die Publikation – Ethik der Sichtbarkeit | Schritte 8–9

Die Publikationsphase macht nicht nur den Text, sondern auch seine Herstellungsbedingungen sichtbar, um den „KI-Anteil“ weder zu mystifizieren noch zu verleugnen. Zugleich wird der Prozess so beschrieben, dass Leser:innen zwischen Werkstattpraktiken (Materialextraktion) und publizierbarer Belegführung (Primärliteratur) unterscheiden können.

Schritt 8: Radikale Transparenz

Dieser Anhang ist die konkrete Transparenzentscheidung: Er legt offen, dass die KI als Prompt-Generator, Struktur- und Stilassistent fungierte, während Intention, Korrekturen, Kanonwahl und Publikationsnormen vom menschlichen Autor gesteuert wurden.

Schritt 9: Zweckbestimmung

Die durch KI-Effizienz gewonnene Zeit wurde im Projekt nicht für Output-Skalierung genutzt, sondern für qualitative Verdichtung: wiederholte Neuansätze, stilistische Schärfung, tektonische Integration und bibliographische Disziplin. Inhaltlich entspricht das der übergeordneten Zweckbestimmung des Gesamtprojekts (psychoanalytisches Denken öffentlich zugänglich, essayistisch und zugleich wissenschaftlich sauber), indem der Prozess selbst zur Methode der Qualitätssteigerung wurde.

/end/

Hausordnung (bitte kurz lesen)

Worum es geht: Couch & Agora ist ein professionell gerahmter Diskursraum zu Gegenwartsthemen aus psychoanalytischer Perspektive. Neben inhaltlichen Argumenten haben hier affektive Resonanzen Platz – einschließlich Eindrücken von Übertragung und Gegenübertragung.

  • Haltung: respektvoll, neugierig. Resonanz & Widerspruch willkommen; Beschämung nicht.
  • Spontanität: kurze, rohe Gegenübertragungs‑Eindrücke (Gefühle, Bilder, Körper‑Notizen) sind erlaubt – im öffentlichen Rahmen bitte bewusst formulieren.
  • Keine Diagnosen über Dritte, keine identifizierbaren Fallbezüge. Eigene Erfahrungen anonymisieren.
  • Kein Hass, keine Abwertung von Personen oder Gruppen; keine diskriminierenden Inhalte.
  • Pseudonym möglich. Wir speichern so wenig personenbezogene Daten wie nötig (siehe Datenschutz).
  • Moderation: Beiträge können verschoben, gekürzt oder entfernt werden (sichtbar begründet).
  • Urheberrecht & Nutzung: Sie behalten das Urheberrecht; mit dem Absenden räumen Sie uns ein einfaches Nutzungsrecht zur Darstellung/Moderation/Zitierung auf dieser Website ein.
  • Kein Therapieersatz. In Krisen: 112 (Notruf) / 116117 (ärztlicher Bereitschaftsdienst).

Resonanz & Reflexion

Pseudonym möglich. Die Hausordnung gilt.

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